Nationale Identität: Entstehung und Wirkung
Nationale Identität ist das veränderliche Bild, das Menschen von sich als Angehörige einer Nation entwickeln. Es entsteht durch gemeinsame Erzählungen, Erinnerungen, Symbole und die Vorstellung eines verbindenden „Wir“. Dieses Wir kann Zusammenhalt schaffen, aber auch Menschen ausschließen.
Auf dieser Seite lernst du, nationale Identität zu erklären, ihre Herstellung zu analysieren und ihre Folgen begründet zu beurteilen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Eine Nation ist eine vorgestellte Gemeinschaft
Du kennst die meisten Menschen deines Landes nicht persönlich. Trotzdem kannst du dich mit ihnen verbunden fühlen. Der Politikwissenschaftler Benedict Anderson bezeichnet Nationen deshalb als vorgestellte Gemeinschaften. „Vorgestellt“ bedeutet hier nicht „unwirklich“, sondern: Die Verbindung entsteht in den Vorstellungen der Menschen.
Nationale Identität
Nationale Identität ist eine Form kollektiver Identität. Sie bezeichnet das gemeinsame Selbstbild und Zugehörigkeitsgefühl von Menschen, die sich einer Nation zuordnen.
Eine Nation ist dabei nicht einfach dasselbe wie ein Staat:
- Der Staat ist eine politische und rechtliche Ordnung mit Institutionen, Gesetzen und einem Gebiet.
- Die Nation ist eine vorgestellte Gemeinschaft, die sich etwa auf Erinnerungen, Sprache, Kultur, politische Werte oder gemeinsame Zukunftsvorstellungen beziehen kann.
- Staatsbürgerschaft ist die rechtliche Zugehörigkeit zu einem Staat.
Eine nationale Gemeinschaft kann deshalb auch ohne eigenen Staat bestehen. Umgekehrt können in einem Staat Menschen mit unterschiedlichen nationalen oder kulturellen Zugehörigkeiten leben.
Mehrfachzugehörigkeiten sind ebenfalls möglich. Eine Person kann sich zum Beispiel zugleich deutsch und amerikanisch, französisch und algerisch oder national, regional und europäisch zugehörig fühlen.
Nationale Identität ist weder angeboren noch unveränderlich. Sie entsteht gesellschaftlich und kann sich mit Erfahrungen, Konflikten und politischen Entscheidungen wandeln.
Erinnerungen und Erzählungen schaffen ein Wir
Nationale Identität benötigt gemeinsame Bezugspunkte. Dazu gehören ausgewählte Ereignisse, Personen, Erfolge, Niederlagen und Zukunftsvorstellungen. Eine Gesellschaft erinnert jedoch nie ihre gesamte Vergangenheit. Sie wählt aus und deutet Vergangenes aus der jeweiligen Gegenwart.
Jan Assmann beschreibt solche gemeinsam bewahrten und gedeuteten Erinnerungen als Teil des kulturellen Gedächtnisses. Ändert sich die Gegenwart, können auch ältere Ereignisse neu bewertet werden.
Ernest Renan erklärte Nation nicht allein durch Abstammung, Sprache oder Religion. Für ihn beruhte sie auf gemeinsamer Erinnerung und dem fortgesetzten Willen zum Zusammenleben. Diesen immer wieder erneuerten Willen bezeichnete er bildhaft als tägliches Plebiszit, also als täglich bestätigte Zustimmung zur Gemeinschaft.
Der deutsche Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 wurde später als „Wunder von Bern“ erinnert. In der nationalen Erzählung siegten nicht nur elf Spieler: Viele Menschen sprachen von „unserem“ Sieg. So wurde ein Sportereignis zu einem gemeinsamen Erinnerungsort.
Das Beispiel zeigt zugleich eine Grenze: Fußball verursachte die politischen Entwicklungen der Nachkriegszeit nicht. Seine spätere Deutung spiegelte gesellschaftliche Wünsche und Veränderungen wider.
Erzählungen ordnen einzelne Erinnerungen zu einer Geschichte. Sie können erklären,
- woher die Gemeinschaft angeblich kommt,
- welche Erfahrungen sie verbinden,
- welche Werte sie verkörpern soll,
- welche Zukunft sie anstrebt und
- wer als zugehörig gilt.
Dabei können Traditionen älter erscheinen, als sie tatsächlich sind. Stuart Hall nennt als Beispiel Zeremonien der britischen Monarchie, von denen viele erst im späten 19. oder 20. Jahrhundert ihre bekannte Form erhielten. Eine erfundene Tradition ist nicht automatisch bedeutungslos. Entscheidend ist, dass ihr Alter und ihre Entstehung kritisch geprüft werden.
Symbole, Medien und Rituale machen Zugehörigkeit sichtbar
Eine abstrakte Gemeinschaft wird durch Zeichen und gemeinsame Handlungen erfahrbar. Flaggen, Hymnen, Denkmäler, Gedenktage, Filme, Literatur, Presse und Sportereignisse können nationale Vorstellungen verbreiten.
Nationales Symbol
Ein nationales Symbol ist ein wahrnehmbares Zeichen, das für eine Nation und die mit ihr verbundenen Erinnerungen oder Werte steht. Seine Bedeutung entsteht durch gesellschaftliche Verwendung und Deutung.
Bei einem Fußballspiel lässt sich dieser Mechanismus gut beobachten: Fans tragen gemeinsame Farben, singen dieselbe Hymne und sprechen von „wir“, obwohl sie selbst nicht spielen. Das Ritual erzeugt für begrenzte Zeit ein starkes Gemeinschaftsgefühl und kann soziale Unterschiede in den Hintergrund treten lassen.
Medien verstärken solche Wirkungen. Sie wählen Bilder aus, wiederholen Begriffe und erzählen Ereignisse als gemeinsame Erfolge oder Niederlagen. Sie bilden Identität nicht nur ab, sondern wirken an ihrer Herstellung mit.
Das bedeutet nicht, dass alle Menschen ein Symbol gleich verstehen. Eine Flagge kann für eine Person demokratische Zugehörigkeit, für eine andere belastende Geschichte und für eine dritte aggressive Abgrenzung bedeuten. Zur Analyse gehört deshalb immer der konkrete Zusammenhang.
Ein Symbol besitzt keine einzige, für alle Zeiten feststehende Aussage. Frage nach den Menschen, die es verwenden, nach der Situation und nach der Botschaft, mit der es verbunden wird.
So analysierst du eine nationale Darstellung
- Beschreiben: Welche Wörter, Bilder, Symbole oder Rituale sind zu erkennen?
- Zuordnung prüfen: Wer wird mit „wir“ angesprochen? Wer kommt nicht vor?
- Erzählung erschließen: Welche Vergangenheit, Werte oder Zukunft werden behauptet?
- Zweck untersuchen: Soll die Darstellung erinnern, verbinden, überzeugen, mobilisieren oder abgrenzen?
- Folgen beurteilen: Welche Gruppen werden einbezogen, auf Bedingungen verwiesen oder ausgeschlossen?
In einem Stadion werden Flagge, Nationalhymne, Mannschaftstrikot und der Ruf „Wir gewinnen!“ miteinander verbunden.
Beschreibung: Gemeinsame Farben, Musik und Sprache sind sichtbar beziehungsweise hörbar.
Deutung: Die Zuschauenden stellen sich als Teil derselben Gemeinschaft dar. Die Mannschaft vertritt symbolisch ein nationales Wir.
Beurteilung: Das Ritual kann Zusammengehörigkeit und Freude fördern. Wird der Gegner jedoch als minderwertig oder feindlich dargestellt, schlägt sportliche Abgrenzung in Abwertung um.
Wer gehört dazu? Zwei Nationskonzepte vergleichen
Vorstellungen von Nation unterscheiden sich besonders darin, wie sie Zugehörigkeit begründen.
Ethnisch-kulturelles Nationskonzept
Ein ethnisch-kulturelles Nationskonzept stützt Zugehörigkeit vor allem auf Merkmale wie gemeinsame Abstammung, Sprache, Religion oder überlieferte Kultur. Es kann Zugehörigkeit als etwas darstellen, das man hauptsächlich durch Herkunft besitzt.
Staatsbürgerliches Nationskonzept
Ein staatsbürgerliches Nationskonzept begründet Zugehörigkeit vor allem durch Staatsbürgerschaft, gleiche Rechte, politische Teilhabe und gemeinsam anerkannte Regeln oder Werte. Zugehörigkeit gilt damit grundsätzlich als erwerbbar.
Diese Begriffe sind Idealtypen: Sie heben Unterschiede hervor, während tatsächliche politische Vorstellungen häufig Elemente beider Konzepte mischen.
In deutschen Debatten galt Deutschsein lange stark als Abstammungsgemeinschaft. Seit 2000 ergänzten Elemente des Geburtsortsprinzips das Abstammungsprinzip im Staatsangehörigkeitsrecht. Unter bestimmten Bedingungen kann Staatsangehörigkeit damit auch durch Geburt im Land erworben werden.
Die Veränderung zeigt: Selbst rechtliche Kriterien nationaler Zugehörigkeit sind historisch umkämpft. Auch gesellschaftliche Vorstellungen wandeln sich. Gruppen, die früher als fremd galten, können später selbstverständlich in die nationale Geschichte eingeordnet werden.
Die Behauptung eines seit Jahrhunderten unveränderten und homogenen Volkes verwechselt eine gegenwärtige Auswahl mit einem natürlichen Ursprung.
Vergleich an zwei Aussagen
Aussage A: „Nur wer von deutschen Vorfahren abstammt, kann wirklich deutsch sein.“
Diese Aussage folgt einem ethnisch-kulturellen Konzept. Sie macht Herkunft zur entscheidenden Bedingung und schließt Menschen trotz Staatsbürgerschaft oder gesellschaftlicher Teilhabe aus.
Aussage B: „Deutsch ist, wer die Staatsbürgerschaft besitzt und gleichberechtigt an der politischen Gemeinschaft teilnimmt.“
Diese Aussage folgt überwiegend einem staatsbürgerlichen Konzept. Zugehörigkeit wird rechtlich und politisch begründet, nicht durch eine bestimmte Abstammung.
Auch ein staatsbürgerliches Modell löst nicht automatisch alle Konflikte. Es bleibt zu prüfen, ob Rechte tatsächlich gleich gelten, welche Werte verlangt werden und wer über ihre Auslegung bestimmt.
Integration, Ausgrenzung und Nationalismus beurteilen
Nationale Identität wirkt häufig in zwei Richtungen. Sie kann Menschen verbinden und zu Solidarität oder politischer Beteiligung motivieren. Zugleich kann die Grenze zwischen „wir“ und „die anderen“ Vorurteile und Ausschluss fördern.
Diese Doppelwirkung macht nationale Identität noch nicht automatisch zu Nationalismus.
Nationalismus
Nationalismus ist eine politische Ideologie oder Bewegung, die die Nation zum zentralen politischen Bezugspunkt macht und nationale Interessen oder Besonderheiten zur Mobilisierung und Legitimation verwendet. Er geht häufig mit starker Abgrenzung einher.
Patriotismus bezeichnet eine positive Bindung an ein Land oder politisches Gemeinwesen. Seine Grenze zum Nationalismus ist nicht in jeder Verwendung eindeutig. Entscheidend ist, worauf sich die Bindung richtet und welche Folgen sie hat.
Du kannst eine nationale Aussage mit vier Fragen beurteilen:
- Teilhabe: Wer darf mitentscheiden und gleiche Rechte beanspruchen?
- Selbstbestimmung: Ermöglicht die Aussage Menschen und Gruppen, ihre Zugehörigkeit selbst mitzugestalten?
- Ausgrenzung: Wer wird abgewertet, unsichtbar gemacht oder nur unter Bedingungen aufgenommen?
- Gewalt: Rechtfertigt die Aussage Zwang, Feindbilder oder Gewalt gegen andere?
In der deutschen Migrationsdebatte von 2015/16 traten unterschiedliche Erzählungen nebeneinander auf:
- Das Homogenitätsnarrativ stellte ein kulturell oder durch Abstammung einheitliches Volk in den Mittelpunkt.
- Das Wirtschaftsnarrativ bewertete Einwanderung vor allem nach ihrem Nutzen, etwa für Arbeitsmarkt oder soziale Sicherung.
- Das Diversitätsnarrativ beschrieb Deutschland als vielfältige Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Wertebasis.
- Eine postnationale Perspektive fragte nach Zugehörigkeit und Rechten jenseits nationalstaatlicher Grenzen.
Die Erzählungen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Beschreibung Deutschlands. Sie geben verschiedene Antworten darauf, warum jemand dazugehören soll: wegen Herkunft, Nutzen, gleicher Rechte oder allein aufgrund universaler Menschenrechte.
Übung: Begründungen prüfen
Ordne die folgenden Aussagen ein und untersuche ihre mögliche Ausschlusswirkung.
- „Neu Angekommene gehören dazu, wenn sie der Wirtschaft nützen.“
- „Alle Staatsbürgerinnen und Staatsbürger besitzen unabhängig von ihrer Herkunft gleiche politische Rechte.“
- „Nur Menschen mit den richtigen Vorfahren können wirklich dazugehören.“
- „Nationale und europäische Zugehörigkeit können gleichzeitig bestehen.“
Lösung und Rückmeldung
- Die Aussage folgt einem Nützlichkeitsnarrativ. Sie kann Aufnahme unterstützen, macht Zugehörigkeit aber von wirtschaftlicher Verwertbarkeit abhängig. Menschen ohne erwarteten Nutzen droht Ausschluss.
- Die Aussage entspricht einem staatsbürgerlichen Konzept. Sie begründet Zugehörigkeit über gleiche Rechte. Zu prüfen bleibt, ob diese Gleichheit auch praktisch verwirklicht wird.
- Die Aussage folgt einem ethnisch-kulturellen und stark ausschließenden Konzept. Gesellschaftliche Teilhabe oder Staatsbürgerschaft können die verlangte Abstammung darin nicht ersetzen.
- Die Aussage beschreibt Mehrfachzugehörigkeit. Nationale Identität muss regionale, europäische oder weitere Identitäten nicht verdrängen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Nationale Identität
- entsteht durch
- Erinnerungen und Erzählungen
- Symbole, Medien und Rituale
- fortgesetzte Zustimmung
- ordnet Zugehörigkeit
- ethnisch-kulturell
- staatsbürgerlich
- mehrfach oder postnational
- wirkt gesellschaftlich
- Integration und Solidarität
- Abgrenzung und Ausschluss
- politische Mobilisierung
- wird untersucht durch
- Beschreibung des nationalen Wir
- Prüfung von Teilhabe und Selbstbestimmung
- Urteil über Ausgrenzung und Gewalt
- entsteht durch
Nationale Identität ist kein festes Erbe, das nur entdeckt werden müsste. Menschen stellen sie her, erzählen sie weiter und verändern sie. Eine gute Analyse fragt deshalb nicht nur: „Was verbindet diese Gruppe?“, sondern auch: „Wer bestimmt das Wir, wer darf dazugehören und welche Folgen hat die Grenze?“
Abschluss-Check
Wenn du alle vier Fragen begründen kannst, kannst du nationale Identität nicht nur definieren. Du kannst auch untersuchen, wie sie hergestellt wird und welche Chancen oder Gefahren ihre jeweilige Verwendung mit sich bringt.
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