Atonalität einfach erklärt: Merkmale und Hören
Atonalität bezeichnet Musik, die nicht durch ein stabiles tonales Zentrum und die traditionellen Funktionen der Dur-Moll-Tonalität organisiert ist. Das bedeutet nicht, dass sie ohne Ordnung, Melodie oder Ausdruck wäre: Andere Beziehungen zwischen Tönen und Klängen können den Zusammenhang herstellen.
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Vom Grundton zur Atonalität
In tonaler Musik beziehen sich Melodien und Akkorde auf eine Tonart. Ein Ton oder Akkord wirkt als tonales Zentrum: Er vermittelt häufig Ruhe, Ziel oder Abschluss.
Tonales Zentrum
Ein tonales Zentrum ist der Ton oder Akkord, auf den andere Klänge hörbar bezogen sind. In der Dur-Moll-Tonalität übernimmt meist die Tonika diese Rolle.
Akkorde besitzen dabei bestimmte Funktionen. Die Tonika bildet das Zentrum, die Dominante erzeugt eine starke Spannung zur Tonika, und die Subdominante führt häufig vom Zentrum weg.
Atonale Musik verzichtet auf dieses traditionelle Bezugssystem. Ihre Klänge müssen deshalb nicht auf eine Tonika hinführen. Bedeutung und Zusammenhang entstehen stattdessen beispielsweise durch Motive, Stimmführung, Intervalle, Rhythmus, Klangfarbe, Dynamik oder Form.
| Traditionell tonale Musik | Atonale Musik |
|---|---|
| stabiles tonales Zentrum | kein angestrebtes stabiles tonales Zentrum |
| Akkorde mit Funktionen wie Tonika und Dominante | Klänge ohne festgelegte tonale Funktion |
| Spannung verlangt häufig eine bestimmte Auflösung | Spannungen können ohne traditionelle Auflösung bestehen bleiben |
| Form kann durch Tonarten und Kadenzen gegliedert werden | andere Merkmale übernehmen die Gliederung |
Atonal bedeutet ohne traditionelles tonales Zentrum, nicht ohne Töne, Beziehungen oder musikalische Ordnung.
Was Klänge in atonaler Musik verbindet
Wenn Akkorde nicht mehr als Tonika, Dominante oder Subdominante funktionieren, verschwinden musikalische Beziehungen nicht. Sie verändern sich.
Eine Linie kann etwa ein kurzes Motiv wiederholen und abwandeln. Mehrere Stimmen können durch ihre Bewegungsrichtungen zusammengehören. Auch ähnliche Intervalle, wiederkehrende Rhythmen, wechselnde Klangfarben oder deutliche Kontraste können einen Abschnitt formen.
Emanzipation der Dissonanz
Die Emanzipation der Dissonanz bezeichnet die Aufhebung der traditionellen Pflicht, einen dissonanten Klang in eine Konsonanz aufzulösen. Dissonanzen dürfen als eigenständige Klänge bestehen und weitergeführt werden.
Der Ausdruck ist mit Arnold Schönbergs Harmonielehre von 1911 verbunden. Konsonanz und Dissonanz werden dabei nicht mehr als grundsätzlich gegensätzliche Klangarten behandelt. Intervalle können verschiedene Abstufungen von Spannung besitzen, ohne dass daraus immer eine vorgeschriebene Auflösung folgt.
Das heißt nicht, dass alle Klänge gleich klingen. Eine kleine Sekunde wirkt anders als eine Quinte. Gleichwertigkeit meint hier: Keine Intervallart ist allein aufgrund der traditionellen Tonalität grundsätzlich vom musikalischen Aufbau ausgeschlossen.
Auch Quartenakkorde, also aus übereinandergeschichteten Quarten gebildete Klänge, können ein eindeutiges Dur- oder Mollzentrum abschwächen. Sie sind jedoch kein sicherer Beweis für Atonalität; entscheidend bleibt ihre Verwendung im ganzen Zusammenhang.
Stell dir eine Passage mit drei Beobachtungen vor:
- Ein kurzes, kantiges Motiv kehrt in verschiedenen Instrumenten wieder.
- Dissonante Klänge werden weitergeführt, ohne sich in einen Dur- oder Mollakkord aufzulösen.
- Kein Ton erscheint dauerhaft als Ziel oder Ruhepunkt.
Die Passage erhält durch das wiederkehrende Motiv einen Zusammenhang. Die fehlende tonale Auflösung und das ausbleibende Zentrum sprechen zugleich für eine atonale Organisation. Das Beispiel zeigt: Zusammenhang und Tonalität sind nicht dasselbe.
Wie sich die freie Atonalität entwickelte
Der Übergang zur Atonalität geschah nicht plötzlich. Spätromantische Chromatik, mehrdeutige Akkorde sowie Passagen mit mehreren tonalen Zentren lockerten die Dur-Moll-Tonalität bereits vor dem frühen 20. Jahrhundert.
Im engeren historischen Sinn bezeichnet freie Atonalität besonders Werke, die ungefähr zwischen 1907 und 1921 im Umfeld von Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern entstanden. Diese drei Komponisten werden der Zweiten Wiener Schule zugerechnet.
Der Begriff „atonal“ war zunächst auch ein abwertendes Schlagwort. Schönberg, Berg und Webern lehnten ihn ab, weil er wie „ohne Töne“ oder pauschal wie „Missklang“ verstanden werden konnte. Sie betrachteten ihre Musik nicht als Ende aller Ordnung, sondern als Weiterentwicklung musikalischer Beziehungen.
Mit der traditionellen Tonalität entfiel zunächst ein wichtiges Mittel zur Gliederung großer Formen. Frühe frei atonale Instrumentalwerke waren deshalb häufig kurz. In Liedern konnte dagegen ein Text den Verlauf zusätzlich ordnen.
Beispiele aus dieser Entwicklung sind Schönbergs Drei Klavierstücke op. 11 von 1909, Weberns Fünf Sätze für Streichquartett op. 5 von 1909 und Bergs Streichquartett op. 3 von 1910.
Epochenangaben dienen der Orientierung. Nicht jedes Werk aus dieser Zeit ist atonal, und nicht jede atonale Musik gehört zur Zweiten Wiener Schule.
Warum Zwölftontechnik nicht dasselbe ist
Die freie Atonalität schreibt kein einheitliches Verfahren zur Auswahl aller Töne vor. Schönberg suchte später nach einem stärker festgelegten Ordnungsprinzip und entwickelte die Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen.
Zwölftontechnik
Bei der Zwölftontechnik bildet eine geordnete Reihe der zwölf Halbtöne das grundlegende Tonmaterial eines Werks. Sie regelt Beziehungen zwischen den Tönen, ohne die traditionellen Funktionen von Tonika und Dominante vorauszusetzen.
Schönberg verwendete diese Methode ab 1923 unter anderem in Teilen seiner Fünf Klavierstücke op. 23 und in den meisten Sätzen der Suite für Klavier op. 25.
Die Zwölftontechnik kann die zwölf Halbtöne weitgehend gleichmäßig verteilen. Sie garantiert aber nicht automatisch einen atonalen Höreindruck. Je nach Aufbau der Reihe und Verbindung der Töne können auch tonal wirkende Bereiche entstehen.
Zwei Passagen verzichten auf eine hörbare Tonika:
- Passage A ordnet ihre Töne frei durch Motive, Intervalle und Stimmführung.
- Passage B verwendet eine festgelegte Zwölftonreihe.
Beide Passagen können atonal wirken. Nur Passage B ist jedoch zwölftönig. Deshalb gilt: Zwölftonmusik kann atonal sein, aber Atonalität muss nicht zwölftönig sein.
Atonale Musik aufmerksam hören und untersuchen
Du musst beim Hören nicht sofort entscheiden, ob ein Werk „atonal“ ist. Sammle zuerst Beobachtungen. Eine einzelne Dissonanz, ein Quartenakkord oder eine chromatische Linie reicht für eine sichere Einordnung nicht aus.
Gehe in fünf Schritten vor:
- Suche nach einem Zentrum. Kehrt ein Ton oder Akkord als deutliches Ziel zurück?
- Beobachte Spannungen. Werden Klänge wie Dominante und Tonika aufgelöst, oder verlaufen sie anders?
- Verfolge Wiederholungen. Erkennst du Motive, Rhythmen oder charakteristische Intervalle?
- Achte auf Klang und Form. Welche Veränderungen von Klangfarbe, Dynamik, Dichte oder Instrumentation gliedern die Passage?
- Formuliere ein begründetes Urteil. Nenne mehrere Beobachtungen und kennzeichne Unsicherheit, wenn die Merkmale nicht eindeutig sind.
Eine Hörerin notiert: „Ich erkenne kein dauerhaftes Zentrum. Ein Dreitonmotiv wandert durch mehrere Instrumente. Die Abschnitte unterscheiden sich vor allem durch Lautstärke und Klangdichte.“
Eine passende Auswertung lautet: „Die Passage wirkt wahrscheinlich atonal, weil kein stabiles tonales Zentrum erkennbar ist. Ihr Zusammenhang entsteht durch das wiederkehrende Motiv sowie Veränderungen von Dynamik und Dichte.“
Ungeeignet wäre: „Die Musik ist atonal, weil sie unangenehm klingt.“ Das ist ein persönliches Geschmacksurteil und kein musikalisches Merkmal.
Wiederholtes Hören kann helfen, Motive und Formabschnitte vertrauter zu machen. Das ist eine Hörstrategie, keine Erfolgsgarantie. Es ist ebenso legitim, wenn dir ein Werk nach mehreren Versuchen nicht gefällt.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Atonalität
- kein traditionelles tonales Zentrum
- andere Beziehungen schaffen Zusammenhang
- Dissonanzen benötigen keine traditionelle Auflösung
- freie Atonalität ist nicht automatisch Zwölftonmusik
- Entwicklung im Umfeld der Zweiten Wiener Schule
- begründetes Hören verbindet mehrere Merkmale
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