Nation: Bedeutung, Entstehung und Abgrenzung
Eine Nation ist eine große Gemeinschaft, deren Mitglieder sich miteinander verbunden fühlen. Diese Zugehörigkeit kann politisch, kulturell oder auf mehrere Arten begründet werden. Deshalb gibt es nicht die eine, überall gültige Definition.
Auf dieser Seite lernst du, verschiedene Nationskonzepte zu unterscheiden, Nation und Staat auseinanderzuhalten und den Übergang von nationaler Zugehörigkeit zu ausgrenzendem Nationalismus zu beurteilen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was Menschen zu einer Nation verbinden kann
Menschen können sich als Nation verstehen, weil sie bestimmte Gemeinsamkeiten sehen. Dazu gehören zum Beispiel:
- gemeinsame politische Regeln und Bürgerrechte,
- eine gemeinsame Sprache oder Kultur,
- geteilte Erinnerungen und Vorstellungen von Geschichte,
- ein gemeinsames Gebiet,
- der Wille, politisch zusammenzuleben.
Nicht jede Nation erfüllt alle diese Merkmale. Außerdem können Menschen dieselben Merkmale unterschiedlich gewichten. Ein Nationsverständnis ist daher immer vom historischen und politischen Zusammenhang abhängig.
Nation
Eine Nation ist eine große, vorgestellte Zugehörigkeitsgemeinschaft. Ihre Mitglieder beziehen sich auf politische, kulturelle, historische oder andere Gemeinsamkeiten und verstehen sich dadurch als zusammengehörig.
„Vorgestellt“ bedeutet hier nicht „ausgedacht und unwirklich“. Die meisten Mitglieder einer Nation kennen einander nicht persönlich. Trotzdem können gemeinsame Regeln, Erzählungen, Symbole oder Erfahrungen ein wirksames Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen.
Zwei Menschen können dieselbe Staatsangehörigkeit besitzen, verschiedene Sprachen in ihren Familien sprechen und sich dennoch derselben politischen Nation zugehörig fühlen. Umgekehrt können Menschen Sprache und Kultur teilen, obwohl sie in verschiedenen Staaten leben.
Frage bei einer Aussage über eine Nation immer: Wodurch wird die Zugehörigkeit begründet?
Staatsnation und Kulturnation unterscheiden
Zwei Grundmodelle helfen dabei, verschiedene Bedeutungen zu ordnen. In der Wirklichkeit können sie sich überschneiden.
Die Staatsnation
Eine Staatsnation begründet ihre Zusammengehörigkeit vor allem politisch. Menschen leben in einem territorial organisierten Staat, erkennen gemeinsame Regeln an und wollen das politische Gemeinwesen miteinander gestalten. Deshalb wird auch von einer Staatsbürgernation oder Willensnation gesprochen.
Verfassungspatriotismus
Verfassungspatriotismus bezeichnet die Verbundenheit mit den demokratischen Regeln, Rechten und Grundwerten eines Staates statt mit einer angeblich gemeinsamen Abstammung.
Die Kulturnation
Eine Kulturnation begründet ihre Zusammengehörigkeit hauptsächlich durch kulturelle Merkmale, etwa Sprache, Traditionen, Literatur, Religion oder gemeinsame Geschichtsbilder. Ihre Mitglieder müssen weder im selben Staat noch innerhalb eines einzigen Gebietes leben.
Eine Kulturnation kann daher ohne eigenen Staat bestehen. Die Kurden werden im Ausgangsmaterial als Beispiel einer staatenlosen Kulturnation genannt.
| Frage | Staatsnation | Kulturnation |
|---|---|---|
| Was verbindet? | politische Regeln, Bürgerrechte und Zusammenlebenswille | vor allem Sprache, Kultur, Tradition oder Geschichte |
| Ist ein gemeinsamer Staat nötig? | Das Modell ist auf einen Staat bezogen. | Nein. |
| Ist gemeinsame Abstammung nötig? | Nein. | Auch kulturelle Gemeinsamkeit ist nicht automatisch biologische Abstammung. |
Eine Person zieht in einen Staat, wird eingebürgert und beteiligt sich am politischen Gemeinwesen. Im Modell der Staatsnation kann sie vollständig dazugehören, ohne dieselbe Herkunft oder Familiensprache wie andere Bürger zu haben.
Nation, Staat und Volk auseinanderhalten
Eine Nation ist eine Zugehörigkeitsgemeinschaft. Ein Staat ist dagegen eine politische Ordnung mit einem Gebiet und staatlichen Institutionen. Beide Begriffe können sich überschneiden, sind aber nicht identisch.
Ein Staatsvolk umfasst die Bürgerinnen und Bürger eines Staates. Der Ausdruck passt deshalb zum politischen Modell der Staatsnation. Der Begriff Volk ist ohne Zusatz ähnlich mehrdeutig wie Nation und kann kulturell, politisch oder historisch verwendet werden.
Nationalstaat
Ein Nationalstaat ist ein Staat, in dem eine Nation einen eigenen staatlichen Rahmen besitzt. Das bedeutet nicht automatisch, dass dort nur eine kulturelle Gruppe lebt oder dass der Staat demokratisch ist.
Die möglichen Beziehungen lassen sich so ordnen:
- Eine kulturell verbundene Nation kann keinen eigenen Staat besitzen.
- In einem Vielvölkerstaat können mehrere Völker oder Nationen leben.
- Menschen können sich mehreren Nationen oder Gemeinschaften zugehörig fühlen.
- Staatsangehörigkeit ist eine rechtliche Zuordnung; nationale Identität umfasst zusätzlich das persönliche Zugehörigkeitsgefühl.
Das Deutsche Kaiserreich von 1871 war ein Nationalstaat, aber keine Demokratie. Könige und Fürsten behielten großen politischen Einfluss. Die Staatsgründung zeigt deshalb: Nationale Einheit und demokratische Ordnung sind nicht dasselbe.
Wie der moderne Nationsbegriff entstand
Das lateinische Wort natio wurde schon in der Antike und im Mittelalter verwendet. Damals konnte es sehr unterschiedliche Gruppen bezeichnen. An mittelalterlichen Universitäten wurden Studierende beispielsweise nach ihrer territorialen Herkunft zu „Nationen“ zusammengefasst. Das war noch nicht dasselbe wie eine moderne Nation.
Im 18. Jahrhundert wandelte sich der Begriff grundlegend. In der Aufklärung wurde die Nation zunehmend als Trägerin der Volkssouveränität verstanden.
Volkssouveränität
Volkssouveränität bedeutet: Die höchste politische Herrschaft geht vom Volk aus und nicht allein von einem Herrscher, einer Dynastie oder einem privilegierten Stand.
Die Französische Revolution verstärkte diese politische Bedeutung. Die Nation sollte aus mündigen und gleichen Staatsbürgern bestehen, die Selbstbestimmung beanspruchen.
Daneben entwickelte sich ein kulturelles Nationsverständnis. Denker wie Johann Gottfried Herder betonten Sprache und Kultur. Eine Nation ließ sich dadurch auch unabhängig von einem bestehenden Staat denken.
Im 19. Jahrhundert verbanden Nationalbewegungen beide Gedanken auf unterschiedliche Weise:
- Menschen entwickelten ein gemeinsames nationales Bewusstsein.
- Sie forderten Selbstbestimmung und häufig einen eigenen Nationalstaat.
- Nationale Forderungen konnten mit liberalen Zielen wie politischer Mitsprache und Pressefreiheit verbunden sein.
- Nationale Einheit führte jedoch nicht zwangsläufig zu Demokratie.
In den deutschen Ländern forderten Teile der Nationalbewegung im 19. Jahrhundert nationale Einheit, politische Mitsprache und Pressefreiheit. Der 1871 gegründete Nationalstaat erfüllte das Ziel der Einheit, blieb aber unter der starken Führung von Königen und Fürsten. Damit wurden nicht alle demokratischen Forderungen verwirklicht.
Wann Zugehörigkeit zu Nationalismus wird
Ein nationales Wir-Gefühl kann Menschen verbinden und Forderungen nach Selbstbestimmung unterstützen. Problematisch wird es, wenn Zugehörigkeit durch Abwertung, Ausschluss oder angebliche Überlegenheit gegenüber anderen bestimmt wird.
Nationalismus
Im verbreiteten wertenden Sinn ist Nationalismus ein übersteigertes nationales Denken, das die eigene Nation über andere stellt oder Menschen ausgrenzt. In der Wissenschaft kann der Begriff auch neutraler das Prinzip bezeichnen, nationale Zugehörigkeit zur Grundlage politischer Organisation und kollektiver Identität zu machen.
Patriotismus meint die Verbundenheit mit dem eigenen Land. Diese Verbundenheit muss keine Abwertung anderer enthalten. Die Grenze lässt sich daher nicht allein an starken Gefühlen erkennen, sondern an den Folgen für andere Menschen.
Prüfe nationale Aussagen mit vier Fragen:
- Wer darf dazugehören?
- Welche Rechte haben Zugehörige und Nichtzugehörige?
- Wird Selbstbestimmung gefordert oder Überlegenheit behauptet?
- Werden andere Gruppen abgewertet, ausgeschlossen oder bedroht?
Nationale Bewegungen können emanzipatorische und ausschließende Wirkungen zugleich besitzen. Eine Forderung nach Selbstbestimmung kann politische Teilhabe fördern. Ein ethnisch oder rassistisch begründeter Ausschluss kann dagegen Minderheiten Rechte und Schutz entziehen.
Der Nationalsozialismus zeigt die extreme Folge eines rassistisch definierten Nationsverständnisses. Millionen Menschen wurden verfolgt und ermordet, weil die nationalsozialistische Ideologie sie nicht zur behaupteten deutschen „Herrenrasse“ zählte.
Aussage A lautet: „Alle Bürger sollen unabhängig von ihrer Herkunft dieselben politischen Rechte haben.“ Sie beschreibt ein offenes politisches Nationsverständnis.
Aussage B lautet: „Nur Menschen einer bestimmten Abstammung können wirklich dazugehören.“ Sie schließt Menschen aufgrund ihrer Herkunft aus und entspricht einem ethnisch geschlossenen Nationsverständnis.
Vertiefung: Nationen werden historisch geformt
Nationen gelten in der heutigen Forschung nicht einfach als seit jeher unverändert bestehende Gruppen. Sie werden in historischen Prozessen geformt. Dabei können Sprache, Bildung, politische Bewegungen, öffentliche Symbole, gemeinsame Erzählungen, Krisen und Konflikte zusammenwirken.
Verschiedene Forschungsansätze setzen unterschiedliche Schwerpunkte:
- kulturelle Voraussetzungen, die schon vor einer modernen Nation bestanden,
- Kommunikation zwischen vielen Menschen,
- konkrete soziale und politische Prozesse,
- die Konstruktion einer vorgestellten Gemeinschaft.
Diese Erklärungen müssen sich nicht vollständig ausschließen. Sie können unterschiedliche Seiten desselben historischen Vorgangs beleuchten.
Die napoleonische Herrschaft wurde in deutschen Gebieten von vielen als Fremdherrschaft erlebt. Die Abgrenzung gegenüber der Besatzungsmacht konnte das Bewusstsein für vermeintlich gemeinsame Sprache, Kultur und Interessen stärken. Krise und Abgrenzung wirkten hier als Anstoß nationaler Mobilisierung.
Auch Symbole wie Flaggen, Hymnen, Feste oder Nationalmannschaften können Zugehörigkeit sichtbar machen. Sie beweisen jedoch nicht, dass eine Nation schon immer in derselben Form bestanden hat. Manche Traditionen wurden erst später als „typisch national“ ausgewählt oder neu gedeutet.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Nation
- mögliche Grundlagen: Politik, Kultur, Sprache, Geschichte, Territorium
- Staatsnation: gemeinsame Regeln, Rechte und politischer Wille
- Kulturnation: kulturelle Gemeinsamkeiten auch ohne eigenen Staat
- Verhältnis zum Staat: Überschneidung möglich, aber keine Gleichheit
- historischer Wandel: vormoderne Gruppen, Volkssouveränität, Nationalbewegungen
- mögliche Wirkung: Zusammenhalt und Selbstbestimmung
- Gefahr: Abwertung, Ausschluss und Gewalt
- Prüfung: Zugehörigkeit, Rechte, Überlegenheit und Folgen untersuchen
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