In deiner Klasse stimmt ihr vielleicht darüber ab, wohin der nächste Ausflug gehen soll. Wenn 60 Prozent ins Museum wollen und 40 Prozent in den Kletterpark, wirkt es fair, wenn beide Gruppen im Ergebnis sichtbar bleiben. Bei politischen Wahlen geht es ähnlich darum, Stimmen in Sitze zu übersetzen. Genau dabei hilft dir die Verhältniswahl.
- Du verstehst, was Verhältniswahl bedeutet.
- Du kannst erklären, wie Stimmenanteile zu Sitzanteilen werden.
- Du erkennst den Unterschied zur Mehrheitswahl.
- Du weißt, warum Sperrklauseln die Sitzverteilung verändern können.
- Du kannst die Bundestagswahl grob als personalisierte Verhältniswahl einordnen.
Die Grundidee der Verhältniswahl
Stell dir ein Schülerparlament mit 10 Sitzen vor. Drei Gruppen treten an: Liste A, Liste B und Liste C. Nach der Wahl soll nicht nur die stärkste Gruppe alles bekommen. Stattdessen soll jede Gruppe ungefähr so viele Sitze bekommen, wie ihr Stimmenanteil groß ist.
Eine Verhältniswahl ist ein Wahlsystem, bei dem Parteien oder Listen Sitze möglichst nach ihrem Anteil an den Stimmen bekommen.
Ein Wahlsystem ist die Regel, nach der Stimmen in politische Ämter oder Parlamentssitze umgerechnet werden.
Bei einer Verhältniswahl zählt also nicht nur, wer vorne liegt. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen den Stimmen der verschiedenen Parteien. Wenn eine Partei ungefähr ein Drittel der Stimmen bekommt, soll sie auch ungefähr ein Drittel der Sitze bekommen.
Ein Parlament hat 100 Sitze.
Partei A bekommt 50 Prozent der Stimmen. Sie erhält ungefähr 50 Sitze.
Partei B bekommt 30 Prozent der Stimmen. Sie erhält ungefähr 30 Sitze.
Partei C bekommt 20 Prozent der Stimmen. Sie erhält ungefähr 20 Sitze.
Das Parlament bildet dadurch die Stimmenanteile der Wahl ungefähr ab.
Bei der Verhältniswahl gilt als Grundidee: Der Sitzanteil soll zum Stimmenanteil passen.
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Stimmenanteil und Sitzverteilung
Damit du Verhältniswahl wirklich verstehst, brauchst du zwei Begriffe. Der Stimmenanteil sagt, wie groß der Anteil einer Partei an allen gültigen Stimmen ist. Die Sitzverteilung sagt, wie viele Plätze die Parteien im Parlament bekommen.
Ein Stimmenanteil ist der Prozentanteil der Stimmen, den eine Partei oder Liste bei einer Wahl erhält.
Eine Sitzverteilung ist das Ergebnis der Umrechnung von Stimmen in Parlamentssitze.
Warum muss man überhaupt rechnen? Sitze sind ganze Plätze. Es gibt keinen halben Abgeordneten. Wenn ein Parlament 10 Sitze hat und eine Partei 33 Prozent bekommt, wären das rechnerisch 3,3 Sitze. Daraus muss ein Verfahren ganze Sitze machen.
Ein Parlament hat 10 Sitze.
Partei Rot bekommt 40 Prozent der Stimmen. Das passt zu 4 Sitzen.
Partei Blau bekommt 35 Prozent der Stimmen. Das passt ungefähr zu 3 oder 4 Sitzen.
Partei Grün bekommt 25 Prozent der Stimmen. Das passt ungefähr zu 2 oder 3 Sitzen.
Weil Sitze ganze Zahlen sein müssen, braucht man Regeln zum Runden und Verteilen.
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In echten Wahlen gibt es feste Rechenverfahren. Sie sorgen dafür, dass die Sitze nach klaren Regeln verteilt werden. In Deutschland wird für Bundestagssitze ein Verfahren aus der Gruppe Sainte-Laguë/Schepers verwendet.
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Listen und Parteien
Bei vielen Verhältniswahlen wählst du nicht direkt nur eine einzelne Person, sondern eine Partei oder eine Liste. Eine Partei ist eine politische Gruppe mit gemeinsamen Zielen. Eine Liste ist eine geordnete Zusammenstellung von Kandidatinnen und Kandidaten.
Eine Partei ist eine Gruppe von Menschen, die ähnliche politische Ziele verfolgt und bei Wahlen antritt.
Eine Liste ist eine Reihenfolge von Personen, die für eine Partei oder Gruppe ins Parlament einziehen können.
Die Liste ist wichtig, weil eine Partei nach der Wahl wissen muss, welche Personen ihre gewonnenen Sitze besetzen. Bei einer starren Liste können Wählerinnen und Wähler die Reihenfolge nicht verändern. Dann entscheidet die vorher festgelegte Reihenfolge darüber, wer zuerst einen Sitz bekommt.
Partei Sonne hat eine Liste mit fünf Personen:
- Lara
- Mehmet
- Jana
- Tom
- Aylin
Wenn Partei Sonne 3 Sitze bekommt, ziehen Lara, Mehmet und Jana ein. Tom und Aylin bleiben zunächst draußen.
Die Verhältniswahl entscheidet zuerst oft darüber, wie viele Sitze eine Partei bekommt. Die Liste hilft danach, diese Sitze mit Personen zu besetzen.
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Unterschied zur Mehrheitswahl
Jetzt hilft der Vergleich. Bei einer Mehrheitswahl gewinnt meist die Person oder Partei, die in einem Wahlkreis die meisten Stimmen hat. Ein Wahlkreis ist ein abgegrenztes Gebiet, in dem gewählt wird.
Eine Mehrheitswahl ist ein Wahlsystem, bei dem in einem Wahlkreis vor allem zählt, wer die meisten Stimmen bekommt.
Ein Wahlkreis ist ein bestimmtes Wahlgebiet, zum Beispiel ein Teil einer Stadt oder einer Region.
Bei der Mehrheitswahl kann eine Stimme für eine unterlegene Person weniger Einfluss auf die Zusammensetzung des Parlaments haben. Bei der Verhältniswahl sollen dagegen möglichst viele Stimmen in der Sitzverteilung sichtbar werden. Deshalb haben kleinere Parteien bei Verhältniswahl eher Chancen auf Sitze.
In einem Wahlkreis treten drei Personen an.
Person A bekommt 45 Prozent. Person B bekommt 35 Prozent. Person C bekommt 20 Prozent.
Bei einer einfachen Mehrheitswahl gewinnt Person A den Wahlkreis. Die Stimmen für B und C führen dort nicht zu einem Sitz.
Bei einer Verhältniswahl über viele Sitze könnten auch Gruppen mit 35 Prozent oder 20 Prozent Sitze bekommen.
Mehrheitswahl fragt oft: Wer gewinnt im Gebiet? Verhältniswahl fragt: Wie groß sind die Anteile insgesamt?
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Sperrklausel und Fünfprozenthürde
Eine Verhältniswahl kann sehr viele Parteien ins Parlament bringen. Das klingt zuerst besonders genau. Es kann aber auch schwieriger machen, stabile Mehrheiten zu bilden. Deshalb gibt es manchmal eine Sperrklausel.
Eine Sperrklausel ist eine Mindestgrenze bei einer Wahl. Eine Partei muss diese Grenze erreichen, damit ihre Stimmen bei der Sitzverteilung berücksichtigt werden.
Die Fünfprozenthürde ist eine Sperrklausel von 5 Prozent.
Die Sperrklausel verändert die reine Verhältniswahl. Eine Partei kann Stimmen bekommen und trotzdem keine Sitze erhalten, wenn sie unter der Grenze bleibt. Das soll verhindern, dass zu viele sehr kleine Parteien ins Parlament kommen. Gleichzeitig ist es ein Nachteil für Wählerinnen und Wähler kleiner Parteien, weil ihre Stimmen dann nicht zu Sitzen führen.
Ein Parlament verteilt Sitze nur an Parteien mit mindestens 5 Prozent.
Partei A bekommt 40 Prozent und kommt hinein. Partei B bekommt 28 Prozent und kommt hinein. Partei C bekommt 7 Prozent und kommt hinein. Partei D bekommt 4 Prozent und kommt nicht hinein.
Obwohl Partei D Stimmen erhalten hat, bekommt sie wegen der Sperrklausel keine Sitze.
Eine Sperrklausel hat zwei Seiten. Sie kann die Regierungsbildung erleichtern. Sie kann aber auch dazu führen, dass Stimmen für kleine Parteien nicht in Sitze umgewandelt werden.
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Verhältniswahl in Deutschland
Bei Bundestagswahlen in Deutschland gibt es keine ganz einfache reine Verhältniswahl. Das System verbindet Verhältniswahl mit Elementen der Personenwahl. Deshalb spricht man von personalisierter Verhältniswahl.
Die personalisierte Verhältniswahl verbindet die Sitzverteilung nach Stimmenanteilen mit der Wahl von Personen in Wahlkreisen.
Bei der Bundestagswahl hast du zwei Stimmen. Die Erststimme bezieht sich auf eine Person im Wahlkreis. Die Zweitstimme bezieht sich auf eine Partei und ist besonders wichtig für die Verteilung der Sitze. Seit der Wahlrechtsänderung für die Bundestagswahl 2025 hat der Bundestag grundsätzlich 630 Sitze. Direkt gewählte Personen erhalten ihren Sitz nur, wenn er durch das Zweitstimmenergebnis gedeckt ist.
Die Erststimme ist die Stimme für eine Person im Wahlkreis.
Die Zweitstimme ist die Stimme für eine Partei. Sie ist bei der Bundestagswahl entscheidend für die Sitzverteilung.
Du gibst deine Erststimme einer Kandidatin in deinem Wahlkreis.
Mit deiner Zweitstimme wählst du Partei Blau.
Für die Zahl der Sitze von Partei Blau im Bundestag ist vor allem die Zweitstimme wichtig. Sie bestimmt, wie viele Sitze Partei Blau insgesamt ungefähr bekommt.
Bei Bundestagswahlen ist die Zweitstimme die zentrale Verhältniswahl-Stimme. Die Erststimme bringt den Bezug zum Wahlkreis hinein.
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Zusammenfassung
Die Verhältniswahl soll Stimmenanteile möglichst passend in Sitzanteile umwandeln. Dadurch können auch kleinere und mittlere Parteien im Parlament vertreten sein. Das Parlament zeigt dann eher, wie die Stimmen insgesamt verteilt waren.
Wichtige Begriffe hängen zusammen: Der Stimmenanteil kommt aus dem Wahlergebnis. Die Sitzverteilung macht daraus Plätze im Parlament. Listen helfen dabei, die gewonnenen Sitze mit Personen zu besetzen.
Die Mehrheitswahl fragt stärker danach, wer in einem Wahlkreis gewinnt. Die Verhältniswahl fragt stärker danach, wie groß die Anteile der Parteien insgesamt sind. Sperrklauseln wie die Fünfprozenthürde können diese Logik begrenzen.
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