Unternehmen Barbarossa: Ziele, Verlauf und Verbrechen
„Unternehmen Barbarossa“ war der Deckname für den deutschen Angriff auf die Sowjetunion, der am 22. Juni 1941 begann. Das NS-Regime plante nicht nur einen militärischen Sieg, sondern einen rassistisch begründeten Eroberungs- und Vernichtungskrieg. Der erwartete schnelle Sieg scheiterte Ende 1941 vor Moskau.
Auf dieser Seite untersuchst du, wie Ideologie, militärische Planung, wirtschaftliche Ausbeutung und massenhafte Gewalt zusammenwirkten.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was geschah am 22. Juni 1941?
Am 22. Juni 1941 griffen Deutschland und verbündete Staaten die Sowjetunion an. Die Wehrmacht überschritt ohne reguläre Kriegserklärung eine mehr als 2.000 Kilometer lange Front zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Damit brach das Deutsche Reich den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von August 1939.
Die Angaben zur Truppenstärke unterscheiden sich je nach Bezugsgröße. Darstellungen nennen rund drei Millionen deutsche Soldaten, beinahe 3,3 Millionen beteiligte Soldaten oder zusätzlich etwa 600.000 Soldaten verbündeter Staaten. Diese Zahlen dürfen nicht einfach addiert werden, weil sie unterschiedliche Gruppen erfassen können.
Die Angriffskräfte waren in drei große Verbände gegliedert:
- Heeresgruppe Nord rückte in Richtung Baltikum und Leningrad vor.
- Heeresgruppe Mitte griff in Richtung Minsk, Smolensk und Moskau an.
- Heeresgruppe Süd kämpfte in der Ukraine.
Die sowjetische Führung hatte den deutschen Aufmarsch bemerkt, war aber nicht angemessen auf den Angriff vorbereitet. Stalin wollte Provokationen vermeiden und vertraute weiterhin auf den Nichtangriffspakt. Das NS-Regime behauptete dagegen öffentlich, Deutschland müsse einem sowjetischen Angriff zuvorkommen.
Die Präventivkriegserzählung war eine propagandistische Rechtfertigung. Die deutsche Führung plante den Angriff lange im Voraus und rechnete selbst nicht mit einem unmittelbar bevorstehenden sowjetischen Angriff.
Warum war es ein Vernichtungskrieg?
Vernichtungskrieg
Ein Vernichtungskrieg richtet sich nicht nur gegen gegnerische Streitkräfte. Er zielt auch darauf, bestimmte Bevölkerungsgruppen, ihre Lebensgrundlagen und politische oder gesellschaftliche Ordnungen planmäßig zu zerstören.
Das NS-Regime verband mehrere Ziele:
- „Lebensraum im Osten“: Eroberte Gebiete sollten dauerhaft von Deutschland beherrscht, ausgebeutet und teilweise mit Deutschen besiedelt werden.
- Rassismus: Slawische Menschen wurden als angeblich minderwertig abgewertet. Diese menschenverachtende Einteilung sollte Vertreibung, Versklavung und Mord rechtfertigen.
- Antisemitismus und Antikommunismus: Die NS-Ideologie verband Judentum und Bolschewismus zu einem erfundenen Feindbild. Jüdinnen und Juden sowie politische Funktionäre wurden gezielt verfolgt und ermordet.
- Wirtschaftliche Ausbeutung: Rohstoffe, Nahrungsmittel und Arbeitskräfte sollten Deutschland zur Verfügung stehen.
Seit März 1941 bereiteten NS-Führung und Wehrmacht den rechtswidrigen Gewalteinsatz durch besondere Befehle vor. Dazu gehörten der Kriegsgerichtsbarkeitserlass und der Kommissarbefehl. Gefangene politische Kommissare der Roten Armee sollten getötet werden. Zugleich folgten der Front Einsatzgruppen von SS und Polizei, die insbesondere Jüdinnen und Juden sowie politische Gegner ermordeten.
Die wirtschaftliche Planung zeigt das Zusammenwirken von Krieg und Vernichtung:
- Die Wehrmacht sollte sich aus den eroberten Gebieten versorgen.
- Dafür sollten der dortigen Bevölkerung Nahrungsmittel entzogen werden.
- Die Verantwortlichen erwarteten deshalb, dass viele Millionen Menschen verhungern würden.
- Das Massensterben war somit keine bloß unvorhersehbare Nebenfolge der Versorgungspolitik.
Die Wehrmacht stellte Transport, Bewachung und logistische Hilfe bereit, übergab Menschen an Mordkommandos und beteiligte sich auch unmittelbar an Verbrechen. Beim Massaker von Babi Jar wurden Ende September 1941 innerhalb weniger Tage fast 34.000 Jüdinnen und Juden aus Kiew ermordet.
Die Verantwortung der Wehrmacht als Institution bedeutet nicht automatisch, dass jeder einzelne Wehrmachtsangehörige dieselben Taten beging. Die individuelle Schuld muss jeweils anhand konkreter Handlungen untersucht werden. Die institutionelle Beteiligung am Vernichtungskrieg ist davon zu unterscheiden.
Wie wurde der Angriff vorbereitet?
Hitlers Angriffsentscheidung entstand nicht plötzlich im Juni 1941. Bereits in den 1920er-Jahren verband er seine Außenpolitik mit der Eroberung von „Lebensraum“ in Osteuropa. Nach dem Sieg über Frankreich wurden diese ideologischen Ziele in konkrete militärische Planungen übersetzt.
- 1925Hitler formuliert die Eroberung von „Lebensraum“ im Osten als politisches Ziel.
- 31. Juli 1940Hitler erklärt führenden Generälen seinen Entschluss zum Angriff auf die Sowjetunion.
- 18. Dezember 1940Weisung Nr. 21 befiehlt die Vorbereitung unter dem Namen „Fall Barbarossa“.
- Frühjahr 1941Militärische, wirtschaftliche und verbrecherische Sonderbefehle werden aufeinander abgestimmt.
- 22. Juni 1941Der Angriff auf die Sowjetunion beginnt.
Die Wehrmacht war nicht nur ein Werkzeug, das einen fertigen Plan ausführte. Militärische Stellen entwickelten seit dem Sommer 1940 eigene Studien, verlegten Truppen und bereiteten Verkehrs- und Versorgungswege vor. Einzelne Generäle äußerten Zweifel am Zeitpunkt oder am strategischen Nutzen. Ein grundsätzlicher Widerstand der militärischen Führung gegen den Angriffs- und Vernichtungskrieg ist jedoch nicht belegt.
Historikerinnen und Historiker gewichten die Rollen unterschiedlich. Weitgehend unstrittig ist: Hitler setzte die zentralen ideologischen Ziele und traf die Angriffsentscheidung. Zugleich beteiligten sich militärische Führungsstellen mit eigenen Initiativen an Planung, Vorbereitung und Umsetzung.
Die Bezeichnungen wechselten während der Planung. Zunächst wurden Namen wie „Otto“ verwendet. Die Weisung Nr. 21 nannte den Plan „Fall Barbarossa“; später setzte sich „Unternehmen Barbarossa“ durch. Der Name bezog sich auf Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Warum gerade dieser Name gewählt wurde, lässt sich aus den überlieferten Angaben nicht abschließend erklären.
Warum scheiterte der schnelle Sieg?
Die Wehrmacht erzielte zunächst große Geländegewinne. Die überraschte Rote Armee verlor zahlreiche Soldaten und große Mengen Material. Große Verbände wurden eingekesselt, und bis Ende 1941 gerieten Millionen sowjetische Soldaten in deutsche Gefangenschaft.
Diese Anfangserfolge täuschten über grundlegende Probleme hinweg:
- Die deutsche Führung unterschätzte die Größe und Widerstandskraft der Roten Armee.
- Die langen Wege überlasteten Straßen, Schienen, Fahrzeuge und Nachschuborganisation.
- Personal- und Materialverluste ließen sich nicht ausreichend ersetzen.
- Der Widerstand sowjetischer Truppen wurde stärker.
- Partisanen und versprengte Soldaten gefährdeten die Versorgungslinien.
- Die Wehrmacht war wegen der Erwartung eines kurzen Feldzugs unzureichend auf den Winter vorbereitet.
Taktischer Erfolg: Ein deutscher Verband gewinnt eine Kesselschlacht, nimmt viele Gefangene und besetzt ein Gebiet.
Strategisches Ergebnis: Die Sowjetunion kämpft weiter, stellt neue Truppen auf und verhindert die Eroberung Moskaus.
Ein einzelner Sieg auf dem Schlachtfeld beweist daher noch nicht, dass das Gesamtziel des Kriegs erreicht wird.
Im Dezember 1941 stoppte der deutsche Angriff vor Moskau. Eine sowjetische Gegenoffensive drängte die deutschen Kräfte zurück. Damit war das Ziel gescheitert, die Sowjetunion in einem kurzen Feldzug niederzuwerfen. Der Krieg und die Massenverbrechen dauerten dennoch bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 an.
Die Blockade Leningrads zeigt die Folgen der weiteren Kriegsführung besonders deutlich. Vom September 1941 bis Januar 1944 wurde die Stadt abgeriegelt. Mehr als eine Million Menschen verhungerten während der Blockade.
Wie beurteilst du historische Darstellungen?
Historische Darstellungen können dieselben Befunde unterschiedlich gewichten. Eine ausführliche Untersuchung beschreibt zahlreiche Planstudien und Abstimmungen. Eine andere Darstellung urteilt, es habe keine überzeugende Gesamtstrategie und keinen darauf abgestimmten Operationsplan gegeben.
Diese Aussagen müssen sich nicht vollständig widersprechen:
- Planungstätigkeit bedeutet, dass Ziele, Kräfte und Bewegungen vorbereitet wurden.
- Strategische Kohärenz bedeutet, dass politische Ziele, militärische Mittel, Versorgung und langfristige Folgen überzeugend zusammenpassen.
Es kann also viele Einzelpläne geben, obwohl die Gesamtstrategie schwerwiegende Lücken besitzt.
Auch die Überlieferung ist unvollständig. Deutsche Stellen vernichteten Akten, Archivbrände zerstörten weitere Bestände, und von kleineren Einheiten sind oft nur wenige Dokumente erhalten. Ein fehlendes Dokument beweist deshalb weder, dass ein Ereignis stattgefunden hat, noch, dass es nicht stattgefunden hat.
Du prüfst die Behauptung: „Die Wehrmacht war an den Verbrechen nicht beteiligt.“
- Suche nach konkreten Handlungen statt nur nach allgemeinen Selbstdarstellungen.
- Prüfe Befehle, Kriegstagebücher und Berichte verschiedener beteiligter Stellen.
- Achte auf logistische Hilfe, Übergaben von Gefangenen und unmittelbare Taten.
- Unterscheide die Verantwortung einer Institution von der Schuld einer bestimmten Person.
Da Befehle, Zusammenarbeit mit Einsatzgruppen und unmittelbare Beteiligungen belegt sind, ist die pauschale Behauptung nicht haltbar.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Unternehmen Barbarossa
- Vorbereitung: NS-Ideologie, Angriffsentscheidung und militärische Planung
- Ziele: Eroberung, Ausbeutung und rassistische Neuordnung
- Gewalt: Sonderbefehle, Hungerpolitik und Massenmord
- Verlauf: Überraschung und schnelle deutsche Anfangserfolge
- Scheitern: Widerstand, Verluste, Nachschubprobleme und Winter
- Urteil: Verantwortung und Quellenlage differenziert prüfen
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