Wahlsysteme: Mehrheitswahl und Verhältniswahl
Wahlsysteme bestimmen, wie Stimmen in Mandate, also Parlamentssitze, übersetzt werden. Bei der Mehrheitswahl entscheidet vor allem der Sieg im Wahlkreis. Bei der Verhältniswahl zählt vor allem der Stimmenanteil einer Partei. Mischsysteme verbinden Elemente beider Grundtypen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Woran unterscheiden sich Wahlsysteme?
Stell dir vor, eine Partei erhält viele Stimmen, gewinnt aber nur wenige Wahlkreise. Soll sie trotzdem entsprechend ihrem gesamten Stimmenanteil Sitze bekommen? Die Antwort hängt vom Wahlsystem ab.
Mehrheitswahl
Bei der Mehrheitswahl gewinnt in einem Wahlkreis eine Person das Mandat. Bei der relativen Mehrheitswahl genügen mehr Stimmen als für jede andere Person. Bei der absoluten Mehrheitswahl ist mehr als die Hälfte der Stimmen nötig.
Stimmen für unterlegene Kandidatinnen und Kandidaten führen in diesem Wahlkreis nicht zu einem Mandat. Deshalb kann eine Partei landesweit viele Stimmen erhalten und trotzdem nur wenige Sitze gewinnen.
Verhältniswahl
Bei der Verhältniswahl richtet sich die Zahl der Sitze einer Partei nach ihrem Anteil an den Parteistimmen. Die Sitze werden anschließend mit Kandidatinnen und Kandidaten aus Parteilisten besetzt.
Bei einer starren Liste können die Wählenden die von der Partei festgelegte Reihenfolge nicht verändern.
Mehrheitswahl fragt vor allem: Wer gewinnt den Wahlkreis? Verhältniswahl fragt vor allem: Wie groß ist der Stimmenanteil jeder Partei?
Wie können dieselben Stimmen anders wirken?
Im folgenden vereinfachten Beispiel gibt es vier Wahlkreise. Jeder Wahlkreis vergibt bei Mehrheitswahl genau einen Sitz. Partei A und Partei B stellen jeweils eine Person auf.
| Wahlkreis | Stimmen für A | Stimmen für B | Wahlkreissieg |
|---|---|---|---|
| 1 | 51 | 49 | A |
| 2 | 51 | 49 | A |
| 3 | 51 | 49 | A |
| 4 | 0 | 100 | B |
| Gesamt | 153 | 247 | — |
Auswertung als Mehrheitswahl: A gewinnt drei Wahlkreise und damit drei der vier Sitze. B gewinnt einen Wahlkreis und erhält einen Sitz.
Auswertung nach der Verhältnisidee: Zuerst werden alle Stimmen zusammengezählt. Von 400 Stimmen erhält A 153 Stimmen, also 38,25 %. B erhält 247 Stimmen, also 61,75 %. Deshalb müsste B bei einer proportionalen Sitzverteilung den größeren Sitzanteil erhalten.
Die genaue Zahl ganzer Sitze hängt zusätzlich von der Zahl der verfügbaren Sitze und dem verwendeten Berechnungsverfahren ab. Die Grundentscheidung bleibt jedoch sichtbar: Die Mehrheitswahl belohnt gewonnene Wahlkreise, die Verhältniswahl berücksichtigt die gesamten Parteistimmen.
Das Beispiel ist bewusst zugespitzt. Es zeigt nicht, welches System immer „besser“ ist, sondern wie die Übersetzungsregel das Ergebnis verändert.
Nach welchen Zielen lassen sich Systeme vergleichen?
Ein Wahlsystem muss mehrere Ziele miteinander verbinden. Diese Ziele können sich gegenseitig begrenzen.
| Ziel | Mehrheitswahl | Verhältniswahl |
|---|---|---|
| Abbildung der Parteistimmen | Stimmenanteil und Sitzanteil können stark voneinander abweichen. | Stimmen- und Sitzanteile sollen einander möglichst entsprechen. |
| Regionale Bindung | Ein Wahlkreis ist meist unmittelbar mit einer gewählten Person verbunden. | Die Sitzverteilung richtet sich vor allem nach Parteistimmen und Listen. |
| Chancen kleiner Parteien | Stimmen ohne Wahlkreissieg führen häufig zu keinem Sitz. | Kleinere Parteien können grundsätzlich leichter Sitze erhalten. |
| Mehrheitsbildung | Kann klare Parlamentsmehrheiten begünstigen. | Kann Koalitionen zwischen mehreren Parteien erforderlich machen. |
Diese Folgen sind Tendenzen, keine Naturgesetze. Aus einem Wahlsystem allein lässt sich nicht sicher ableiten, ob eine Regierung stabil sein wird.
Wahlsysteme lösen den Zielkonflikt zwischen genauer Repräsentation, regionaler Bindung und Mehrheitsbildung nicht vollständig. Sie gewichten diese Ziele unterschiedlich.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Wahlsysteme
- Mehrheitswahl: Wahlkreissieg entscheidet
- Verhältniswahl: Parteistimmen bestimmen Sitzanteile
- Mischsystem: verbindet Personen- und Listenelemente
- Bundestagswahl: Erststimme und maßgebliche Zweitstimme
- Vergleich: Repräsentation, regionale Bindung, Mehrheitsbildung
Abschluss-Check
Prüfe zum Schluss deine Erklärung: Kannst du für ein neues Wahlergebnis zuerst die Wahlkreissiege und dann die Gesamtstimmen vergleichen? Wenn du daraus unterschiedliche Sitzwirkungen und den zugrunde liegenden Zielkonflikt erklären kannst, hast du das Kernziel erreicht.
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