Bibelentstehung: Vom Erzählen zum Kanon
Die Bibel entstand nicht auf einmal und nicht als Werk eines einzigen Verfassers. Mündliche Überlieferungen wurden aufgeschrieben, überarbeitet, gesammelt und in religiösen Gemeinschaften als verbindlich anerkannt. Dieser Prozess dauerte ungefähr 1500 Jahre und führte zu unterschiedlichen jüdischen und christlichen Schriftensammlungen.
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Wie aus Erzählungen biblische Schriften wurden
Stell dir die Bibel nicht zuerst als einzelnes Buch vor, sondern als Bibliothek. Sie enthält viele Schriften, die zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Situationen entstanden.
Am Anfang standen häufig Erzählungen, Lieder, Gebete, Regeln und Erinnerungen, die Menschen mündlich weitergaben. Bei jeder Weitergabe konnten sie Stoffe ordnen, erklären oder an eine neue Situation anpassen. Später wurden Überlieferungen niedergeschrieben, erweitert und mit anderen Texten verbunden.
Redaktion
Redaktion bedeutet hier, dass überlieferte Texte ausgewählt, geordnet, verbunden oder überarbeitet werden. Ein biblisches Buch kann deshalb Textteile aus verschiedenen Zeiten enthalten.
Ein vereinfachtes Prozessmodell lautet:
- Menschen erleben etwas oder erzählen von grundlegenden Erfahrungen.
- Gemeinschaften geben die Überlieferungen mündlich weiter.
- Schreiber halten einzelne Stoffe schriftlich fest.
- Bearbeiter verbinden und überarbeiten Texte.
- Gemeinschaften sammeln und verwenden bestimmte Schriften.
- Einige Schriften gewinnen besondere religiöse Autorität.
Die Bibel wurde nicht einfach geschrieben und danach gesammelt. Viele ihrer Texte wuchsen schon während der schriftlichen Überlieferung weiter.
Welche Zeiträume wichtig sind
Die Traditionen des Alten Testaments reichen teilweise in eine Zeit zurück, aus der keine schriftlichen Fassungen erhalten sind. Umfangreichere Texte konnten in Israel und Juda wahrscheinlich erst ab dem 9. oder 8. Jahrhundert v. Chr. entstehen, als sich dort eine entsprechende Schriftkultur entwickelte.
Die Schriften des Neuen Testaments entstanden später. Viele werden ungefähr in die Zeit zwischen 70 und 100 n. Chr. eingeordnet. Der zweite Petrusbrief könnte erst um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. verfasst worden sein.
Diese Angaben sind Zeiträume und Forschungsannahmen, keine exakten Geburtstage der Texte.
- vor der VerschriftlichungErzählungen, Lieder, Regeln und Erinnerungen werden mündlich überliefert.
- 9./8. Jahrhundert v. Chr.In Israel und Juda können umfangreichere hebräische Texte entstehen.
- folgende JahrhunderteAlttestamentliche Schriften werden niedergeschrieben, bearbeitet und gesammelt.
- etwa 70–100 n. Chr.Viele Schriften des Neuen Testaments entstehen.
- Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr.Mögliche Entstehungszeit des zweiten Petrusbriefs.
- 367 n. Chr.Athanasius nennt in einem Osterbrief genau die heute üblichen 27 Bücher des Neuen Testaments.
- um 400 n. Chr.Der Umfang des Neuen Testaments ist in weiten Teilen des Christentums verfestigt.
Die Reihenfolge der Bücher in einer heutigen Bibel zeigt nicht ihre Entstehungsreihenfolge. Ein Buch, das von einer sehr frühen Zeit erzählt, muss nicht bereits in dieser Zeit geschrieben worden sein.
Wie Forschende Texte datieren
Von den biblischen Schriften sind keine Originalhandschriften erhalten. Selbst das älteste vollständige Manuskript einer hebräischen Bibel stammt erst ungefähr aus dem Jahr 1000 n. Chr. Forschende können viele Texte deshalb nur annähernd datieren.
Sie suchen nach mehreren voneinander unabhängigen Indizien, also Hinweisen:
- Erwähnt der Text einen bekannten Herrscher oder ein historisches Ereignis?
- Setzt er ein Ereignis wie das Babylonische Exil bereits voraus?
- Welche Entwicklungsstufe des Hebräischen oder Griechischen verwendet er?
- Passt die Sprache zu datierbaren Inschriften?
- Enthalten verschiedene Handschriften ältere oder überarbeitete Textfassungen?
Angenommen, ein Text reagiert deutlich auf die Zerstörung Jerusalems. Dann kann seine betreffende Fassung nicht vor diesem Ereignis entstanden sein. Die Beobachtung liefert eine zeitliche Grenze, aber noch kein genaues Schreibjahr. Sprachform, Textvergleich und weitere historische Hinweise müssen hinzukommen.
Auch alte Handschriften aus Qumran zeigen, dass unterschiedliche Fassungen eines Textes gleichzeitig verbreitet sein konnten. Die Forschung sucht deshalb nicht einfach nach einer einzigen, überall gleichen Urfassung.
Wie aus Schriften ein Kanon wurde
Nicht jede religiöse Schrift wurde Teil einer Bibel. Manche Texte wurden häufig vorgelesen, abgeschrieben und als maßgeblich behandelt, andere weniger oder gar nicht.
Kanon
Ein Kanon ist eine als verbindlich anerkannte Sammlung von Schriften. Kanonbildung bezeichnet den langen Prozess, in dem sich eine solche Auswahl verfestigt.
Für die Aufnahme einer Schrift waren verschiedene Faktoren wichtig:
- Gebrauch: Regelmäßig im Gottesdienst verwendete Schriften gewannen Autorität.
- Verbindlichkeit: Die Gesetze der Tora wurden für das jüdische Leben besonders bedeutsam.
- Glaubensüberzeugungen: Christliche Gemeinschaften prüften, ob eine Schrift zu ihren maßgeblichen Überzeugungen passte.
- Verbreitung: Häufig gelesene und abgeschriebene Schriften konnten sich leichter durchsetzen.
- Politische Bedingungen: Im Römischen Reich förderten Kaiser seit dem 4. Jahrhundert die Herstellung christlicher Vollbibeln.
Kanonisierung war kein einzelner Beschluss an einem einzigen Tag. Der Umfang der Sammlungen verfestigte sich schrittweise.
Warum es unterschiedliche Bibeln gibt
Jüdische und christliche Schriftensammlungen entwickelten sich teilweise gleichzeitig, im Austausch und in Abgrenzung voneinander. Die Vorstellung einer vollständig fertigen jüdischen Bibel, an die Christen später nur das Neue Testament anhängten, ist daher zu einfach.
Der jüdische Tanach gliedert sich in drei Teile:
- Tora – Weisung,
- Neviim – Propheten,
- Ketuvim – Schriften.
Christliche Bibeln gliedern sich in Altes und Neues Testament. Auch zwischen christlichen Konfessionen gibt es Unterschiede. Protestantische Bibeln ordnen die Schriften des Tanach anders und teilen sie in 39 Bücher. Katholische Bibeln enthalten im Alten Testament zusätzliche, deuterokanonisch genannte Schriften. Orthodoxe Kanones können weitere Werke umfassen.
Der Tanach und ein protestantisches Altes Testament beruhen weitgehend auf derselben hebräischen Schriftensammlung. Trotzdem unterscheiden sie sich in Anordnung und Zählung. Eine unterschiedliche Buchzahl bedeutet deshalb nicht automatisch, dass sämtliche Inhalte verschieden sind.
Wie du Forschung und Glaubensaussagen unterscheidest
Historische Forschung fragt: Wann entstand eine Textfassung? Welche älteren Überlieferungen lassen sich erkennen? Wie wurde sie bearbeitet und weitergegeben?
Religiöser Glaube fragt außerdem: Welche Bedeutung hat der Text vor Gott und für eine Glaubensgemeinschaft? Viele Christinnen und Christen verstehen die Bibel als von Gott inspiriert. Häufig bedeutet das nicht, Gott habe jedes Wort diktiert. Gemeint ist vielmehr, dass Gott nach dieser Glaubensüberzeugung durch menschliche Verfasser und Überlieferungsprozesse wirkte.
Inspiration
Inspiration ist die religiöse Vorstellung, dass Gott an der Entstehung oder Botschaft biblischer Schriften beteiligt ist. Wie dieses Verhältnis von göttlichem Wirken und menschlicher Autorschaft verstanden wird, unterscheidet sich zwischen christlichen Richtungen.
Historische Forschung kann untersuchen, wann und unter welchen Bedingungen Texte entstanden. Ob Gott dabei wirkte, ist dagegen eine Glaubensaussage und kein historisch messbarer Entstehungsmechanismus.
„Der Text verwendet eine hebräische Sprachform, die zu einer bestimmten Zeit passt“ ist ein historisch prüfbarer Hinweis.
„Gott hat die Verfasser durch den Heiligen Geist geleitet“ ist eine christliche Glaubensaussage.
Beide Sätze können in einer religiösen Diskussion wichtig sein, beantworten aber verschiedene Fragen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Bibelentstehung
- Überlieferung: erzählen, erinnern und weitergeben
- Verschriftlichung: Stoffe schriftlich festhalten
- Redaktion: Texte ordnen, verbinden und bearbeiten
- Forschung: Sprache, Ereignisse und Handschriften vergleichen
- Kanonbildung: Schriften gebrauchen, auswählen und autorisieren
- Vielfalt: Tanach und unterschiedliche christliche Kanones
- Perspektiven: historische Befunde und religiöse Deutungen unterscheiden
Die Bibel ist das Ergebnis vieler miteinander verbundener Entwicklungen. Gerade weil Originale fehlen, Datierungen unscharf bleiben und Gemeinschaften unterschiedliche Sammlungen bildeten, muss ihre Entstehung als Prozess beschrieben werden.
Abschluss-Check
Wenn du erklären kannst, warum die Bibel eine gewachsene Bibliothek ist, den Entstehungsweg ordnen und Befund von Glaubensdeutung unterscheiden kannst, hast du die zentralen Ziele erreicht.
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