Intifada: Ursachen, Verlauf und Unterschiede
Als Intifada werden vor allem zwei palästinensische Aufstände gegen die israelische Besatzung bezeichnet: die Erste Intifada von 1987 bis 1993 und die deutlich stärker militarisierte Zweite Intifada von 2000 bis 2005. Beide entstanden aus länger bestehenden Konflikten. Einzelne Ereignisse lösten die Eskalationen aus, waren aber nicht ihre alleinigen Ursachen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was bedeutet Intifada?
Das arabische Wort Intifada bedeutet wörtlich etwa Abschütteln, Sich-Erheben oder Aufstand. Im Nahostkonflikt bezeichnet es kollektive palästinensische Aufstände gegen die israelische Besatzung im Westjordanland, im Gazastreifen und in Ost-Jerusalem.
Intifada
Eine Intifada ist kein einzelner Protesttag und keine einheitliche Organisation. Der Begriff umfasst länger andauernde Aufstände mit unterschiedlichen Beteiligten und Aktionsformen. Dazu gehörten ziviler Ungehorsam, Streiks, Boykotte und Demonstrationen, aber auch Steinwürfe, bewaffnete Angriffe und weitere Gewalt.
Der Begriff wird unterschiedlich erinnert und bewertet. In palästinensischen Sichtweisen kann er für Selbstbestimmung und Widerstand stehen. Viele Israelis verbinden ihn besonders mit Angriffen, Unsicherheit und Todesopfern. Für eine historische Untersuchung musst du deshalb immer genauer fragen: Wer handelte wann, mit welchem Ziel und mit welchen Mitteln?
„Intifada“ beschreibt einen vielgestaltigen Aufstand. Das Wort allein sagt noch nicht, ob eine konkrete Handlung friedlich, gewaltsam oder gegen Zivilisten gerichtet war.
Warum begann die Erste Intifada?
Die Erste Intifada begann im Dezember 1987. Ihre tieferen Ursachen hatten sich jedoch über Jahre entwickelt. Seit dem Krieg von 1967 standen das Westjordanland und der Gazastreifen unter israelischer Besatzung. Viele Palästinenser erlebten fehlende politische Selbstbestimmung, Siedlungsbau, Kontrollen, wirtschaftliche Abhängigkeit, Arbeitslosigkeit und mangelnde Zukunftsperspektiven.
Am 8. Dezember 1987 stieß im Gazastreifen ein israelischer Lastwagen mit zwei palästinensischen Fahrzeugen zusammen. Vier Palästinenser starben. Bei den anschließenden Beerdigungen entstanden Demonstrationen und Unruhen, die sich ausbreiteten.
Der Verkehrsunfall war der unmittelbare Auslöser. Er erklärt aber nicht allein, warum daraus ein jahrelanger Aufstand wurde. Die schon vorhandenen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Spannungen waren die tieferen Ursachen.
So kannst du Ursache und Auslöser unterscheiden:
- Die Besatzung, der Siedlungsbau und die fehlende politische Perspektive erzeugten über längere Zeit Unzufriedenheit.
- Der tödliche Verkehrsunfall führte zu Beerdigungen, Protesten und Ausschreitungen.
- Weil bereits große Spannungen bestanden, griffen die Proteste auf weitere Orte über.
Der Unfall war somit der Funke. Die länger gewachsene Konfliktlage war das leicht entzündliche Material.
Wie verlief die Erste Intifada?
Die Erste Intifada war eine breite gesellschaftliche Bewegung. Sie entstand zunächst aus lokalen Protesten und wurde unter anderem durch die Vereinigte Nationale Führung koordiniert. Auch Frauen, Jugendliche und Arbeitende beteiligten sich.
Zu den Formen des zivilen Widerstands gehörten:
- Generalstreiks und zeitweise geschlossene Geschäfte,
- Boykotte israelischer Waren,
- Steuer- und Abgabenverweigerung,
- Demonstrationen und Flugblätter,
- Hilfskomitees und alternative Versorgungsstrukturen.
Daneben gab es Gewalt. Jugendliche warfen Steine und Molotowcocktails; später kamen weitere bewaffnete Aktionen hinzu. Auch mutmaßliche palästinensische Kollaborateure wurden verfolgt und getötet. Die Bezeichnung „Krieg der Steine“ hebt daher nur einen sichtbaren Teil des Aufstands hervor.
Israel reagierte unter anderem mit Militär- und Polizeieinsätzen, Festnahmen, Ausgangssperren, Abriegelungen und der Schließung von Bildungseinrichtungen. Bei Einsätzen wurden Menschen verletzt und getötet. Harte Gegenmaßnahmen beendeten den Aufstand nicht, verschärften aber die Belastungen des Alltags.
Zu Beginn der Intifada entstand außerdem die Hamas. Sie entwickelte sich zu einer religiös-politischen und bewaffneten Konkurrenz der von der Fatah geprägten Palästinensischen Befreiungsorganisation, kurz PLO.
Politisch gewann die palästinensische Frage international neue Aufmerksamkeit. 1988 rief der Palästinensische Nationalrat einen Staat Palästina aus. Die Madrider Konferenz von 1991 und die geheimen Gespräche von Oslo führten schließlich zu Verhandlungen zwischen Israel und der PLO.
Die Erste Intifada war weder vollständig gewaltfrei noch so stark militarisiert wie die Zweite. Kennzeichnend war die Verbindung von breiter ziviler Mobilisierung, Steinwürfen und zunehmender Gewalt.
Was veränderte der Oslo-Prozess?
1993 erkannten Israel und die PLO einander als Verhandlungspartner an. Die Osloer Prinzipienerklärung leitete eine begrenzte palästinensische Selbstverwaltung ein. Die Erste Intifada gilt damit im Allgemeinen als beendet.
Oslo regelte jedoch nicht alle Kernfragen. Auf spätere Verhandlungen verschoben wurden unter anderem:
- die endgültigen Grenzen,
- der Status Jerusalems,
- die israelischen Siedlungen,
- die Flüchtlingsfrage,
- die endgültige palästinensische Staatlichkeit.
Palästinensische Autonomiebehörde
Die Palästinensische Autonomiebehörde wurde im Zuge des Oslo-Prozesses geschaffen. Sie übernahm begrenzte Verwaltungsaufgaben in Teilen der palästinensischen Gebiete, besaß aber keine vollständige staatliche Kontrolle.
Oslo eröffnete einen Verhandlungsweg, löste den Konflikt aber nicht. Anschläge palästinensischer Gruppen, israelischer Siedlungsbau, gegenseitiges Misstrauen und Gewalt von Gegnern des Friedensprozesses schwächten ihn. 1995 ermordete ein israelischer Rechtsextremist Ministerpräsident Jitzchak Rabin. Im Jahr 2000 scheiterten die Verhandlungen von Camp David über eine umfassendere Lösung.
Die Aussage „Die Erste Intifada führte zum Frieden“ wäre zu einfach. Treffender ist:
Die Intifada erhöhte den politischen Druck und bildete einen wichtigen Hintergrund für Verhandlungen. Oslo brachte gegenseitige Anerkennung und begrenzte Selbstverwaltung, ließ aber zentrale Streitfragen offen. Deshalb entstand kein dauerhafter Frieden.
Warum war die Zweite Intifada anders?
Ende der 1990er Jahre war die Hoffnung auf den Oslo-Prozess stark geschwunden. Verhandlungen stockten, zentrale Streitfragen blieben ungelöst und die Lebensbedingungen vieler Palästinenser hatten sich nicht wie erhofft verbessert.
Am 28. September 2000 besuchte der israelische Oppositionspolitiker Ariel Scharon unter starkem Polizeischutz den Tempelberg beziehungsweise Haram al-Scharif in Jerusalem. Viele Palästinenser verstanden den Besuch als Provokation und Demonstration eines israelischen Anspruchs auf den gesamten Ort. Nach Protesten und tödlicher Polizeigewalt breiteten sich Unruhen aus.
Auch hier gilt: Der Besuch war ein wichtiger Auslöser, während der gescheiterte Friedensprozess, die fortdauernde Besatzung und die wachsende Enttäuschung den Hintergrund bildeten.
Die Zweite Intifada war wesentlich stärker militarisiert als die Erste. Palästinensische Gruppen setzten Schusswaffen, Raketen und Selbstmordanschläge ein, die auch Zivilisten in Bussen, Restaurants und anderen öffentlichen Orten trafen. Israel reagierte unter anderem mit Luftangriffen, gezielten Tötungen, großangelegten Militäroperationen, Abriegelungen und der erneuten Besetzung palästinensischer Städte.
Israel errichtete zudem eine ungefähr 700 Kilometer lange Sperranlage. Sie verläuft überwiegend nicht auf der Waffenstillstandslinie von 1949, die häufig als Grenze von 1967 bezeichnet wird, sondern teilweise innerhalb des Westjordanlands.
Mehr als 3.000 Palästinenser und mehr als 1.000 Israelis starben. Der genaue Endpunkt wird unterschiedlich bestimmt: Manche Darstellungen nennen Arafats Tod 2004, andere die Waffenruhe und politischen Veränderungen von 2005. Häufig wird deshalb der Zeitraum 2000 bis 2005 verwendet.
Die Zweite Intifada unterschied sich nicht nur durch mehr Gewalt von der Ersten. Bewaffnete Organisationen prägten sie stärker, während die breite zivile Massenmobilisierung weniger im Vordergrund stand.
Wie vergleichst und beurteilst du beide Aufstände?
Ein sinnvoller Vergleich verwendet für beide Fälle dieselben Merkmale. So vermeidest du, nur einzelne spektakuläre Ereignisse gegenüberzustellen.
| Merkmal | Erste Intifada | Zweite Intifada |
|---|---|---|
| Zeitraum | 1987–1993 | 2000–2005; Endpunkt teils umstritten |
| Hintergrund | Besatzung seit 1967, Siedlungsbau, fehlende Perspektiven, soziale und wirtschaftliche Belastungen | enttäuschte Erwartungen an Oslo, fortdauernde Besatzung, gescheiterte Verhandlungen |
| Unmittelbarer Auslöser | Verkehrsunfall mit vier palästinensischen Toten | Scharons Besuch auf dem Tempelberg/Haram al-Scharif und folgende tödliche Proteste |
| Prägende Akteure | breite Bevölkerung, lokale Komitees, später stärker politische Organisationen | bewaffnete Gruppen wie Hamas, Islamischer Dschihad und bewaffnete Fatah-Strukturen |
| Aktionsformen | Streiks, Boykotte, Steuerverweigerung, Demonstrationen, Steine und weitere Gewalt | Schusswaffen, Raketen, Selbstmordanschläge und schwere israelische Militäroperationen |
| Politischer Zusammenhang | wachsende internationale Aufmerksamkeit, Madrid und Oslo | Zusammenbruch des Oslo-Konfliktmanagements, stärkere Abschottung und Verhärtung |
Aus dem Vergleich lässt sich ein Zusammenhang erkennen: Die Erste Intifada erhöhte den Druck für Verhandlungen, ohne den Konflikt zu lösen. Die Enttäuschung über die unvollständigen Ergebnisse des Friedensprozesses bildete später einen Teil des Hintergrunds der Zweiten Intifada. Deren stärkere Militarisierung führte wiederum zu mehr Todesopfern, Angst und räumlicher Abschottung.
Das bedeutet nicht, dass ein einziger geradliniger Ablauf zwangsläufig zur Zweiten Intifada führte. Politische Entscheidungen, Anschläge, Gegenmaßnahmen, Siedlungsbau, Führungswechsel und das Handeln verschiedener Gruppen wirkten zusammen.
Eine begründete Beurteilung könnte lauten:
„Die beiden Intifadas machten palästinensische Forderungen sichtbar, erreichten aber keine dauerhafte politische Lösung. Während die Erste Intifada Verhandlungen mit vorbereitete, verstärkte die stärker militarisierte Zweite Intifada auf beiden Seiten Angst und Misstrauen.“
Diese Aussage ist ausgewogen, weil sie eine politische Wirkung benennt, ohne Gewalt zu verschweigen oder den gesamten Verlauf auf eine einzige Ursache zu reduzieren.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Intifada
- Begriff: palästinensische Aufstände gegen die Besatzung
- Erklärung: langfristige Ursachen und unmittelbare Auslöser unterscheiden
- Erste Intifada: breite Mobilisierung, ziviler Ungehorsam und Gewalt
- Oslo-Prozess: Verhandlungen und begrenzte Selbstverwaltung, aber offene Kernfragen
- Zweite Intifada: stärkere Militarisierung und mehr tödliche Gewalt
- Nachwirkung: Misstrauen, Abschottung und ungelöste politische Streitfragen
Die beiden Intifadas gehören zu demselben Konflikt, verliefen aber nicht gleich. Für eine tragfähige Erklärung musst du Ursachen, Anlässe, Akteure, Mittel und Folgen getrennt untersuchen und anschließend miteinander verbinden.
Abschluss-Check
Wenn du im Abschluss-Check sicher zwischen Ursache und Auslöser unterscheiden und den Grad der Militarisierung vergleichen konntest, hast du den zentralen Denkweg der Seite verstanden.
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