Wiener Kongress: Ziele, Beschlüsse und Folgen
Der Wiener Kongress ordnete Europa nach Napoleons Niederlage neu. Die führenden Mächte wollten weitere Großmachtkriege verhindern, frühere Herrscherhäuser stärken und revolutionäre Bewegungen eindämmen. Dabei mussten sie ihre gegensätzlichen Machtinteressen ausgleichen.
Auf dieser Seite lernst du, die Leitprinzipien des Kongresses zu erklären, sie von den tatsächlichen Interessen der Mächte zu unterscheiden und die Ergebnisse zu beurteilen.
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Warum wurde Europa in Wien neu geordnet?
Die Französische Revolution von 1789 hatte Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und politischer Mitbestimmung verbreitet. Napoleon veränderte danach durch Kriege, Herrschaft und Reformen große Teile Europas. Grenzen wurden verschoben, alte Herrschaften verschwanden und die Zahl der deutschen Staaten sank stark.
Nach Napoleons Sturz im Frühjahr 1814 standen die europäischen Mächte vor zwei Aufgaben: Sie mussten Grenzen neu festlegen und eine politische Ordnung schaffen, die einen weiteren Eroberungskrieg verhindern sollte.
Der Kongress tagte vom 18. September 1814 bis zum 9. Juni 1815. Rund 200 Staaten, Herrschaften, Städte und Körperschaften waren vertreten. Die entscheidenden Verhandlungen führten jedoch vor allem fünf Großmächte:
- Österreich unter der Leitung Metternichs,
- Russland unter Zar Alexander I.,
- Großbritannien mit Castlereagh und später Wellington,
- Preußen mit Hardenberg und Humboldt,
- Frankreich mit Talleyrand.
Frankreich war die besiegte Macht. Talleyrand erreichte trotzdem, dass es wieder gleichberechtigt an den entscheidenden Verhandlungen beteiligt wurde.
Napoleon kehrte im März 1815 aus dem Exil zurück. Der Kongress war zu diesem Zeitpunkt schon seit Monaten versammelt. Seine Schlussakte wurde am 9. Juni unterzeichnet, neun Tage vor Napoleons endgültiger Niederlage bei Waterloo.
Welche Leitprinzipien sollten die Ordnung bestimmen?
Die Beschlüsse werden meist mit vier Leitprinzipien erklärt. Manche Darstellungen führen die Stärkung monarchischer Herrschaft als fünftes Prinzip gesondert auf.
Restauration
Restauration bedeutet Wiederherstellung. Die Fürsten wollten möglichst viel von der politischen Ordnung vor der Französischen Revolution zurückbringen. Eine vollständige Rückkehr zur alten Staatenwelt fand jedoch nicht statt.
Legitimität
Legitimität bezeichnet hier den als rechtmäßig angesehenen Herrschaftsanspruch der alten Dynastien. Nach dieser Vorstellung sollten Herrscherfamilien regieren, die bereits vor der Revolution an der Macht gewesen waren.
Solidarität
Solidarität bedeutete die Zusammenarbeit der Monarchen gegen revolutionäre Bewegungen. Sie wollten sich gegenseitig beim Schutz ihrer Herrschaft unterstützen.
Mächtegleichgewicht
Ein Mächtegleichgewicht liegt vor, wenn kein Staat stark genug ist, die anderen Großmächte dauerhaft zu beherrschen. Ausgeglichene Macht sollte neue Eroberungskriege erschweren.
Die Prinzipien waren politische Leitvorstellungen, aber kein fester Rechenplan. Sobald konkrete Gebiete verteilt wurden, stießen sie auf die Eigeninteressen der Mächte.
Restauration bedeutete deshalb nicht, jede Veränderung seit 1789 rückgängig zu machen. Die Säkularisation kirchlicher Herrschaften, die Eingliederung kleiner Territorien in größere Staaten und viele napoleonische Grenzverschiebungen blieben bestehen.
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Die Wiederherstellung alter Herrschaft heißt . Der Anspruch alter Dynastien wird als bezeichnet. Gemeinsames Vorgehen der Monarchen gegen Revolutionen heißt . Keine Großmacht sollte Europa beherrschen; dafür sollte das sorgen.
Wie führte ein Machtkonflikt zum Kompromiss?
Der Streit um Polen und Sachsen zeigt besonders deutlich, wie Grundsätze und Machtinteressen zusammenwirkten.
Ausgangslage: Russland wollte den größten Teil des Herzogtums Warschau beherrschen. Preußen unterstützte Russland und verlangte dafür ganz Sachsen.
Gefahr: Russland wäre in Osteuropa und Preußen in Mitteleuropa erheblich stärker geworden. Österreich und Großbritannien sahen dadurch das Mächtegleichgewicht bedroht. Frankreich schloss sich ihnen an.
Druckmittel: Österreich, Großbritannien und Frankreich vereinbarten am 3. Januar 1815 ein geheimes Bündnis gegen Russland und Preußen. Zeitweise drohte ein neuer Krieg.
Kompromiss: Russland erhielt den größten Teil des Herzogtums Warschau als Kongresspolen. Preußen bekam nur einen Teil Sachsens und zusätzlich bedeutende Gebiete im Westen.
Entscheidender Gedanke: Der Kompromiss erfüllte die Forderungen Russlands und Preußens nur teilweise. Gerade diese Begrenzung sollte eine übermächtige russisch-preußische Verbindung verhindern.
Der Konflikt zeigt außerdem, wie Frankreich seine Stellung verbesserte: Die anderen Mächte benötigten es als Gegengewicht. Aus einem besiegten Gegner wurde wieder ein Partner im europäischen Mächtekonzert.
Was änderte sich in Europa und Deutschland?
Die Mächte schufen keine völlig neue Landkarte. Sie verbanden Rückgaben, Gebietsgewinne und Zusammenschlüsse zu einer Sicherheitsordnung.
Wichtige Ergebnisse waren:
- Russland erhielt den größten Teil des Herzogtums Warschau als Kongresspolen.
- Preußen gewann einen Teil Sachsens sowie große Gebiete am Rhein und in Westfalen. Die Westgebiete stärkten Preußens Rolle in Deutschland und sollten zugleich gegen einen neuen französischen Angriff schützen.
- Österreich stärkte seine Stellung besonders in Norditalien und Südosteuropa.
- Das Vereinigte Königreich der Niederlande und ein vergrößertes Piemont-Sardinien sollten Frankreich an seiner Ostgrenze einhegen.
- Die Unabhängigkeit und die immerwährende bewaffnete Neutralität der Schweiz wurden international anerkannt.
- Frankreich blieb trotz seiner Niederlage eine europäische Großmacht.
Der Deutsche Bund statt eines Nationalstaats
Das 1806 aufgelöste Heilige Römische Reich wurde nicht wiederhergestellt. Die Deutsche Bundesakte vom 8. Juni 1815 schuf stattdessen den Deutschen Bund.
Deutscher Bund
Der Deutsche Bund war ein lockerer Zusammenschluss souveräner deutscher Staaten und freier Städte. Er sollte die innere und äußere Sicherheit Deutschlands schützen, war aber kein deutscher Nationalstaat.
Der Bund besaß keine starke Zentralregierung und kein gemeinsames Staatsoberhaupt. Seine ständige Versammlung, der Bundestag, tagte in Frankfurt. Österreich führte den Vorsitz. Die einzelnen Staaten behielten ihre Souveränität.
Damit blieben zwei Fragen ungelöst:
- Wie konnten Forderungen nach deutscher nationaler Einheit erfüllt werden?
- Sollte Österreich oder Preußen die führende Macht in Deutschland sein?
8. Juni 1815: Deutsche Bundesakte. 9. Juni 1815: Unterzeichnung der Wiener Kongressakte. Die beiden Daten bezeichnen unterschiedliche Vorgänge.
Wie ist die Wiener Ordnung zu beurteilen?
Die Wiener Ordnung verfolgte zwei Ziele, die du getrennt beurteilen solltest: Frieden zwischen Staaten und Sicherung monarchischer Herrschaft im Inneren.
Friedenssicherung zwischen den Mächten
Das Mächtegleichgewicht und die Wiedereingliederung Frankreichs halfen, Konflikte diplomatisch auszuhandeln. Bis zum Krimkrieg in den frühen 1850er Jahren kam es zu keinem Krieg zwischen den europäischen Großmächten. Regionale Kriege, Aufstände und Revolutionen fanden trotzdem statt.
Die Ordnung war also keine allgemeine Friedensgarantie. Sie stabilisierte vor allem die Beziehungen der Großmächte für mehrere Jahrzehnte.
Restauration gegen Freiheit und Nation
Innenpolitisch stärkten die Ergebnisse Fürsten und alte Dynastien. Forderungen nach Verfassungen, Grundrechten, politischer Beteiligung und nationaler Einheit blieben weitgehend unerfüllt.
Die Heilige Allianz von Österreich, Preußen und Russland entstand im September 1815. Sie war kein offizieller Beschluss des Kongresses, stand aber eng mit seiner monarchischen Ordnung in Verbindung. Spätere Maßnahmen wie Zensur, Überwachung und politische Verfolgung sollten liberale und nationale Bewegungen eindämmen.
Das gelang nicht dauerhaft. Revolutionen und nationale Bewegungen stellten die Wiener Ordnung wiederholt infrage. In Deutschland führten die Spannungen über den Vormärz zur Revolution von 1848/49; später endete der Deutsche Bund im Konflikt zwischen Österreich und Preußen.
Ein begründetes Urteil darf deshalb zweigeteilt ausfallen: Die Wiener Ordnung war vergleichsweise erfolgreich beim zeitweiligen Ausgleich der Großmächte. Zugleich schützte sie monarchische Herrschaft und blockierte viele Forderungen nach Freiheit, Mitbestimmung und nationaler Einheit.
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Alles auf einen Blick
- Wiener Kongress 1814/15
- Ausgangslage: Napoleons Sturz und veränderte Grenzen
- Leitprinzipien: Restauration, Legitimität, Solidarität und Mächtegleichgewicht
- Verhandlung: Machtinteressen führten zu Bündnissen und Kompromissen
- Europa: Gebietsverschiebungen, Pufferstaaten und fünf Großmächte
- Deutschland: Deutscher Bund statt Nationalstaat
- Wirkung: Großmächteausgleich, aber Widerstand gegen Freiheit und nationale Einheit
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