Ametrische Musik: Rhythmus ohne regelmäßiges Metrum
Ametrische Musik besitzt keine regelmäßig wiederkehrende metrische Ordnung. Du hörst also keinen stabilen Grundschlag oder kein verlässlich wiederkehrendes Betonungsmuster. Trotzdem kann die Musik zeitlich gegliedert sein und einen deutlich wahrnehmbaren Rhythmus haben.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Rhythmus und Metrum sind nicht dasselbe
Eine Folge aus langen und kurzen Tönen kann rhythmisch klar gestaltet sein, ohne in einen regelmäßigen Takt zu passen. Deshalb bedeutet ametrisch nicht automatisch rhythmuslos.
Rhythmus
Rhythmus ist die bestimmte Folge verschiedener Tondauern. Gleichbleibende Notenwertfolgen können ruhig wirken, stark wechselnde Folgen eher unruhig.
Metrum
Das Metrum ist eine regelmäßig wiederkehrende zeitliche Ordnung. Es zeigt sich durch einen fühlbaren Grundschlag und häufig durch ein wiederkehrendes Muster betonter und unbetonter Schläge.
Ein Takt bündelt diese regelmäßigen Schläge in wiederkehrende Gruppen. Bei einem gleichmäßigen Vierer-Takt kann etwa nach vier Schlägen eine neue Gruppe beginnen.
Rhythmus beschreibt die Abfolge der Tondauern. Metrum beschreibt das regelmäßige zeitliche Raster. Ametrische Musik kann Rhythmus besitzen, obwohl dieses Raster fehlt.
Woran erkennst du Ametrik?
Prüfe beim Hören oder Lesen einer Passage zwei Merkmale:
- Grundschlag: Kannst du über längere Zeit gleichmäßig mitzählen oder mitklopfen?
- Betonungsmuster: Kehren Hervorhebungen in gleich großen Abständen oder Gruppen wieder?
Fehlen beide Merkmale, spricht das für Ametrik. Ist nur eines undeutlich, liegt zunächst ein Grenzfall vor.
Passage A: Die Tondauern wechseln, doch du kannst gleichmäßig 1 – 2 – 3 – 4 zählen. Nach jeweils vier Schlägen wird der erste Schlag betont.
Die Passage ist metrisch gebunden. Ein regelmäßiger Grundschlag und ein wiederkehrendes Betonungsmuster sind vorhanden. Unterschiedliche Tondauern ändern daran nichts.
Passage B: Lange und kurze Töne folgen ohne regelmäßig wiederkehrenden Grundschlag. Auch die Betonungen bilden kein wiederholtes Schema.
Diese Beobachtungen sprechen für eine ametrische Passage.
Warum gibt es Grenzfälle?
Der Begriff ametrisch wird nicht immer gleich verwendet. Eine enge Auffassung verlangt das vollständige Fehlen regelmäßiger zeitlicher Orientierung. Eine weitere Auffassung meint Musik, die nicht in ein vertrautes, regelmäßig geteiltes Taktmodell passt.
Diese beiden Auffassungen führen zu unterschiedlichen Urteilen. Eine Passage kann beispielsweise schwer in einen traditionellen Takt einzuordnen sein und dennoch festgelegte Zeitwerte oder andere zeitliche Modelle besitzen.
Auch Synkopen sind nicht automatisch ametrisch. Bei einer Synkope liegt die Betonung zwischen den erwarteten Zählzeiten. Gerade diese Abweichung setzt voraus, dass ein metrisches Raster als Bezug erkennbar bleibt.
Ebenso lösen Triolen das Metrum nicht auf. Bei einer Triole werden drei gleichartige Notenwerte in der Zeit von zwei solchen Werten gespielt. Die Unterteilung verändert sich, aber der übergeordnete Grundschlag kann bestehen bleiben.
Formuliere bei einem Grenzfall nicht vorschnell „Das Stück ist ametrisch“. Genauer ist: „In dieser Passage konnte ich keinen stabilen Grundschlag und kein wiederkehrendes Betonungsmuster erkennen.“ So trennst du Beobachtung und Urteil.
Wie gehst du mit musikalischen Beispielen um?
Gregorianik, Free Jazz, Grindcore und verschiedene Strömungen der Neuen Musik nach 1945 werden gelegentlich als mögliche Fundbereiche für Ametrik genannt. Diese pauschalen Zuordnungen reichen jedoch nicht als Beleg: Innerhalb eines Bereichs können einzelne Stücke oder Passagen unterschiedlich organisiert sein.
Auch Musik mit indischen oder arabischen Rhythmuseinflüssen darfst du nicht allein wegen ihrer Herkunft als ametrisch bezeichnen. Zeitwerte, Entsprechungen und feste rhythmische Modelle können vorhanden sein, obwohl die Organisation nicht dem vertrauten Taktdenken entspricht.
Olivier Messiaens Orgelzyklus La Nativité du Seigneur wird als Beispiel genannt, bei dem eine traditionelle Takteinteilung nur eingeschränkt funktionieren kann. Daraus folgt nicht, dass der gesamte Zyklus ohne jede zeitliche Ordnung ist.
Ein Genre-, Traditions- oder Werktitel beweist keine Ametrik. Untersuche immer die konkrete Passage und nenne die hörbaren oder notierbaren Merkmale.
So begründest du deine Einordnung
Gehe bei einer Hör- oder Notenanalyse in vier Schritten vor:
- Beschreibe den Rhythmus: Sind die Tondauern gleichmäßig oder stark wechselnd?
- Suche den Grundschlag: Lässt sich über längere Zeit gleichmäßig mitzählen?
- Prüfe die Betonungen: Wiederholt sich ein erkennbares Akzentmuster?
- Formuliere dein Urteil: metrisch gebunden, wahrscheinlich ametrisch oder nicht eindeutig.
Eine Passage beginnt mit stark wechselnden Tondauern. Mehrere Versuche, gleichmäßig mitzuzählen, führen zu keinem stabilen Grundschlag. Die Betonungen erscheinen außerdem in wechselnden Abständen.
Eine passende Begründung lautet: „Die Passage wirkt wahrscheinlich ametrisch, weil weder ein stabiler Grundschlag noch ein wiederkehrendes Betonungsmuster erkennbar ist.“
Die Begründung ist besser als „Die Passage klingt chaotisch“, denn sie nennt überprüfbare Merkmale.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Beim Untersuchen einer Passage beschreibe ich zuerst den . Danach prüfe ich einen regelmäßigen und ein wiederkehrendes . Fehlen beide über die untersuchte Passage hinweg, spricht das für .
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Ametrische Musik
- besitzt Rhythmus
- hat keinen stabilen Grundschlag
- hat kein wiederkehrendes Betonungsmuster
- wird an konkreten Passagen untersucht
- ist nicht mit Synkope oder Triole gleichzusetzen
- verlangt bei Grenzfällen ein vorsichtiges Urteil
Abschluss-Check
Du kannst eine Passage sicher beurteilen, wenn du Rhythmus beschreibst, Grundschlag und Betonungsmuster prüfst und dein Urteil mit diesen Beobachtungen begründest.
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