Bahaitum: Glaube, Geschichte und Alltag
Das Bahaitum ist eine eigenständige monotheistische Religion, die Mitte des 19. Jahrhunderts im heutigen Iran entstand. Im Mittelpunkt steht die Überzeugung, dass es einen Gott, eine fortschreitende Folge göttlicher Offenbarungen und eine vielfältige Menschheitsfamilie gibt.
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Die Kernidee: Einheit in Vielfalt
Bahai glauben an einen einzigen Gott. Gottes Wesen gilt ihnen als für Menschen nicht vollständig begreifbar. Erkenntnis über Gott werde durch besondere Gottesboten vermittelt, die auch Manifestationen Gottes genannt werden.
Manifestation Gottes
Nach dem Bahai-Verständnis ist eine Manifestation Gottes ein Bote, der den Menschen göttliche Orientierung für eine bestimmte Epoche vermittelt. Dazu zählen für Bahai unter anderem Abraham, Moses, Krishna, Zarathustra, Buddha, Jesus, Muhammad, der Bāb und Bahāʾullāh.
Die Religionen gelten damit nicht als völlig getrennte Botschaften. Bahai verstehen sie als aufeinanderfolgende Abschnitte einer göttlichen Erziehung der Menschheit. Dies heißt fortschreitende Offenbarung.
Im Zentrum der gegenwärtigen Aufgabe steht nach Bahai-Verständnis die Einheit der Menschheit. Alle Menschen seien gleichwertige Mitglieder einer Menschheitsfamilie – unabhängig etwa von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe oder Vermögen.
Einheit bedeutet dabei keine Gleichförmigkeit. Die Gartenanalogie macht den Unterschied deutlich: Verschiedene Blumen behalten ihre Farben und Formen, gehören aber gemeinsam zu einem Garten. Ebenso soll menschliche Vielfalt bestehen bleiben und durch Zusammenarbeit verbunden werden.
Die drei eng verbundenen Grundideen lauten: Einheit Gottes, Einheit der Religionen und Einheit der Menschheit.
Wie entstand das Bahaitum?
Das Bahaitum entstand im 19. Jahrhundert in einem schiitisch-islamisch geprägten Umfeld. Es entwickelte jedoch eigene heilige Schriften, Glaubenslehren und eine eigene Gemeindeordnung. Die heutige Religionswissenschaft ordnet es deshalb als eigenständige Weltreligion ein.
Der Bāb, dessen Titel „das Tor“ bedeutet, erklärte 1844, Träger einer göttlichen Offenbarung zu sein. Er kündigte einen weiteren Gottesboten an und bereitete nach Bahai-Verständnis dessen Auftreten vor. Die Bābī-Bewegung wurde gewaltsam verfolgt. Der Bāb wurde 1850 hingerichtet.
Bahāʾullāh, dessen Titel „Herrlichkeit Gottes“ bedeutet, schloss sich zunächst der Bewegung des Bāb an. Er wurde inhaftiert und aus dem Iran verbannt. Im Jahr 1863 erklärte er im Ridván-Garten bei Bagdad, der vom Bāb angekündigte Gottesbote zu sein.
Weitere Verbannungen führten Bahāʾullāh über Istanbul und Edirne nach Akkon. Dort entstanden wichtige Schriften über Religion, Frieden, Gerechtigkeit und die Ordnung der Gemeinde. Bahāʾullāh starb 1892 bei Akkon.
Die historische Beziehung lässt sich so ordnen:
- Der Bāb verkündet eine neue Offenbarung und kündigt einen weiteren Gottesboten an.
- Bahāʾullāh erkennt den Bāb an.
- Bahāʾullāh erklärt 1863, der angekündigte Gottesbote zu sein.
- Seine Anhänger werden als Bahai bezeichnet.
Was glauben Bahai über Mensch und Welt?
Nach dem Bahai-Glauben ist die vernunftbegabte Seele die eigentliche Identität des Menschen. Sie sei nicht von Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit abhängig und lebe nach dem körperlichen Tod weiter.
Menschen besitzen nach dieser Lehre Fähigkeiten, die sie durch Bildung und eigene Entscheidungen entfalten können. Persönliche Entwicklung und gesellschaftliche Verantwortung gehören zusammen.
Lebenssinn
Der Lebenssinn besteht nach Bahai-Verständnis darin, Gott zu erkennen und zu lieben, gute Eigenschaften zu entwickeln und zum Wohl anderer beizutragen.
Zu den wichtigen Zielen gehören:
- Vorurteile überwinden,
- Frauen und Männer gleichberechtigt behandeln,
- Bildung für alle ermöglichen,
- extreme Unterschiede zwischen Armut und Reichtum abbauen,
- Gerechtigkeit und Frieden fördern,
- selbstständig nach Wahrheit suchen.
Wissenschaft und Religion sollen sich nach dieser Lehre ergänzen. Religion ohne wissenschaftliches Denken könne in Aberglauben oder Fanatismus führen. Wissenschaft ohne ethische Orientierung könne sich auf das Materielle beschränken.
Diese Aussagen beschreiben die Glaubenslehre der Bahai. Ob Gott Offenbarungen sendet oder die Seele nach dem Tod weiterlebt, sind religiöse Überzeugungen und keine naturwissenschaftlich überprüften Tatsachen.
Wie sieht religiöser Alltag aus?
Zur persönlichen Praxis gehören tägliches Gebet, Meditation, das Lesen heiliger Schriften und die Reflexion über das eigene Handeln. Bahai sollen selbstständig nach Wahrheit suchen und sich um Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Selbstlosigkeit bemühen.
Im März fasten Bahai von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Dabei verzichten sie auf Essen und Trinken. Das Fasten ist eine religiöse Übung und endet mit dem Neujahrsfest am 21. März.
Im Bahai-Kalender gibt es 19 Monate mit jeweils 19 Tagen. Zu Beginn eines neuen Monats findet das Neunzehntagefest statt.
Das Neunzehntagefest verbindet drei Bereiche:
- Andacht: Die Teilnehmenden beten und lesen religiöse Texte.
- Beratung: Sie besprechen Angelegenheiten der Gemeinde.
- Geselligkeit: Sie essen gemeinsam und pflegen ihre Beziehungen.
Das Fest zeigt, dass Glaubenspraxis, gemeinsames Entscheiden und Gemeinschaft zusammengehören.
Auch Andachtsversammlungen, Kinder- und Jugendgruppen sowie Studienkreise können Menschen offenstehen, die nicht der Bahai-Gemeinde angehören. Gebet soll zum Dienst am Gemeinwohl anregen.
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Das Neunzehntagefest verbindet , gemeinsame und . Persönliche Frömmigkeit und gesellschaftlicher sollen einander ergänzen.
Wie wird die Gemeinschaft organisiert?
Im Bahaitum gibt es keinen Klerus, also keine Priester oder Geistlichen als eigene Führungsschicht. Persönliche Auslegungen religiöser Texte sind erlaubt, gelten aber nicht automatisch für andere.
Lokale und nationale Gemeinden wählen Geistige Räte mit jeweils neun Mitgliedern. Nominierungen und Wahlwerbung sind nicht vorgesehen. Entscheidungen sollen durch offene und respektvolle Beratung entstehen.
Seit 1963 steht das Universale Haus der Gerechtigkeit an der Spitze der weltweiten Gemeindeordnung. Es wird alle fünf Jahre gewählt und hat seinen Sitz in Haifa. Es kann die Lehren auf neue gesellschaftliche Fragen anwenden, darf die offenbarten Texte jedoch nicht autoritativ neu auslegen.
Kein Klerus bedeutet nicht, dass es keine Organisation gibt. Die Bahai-Gemeinde verbindet persönliche Wahrheitssuche mit gewählten Institutionen und gemeinsamer Beratung.
Welche Perspektiven gehören zu einem fairen Bild?
Eine religionskundliche Darstellung unterscheidet zwischen Innenperspektive und Außenperspektive. Die Innenperspektive zeigt, wie Bahai ihren Glauben selbst verstehen. Die Außenperspektive untersucht Geschichte, Organisation und gesellschaftliche Wirkung mit religionswissenschaftlichen Fragen.
„Bahāʾullāh ist eine Manifestation Gottes“ ist eine Glaubensaussage aus der Innenperspektive.
„Das Bahaitum entstand im 19. Jahrhundert und wird heute als eigenständige Weltreligion eingeordnet“ ist eine historische beziehungsweise religionswissenschaftliche Aussage.
Auch innerhalb und außerhalb der Religion gibt es unterschiedliche Bewertungen. Das Ideal der Einheit kann als Einsatz für Frieden und Zusammenarbeit verstanden werden. Kritisch wird zugleich gefragt, wie sich dieses Einheitsideal, persönliche Auslegung und die hierarchisch aufgebaute Weltorganisation zueinander verhalten.
Zur Gegenwart gehört außerdem die Verfolgung von Bahai, besonders im Iran. Genannt werden unter anderem Inhaftierungen, Ausschlüsse aus Bildungseinrichtungen, wirtschaftliche Behinderungen und die Beschlagnahme von Eigentum. Als Beispiel für gewaltfreien Widerstand gilt der Aufbau eigener Bildungsangebote nach dem Ausschluss von Universitäten.
Angaben zur weltweiten Mitgliederzahl schwanken zwischen mehr als fünf Millionen und ungefähr acht Millionen. Ohne einheitliche Zählweise ist deshalb eine scheinbar ganz genaue Zahl irreführend.
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Alles auf einen Blick
- Bahaitum
- Entstehung: Bāb und Bahāʾullāh im 19. Jahrhundert
- Glaube: ein Gott und fortschreitende Offenbarung
- Menschenbild: gleiche Würde und geistige Entwicklung
- Leitidee: Einheit der Menschheit in Vielfalt
- Praxis: Gebet, Fasten, Lernen und gesellschaftlicher Dienst
- Gemeinschaft: Beratung ohne Klerus und gewählte Institutionen
- Religionskunde: Innen- und Außenperspektive unterscheiden
Abschluss-Check
Du hast das Thema verstanden, wenn du die Entstehung erklären, die drei Einheitsgedanken unterscheiden und an einem Beispiel zeigen kannst, wie persönlicher Glaube und gesellschaftlicher Dienst verbunden werden.
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