Alevitentum: Glaube, Werte und Rituale
Das Alevitentum ist eine religiöse Tradition, die vor allem in Anatolien entstanden ist. Im Mittelpunkt stehen die Beziehung zum Göttlichen, verantwortliches Handeln und ein friedliches Zusammenleben. Beim Cem verbinden sich Gebet, Musik, gemeinschaftliche Beratung und der Semah.
Ob das Alevitentum zum Islam gehört, wird unterschiedlich beantwortet. Deshalb ist es wichtig, verschiedene alevitische Selbstverständnisse sichtbar zu machen, statt der gesamten Gemeinschaft nur eine Einordnung zuzuschreiben.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Hak verbindet Gottesbild und Verantwortung
Viele Alevitinnen und Aleviten bezeichnen Gott oder das Göttliche als Hak. Das Wort kann auch „Wahrheit“ bedeuten. Hak wird nicht nur in der Ferne gesucht, sondern im Menschen, in anderen Lebewesen und in der Natur erkannt.
Hak
Hak bezeichnet im Alevitentum Gott, das Göttliche oder die göttliche Wahrheit. Die Vorstellung betont, dass der Mensch und seine Umwelt mit dem Göttlichen verbunden sind.
Aus diesem Gottesbild folgt eine Verantwortung: Wenn jedem Menschen Würde zukommt und die Natur mit dem Göttlichen verbunden ist, sollen Menschen einander und ihre Umwelt achten. Wiederkehrende Werte sind Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft, Toleranz, Bildung und die Gleichwertigkeit der Geschlechter.
Eine Person wird in der Schule wegen ihrer Herkunft ausgegrenzt. Die alevitische Vorstellung von der Würde jedes Menschen spricht dafür, ihr beizustehen und die Ausgrenzung nicht hinzunehmen. Der Glaube zeigt sich hier im verantwortlichen Handeln.
Das Gottesbild bleibt nicht abstrakt: Die Achtung vor Hak soll in der Achtung vor Menschen, Lebewesen und Natur sichtbar werden.
Die Grundregel lenkt Taten, Beziehungen und Worte
Eine bekannte ethische Maxime lautet „eline, beline, diline sahip ol“. Sie fordert dazu auf, die eigenen Hände, die eigene Sexualität und die eigene Zunge zu beherrschen.
- Hände beherrschen: nicht stehlen, töten oder zerstören; die eigenen Fähigkeiten hilfreich einsetzen.
- Lende beherrschen: Sexualität nicht missbrauchen und anderen dadurch kein Leid zufügen.
- Zunge beherrschen: nicht lügen, verleumden oder mit Worten verletzen.
Die drei Bilder stehen für unterschiedliche Bereiche des Handelns. Gemeinsam fordern sie Selbstkontrolle und Rücksicht auf andere.
In einer Chatgruppe wird ein verletzendes Gerücht verbreitet. Du leitest es nicht weiter und stellst klar, dass die Behauptung unbelegt ist. Damit „beherrschst du deine Zunge“: Auch geschriebene Worte können verletzen.
Im Cem werden Glaube und Gemeinschaft verbunden
Der Cem ist die zentrale gemeinschaftliche religiöse Versammlung. Er findet häufig in einem Cemevi, einem Versammlungshaus, statt. Frauen und Männer nehmen gemeinsam teil und begegnen einander im Kreis.
Ein Cem kann Gebete, religiöse Dichtung, Musik auf der Langhalslaute Bağlama oder Saz, den Semah und ein gemeinsames Mahl umfassen. Je nach Gemeinde und Situation unterscheiden sich Ablauf und Häufigkeit.
Die Versammlung dient außerdem dem Zusammenleben. Konflikte sollen besprochen und möglichst beigelegt werden. Das angestrebte Einvernehmen heißt Rızalık.
Rızalık
Rızalık bedeutet gegenseitiges Einvernehmen. Es entsteht idealerweise, wenn Beteiligte einander anhören, Verantwortung übernehmen und eine gemeinsam tragbare Lösung finden.
Traditionell leitet häufig ein Dede, also ein religiöser Lehrer und Leiter, den Cem. Auch eine Ana, eine religiös kundige Frau, kann diese Aufgabe übernehmen. Die genaue Form der Leitung ist nicht in allen Gemeinden gleich.
Zwei Gemeindemitglieder haben einen ungelösten Streit. Vor der gemeinsamen Feier werden beide Seiten angehört. Eine schnelle Mehrheitsentscheidung reicht nicht aus: Ziel ist eine Lösung, die den Konflikt wirklich bearbeitet und von den Beteiligten angenommen werden kann. Darin zeigt sich Rızalık.
Der Semah ist Gebet in Bewegung
Der Semah ist ein religiöses Bewegungsritual innerhalb des Cem. Frauen und Männer bewegen sich zur Musik gemeinsam im Kreis und drehen sich um die eigene Achse.
Die Kreisbewegungen werden unter anderem mit den Bewegungen im Universum und den Kreisläufen der Natur verbunden. Der Semah drückt so die Beziehung zwischen Mensch, Natur und dem Göttlichen aus.
Der Semah ist nicht bloß eine Tanzvorführung. Im religiösen Zusammenhang ist er Gebet und Bestandteil des Cem.
Musik und religiöse Dichtung vermitteln dabei Glaubensinhalte. Die Bağlama oder Saz begleitet Lieder, Gebete und den Semah. Dadurch werden Überlieferung, gemeinsames Erinnern und religiöses Erleben miteinander verbunden.
Die Einordnung ist innerhalb der Gemeinschaft vielfältig
Das Alevitentum entstand in Anatolien in enger Beziehung zu muslimischen, schiitischen und mystischen Traditionen. Wichtige Bezugspunkte sind Ali, die zwölf Imame, das Gedenken an Hüseyin und mystische Lehren, die mit Hacı Bektaş Veli verbunden werden.
Die heutige Einordnung ist trotzdem nicht einheitlich:
- Manche Alevitinnen und Aleviten verstehen ihre Tradition als Teil des Islam.
- Andere bezeichnen sie als eigenständige islamische Konfession.
- Wieder andere verstehen sie als eigenständige Religion oder als umfassende religiös-kulturelle Tradition.
Keine dieser Positionen darf ohne Einschränkung für alle Alevitinnen und Aleviten ausgegeben werden. Auch die Bedeutung des Korans, die Möglichkeit eines Beitritts und einzelne Formen der Praxis werden unterschiedlich beurteilt.
Viele Alevitinnen und Aleviten praktizieren weder die fünf täglichen Pflichtgebete noch das Ramadanfasten oder die Pilgerfahrt nach Mekka. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine einzige Einordnung: Für manche bleibt das Alevitentum trotz dieser Unterschiede islamisch, für andere gerade deshalb eigenständig.
Warum Geschichte und Politik die Antwort beeinflussen
Alevitische Gemeinschaften wurden im Osmanischen Reich verfolgt und verbargen ihre Zugehörigkeit teilweise zum eigenen Schutz. Diese Verbergung wird Takiya genannt. Auch später erlebten Alevitinnen und Aleviten Gewalt, Diskriminierung und fehlende Anerkennung.
Migration und Verstädterung veränderten die religiöse Organisation. Neben der traditionellen mündlichen Weitergabe durch Dedes entstanden Vereine, öffentliche Cemevis, Religionsunterricht und schriftliche Formen der Wissensvermittlung.
Die Frage „Teil des Islam oder eigenständige Religion?“ betrifft deshalb nicht nur Glaubenslehren. Sie kann auch beeinflussen, ob Gemeinden als Religionsgemeinschaft anerkannt werden, eigene Räume erhalten oder Religionsunterricht gestalten können.
Zwei Personen beschreiben das Alevitentum verschieden. Eine sagt: „Für mich ist es ein Weg innerhalb des Islam.“ Die andere sagt: „Für mich ist es eine eigenständige Religion.“ Eine faire Darstellung nennt beide Aussagen als Selbstverständnisse und erklärt, dass die Gemeinschaft in dieser Frage vielfältig ist.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Alevitentum
- Hak verbindet Göttliches, Mensch und Natur
- Ethik verlangt verantwortliche Taten, Beziehungen und Worte
- Cem verbindet Gebet, Gemeinschaft und Beratung
- Rızalık zielt auf Verständigung und Versöhnung
- Semah verbindet Bewegung, Musik und Gebet
- Geschichte umfasst Verfolgung, Verbergung und öffentliche Organisation
- Einordnung bleibt zwischen islamischer Zugehörigkeit und Eigenständigkeit vielfältig
Abschluss-Check
Du hast das Ziel erreicht, wenn du Gottesbild, Ethik und Rituale miteinander verbinden und zugleich erklären kannst, warum eine einzige Einordnung des Alevitentums seiner inneren Vielfalt nicht gerecht wird.
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