Erregungsleitung: kontinuierlich und saltatorisch
Bei der Erregungsleitung wird nicht der auslösende Reiz selbst weitergegeben, sondern ein elektrisches Signal: das Aktionspotenzial. Ohne Myelinscheide entsteht es Abschnitt für Abschnitt neu. Mit Myelinscheide wird es nur an den Ranvierschen Schnürringen erneuert – dadurch läuft die Leitung schneller und energiesparender ab.
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Zwei Bauweisen führen zu zwei Leitungsformen
Ein Axon ist der lange Fortsatz einer Nervenzelle, über den Aktionspotenziale weitergeleitet werden. Das Membranpotenzial beschreibt die elektrische Spannung zwischen Zellinnerem und Außenraum.
Wird die Membran ausreichend depolarisiert, verändert sich diese Spannung so stark, dass ein Aktionspotenzial entsteht. Es folgt dem Alles-oder-Nichts-Prinzip: Wird der Schwellenwert erreicht, entsteht ein vollständiges Aktionspotenzial; wird er nicht erreicht, entsteht keines.
Myelinscheide
Die Myelinscheide ist eine elektrisch isolierende Hülle um ein Axon. Sie wird im peripheren Nervensystem von Schwannschen Zellen und im Zentralnervensystem von Oligodendrozyten gebildet.
Die Myelinscheide besitzt regelmäßig Unterbrechungen. Diese Lücken heißen Ranviersche Schnürringe.
- Ein nicht myelinisiertes Axon leitet die Erregung kontinuierlich.
- Ein myelinisiertes Axon leitet die Erregung saltatorisch.
So läuft die kontinuierliche Erregungsleitung ab
Bei einem nicht myelinisierten Axon liegt die gesamte Axonmembran frei. Ein Aktionspotenzial erzeugt lokale elektrische Ströme und depolarisiert dadurch den direkt benachbarten Membranabschnitt.
Der Ablauf wiederholt sich fortlaufend:
- An einem Membranabschnitt entsteht ein Aktionspotenzial.
- Die Spannungsänderung depolarisiert den angrenzenden Abschnitt.
- Dort wird der Schwellenwert erreicht und ein neues Aktionspotenzial ausgelöst.
- Der Vorgang setzt sich entlang der gesamten Membran fort.
Stell dir eine Reihe dicht nebeneinanderstehender Dominosteine vor. Jeder Stein muss den nächsten umstoßen. Entsprechend muss bei der kontinuierlichen Leitung jeder folgende Membranabschnitt erregt werden. Die Erregung wird dabei nicht schwächer, weil an jedem Abschnitt ein vollständiges neues Aktionspotenzial entsteht.
Hinter der Erregungsfront befinden sich die Natriumkanäle vorübergehend in der Refraktärzeit. In dieser Zeit ist der gerade erregte Abschnitt nicht sofort erneut erregbar. Das unterstützt die Weiterleitung in Richtung des Axonendes.
So funktioniert die saltatorische Erregungsleitung
Bei einem myelinisierten Axon isoliert die Myelinscheide die Membran zwischen den Schnürringen. Neue Aktionspotenziale entstehen daher an den Ranvierschen Schnürringen, an denen viele spannungsabhängige Ionenkanäle liegen.
- An einem Schnürring entsteht ein Aktionspotenzial. Natriumionen strömen ein.
- Der elektrische Strom breitet sich unter der Myelinscheide zum nächsten Schnürring aus.
- Dort wird die Membran bis zum Schwellenwert depolarisiert.
- Am nächsten Schnürring entsteht ein neues Aktionspotenzial.
Das Signal scheint deshalb von Ring zu Ring zu springen. Genau das bedeutet saltatorisch: sprunghaft.
Beim Überqueren eines Bachs kannst du durch das Wasser waten oder von Stein zu Stein springen. Das Waten ähnelt der kontinuierlichen Leitung über jeden Membranabschnitt. Die Steine entsprechen den Schnürringen, an denen das Aktionspotenzial bei der saltatorischen Leitung erneuert wird.
Myelin lässt das Aktionspotenzial nicht einfach größere Lücken überspringen. Es ermöglicht eine schnelle elektrische Ausbreitung zwischen den Schnürringen; an jedem erreichten Ring wird das Aktionspotenzial neu gebildet.
Da nur begrenzte Membranbereiche stark am Ionenaustausch beteiligt sind, müssen anschließend weniger verschobene Ionenverteilungen wiederhergestellt werden. Deshalb benötigt die saltatorische Leitung weniger Pumpenarbeit und damit weniger Energie.
Geschwindigkeit erklären und messen
Die beiden Leitungsformen unterscheiden sich strukturell:
| Merkmal | Kontinuierlich | Saltatorisch |
|---|---|---|
| Axon | nicht myelinisiert | myelinisiert |
| Orte neuer Aktionspotenziale | entlang der gesamten Membran | an den Schnürringen |
| Weiterleitung | Abschnitt für Abschnitt | scheinbar von Ring zu Ring |
| Geschwindigkeit | langsamer | schneller |
| Energiebedarf | höher | geringer |
Auch der Axondurchmesser beeinflusst die Geschwindigkeit. Ein größeres Axon besitzt einen geringeren elektrischen Innenwiderstand. Lokale Ströme können sich deshalb leichter ausbreiten. Nicht myelinisierte Riesenaxone, etwa beim Tintenfisch, nutzen diesen Effekt.
Myelinisierung ermöglicht dagegen hohe Geschwindigkeiten bei vergleichsweise kleinen Durchmessern. Ein Beispielvergleich zeigt das Muster:
| Tier | Axondurchmesser | Geschwindigkeit | Myelinisierung |
|---|---|---|---|
| Qualle | 0,009 mm | 0,5 m/s | nicht myelinisiert |
| Tintenfisch | 0,650 mm | 25 m/s | nicht myelinisiert |
| Frosch | 0,015 mm | 30 m/s | myelinisiert |
Das Froschaxon ist viel dünner als das Tintenfischaxon und leitet dennoch etwas schneller. Der Vergleich veranschaulicht den Vorteil der Myelinisierung. Weil die Werte von verschiedenen Tierarten stammen, ist er jedoch kein kontrolliertes Experiment, das nur einen einzigen Einflussfaktor verändert.
Eine Geschwindigkeit berechnen
Für eine Strecke von 55 mm und eine Zeit von 0,0017 s gilt:
$$v = \frac{s}{t} = \frac{55\,\mathrm{mm}}{0{,}0017\,\mathrm{s}} \approx 32353\,\mathrm{mm/s} \approx 32{,}35\,\mathrm{m/s}$$
Die Einheitenprüfung passt: Strecke geteilt durch Zeit ergibt eine Geschwindigkeit. Das Ergebnis liegt bei rund 32 m/s.
Erregungsleitung sicher anwenden
Achte bei Aufgaben zuerst auf den Bau des Axons. Suche nach Hinweisen wie Myelinscheide, Schnürring oder nicht myelinisiert. Ordne dann den Mechanismus zu und begründe die Folgen.
Ein Wirkstoff blockiert spannungsabhängige Natriumkanäle an den Ranvierschen Schnürringen eines myelinisierten Axons.
Ohne den Natriumeinstrom kann am nächsten Schnürring kein neues Aktionspotenzial entstehen. Die saltatorische Erregungsleitung wird daher unterbrochen, selbst wenn sich der lokale Strom unter der Myelinscheide noch bis zu diesem Ring ausbreitet.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Bei einem Axon entstehen neue Aktionspotenziale an den Ranvierschen Schnürringen. Die Leitung heißt . Bei einem Axon ohne Myelinscheide wird dagegen nacheinander depolarisiert. Ein größerer Axondurchmesser den elektrischen Innenwiderstand.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Erregungsleitung
- kontinuierlich: gesamte Membran wird nacheinander depolarisiert
- saltatorisch: neue Aktionspotenziale an Schnürringen
- Myelin: Isolation, höheres Tempo, geringerer Energiebedarf
- Axondurchmesser: größer bedeutet geringerer Innenwiderstand
- Refraktärzeit: verhindert unmittelbare erneute Erregung
Abschluss-Check
Du kannst die Leitungsform nun aus dem Axonbau ableiten: Ohne Myelin wird jeder Membranabschnitt nacheinander erregt; mit Myelin wird das Aktionspotenzial schnell und energiesparend an den Schnürringen erneuert.
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