Hieroglyphen: Schrift im alten Ägypten verstehen
Hieroglyphen sind die kunstvollen Schriftzeichen des alten Ägypten. Sie sehen wie Bilder aus, bilden aber ein vollständiges Schriftsystem: Ein Zeichen kann einen Laut, ein Wort oder einen Hinweis auf die Bedeutung ausdrücken.
Du lernst, wie Hieroglyphen funktionieren, wie du ihre Leserichtung erkennst und wie der Rosetta-Stein bei ihrer Entzifferung half.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Bilder werden zu Schriftzeichen
Menschen, Tiere, Pflanzen, Körperteile und Gegenstände lieferten die Formen vieler Hieroglyphen. Wenige Linien genügten, um zum Beispiel einen Vogel, einen Mund oder einen Arm erkennbar darzustellen.
Entscheidend ist jedoch die Funktion eines Zeichens. Nicht jedes Bild bedeutet einfach den abgebildeten Gegenstand.
Zeichenfunktionen
- Lautzeichen stehen für einen oder mehrere Konsonanten. Ein Eulenzeichen konnte beispielsweise den Lautwert m ausdrücken.
- Wortzeichen stehen für ein vollständiges Wort.
- Determinative sind stumme Hilfszeichen. Sie stehen meist am Wortende und grenzen die gemeinte Bedeutung ein.
Ein Zeichen konnte je nach Zusammenhang unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Deshalb reicht es nicht, nur die Bilder zu erkennen. Man muss auch ihre Funktion im Wort und im Satz beachten.
Stell dir ein Zeichen vor, das einen Gegenstand zeigt. In einem Text kann es den Gegenstand selbst bezeichnen. In einem anderen Wort kann dasselbe Zeichen nur wegen seines Lautwerts verwendet werden.
Der entscheidende Gedanke lautet: Bildform und sprachliche Funktion sind nicht dasselbe.
So findest du Leserichtung und Bedeutung
Hieroglyphen können von rechts nach links, von links nach rechts oder von oben nach unten angeordnet sein. Menschen und Tiere blicken gewöhnlich zum Anfang des Textes.
Schaut eine Reihe von Tierfiguren nach rechts, beginnst du rechts und liest nach links. Schauen die Figuren nach links, liegt der Anfang links.
Die Figuren schauen dem Leser am Textanfang entgegen. Lies also auf ihre Gesichter zu.
Bei mehreren Zeilen wird die obere Zeile zuerst gelesen. In senkrechten Gruppen beginnt man normalerweise mit dem oberen Zeichen.
Eine weitere Schwierigkeit: Vokale wurden gewöhnlich nicht aufgeschrieben. Überliefert ist daher häufig nur eine Folge von Konsonanten.
Die erfundene Konsonantenfolge Wrt könnte im Deutschen je nach ergänzten Vokalen als „Wart“, „Wert“ oder „Wirt“ gelesen werden.
Dieses Denkmodell ist kein altägyptisches Wort. Es zeigt, warum Konsonanten allein mehrdeutig sein können. Kontext und Determinative helfen dabei, die passende Bedeutung zu erkennen.
Weil die Vokale fehlen, lässt sich die genaue altägyptische Aussprache heute nicht vollständig rekonstruieren. Ägyptologen gewinnen Hinweise unter anderem aus überlieferten Namensformen und aus dem Koptischen, der spätesten Sprachform des Ägyptischen.
Monumente und schnelle Schreibschriften
Kunstvolle Hieroglyphen eigneten sich besonders für Tempel, Gräber, Stelen und andere dauerhafte Gegenstände. Sie konnten in Stein gemeißelt, als Relief gestaltet oder gemalt werden. Ihre sorgfältige Ausführung brauchte Zeit.
Für Schule, Verwaltung und andere handschriftliche Texte waren schnellere Formen praktischer.
| Schriftform | Typische Merkmale und Verwendung |
|---|---|
| Hieroglyphen | kunstvoll und bildhaft; besonders auf Monumenten und für repräsentative oder religiöse Texte |
| Hieratisch | kursive, stark vereinfachte Schreibform; häufig auf Papyrus, Holz und Tonscherben |
| Demotisch | noch stärker vereinfachte Schrift; besonders für Verwaltung und Literatur |
Diese Schriftformen sind nicht mit verschiedenen Sprachen gleichzusetzen. Die ägyptische Sprache wandelte sich ebenfalls, doch Schriftform und Sprachstufe beschreiben unterschiedliche Dinge.
Schreiber mussten ungefähr 700 Zeichen erlernen. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung konnte schreiben. Dadurch besaßen ausgebildete Schreiber einen hohen gesellschaftlichen Rang.
Schrift half, Namen, Orte, Abgaben, Vorräte und Anweisungen festzuhalten. So konnten Informationen über größere Entfernungen weitergegeben und ein ausgedehnter Staat verwaltet werden.
Schrift zeigte Herrschaft und religiöse Vorstellungen
Die Ägypter nannten ihre Schrift medu-netscher, also „Gottesworte“. Auch der griechische Name verweist auf etwas Heiliges und Eingegrabenes.
Hieroglyphen waren nicht nur ein Mittel zur Information. Ihre kunstvolle Form schmückte Tempel und Grabstätten. Königsnamen wurden häufig von einer ovalen Umrandung, der Kartusche, eingeschlossen. Dadurch waren sie in einer Inschrift besonders gut zu erkennen.
Nach altägyptischer Vorstellung konnten Schriftzeichen außerdem magisch wirken. Ein aufgeschriebener Name sollte die Erinnerung und das Fortleben einer Person sichern. Das Auslöschen eines Namens konnte deshalb als Angriff auf diese Person verstanden werden.
Namenszüge der Herrscherin Hatschepsut wurden später an vielen Stellen entfernt. Einige blieben an schwer zugänglichen Orten erhalten. Diese Reste halfen der Forschung dabei, ihre Herrschaft zu rekonstruieren.
Das Beispiel zeigt zwei Ebenen:
- Historische Beobachtung: Namen wurden entfernt, andere blieben erhalten.
- Religiöse Deutung der Ägypter: Der Name galt als Teil der fortdauernden Existenz.
Auch bei der Herstellung konnten Fehler entstehen. Ein Schreiber zeichnete Zeichen vor, während Handwerker sie in Stein ausführten. Konnte ein Handwerker selbst nicht lesen oder war die Vorlage undeutlich, konnte er einen Fehler nicht aus dem Satzzusammenhang berichtigen.
Der Rosetta-Stein öffnete den Zugang zur Schrift
Mit dem Ende der alten Tempeltradition ging die Fähigkeit verloren, Hieroglyphen zu lesen. Die letzte datierte Hieroglypheninschrift stammt aus dem Jahr 394 n. Chr. von der Insel Philae.
1799 wurde der Stein von Rosetta gefunden. Er trägt denselben Inhalt in drei Schriften:
- Hieroglyphen,
- Demotisch,
- Griechisch.
Weil Gelehrte Griechisch lesen konnten, besaßen sie einen verständlichen Vergleichstext. Besonders hilfreich waren Königsnamen: Sie standen in Kartuschen und ließen sich in den verschiedenen Fassungen wiederfinden.
So funktioniert der entscheidende Vergleich:
- Lies im griechischen Text einen bekannten Königsnamen.
- Suche an der entsprechenden Stelle der hieroglyphischen Fassung nach einer Kartusche.
- Vergleiche wiederkehrende Zeichen mit den Lauten des Namens.
- Prüfe die vermuteten Lautwerte an weiteren Namen und Wörtern.
- Verbinde die Ergebnisse mit Kenntnissen des Koptischen und mit der Erkenntnis, dass Hieroglyphen sowohl Laute als auch Bedeutungen ausdrücken.
Ein einzelner Zeichenvergleich genügt also nicht. Erst wiederholte Übereinstimmungen machen eine Lesung überzeugend.
Jean-François Champollion erzielte 1822 den entscheidenden Durchbruch. Er erkannte umfassend, dass die Schrift nicht nur aus Sinnbildern bestand, sondern auch lautliche Zeichen verwendete.
- 394 n. Chr.Letzte datierte Hieroglypheninschrift auf Philae
- 1799Fund des Rosetta-Steins mit drei Schriftfassungen
- 1822Champollion veröffentlicht seinen Durchbruch bei der Entzifferung
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Hieroglyphen im alten Ägypten
- Schriftsystem: Bilder, Lautzeichen, Wortzeichen und Determinative
- Lesen: wechselnde Richtung, Figurenblick und meist fehlende Vokale
- Schriftformen: monumentale Hieroglyphen, Hieratisch und Demotisch
- Gesellschaft: ausgebildete Schreiber unterstützten Verwaltung und Staat
- Religion und Herrschaft: Gottesworte, Kartuschen und wirksame Namen
- Entzifferung: Rosetta-Stein, Paralleltext, Königsnamen und Koptisch
Abschluss-Check
Hieroglyphen sind Kunst und Schrift zugleich. Wer sie verstehen will, achtet nicht nur auf das Bild, sondern auch auf Lautwert, Bedeutung, Zusammenhang und Leserichtung.
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