Nationalismus: Entstehung, Formen und Folgen
Nationalismus macht die Nation zum wichtigsten politischen Bezugspunkt. Er kann Menschen verbinden, politische Teilhabe und Selbstbestimmung fördern – zugleich kann er Menschen ausschließen, Minderheiten unter Druck setzen und Gewalt begünstigen.
Der Begriff wird unterschiedlich verwendet: Im weiten Sinn umfasst er Bewegungen und Ordnungsvorstellungen, die sich an der Nation ausrichten. Im engen Sinn meint er die Überhöhung der eigenen Nation und die Abwertung anderer.
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Nation und Nationalismus unterscheiden
Eine Nation besteht nicht einfach aus allen Menschen, die dieselbe Sprache sprechen oder dieselbe Herkunft haben. Sie ist eine politische und kulturelle Gemeinschaft, deren Mitglieder sich durch gemeinsame Vorstellungen miteinander verbunden fühlen.
Nation
Eine Nation ist eine vorgestellte Gemeinschaft: Menschen sehen sich als zusammengehörig, obwohl die meisten einander nie persönlich begegnen. Gemeinsame Sprache, Geschichte, Symbole, Institutionen oder politische Werte können dieses Wir-Gefühl stützen.
„Vorgestellt“ bedeutet dabei nicht „frei erfunden“ oder „unwirklich“. Nationale Vorstellungen haben reale Folgen: Sie beeinflussen Zugehörigkeit, Rechte, staatliche Grenzen und politische Entscheidungen.
Ein Nationalstaat beansprucht, Staat und Nation möglichst zur Deckung zu bringen. Das ist besonders in sprachlich, religiös oder ethnisch gemischten Gebieten schwierig: Mehrere Gruppen können dasselbe Gebiet beanspruchen oder unterschiedliche Vorstellungen von Zugehörigkeit haben.
Nationalismus
Nationalismus bezeichnet im weiten Sinn eine Denkweise oder politische Bewegung, die die Nation zum zentralen Maßstab von Zugehörigkeit, Herrschaft und politischer Loyalität macht. Im engen Sinn bezeichnet er die Überhöhung der eigenen Nation und die Abwertung anderer.
Patriotismus meint gewöhnlich die Verbundenheit mit einem Land, seiner Gesellschaft oder seinen politischen Grundwerten, ohne andere abzuwerten. Die Grenze zum Nationalismus ist jedoch nicht immer eindeutig. Entscheidend ist nicht allein, ob jemand eine Flagge zeigt oder Heimatverbundenheit äußert, sondern welche Ansprüche und Abwertungen damit verbunden werden.
Vier Freunde tragen bei einem Sportfest Trikots verschiedener Nationalmannschaften. Sie freuen sich über die eigene Mannschaft und respektieren die anderen. Das zeigt Zugehörigkeit, aber noch keine Abwertung.
Behauptet dagegen jemand, die eigene Nation sei grundsätzlich überlegen und Menschen anderer Herkunft hätten weniger Rechte verdient, liegt ausschließender Nationalismus vor.
Wie nationale Gemeinschaften entstehen
Moderne Nationen gelten nicht als unveränderliche Naturgegebenheiten. Sie entstehen in historischen Prozessen. Menschen wählen dabei bestimmte Gemeinsamkeiten aus, deuten sie und verbreiten sie als Merkmale der Nation.
Zu diesen Merkmalen können gehören:
- Sprache und kulturelle Bräuche,
- gemeinsame Erzählungen über die Vergangenheit,
- Symbole, Feste und Erinnerungsorte,
- politische Rechte und Institutionen,
- ein beanspruchtes Staatsgebiet.
Seit dem späten 18. Jahrhundert gewannen nationale Vorstellungen stark an Bedeutung. Aufklärung und Revolutionen stellten die Herrschaft von Fürsten und die ständische Ordnung infrage. Besonders die Französische Revolution von 1789 verband die Nation mit der Idee der Volkssouveränität: Nicht der Fürst, sondern das Volk sollte die Quelle politischer Herrschaft sein.
Gleichzeitig verloren traditionelle Bindungen wie Stand, Zunft, Dorfgemeinschaft oder konfessionelle Ordnung teilweise an Bedeutung. Die Nation bot eine neue, umfassende Zugehörigkeit.
Von einer Idee zur Massenbewegung
Nationale Bewegungen entwickelten sich häufig in drei Schritten:
- Gelehrte, Schriftsteller und Sprachforscher beschrieben eine gemeinsame Kultur, Sprache und Geschichte.
- Politische Gruppen verbanden diese Vorstellungen mit Forderungen nach Einheit, Freiheit oder Selbstbestimmung.
- Schulen, Verwaltung, Militär, Presse, Wahlen und Verkehrswege verbreiteten die nationale Vorstellung in der Bevölkerung.
In mehreren Regionen werden unterschiedliche Dialekte gesprochen und verschiedene Traditionen gepflegt. Gelehrte erklären sie dennoch zu Teilen einer gemeinsamen Sprache und Geschichte. Schulen unterrichten eine einheitliche Hochsprache, Zeitungen berichten über „nationale“ Angelegenheiten und staatliche Einrichtungen verwenden gemeinsame Symbole.
Der entscheidende Gedanke lautet: Die Nation wurde nicht einfach entdeckt. Bestimmte Gemeinsamkeiten wurden ausgewählt, vereinheitlicht und politisch wirksam gemacht.
Nationen werden historisch hergestellt und verändert. Gerade weil Menschen an sie glauben und Institutionen sie festigen, können sie sehr wirksam sein.
Teilhabe und Ausgrenzung gehören zusammen
Nationalismus besitzt eine doppelte Wirkung. Er kann Menschen als gleichberechtigte Mitglieder einer politischen Gemeinschaft ansprechen. Zugleich muss jede nationale Ordnung festlegen, wer dazugehört – und damit auch, wer nicht dazugehört.
Möglichkeiten der Teilhabe
Nationale Bewegungen konnten Forderungen unterstützen nach:
- Volkssouveränität und politischer Mitwirkung,
- Befreiung von Fremdherrschaft,
- nationaler Selbstbestimmung,
- einheitlichen Rechten und Gesetzen,
- gesellschaftlicher Gleichheit der anerkannten Mitglieder.
Antikoloniale Bewegungen nutzten nationale Vorstellungen beispielsweise, um europäische Fremdherrschaft zurückzuweisen und eigene Staaten zu fordern.
Gefahren der Ausgrenzung
Die versprochene Gleichheit galt häufig nicht für alle Bewohner. Frauen, versklavte Menschen, indigene Bevölkerungen, religiöse Minderheiten oder als „fremd“ bezeichnete Gruppen blieben historisch teilweise von Rechten ausgeschlossen.
Je stärker eine Nation als einheitliche Abstammungs-, Sprach- oder Religionsgemeinschaft gedacht wird, desto größer kann der Druck auf Minderheiten werden. Mögliche Folgen sind:
- erzwungene Anpassung oder Assimilation, also die Aufgabe eigener sprachlicher, kultureller oder religiöser Merkmale,
- rechtliche Benachteiligung,
- Verfolgung und Vertreibung,
- gewaltsame Eroberung beanspruchter Gebiete,
- im äußersten Fall Vernichtung ausgegrenzter Gruppen.
Eine Nationalbewegung fordert Selbstbestimmung und gleiche Rechte für ihre Mitglieder. In einem beanspruchten Gebiet lebt jedoch eine Minderheit mit anderer Sprache. Wenn diese Minderheit ihre Sprache behalten und politisch mitbestimmen darf, kann die neue Ordnung Beteiligung erweitern.
Wird ihr dagegen unterstellt, sie gehöre „eigentlich“ nicht zum Land, und verliert sie deshalb Rechte, schlägt das Gleichheitsversprechen für die einen in Ausgrenzung der anderen um.
Integration und Ausgrenzung sind kein automatisches Gleichgewicht. Eine konkrete Bewegung muss danach untersucht werden, wem sie welche Rechte eröffnet und wem sie diese Rechte verweigert.
Nationsvorstellungen und Formen vergleichen
Typologien helfen beim Vergleichen. Sie sind Idealtypen: Sie heben bestimmte Merkmale hervor. Reale Bewegungen verbinden häufig Merkmale verschiedener Typen.
| Nationsvorstellung | Grundlage der Zugehörigkeit | mögliche Öffnung | typische Gefahr |
|---|---|---|---|
| staatsbürgerlich | politische Rechte, Staatsgebiet und gemeinsames Bekenntnis | Aufnahme durch Einbürgerung und politische Beteiligung | tatsächlicher Ausschluss trotz behaupteter Gleichheit |
| ethnisch-kulturell | Herkunft, Abstammung, Sprache oder Kultur | Pflege gemeinsamer kultureller Traditionen | Zugehörigkeit erscheint angeboren und kaum veränderbar |
Ein inklusiver Nationalismus versucht, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen in die Nation einzubeziehen und gesteht anderen Nationen entsprechende Rechte zu.
Ein exklusiver Nationalismus beansprucht Vorrang für die eigene Nation, überhöht sie und grenzt vermeintlich Nichtzugehörige aus. Wird die Nation zum höchsten Wert, dem Menschenrechte und alle anderen Bindungen untergeordnet werden, spricht man von Ultranationalismus.
Der Nationalsozialismus war eine extrem nationalistische, rassistische, antisemitische und antidemokratische Bewegung. Er darf deshalb weder mit bloßer Heimatverbundenheit noch mit jeder historischen Form des Nationalismus gleichgesetzt werden.
Aussage A lautet: „Zur Nation gehört, wer ihre demokratischen Gesetze anerkennt und gleiche Bürgerrechte besitzt.“ Das entspricht eher einer staatsbürgerlichen Nationsvorstellung.
Aussage B lautet: „Nur Menschen bestimmter Abstammung können wirklich dazugehören.“ Das entspricht einer ethnischen und ausschließenden Nationsvorstellung.
Für eine vollständige Analyse müsste zusätzlich geprüft werden, ob die politische Praxis tatsächlich zu den Aussagen passt.
Nationalismus in der deutschen Geschichte
Im deutschsprachigen Raum verband die Nationalbewegung im frühen 19. Jahrhundert zwei Forderungen: die Einheit der deutschen Staaten und mehr politische Freiheit. Bürger, Studenten und liberale Kräfte verlangten politische Mitsprache und Pressefreiheit. Viele Fürsten lehnten diese Forderungen ab, weil sie ihre Macht bedrohten.
In der Revolution von 1848/49 erreichte die Bewegung „von unten“ einen Höhepunkt. Ihr Versuch, nationale Einheit und eine freiheitliche politische Ordnung zu schaffen, scheiterte kurzfristig.
1871 entstand das Deutsche Kaiserreich durch eine Reichseinigung unter preußischer Führung. Diese Einigung erfolgte nach Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich und wird daher als Reichsgründung „von oben“ bezeichnet.
Was wurde 1871 erreicht – und was nicht?
Schritt 1: Ziel bestimmen. Die Nationalbewegung verlangte deutsche Einheit und politische Mitbestimmung.
Schritt 2: Ergebnis prüfen. Mit dem Deutschen Kaiserreich entstand ein deutscher Nationalstaat. Die Einigungsforderung war damit weitgehend erfüllt.
Schritt 3: Herrschaftsordnung prüfen. Könige und Fürsten behielten großen Einfluss. Das Kaiserreich war keine vollständige Demokratie.
Urteil: Die Reichsgründung erfüllte das nationale Ziel, aber nicht alle freiheitlichen und demokratischen Ziele der früheren Nationalbewegung.
Nationalismus verschärfte im 19. und frühen 20. Jahrhundert außerdem Konflikte zwischen Staaten. Großmachtstreben, Imperialismus, Wettrüsten und konkurrierende Gebietsansprüche wirkten zusammen. Nationalismus war daher eine wichtige Bedingung für das Konfliktklima vor dem Ersten Weltkrieg, aber nicht dessen einzige Ursache.
In Vielvölkerreichen wie Österreich-Ungarn oder dem Osmanischen Reich verlangten verschiedene Gruppen eigene Staaten. Weil Bevölkerungen in vielen Gebieten gemischt lebten, überschnitten sich territoriale Ansprüche. Daraus entstanden Konflikte, Vertreibungen und Kriege.
Nationalismus begründet beurteilen
Ein historisches Urteil sollte weder jede nationale Bewegung verurteilen noch ihre Ausgrenzung übersehen. Untersuche stattdessen Ziele, Mittel, Zugehörigkeitsregeln und Folgen.
Ein Urteilsraster in vier Schritten
- Teilhabe: Wer erhält politische Rechte oder neue Möglichkeiten der Mitwirkung?
- Selbstbestimmung: Gegen welche Herrschaft richtet sich die Bewegung, und wessen Selbstbestimmung fordert sie?
- Ausgrenzung: Wer gilt nicht als zugehörig? Entsteht Anpassungsdruck oder rechtliche Benachteiligung?
- Gewalt: Welche Mittel werden eingesetzt? Werden Gegner, Minderheiten oder Nachbarstaaten bedroht?
Achte außerdem auf die verwendeten Mittel der Mobilisierung:
- Welche Symbole erscheinen?
- Welche gemeinsame Geschichte wird erzählt?
- Welche Sprache beschreibt das eigene „Wir“?
- Welche Gruppen erscheinen als Gegner oder Fremde?
Eine erfundene politische Erklärung fordert: „Alle Bewohner unseres Staatsgebiets sollen unabhängig von Herkunft und Religion dieselben Bürgerrechte besitzen. Andere Staaten dürfen nicht über unser Land bestimmen.“
Analyse: Die Forderung verbindet staatsbürgerliche Gleichheit mit nationaler Selbstbestimmung. Eine Abwertung anderer Nationen ist nicht erkennbar.
Vorläufiges Urteil: Die Aussage zeigt eine eher inklusive nationale Position. Für ein endgültiges Urteil müsste geprüft werden, ob die Bewegung diese Gleichheit auch praktisch verwirklicht und welche Mittel sie einsetzt.
Typische Denkfehler
- „Eine Flagge beweist Nationalismus.“ Ein Symbol allein reicht nicht. Sein Gebrauch und die damit verbundenen Aussagen entscheiden.
- „Nationalismus ist immer demokratisch.“ Er kann sich mit demokratischen, monarchischen oder autoritären Ordnungen verbinden.
- „Nationalismus ist immer nur Unterdrückung.“ Nationale Bewegungen konnten auch Selbstbestimmung und Bürgerrechte fördern.
- „Eine gemeinsame Sprache ergibt automatisch eine Nation.“ Sprachen, Grenzen und Zugehörigkeiten überschneiden sich; gemeinsame Sprache ist nur ein mögliches Merkmal.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Nationalismus
- macht die Nation zum politischen Bezugspunkt
- entsteht durch Erzählungen, Symbole und Institutionen
- kann Teilhabe und Selbstbestimmung fördern
- kann Anpassungsdruck, Ausgrenzung und Gewalt erzeugen
- wird nach Zugehörigkeit, Mitteln und Folgen beurteilt
Nationalismus ist historisch wandelbar und tritt in verschiedenen Formen auf. Für ein begründetes Urteil musst du deshalb immer fragen, wer dazugehören darf, welche Rechte versprochen werden, welche Mittel eingesetzt werden und welche Folgen für Minderheiten und Nachbarn entstehen.
Abschluss-Check
Wenn du die drei Fälle begründen kannst, hast du den Kern verstanden: Nationalismus lässt sich nicht allein an Symbolen oder Selbstbezeichnungen erkennen. Entscheidend sind seine Vorstellungen von Zugehörigkeit sowie seine politischen Mittel und Folgen.
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