Liquidität: Bedeutung, Grade und Berechnung
Liquidität bedeutet: Ein Unternehmen kann seine fälligen Rechnungen vollständig und rechtzeitig bezahlen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, wie viel Vermögen oder Gewinn es hat, sondern ob zum jeweiligen Zahlungstermin genügend Geld verfügbar ist.
Auf dieser Seite lernst du, Liquidität von ähnlichen Größen abzugrenzen, die drei Liquiditätsgrade zu berechnen und ihre Aussagekraft kritisch einzuschätzen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Warum Liquidität überlebenswichtig ist
Ein Unternehmen ist liquide, wenn es beispielsweise Löhne, Miete, Steuern und Lieferantenrechnungen bei Fälligkeit bezahlen kann. Zu wenig Liquidität führt zu Zahlungsverzug und kann trotz eines grundsätzlich erfolgreichen Geschäfts die Insolvenz auslösen.
Zu viel ungenutztes Geld ist ebenfalls nicht automatisch optimal. Es verursacht Opportunitätskosten: Das Unternehmen verzichtet möglicherweise auf Erträge, die es durch eine sinnvolle Investition oder Schuldentilgung erzielen könnte. Ziel ist daher eine ausreichende, nicht eine möglichst hohe Liquidität.
Unternehmensliquidität
Unternehmensliquidität ist die Fähigkeit, fällige Zahlungsverpflichtungen termingerecht und vollständig zu erfüllen.
Liquidität ist nicht dasselbe wie Gewinn
Gewinn ist der rechnerische Überschuss aus Erträgen und Aufwendungen. Ein Verkauf kann bereits zum Gewinn beitragen, obwohl der Kunde die Rechnung erst später bezahlt.
Cashflow beschreibt den Nettozufluss oder Nettoabfluss liquider Mittel innerhalb eines Zeitraums. Auch ein positiver Cashflow garantiert nicht, dass an jedem einzelnen Fälligkeitstermin genug Geld vorhanden ist.
Ein Betrieb stellt im Januar Rechnungen über 100.000 € aus. Die Kunden zahlen erst nach 60 Tagen. Löhne, Miete und Steuern sind jedoch schon vorher fällig.
Der Betrieb kann einen Gewinn ausweisen und trotzdem vorübergehend zahlungsunfähig sein. Das Problem ist der zeitliche Abstand zwischen Zahlungsausgängen und Zahlungseingängen.
Neben der Unternehmensliquidität gibt es andere Bedeutungen:
- Marktliquidität: Ein Vermögenswert lässt sich schnell und ohne starke Preisänderung handeln.
- Bankliquidität: Eine Bank besitzt genügend liquide Mittel für ihre Zahlungsverpflichtungen.
- Gesamtwirtschaftliche Liquidität: Gemeint ist die Versorgung einer Volkswirtschaft mit Zahlungsmitteln.
Diese Bedeutungen dürfen nicht mit den betrieblichen Liquiditätsgraden verwechselt werden.
Wie die drei Liquiditätsgrade aufgebaut sind
Die drei Liquiditätsgrade vergleichen unterschiedlich schnell verfügbare Bestandteile des Umlaufvermögens mit den kurzfristigen Verbindlichkeiten.
Kurzfristige Verbindlichkeiten sind Zahlungsverpflichtungen mit kurzer Restlaufzeit, etwa Lieferantenrechnungen oder kurzfristige Kredite. Flüssige Mittel sind insbesondere Kassenbestand und sofort verfügbares Bankguthaben.
Liquidität 1. Grades
Der erste Grad berücksichtigt nur sofort verfügbare Mittel:
$$L_1=\frac{\text{flüssige Mittel}}{\text{kurzfristige Verbindlichkeiten}}\cdot 100\,\%$$
Er zeigt, welcher Anteil der kurzfristigen Verbindlichkeiten sofort aus Kasse und Bankguthaben bezahlt werden könnte.
Liquidität 2. Grades
Der zweite Grad bezieht zusätzlich kurzfristige Forderungen ein:
$$L_2=\frac{\text{flüssige Mittel}+\text{kurzfristige Forderungen}}{\text{kurzfristige Verbindlichkeiten}}\cdot 100\,\%$$
Forderungen sind Ansprüche auf Zahlungen, beispielsweise aus noch unbezahlten Kundenrechnungen. Sie erhöhen die rechnerische Deckung, stehen aber erst nach Zahlungseingang tatsächlich zur Verfügung.
Liquidität 3. Grades
Der dritte Grad berücksichtigt zusätzlich die Vorräte:
$$L_3=\frac{\text{flüssige Mittel}+\text{kurzfristige Forderungen}+\text{Vorräte}}{\text{kurzfristige Verbindlichkeiten}}\cdot 100\,\%$$
Die Summe aus flüssigen Mitteln, kurzfristigen Forderungen und Vorräten ist hier das betrachtete Umlaufvermögen.
Von Grad 1 zu Grad 3 wächst die einbezogene Vermögensbasis. Gleichzeitig sinkt meist die Sicherheit, dass alle einbezogenen Werte sofort und ohne Verlust zu Geld werden.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Beim ersten Grad zählen . Der zweite Grad nimmt zusätzlich auf. Beim dritten Grad kommen hinzu. Im Nenner stehen bei allen drei Formeln die .
So berechnest du die Kennzahlen
Gegeben sind folgende Bilanzwerte:
| Position | Betrag |
|---|---|
| Flüssige Mittel | 50.000 € |
| Kurzfristige Forderungen | 40.000 € |
| Vorräte | 30.000 € |
| Kurzfristige Verbindlichkeiten | 80.000 € |
1. Grad:
$$L_1=\frac{50.000}{80.000}\cdot 100\,\%=62{,}5\,\%$$
Das Unternehmen könnte 62,5 % der kurzfristigen Verbindlichkeiten allein mit den flüssigen Mitteln decken.
2. Grad:
$$L_2=\frac{50.000+40.000}{80.000}\cdot 100\,\%=112{,}5\,\%$$
Flüssige Mittel und Forderungen decken die Verbindlichkeiten rechnerisch zu 112,5 %. Das gilt praktisch nur, wenn die Kunden rechtzeitig zahlen.
3. Grad:
$$L_3=\frac{50.000+40.000+30.000}{80.000}\cdot 100\,\%=150\,\%$$
Mit den Vorräten steigt die rechnerische Deckung auf 150 %. Ob diese Mittel rechtzeitig verfügbar werden, hängt von der Verkäuflichkeit der Vorräte ab.
Gehe bei eigenen Berechnungen so vor:
- Ordne die Bilanzpositionen den flüssigen Mitteln, Forderungen, Vorräten oder kurzfristigen Verbindlichkeiten zu.
- Wähle die Formel des gefragten Grades.
- Bilde zuerst die Summe im Zähler.
- Teile durch die kurzfristigen Verbindlichkeiten und multipliziere mit 100 %.
- Deute das Ergebnis zusammen mit der Zusammensetzung und den Fälligkeiten.
Was die Ergebnisse wirklich aussagen
Häufig genannte Orientierungsbereiche sind:
- erster Grad: ungefähr 10–30 %, je nach Branche teilweise höher;
- zweiter Grad: ungefähr 100–120 %;
- dritter Grad: mindestens etwa 120 %, häufig 150–200 % als Orientierung.
Diese Werte sind keine starren Grenzwerte. Branche, Geschäftsmodell, Jahreszeit, Zahlungsziele und die Qualität von Forderungen und Vorräten beeinflussen die passende Höhe.
Ein zweiter Grad von 100 % bedeutet nur rechnerische Deckung. Zahlt ein Kunde verspätet oder gar nicht, fehlt das Geld möglicherweise am Fälligkeitstag. Ein hoher dritter Grad kann durch große Lagerbestände entstehen, die sich nur langsam oder mit Preisnachlass verkaufen lassen.
Eine Bilanz zeigt die Lage an einem Stichtag. Sie bildet zukünftige Ein- und Auszahlungen nicht vollständig ab. Aussagekräftiger wird die Analyse durch Vergleiche mit früheren Zeitpunkten, passenden Unternehmen und einer laufenden Zahlungsplanung.
Unternehmen A und B haben jeweils einen dritten Liquiditätsgrad von 160 %. Bei A besteht der Zähler überwiegend aus Bankguthaben und verlässlich zahlenden Kunden. Bei B besteht er vor allem aus schwer verkäuflichen Vorräten.
Die gleiche Kennzahl steht deshalb nicht zwingend für das gleiche Zahlungsrisiko. Für ein Urteil musst du die Zusammensetzung des Zählers prüfen.
Wie Unternehmen Liquidität planen und sichern
Eine Liquiditätsplanung ordnet erwartete Einzahlungen und Auszahlungen nach ihren Zeitpunkten. Sie ergänzt die statischen Liquiditätsgrade und macht mögliche Engpässe früh sichtbar.
Die freie Liquidität schätzt den Betrag, der nach unmittelbar fälligen Zahlungen praktisch verfügbar bleibt:
$$\text{freie Liquidität}=\text{flüssige Mittel}+\text{verfügbare Kreditlinien}-\text{fällige Verbindlichkeiten}$$
Ein Unternehmen besitzt 50.000 € Bankguthaben. Eine Kreditlinie von 20.000 € ist tatsächlich abrufbar. In den nächsten Tagen werden Zahlungen von 40.000 € fällig.
$$50.000\,€+20.000\,€-40.000\,€=30.000\,€$$
Die freie Liquidität beträgt 30.000 €. Geld, das bereits für fällige Löhne, Steuern oder Rechnungen benötigt wird, ist nicht frei verfügbar.
Mögliche Maßnahmen gegen einen erwarteten Engpass sind:
- Rechnungen früh und korrekt stellen sowie offene Forderungen konsequent verfolgen;
- Zahlungsziele mit Kunden und Lieferanten passend gestalten;
- unnötige Kosten und überhöhte Lagerbestände reduzieren;
- eine Kreditlinie rechtzeitig vor dem Engpass vereinbaren;
- Ein- und Auszahlungen regelmäßig aktualisieren;
- bei Bedarf Forderungen durch Factoring früher in Geld umwandeln.
Eine Maßnahme sollte zur Ursache passen. Ein zusätzlicher Kredit überbrückt möglicherweise einen kurzen Engpass, beseitigt aber kein dauerhaft unrentables Geschäftsmodell. Auch der Verkauf von Vorräten hilft nur, wenn dafür rechtzeitig Käufer gefunden werden.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Liquidität
- Ziel: fällige Zahlungen rechtzeitig leisten
- Grad 1: flüssige Mittel
- Grad 2: zusätzlich Forderungen
- Grad 3: zusätzlich Vorräte
- Risiken: verspätete Zahlungen und schwer verkäufliche Vorräte
- Grenzen: Stichtag und fehlende Zukunftsdaten
- Steuerung: Zahlungsplanung, Forderungen, Vorräte und Kreditlinien
Die Kennzahlen verdichten wichtige Informationen, ersetzen aber kein Gesamturteil. Berechne sie korrekt, prüfe die Qualität der einbezogenen Werte und ergänze die Stichtagssicht durch eine zeitbezogene Liquiditätsplanung.
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