Synoptischer Vergleich: Evangelien untersuchen
Markus, Matthäus und Lukas erzählen viele Begebenheiten ähnlich. Beim synoptischen Vergleich stellst du solche Paralleltexte nebeneinander: Du erfasst zuerst den Textbefund und deutest erst danach, wie die Unterschiede entstanden sein könnten.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Welche Texte lassen sich synoptisch vergleichen?
Das Wort synoptisch bedeutet sinngemäß „zusammenschauend“. Ein synoptischer Vergleich ist sinnvoll, wenn mehrere Texte denselben Gegenstand behandeln und wenigstens teilweise ähnlich aufgebaut oder formuliert sind.
Synoptische Evangelien
Als synoptische Evangelien bezeichnet man die Evangelien nach Markus, Matthäus und Lukas. Ihre zahlreichen Parallelen ermöglichen es, viele Abschnitte detailliert nebeneinanderzustellen.
Ein einzelner vergleichbarer Abschnitt wird häufig Paralleltext genannt. Der Vergleich beginnt nicht mit Vermutungen über die Autoren, sondern mit genau beobachtbaren Wörtern, Inhalten und Strukturen.
Erst beschreiben, was im Text steht. Danach überlegen, wie der Befund erklärt werden kann.
Wie erfasst du Gemeinsamkeiten?
Lies die Paralleltexte zunächst vollständig. Fasse kurz zusammen, was jeweils geschieht. Vergleiche sie anschließend Satz für Satz.
Unterscheide zwei Arten von Gemeinsamkeiten:
- Wörtliche Übereinstimmung: Gleiche oder nahezu gleiche Wörter und Satzfolgen erscheinen in mehreren Texten.
- Sinngemäße Übereinstimmung: Die Texte vermitteln denselben Inhalt, formulieren ihn aber unterschiedlich.
Du kannst Übereinstimmungen mit Farben oder Symbolen markieren. Notiere dabei immer, welche Texte übereinstimmen: alle drei oder nur ein Textpaar.
In den Darstellungen der Taufe Jesu berichten Markus, Matthäus und Lukas von der Taufe, der Öffnung des Himmels, dem herabkommenden Geist und einer Stimme aus dem Himmel. Das sind gemeinsame Handlungselemente.
Die Formulierungen sind jedoch nicht überall gleich. Deshalb darfst du eine gemeinsame Handlung nicht automatisch als wörtliche Übereinstimmung bezeichnen.
Große wörtliche Übereinstimmungen können eine literarische Beziehung nahelegen. Sie zeigen für sich allein aber noch nicht, welcher Text einen anderen benutzt hat.
Wie ordnest du Unterschiede ein?
Nach den Gemeinsamkeiten untersuchst du, was nur in einem Text steht oder anders dargestellt wird. Drei Kategorien helfen dir dabei.
Leerstelle
Eine Leerstelle liegt vor, wenn ein Text ein Element nicht enthält, das in einem Vergleichstext vorkommt.
Überschuss
Ein Überschuss ist zusätzliches Material, das nur der betrachtete Text bietet.
Abweichung
Eine Abweichung liegt vor, wenn vergleichbare Stellen sich in Wortwahl, Stil, Inhalt oder Reihenfolge unterscheiden.
Die Kategorien hängen von der Blickrichtung ab. Was gegenüber Text A als Überschuss in Text B erscheint, ist aus der umgekehrten Blickrichtung eine Leerstelle in Text A.
Bei der Versuchung Jesu führt Markus keine einzelnen Versuchungen aus. Matthäus und Lukas erzählen dagegen drei Versuchungen. Gegenüber Markus besitzen Matthäus und Lukas hier einen Überschuss; bei Markus liegt im Vergleich eine Leerstelle vor.
Matthäus ordnet die Tempelversuchung vor der Versuchung durch die Reiche der Welt an. Bei Lukas ist ihre Reihenfolge umgekehrt. Das ist eine Abweichung in der Reihenfolge.
Wie wird aus dem Befund eine Deutung?
Ein Befund ist eine überprüfbare Textbeobachtung: Ein Satz fehlt, eine Reihenfolge ist verändert oder ein Ausdruck stimmt wörtlich überein. Eine Deutung erklärt möglicherweise, wie dieser Befund entstanden ist oder welchen Akzent er setzt.
Gehe in vier Schritten vor:
- Benenne die genaue Textstelle oder das Handlungselement.
- Ordne die Gemeinsamkeit oder den Unterschied ein.
- Beschreibe, welcher inhaltliche Akzent dadurch entsteht.
- Formuliere eine mögliche Erklärung als Hypothese.
Bei vermuteter literarischer Abhängigkeit kann ein Text gegenüber einem anderen sekundär wirken, etwa weil er eine Aussage deutlicher, ausführlicher oder theologisch stärker akzentuiert. Dieser Eindruck muss sich an mehreren Beobachtungen bewähren.
Wirkt einmal der eine, einmal der andere Text ursprünglicher, ist auch eine gemeinsame Vorlage als Erklärung denkbar. Der synoptische Vergleich liefert dafür Hinweise, aber nicht automatisch einen sicheren Beweis.
Die Zwei-Quellen-Theorie ist eine Entstehungshypothese, die im Umfeld des synoptischen Vergleichs verwendet wird. Im Ausgangsmaterial fehlt jedoch eine vollständige Herleitung dieser Theorie. Für einen sauberen Vergleich genügt deshalb zunächst die sichere Regel: Textbefunde erheben, mögliche Abhängigkeiten prüfen und verbleibende Unsicherheit offen nennen.
Wie sieht ein vollständiger Vergleich aus?
Betrachte die Darstellungen der Taufe Jesu in Markus 1,9–11, Matthäus 3,13–17 und Lukas 3,21–22.
1. Gemeinsamer Kern
Alle drei Texte verbinden Jesu Taufe mit der Öffnung des Himmels, dem herabkommenden Geist und einer Himmelsstimme. Dieser gemeinsame Ablauf bildet die Grundlage des Vergleichs.
2. Unterschiede
- Markus: Jesus kommt aus Nazareth. Die Himmelsstimme spricht ihn direkt an: „Du bist …“
- Matthäus: Vor der Taufe widerspricht Johannes zunächst. Die Stimme spricht in der dritten Person über Jesus: „Dies ist …“
- Lukas: Jesus wird im Zusammenhang mit der Taufe des Volkes genannt und betet. Der Geist kommt „in leiblicher Gestalt wie eine Taube“ herab.
3. Einordnung
Das Gespräch zwischen Jesus und Johannes ist gegenüber Markus und Lukas ein Überschuss bei Matthäus. Jesu Gebet ist gegenüber den beiden anderen Darstellungen ein Überschuss bei Lukas. Die Form der Himmelsstimme ist eine Abweichung: direkte Anrede bei Markus und Lukas, Aussage über Jesus bei Matthäus.
4. Vorsichtige Deutung
Die dritte Person bei Matthäus richtet die Aussage im Erzählzusammenhang stärker auf diejenigen aus, die von Jesus hören. Lukas verbindet die Taufe durch seinen Zusatz ausdrücklich mit Jesu Gebet. Diese Aussagen beschreiben erkennbare Akzente. Sie beweisen allein weder ein Motiv des Verfassers noch eine bestimmte Abhängigkeitsrichtung.
Eine gute Deutung nennt zuerst den Befund, erklärt dann dessen Wirkung und kennzeichnet die Schlussfolgerung als Möglichkeit.
Wie führst du selbst einen Vergleich durch?
Nutze diese Arbeitsfolge für einen neuen Paralleltext:
- Lies alle Fassungen vollständig.
- Fasse jede Fassung knapp zusammen.
- Markiere wörtliche und sinngemäße Gemeinsamkeiten.
- Notiere Leerstellen, Überschüsse und Abweichungen.
- Vergleiche Wortwahl, Inhalt, Aufbau und Reihenfolge.
- Formuliere den besonderen Akzent jedes Textes.
- Prüfe mögliche literarische Beziehungen.
- Nenne ausdrücklich, was der Befund nicht sicher entscheiden kann.
Übung: Versuchung Jesu
Gegeben sind drei Beobachtungen:
- Markus nennt 40 Tage in der Wüste, führt aber keine einzelne Versuchung aus.
- Matthäus und Lukas erzählen drei Versuchungen.
- Bei Matthäus steht die Tempelversuchung an zweiter, bei Lukas an dritter Stelle.
Ordne jede Beobachtung einer Kategorie zu und formuliere anschließend eine sichere Schlussfolgerung.
Lösung: Gegenüber Matthäus und Lukas enthält Markus bei den einzelnen Versuchungen eine Leerstelle. Die ausgeführten Versuchungen sind bei Matthäus und Lukas ein Überschuss gegenüber Markus. Zwischen Matthäus und Lukas besteht eine Abweichung in der Reihenfolge.
Sicher lässt sich schließen, dass Matthäus und Lukas die Versuchungen ausführlicher darstellen als Markus und ihre Abfolge unterschiedlich gestalten. Aus diesen Beobachtungen allein folgt noch nicht sicher, wie die literarische Abhängigkeit verläuft.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Synoptischer Vergleich
- Paralleltexte auswählen
- Gemeinsamkeiten erfassen
- Unterschiede einordnen
- Befund und Deutung trennen
- Abhängigkeit vorsichtig prüfen
- Gemeinsamkeiten
- wörtlich
- sinngemäß
- Unterschiede
- Leerstelle
- Überschuss
- Abweichung
- Ergebnis
- Textakzente beschreiben
- Hypothesen begründen
- Unsicherheit benennen
Abschluss-Check
Du beherrschst die Methode, wenn du eine Beobachtung eindeutig belegen, korrekt einordnen und ihre Deutung als begründete, aber überprüfbare Schlussfolgerung formulieren kannst.
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