Homer: Dichter, Epen und die Homerische Frage
Homer gilt traditionell als Verfasser der Ilias und der Odyssee. Ob er wirklich lebte und welchen Anteil er an den beiden Epen hatte, ist jedoch nicht sicher geklärt. Sicher ist: Die Werke beruhen auf älteren mündlichen Überlieferungen und prägen Literatur und Kultur bis heute.
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Was wissen wir wirklich über Homer?
Über Homers Leben ist kaum etwas sicher bekannt. Ein möglicher Homer wird meist in die zweite Hälfte des 8. oder die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. eingeordnet. Sogar seine historische Existenz ist umstritten.
In der Antike stellte man Homer häufig als blinden, alten Wandersänger dar. Auch mehrere Städte beanspruchten, sein Geburtsort zu sein. Solche Überlieferungen sind Legenden und keine gesicherten Lebensdaten.
Homerische Frage
Die Homerische Frage bezeichnet die wissenschaftliche Diskussion über Homer und die Entstehung der ihm zugeschriebenen Epen. Gefragt wird unter anderem: Gab es Homer als historische Person? Schrieb eine Person beide Werke? Oder formten mehrere Dichter ältere Überlieferungen zu den überlieferten Epen?
Für einen gemeinsamen Verfasser sprechen die kunstvolle Komposition und die sprachliche Qualität der Werke. Unterschiede zwischen den Epen und ihre verschiedenen Überlieferungsschichten können dagegen als Hinweise auf mehrere Verfasser oder Bearbeiter gedeutet werden. Eine endgültige Antwort gibt es nicht.
„Homer gilt als Verfasser“ ist eine überlieferte Zuschreibung. „Homer hat nachweislich beide Epen allein geschrieben“ wäre eine zu sichere Behauptung.
Wie wurden die Geschichten überliefert?
Die Stoffe um Troja und Odysseus wurden erzählt, bevor die Epen ihre schriftliche Form erhielten. Sänger trugen die Geschichten aus dem Gedächtnis vor, übernahmen ältere Teile und konnten sie verändern oder ergänzen.
Wiederkehrende Formulierungen und Verse halfen beim Erinnern und Vortragen. Auch der Hexameter, das regelmäßige Versmaß der Epen, konnte das Lernen langer Texte unterstützen.
Eine feste Versform kann eine mündliche Überlieferung stabilisieren. Sie beweist aber nicht, dass eine Geschichte über Jahrhunderte völlig unverändert blieb. Mündliche Weitergabe kann sowohl Bewahrung als auch Veränderung bedeuten.
Die Entwicklung lässt sich so zusammenfassen:
- Ältere Sagenstoffe werden mündlich erzählt.
- Sänger übernehmen, ordnen und verändern Teile der Geschichten.
- Rhythmus und feste sprachliche Bausteine erleichtern den Vortrag.
- Die Stoffe werden wahrscheinlich im 8. oder frühen 7. Jahrhundert v. Chr. schriftlich geformt oder festgehalten.
- Spätere Gelehrte bearbeiten und ordnen die überlieferten Texte weiter.
Wovon handeln Ilias und Odyssee?
Spoilerhinweis: Dieser Abschnitt nennt wichtige Konflikte und Ausgänge der überlieferten Geschichten.
Ein Epos ist ein umfangreiches erzählendes Gedicht. Ilias und Odyssee greifen Stoffe aus dem Trojanischen Sagenkreis auf, erzählen aber nicht einfach dieselbe Handlung.
Die Ilias
Die Ilias spielt im zehnten Jahr des Krieges um Troja. Im Mittelpunkt steht der Konflikt zwischen dem griechischen Heerführer Agamemnon und dem Krieger Achilles. Achilles zieht sich aus dem Kampf zurück. Die Folgen dieses Streits bestimmen den weiteren Verlauf bis zum Tod des trojanischen Prinzen Hektor.
Die Ilias schildert also nur einen Ausschnitt aus dem Trojanischen Krieg. Das Trojanische Pferd und die Eroberung der Stadt gehören nicht zu ihrer Haupthandlung.
Die Odyssee
Die Odyssee erzählt von der Heimkehr des griechischen Kämpfers Odysseus nach Ithaka. Seine Irrfahrt dauert zehn Jahre. Er begegnet unter anderem dem Zyklopen Polyphem und weiteren Gefahren. Auch der Untergang Trojas und das hölzerne Pferd werden in der Odyssee rückblickend aufgegriffen.
Wenn eine Aufgabe fragt, welches Werk den Streit zwischen Achilles und Agamemnon behandelt, lautet die Antwort Ilias. Geht es um Odysseus’ lange Heimfahrt, ist Odyssee richtig. Entscheidend ist nicht nur der gemeinsame Hintergrund Troja, sondern der jeweilige Hauptkonflikt.
Was verraten die Epen über die Geschichte?
Zwischen der angenommenen Zeit des Trojanischen Krieges und der schriftlichen Gestalt der Epen liegen mehrere Jahrhunderte. In dieser Zeit wurden die Geschichten mündlich weitergegeben. Außerdem verbinden die Werke Sagen, dichterische Gestaltung und Erinnerungen an verschiedene Epochen.
Deshalb sind die Epen keine unmittelbaren Tatsachenberichte. Sie können dennoch Hinweise auf Lebenswelten, Werte und Vorstellungen geben. Genannt werden zum Beispiel Speisen wie Brot, Fleisch und Käse, mit Wasser vermischter Wein, Waffen, Riten und religiöse Vorstellungen.
Eine Übereinstimmung zwischen einem Epos und einem archäologischen Fund bestätigt nicht automatisch die gesamte Erzählung.
Angenommen, eine Ausgrabung weist eine im Epos beschriebene Waffenform nach. Dann ist belegt, dass eine solche Waffenform existierte. Daraus folgt nicht, dass alle Kämpfe, Figuren und Gespräche des Epos genauso historisch stattgefunden haben.
Beim Auswerten kannst du drei Schritte nutzen:
- Bestimme, welche konkrete Angabe der Text macht.
- Prüfe, ob ein unabhängiger Fund oder eine andere Quelle dazu passt.
- Begrenze dein Urteil auf genau diese Übereinstimmung.
Warum ist Homer bis heute bedeutend?
Ilias und Odyssee gehören zu den ältesten großen Werken der europäischen Literatur. Schon in der Antike wurden sie öffentlich vorgetragen, im Unterricht behandelt und in Kunst und Literatur aufgegriffen.
Die Epen konnten kulturelle Gemeinsamkeiten zwischen den politisch getrennten griechischen Gemeinschaften sichtbar machen: Menschen kannten ähnliche Götter, Helden und Erzählungen, obwohl sie in verschiedenen Poleis lebten. Gemeinsame Dichtung bedeutete jedoch keine gemeinsame politische Ordnung.
Später wirkten die Stoffe in der römischen Literatur, in Übersetzungen und in neuen Bearbeitungen weiter. Figuren wie Achilles, Hektor und Odysseus erscheinen noch heute in Büchern, Hörspielen und Filmen.
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Alles auf einen Blick
- Homer und seine Epen
- Person: historische Existenz und Lebensdaten unsicher
- Autorschaft: Kern der Homerischen Frage
- Entstehung: ältere mündliche Stoffe und spätere Verschriftlichung
- Ilias: Konflikt um Achilles im Trojanischen Krieg
- Odyssee: Irrfahrt und Heimkehr des Odysseus
- Quellenwert: historische Hinweise nur mit Vorsicht nutzen
- Wirkung: kulturelle Verbindung und jahrtausendelange Rezeption
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