Terrorismus nach 1990: Wandel und Folgen
Der islamistische Terrorismus veränderte sich nach 1990: Aus internationalen Netzwerken wie al-Qaida entstanden regionale Ableger und der zeitweise territorial herrschende „Islamische Staat“ (IS). Die Anschläge vom 11. September 2001 wurden zum politischen Wendepunkt. Militärische Reaktionen, neue Sicherheitsgesetze und digitale Propaganda hatten langfristige Folgen.
Diese Seite behandelt den islamistisch motivierten Terrorismus. Er ist nur eine Form des Terrorismus und darf weder mit dem Islam noch mit Musliminnen und Muslimen gleichgesetzt werden.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Worum geht es beim islamistischen Terrorismus?
Warum ist eine genaue Begriffsunterscheidung wichtig? Weil eine ungenaue Sprache Millionen friedlicher Menschen unter Verdacht stellen kann.
Islamismus
Islamismus ist eine politische Ideologie. Sie fordert, Staat und Gesellschaft nach einer als verbindlich angesehenen religiösen Ordnung zu gestalten. Nicht alle Islamisten setzen Gewalt ein.
Islamistischer Terrorismus
Islamistischer Terrorismus ist terroristische Gewalt, die mit islamistischen Vorstellungen begründet wird. Täter wollen durch Anschläge Angst verbreiten, politische Entscheidungen beeinflussen oder eine bestimmte Ordnung erzwingen.
Der Islam ist dagegen eine Religion. Die meisten Muslime sind keine Islamisten, und islamistische Extremisten bilden nur eine kleine Minderheit. Viele muslimische Organisationen und Gelehrte haben Terroranschläge und Selbstmordattentate ausdrücklich verurteilt.
Islamistische Terroristen deuten religiöse Begriffe gezielt für ihre politischen Ziele um. Häufig teilen sie die Welt in angebliche Freunde und Feinde. Als „naher Feind“ gelten ihnen etwa Regierungen muslimischer Staaten, als „ferner Feind“ vor allem westliche Staaten und Israel.
Religion, politische Ideologie und terroristische Gewalt sind drei verschiedene Ebenen. Wer sie gleichsetzt, erklärt den Terrorismus nicht, sondern erzeugt ein falsches Feindbild.
Warum wurde der 11. September 2001 zum Wendepunkt?
Am 11. September 2001 entführten islamistische Attentäter vier Passagierflugzeuge. Zwei trafen die Türme des World Trade Centers, eines das Pentagon, und eines stürzte bei Shanksville ab. Fast 3.000 Menschen starben.
Die Tat traf sichtbare Symbole der wirtschaftlichen und militärischen Macht der USA. Fernsehbilder verbreiteten den Angriff nahezu in Echtzeit. Sie machten weltweit deutlich, dass ein nichtstaatliches Netzwerk mit vergleichsweise einfachen Mitteln einen folgenreichen Großanschlag verüben konnte.
Verantwortlich war das Netzwerk al-Qaida unter Osama bin Laden. Es besaß Trainings- und Rückzugsräume in Afghanistan, war aber kein Staat mit klaren Grenzen und einer regulären Armee. Dadurch passte der Gegner nicht zum vertrauten Bild eines Krieges zwischen Staaten.
Ob 9/11 eine weltgeschichtliche Zäsur, also einen tiefen Einschnitt, bildete, ist umstritten:
- Eine Deutung sieht bereits in den Anschlägen den Beginn einer neuen Epoche.
- Eine zweite betrachtet vor allem die militärische Reaktion als entscheidenden Bruch.
- Eine dritte versteht 9/11 eher als Beschleuniger bereits vorhandener Konflikte und Entwicklungen.
Eine historische Deutung ist keine bloße Meinung. Sie muss zu überprüfbaren Beobachtungen passen. Für die Beschleuniger-Deutung spricht zum Beispiel, dass islamistische Netzwerke und Anschläge schon vor 2001 existierten. Für die Zäsur-Deutung sprechen die tiefgreifenden politischen und gesetzlichen Reaktionen nach 9/11.
Wie reagierten Staaten auf 9/11?
Die USA erklärten einen „Krieg gegen den Terror“. Im Oktober 2001 begann der US-geführte Angriff auf al-Qaida-Stützpunkte und das Taliban-Regime in Afghanistan. Auch die NATO rief den Bündnisfall aus. Deutschland beteiligte sich am Einsatz in Afghanistan.
2003 griffen die USA mit Verbündeten den Irak an. Die behaupteten irakischen Massenvernichtungswaffen, mit denen der Krieg begründet wurde, wurden nicht gefunden. Das beschädigte die Glaubwürdigkeit der USA. Deutschland, Frankreich und Russland beteiligten sich nicht an dem Militärbündnis.
Die Folgen lassen sich nicht auf eine einfache Kette von Ursache und Wirkung reduzieren. Der Sturz staatlicher Ordnung, Fehler der Besatzungspolitik, das Nachkriegschaos im Irak und später der Bürgerkrieg in Syrien schufen jedoch Räume, in denen sich dschihadistische Organisationen ausbreiten konnten.
Auch im Inneren wurden Sicherheitsbefugnisse erweitert. In den USA erleichterte der Patriot Act den Datenaustausch und die Überwachung. Deutschland baute ebenfalls Gesetze, Behördenkooperation und Ermittlungsinstrumente aus.
Damit entstand ein dauerhafter Zielkonflikt:
- Sicherheit: Behörden sollen Anschläge früh erkennen und verhindern.
- Freiheit: Überwachung und Eingriffe müssen begrenzt, begründet und rechtsstaatlich kontrolliert werden.
Eine Maßnahme erlaubt den Austausch bestimmter Daten über eine konkret verdächtige Person. Für ihre Beurteilung reichen die Wörter „mehr Sicherheit“ nicht aus. Du fragst zusätzlich: Gibt es überprüfbare Tatsachen für den Verdacht? Wer kontrolliert die Maßnahme? Wie lange werden die Daten gespeichert? Können Betroffene sich rechtlich wehren?
So wägest du Schutzwirkung und Freiheitsrechte anhand konkreter Kriterien ab.
Wie entstanden aus al-Qaida neue Strukturen und der IS?
Al-Qaida war ein internationales Netzwerk. Nach 2001 wurden seine Stützpunkte in Afghanistan angegriffen und seine Führung geschwächt. Die Organisation verschwand jedoch nicht. Regionale Ableger und die zugrunde liegende Ideologie bestanden fort.
Im Irak entwickelte sich aus al-Qaida im Irak schrittweise der IS. Mehrere Bedingungen begünstigten seinen Aufstieg:
- Die US-Invasion von 2003 stürzte die bisherige staatliche Ordnung.
- Das folgende Chaos eröffnete bewaffneten Gruppen Handlungsspielräume.
- Ehemalige irakische Militär- und Geheimdienstangehörige brachten Kenntnisse ein.
- Der syrische Bürgerkrieg schuf weitere Rückzugs- und Kampfgebiete.
2014 rief der IS ein „Kalifat“ aus. Anders als al-Qaida kontrollierte er zeitweise ein großes Gebiet in Irak und Syrien. Er verband territoriale Herrschaft, extreme Gewalt und professionell wirkende Propaganda.
Bis März 2019 wurde diese territoriale Herrschaft durch kurdische Kräfte und eine internationale Koalition beendet. Das war eine militärische Niederlage, aber keine vollständige ideologische Niederlage. Ableger, Anhänger und digitale Propagandastrukturen blieben bestehen.
Der IS entstand nicht aus einer einzigen Ursache. Krieg, zerfallende staatliche Ordnung, regionale Konflikte, vorhandene Netzwerke und Ideologie wirkten zusammen.
Warum blieb die Gefahr trotz militärischer Niederlagen bestehen?
Terroristische Organisationen benötigen nicht immer ein beherrschtes Gebiet. Kleine Gruppen oder einzelne Täter können verdeckt handeln und mit einfachen Tatmitteln schwere Gewalt ausüben. Deshalb bedeutet der Verlust eines Territoriums nicht automatisch das Ende einer Organisation oder Ideologie.
Das Internet veränderte die Möglichkeiten terroristischer Akteure. Es kann genutzt werden für:
- Propaganda und Einschüchterung,
- Rekrutierung und Radikalisierung,
- verschlüsselte Kommunikation,
- Verbreitung von Anleitungen,
- nachträgliche Vereinnahmung von Anschlägen.
Der Ausdruck „einsamer Wolf“ kann dabei irreführen. Ein Täter handelt möglicherweise allein am Tatort, war aber zuvor mit Propaganda, Kontaktpersonen oder einem Netzwerk verbunden. Zwischen zentral geplantem Anschlag und völlig selbstständiger Tat gibt es viele Zwischenformen.
Gleichzeitig ist digitale Propaganda keine automatische Ursache einer Gewalttat. Radikalisierung ist ein Prozess, bei dem persönliche, soziale, politische und ideologische Faktoren unterschiedlich zusammenwirken können.
Nach einer militärischen Niederlage verliert eine Organisation ihr Gebiet. Ihre Anhänger verbreiten jedoch weiter Propaganda, regionale Ableger führen Anschläge aus, und Einzelne greifen allgemeine Gewaltaufrufe auf.
Die passende Schlussfolgerung lautet deshalb: Die Organisation wurde territorial geschwächt, blieb aber als dezentrales Netzwerk und ideologischer Bezugspunkt gefährlich.
Wie lassen sich Abwehr, Prävention und Quellen beurteilen?
In Deutschland arbeiten Polizei, Justiz und Nachrichtendienste bei der Terrorismusabwehr zusammen, bleiben aber aufgrund des Trennungsgebots organisatorisch und hinsichtlich ihrer Befugnisse getrennt. Internationale Kooperation ist wichtig, weil Netzwerke, Reisen, Geldflüsse und digitale Kommunikation Staatsgrenzen überschreiten.
Zur Abwehr gehören Ermittlungen, Informationsaustausch, Risikobewertung und das Verhindern konkreter Anschlagspläne. Prävention setzt früher an: Sie soll Radikalisierung vorbeugen, Angehörige und pädagogische Fachkräfte beraten sowie Ausstiegswege eröffnen.
Repression reagiert auf Gefahren und Straftaten. Prävention versucht, Radikalisierung und Gewaltbereitschaft möglichst früh zu verhindern. Eine rechtsstaatliche Strategie benötigt beides.
Historische Zahlen brauchen immer einen Stichtag und eine Definition. Das BKA nannte mit Stand Januar 2024 für Deutschland seit 2000 elf vollendete, 25 verhinderte und fünf technisch gescheiterte islamistisch motivierte Angriffe oder Anschläge. Diese Zahlen zeigen sowohl eine fortbestehende Gefahr als auch erfolgreiche Abwehr. Sie beweisen aber weder vollständige Sicherheit noch ein unaufhaltsames Anwachsen der Bedrohung.
Auch Quellen können voneinander abweichen. Zwei Texte des Ausgangsmaterials nennen für den Anschlag am Berliner Breitscheidplatz unterschiedliche Opferzahlen. Statt willkürlich eine Zahl zu wählen, hältst du den Konflikt fest und prüfst Stichtag, Zählweise und mögliche spätere Todesfälle. So trennst du gesicherte Gemeinsamkeiten von ungeklärten Einzelangaben.
Bei der Beurteilung einer Quelle helfen vier Fragen:
- Wann wurde die Aussage veröffentlicht oder aktualisiert?
- Wer macht die Aussage und aus welcher Perspektive?
- Was genau wird gezählt oder bewertet?
- Welche Grenzen oder fehlenden Angaben werden genannt?
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Terrorismus nach 1990
- Begriffe: Islam, Islamismus und Terrorismus unterscheiden
- Wendepunkt: 9/11 und seine weltpolitische Wirkung
- Reaktionen: Kriege, Sicherheitsgesetze und Bürgerrechtskonflikte
- Wandel: al-Qaida, regionale Ableger und IS
- Fortbestand: dezentrale Netzwerke und digitale Propaganda
- Umgang: Abwehr, Prävention und rechtsstaatliche Kontrolle
- Urteil: Ursachen verbinden und datierte Quellen kritisch prüfen
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