Chemie

Chiralität erkennen und R/S-Konfiguration bestimmen

Chiralität erkennen und R/S-Konfiguration bestimmen
Chiralität erkennen und R/S-Konfiguration bestimmen
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Ein Molekül ist chiral, wenn es nicht mit seinem Spiegelbild zur Deckung gebracht werden kann. Die beiden nicht deckungsgleichen Spiegelbildformen heißen Enantiomere. Ein häufiges Erkennungsmerkmal ist ein tetraedrisches Kohlenstoffatom mit vier verschiedenen Substituenten.

Auf dieser Seite lernst du, Chiralität von anderen Formen der Isomerie abzugrenzen und die Konfiguration eines Stereozentrums mit den CIP-Regeln als R oder S zu bestimmen.

Deine Lernziele

Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!

Warum passt ein Molekül manchmal nicht auf sein Spiegelbild?

Halte gedanklich deine rechte Hand vor einen Spiegel. Das Spiegelbild sieht wie eine linke Hand aus. Du kannst die rechte Hand drehen und verschieben, aber nicht so auf eine linke Hand legen, dass alle Teile gleichzeitig übereinstimmen.

Bei einem chiralen Molekül ist es ebenso: Spiegelbild und Original haben dieselben Atome und dieselben Bindungen, unterscheiden sich aber in ihrer räumlichen Anordnung.

Definition

Chiralität

Chiralität ist die Eigenschaft eines Objekts oder Moleküls, nicht mit seinem Spiegelbild deckungsgleich zu sein. Ein deckungsgleiches Spiegelbild kennzeichnet dagegen ein achirales Molekül.

Definition

Enantiomere

Enantiomere sind Stereoisomere, die sich wie Bild und Spiegelbild verhalten und nicht deckungsgleich sind. Eine Spiegelung erzeugt die jeweils andere Form; durch bloßes Drehen oder Verschieben lassen sich die Formen nicht zur Deckung bringen.

Merke

Spiegelbildlich allein genügt nicht: Erst wenn Bild und Spiegelbild nicht deckungsgleich sind, liegt Chiralität vor.

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Frage 1 von 1LeichtWelche Aussage beschreibt ein chirales Molekül richtig?
Lösung: Sein Spiegelbild kann durch Drehen und Verschieben nicht mit ihm zur Deckung gebracht werden. — Chiralität betrifft die fehlende Deckungsgleichheit von Original und Spiegelbild, nicht die Möglichkeit einer Spiegelung.
Woran erkennst du ein Stereozentrum?

Der häufigste Schulfall ist ein tetraedrisches Kohlenstoffatom, das vier verschiedene Atome oder Atomgruppen trägt. Dieses Atom heißt Stereozentrum oder Chiralitätszentrum und wird häufig mit einem Sternchen markiert.

Definition

Stereozentrum

Ein Stereozentrum ist ein Atom, an dem ein Vertauschen zweier Substituenten zu einer anderen räumlichen Konfiguration führt. Beim typischen Kohlenstoff-Stereozentrum sind vier verschiedene Substituenten tetraedrisch angeordnet.

Beim Alanin ist das zentrale Kohlenstoffatom mit vier verschiedenen Gruppen verbunden:

  • Aminogruppe: $\mathrm{-NH_2}$
  • Carboxygruppe: $\mathrm{-COOH}$
  • Methylgruppe: $\mathrm{-CH_3}$
  • Wasserstoffatom: $\mathrm{-H}$

Damit ist dieses Kohlenstoffatom ein Stereozentrum. Die beiden möglichen räumlichen Anordnungen bilden ein Enantiomerenpaar.

Ein Kohlenstoffatom mit zwei gleichen Substituenten ist in diesem einfachen Fall kein Stereozentrum. Trägt es beispielsweise zweimal $\mathrm{-CH_3}$, lassen sich keine vier verschiedenen Gruppen unterscheiden.

Gut zu wissen

Ein Stereozentrum ist ein wichtiges Erkennungsmerkmal, aber nicht das allgemeine Chiralitätskriterium. Moleküle können auch durch eine Achse, eine Ebene oder eine helikale Gesamtform chiral werden. Umgekehrt kann ein Molekül mit mehreren Stereozentren wegen innerer Symmetrie insgesamt achiral sein.

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Frage 1 von 1MittelWelches Kohlenstoffatom ist im beschriebenen Fall ein Stereozentrum?
Lösung: Ein tetraedrisches C-Atom mit $\mathrm{-OH}$, $\mathrm{-NH_2}$, $\mathrm{-CH_3}$ und $\mathrm{-H}$ — Prüfe die vier direkt am betrachteten Kohlenstoff hängenden Substituenten. Nur wenn alle vier verschieden sind, liegt der typische Fall eines Kohlenstoff-Stereozentrums vor.
Wie ordnest du chirale Moleküle in die Isomerie ein?

Isomere besitzen dieselbe Summenformel, unterscheiden sich aber in ihrer Struktur. Entscheidend ist, ob sich bereits die Atomverknüpfung oder nur die räumliche Anordnung unterscheidet.

BeziehungAtomverknüpfungRäumliche Beziehung
Konstitutionsisomereunterschiedlichnicht entscheidend
Stereoisomeregleichunterschiedlich
Enantiomeregleichnicht deckungsgleiche Spiegelbilder
Diastereomeregleichkeine Spiegelbilder voneinander

Bei Molekülen mit mehreren Stereozentren gilt:

  • Sind alle verglichenen Stereozentren entgegengesetzt konfiguriert und sind die Strukturen nicht deckungsgleiche Spiegelbilder, handelt es sich um Enantiomere.
  • Unterscheiden sich einige, aber nicht alle Stereozentren, handelt es sich um Diastereomere.
  • Kann eine innere Symmetrie das Spiegelbild deckungsgleich machen, liegt eine achirale meso-Verbindung vor.
Definition

Racemat

Ein Racemat ist ein Gemisch aus gleichen Stoffmengen beider Enantiomere, also ein 1:1-Gemisch.

Bei $n$ Stereozentren sind zunächst höchstens $2^n$ Konfigurationen denkbar. Bei drei Zentren ergibt das höchstens $2^3=8$. Symmetrische meso-Formen können die tatsächliche Zahl verringern.

Beispiel

Zwei Moleküle besitzen jeweils zwei Stereozentren. Beim zweiten Molekül ist nur eines der beiden Zentren gegenüber dem ersten umgekehrt konfiguriert.

Die Moleküle sind keine Spiegelbilder, denn dafür müssten beide Zentren entsprechend gespiegelt sein. Sie sind daher Diastereomere.

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Frage 1 von 1MittelEin Molekül besitzt zwei Stereozentren. Eine zweite Struktur unterscheidet sich nur an einem davon. Welche Beziehung liegt vor?
Lösung: Die Strukturen sind Diastereomere. — Die Atomverknüpfung bleibt gleich, daher sind es Stereoisomere. Weil sich nur eines von zwei Zentren unterscheidet, sind sie Diastereomere.
Wie bestimmst du R oder S?

Die Buchstaben R und S beschreiben die absolute räumliche Konfiguration eines Stereozentrums. Grundlage sind die Cahn–Ingold–Prelog-Regeln, kurz CIP-Regeln.

Schritt 1: Prioritäten vergeben

Ordne den vier Substituenten die Prioritäten 1 bis 4 zu.

  1. Vergleiche zuerst die Atome, die unmittelbar mit dem Stereozentrum verbunden sind.
  2. Das Atom mit der höheren Ordnungszahl erhält die höhere Priorität.
  3. Bei Gleichstand vergleichst du schrittweise die nächsten gebundenen Atome. Dabei werden die Vergleichslisten nach absteigender Ordnungszahl betrachtet.
  4. Mehrfachbindungen werden beim Vergleich so behandelt, als wäre das betreffende Atom mehrfach an entsprechende Atome gebunden.

Für direkt gebundene Atome gilt im Beispiel:

$$\mathrm{O > N > C > H}$$

Daher erhalten $\mathrm{-OH}$, $\mathrm{-NH_2}$, $\mathrm{-CH_3}$ und $\mathrm{-H}$ die Prioritäten 1, 2, 3 und 4.

Schritt 2: Die niedrigste Priorität nach hinten richten

Betrachte das Molekül so, dass der Substituent mit Priorität 4 von dir weg zeigt.

Schritt 3: Den Weg 1–2–3 verfolgen

  • verläuft 1–2–3 im Uhrzeigersinn: R
  • verläuft 1–2–3 gegen den Uhrzeigersinn: S
Merke

Erst Prioritäten vergeben, dann Priorität 4 nach hinten ausrichten und erst danach den Drehsinn von 1 über 2 nach 3 ablesen.

Beispiel

Beim Stereozentrum des Alanins hängen $\mathrm{-NH_2}$, $\mathrm{-COOH}$, $\mathrm{-CH_3}$ und $\mathrm{-H}$.

  1. $\mathrm{-NH_2}$ beginnt mit N und erhält Priorität 1.
  2. $\mathrm{-COOH}$ und $\mathrm{-CH_3}$ beginnen beide mit C. Beim Vergleich der nächsten Atome hat die Carboxygruppe wegen der gebundenen Sauerstoffatome Vorrang. Sie erhält Priorität 2.
  3. $\mathrm{-CH_3}$ erhält Priorität 3.
  4. $\mathrm{-H}$ erhält Priorität 4.

Zeigt H nach hinten und verläuft der Weg $\mathrm{-NH_2 \rightarrow -COOH \rightarrow -CH_3}$ im Uhrzeigersinn, ist die dargestellte Konfiguration R. Im Spiegelbild läuft derselbe Weg bei nach hinten gerichtetem H gegen den Uhrzeigersinn; diese Form ist S.

Gut zu wissen

R und S sagen nichts über die Richtung aus, in die eine Substanz linear polarisiertes Licht dreht. Aus R folgt also nicht automatisch „rechtsdrehend“, und aus S nicht automatisch „linksdrehend“.

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Frage 1 von 2MittelDie Priorität 4 zeigt nach hinten. Der Weg 1–2–3 verläuft gegen den Uhrzeigersinn. Welche Konfiguration liegt vor?
Lösung: S — Weil Priorität 4 bereits nach hinten zeigt, kannst du den Drehsinn direkt ablesen: gegen den Uhrzeigersinn bedeutet S.
Frage 2 von 2SchwerBei einer Darstellung zeigt Priorität 4 nach vorn. Der sichtbare Weg 1–2–3 verläuft im Uhrzeigersinn. Was musst du beachten?
Lösung: Das abgelesene Ergebnis muss umgekehrt werden; die Konfiguration ist S. — Zeigt die niedrigste Priorität nach vorn, blickst du aus der entgegengesetzten Richtung auf die Anordnung. Deshalb kehrst du das sichtbare Ergebnis um.
Warum können Enantiomere unterschiedlich wirken?

Enantiomere besitzen dieselbe Atomverknüpfung. Trotzdem können sie in einer chiralen Umgebung verschieden wechselwirken.

Enzyme und Rezeptoren sind selbst chiral. Bindet ein Enantiomer an einen solchen Partner, entsteht eine andere räumliche Wechselwirkung als beim Spiegelbild. Die beiden Wechselwirkungen können sich in ihrer Energie unterscheiden. Deshalb kann ein Enantiomer besser passen, schneller umgesetzt werden oder eine andere Wirkung hervorrufen.

Beispiel

Stelle dir einen Rezeptor als räumlich geformte Bindungstasche vor. Ein Enantiomer ordnet seine Gruppen passend zu den Kontaktstellen an. Beim Spiegelbild zeigen einzelne Gruppen in andere Richtungen. Es kann deshalb schwächer, gar nicht oder an einen anderen Rezeptor binden.

Das bedeutet nicht, dass sich jedes Enantiomerenpaar biologisch unterschiedlich verhalten muss. Beide Formen müssen getrennt untersucht werden. Beim Arzneistoff Thalidomid ist eine einfache dauerhafte Zuordnung „eine Form erwünscht, die andere schädlich“ zudem nicht zuverlässig, weil die Enantiomere im Körper ineinander übergehen können.

Auch chirale Katalysatoren nutzen unterschiedliche räumliche Wechselwirkungen. Sie können einen von zwei möglichen Reaktionswegen bevorzugen und dadurch überwiegend ein Enantiomer erzeugen.

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Frage 1 von 1SchwerWarum kann ein chiraler Rezeptor zwei Enantiomere unterschiedlich erkennen?
Lösung: Mit den beiden Enantiomeren entstehen räumlich verschiedene Wechselwirkungen. — Ein chiraler Bindungspartner erzeugt mit den beiden Spiegelbildformen unterschiedliche räumliche Anordnungen der Kontaktstellen. Daraus können unterschiedliche Bindungsenergien und Wirkungen folgen.
Kannst du Chiralität selbst untersuchen?

Bearbeite die Fälle in dieser Reihenfolge: Substituenten prüfen, Spiegelbildbeziehung klären und erst dann gegebenenfalls R oder S bestimmen.

Aufgabe 1: Stereozentrum erkennen

Ein tetraedrisches Kohlenstoffatom trägt $\mathrm{-Cl}$, $\mathrm{-OH}$, $\mathrm{-CH_3}$ und $\mathrm{-H}$. Entscheide, ob es ein Stereozentrum ist, und ordne die CIP-Prioritäten.

Beispiel

Lösung: Alle vier Substituenten sind verschieden. Das Kohlenstoffatom ist daher ein Stereozentrum.

Die unmittelbar gebundenen Atome sind Cl, O, C und H. Nach ihrer Ordnungszahl gilt:

$$\mathrm{Cl > O > C > H}$$

Die Prioritäten lauten deshalb:

  1. $\mathrm{-Cl}$
  2. $\mathrm{-OH}$
  3. $\mathrm{-CH_3}$
  4. $\mathrm{-H}$

Für die Entscheidung zwischen R und S wäre zusätzlich die räumliche Anordnung erforderlich.

Aufgabe 2: Fehler diagnostizieren

Eine Schülerin sagt: „Das Molekül hat zwei Stereozentren, also ist es auf jeden Fall chiral.“ Erkläre den Fehler.

Beispiel

Lösung: Mehrere Stereozentren garantieren nicht, dass das Gesamtmolekül chiral ist. Eine innere Symmetrie kann dazu führen, dass Molekül und Spiegelbild deckungsgleich sind. Dann liegt eine achirale meso-Verbindung vor. Nach dem Auffinden der Zentren muss daher immer die Gesamtstruktur geprüft werden.

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Frage 1 von 1SchwerZwei Moleküle haben dieselbe Atomverknüpfung und sind nicht deckungsgleiche Spiegelbilder. Wie ordnest du sie ein?
Lösung: Sie sind Enantiomere und damit Stereoisomere. — Nicht deckungsgleiche Spiegelbilder mit gleicher Atomverknüpfung sind Enantiomere. Erst ein 1:1-Gemisch beider Formen heißt Racemat.
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Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.

Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Chiralität
    • Spiegelbild nicht deckungsgleich
    • Stereozentrum als häufiges Erkennungsmerkmal
    • Enantiomere als Spiegelbildpaar
    • Diastereomere ohne Spiegelbildbeziehung
    • meso-Verbindung durch innere Symmetrie achiral
    • R/S durch CIP-Prioritäten
    • chirale Umgebung kann Enantiomere unterscheiden
Abschluss-Check
Teste dich
Frage 1 von 3LeichtWas ist ein Racemat?
Lösung: Ein 1:1-Gemisch beider Enantiomere — Ein Racemat enthält gleiche Stoffmengen der beiden Enantiomere.
Frage 2 von 3MittelFür $\mathrm{-OH}$, $\mathrm{-NH_2}$, $\mathrm{-CH_3}$ und $\mathrm{-H}$ sollen CIP-Prioritäten vergeben werden. Welche Reihenfolge stimmt?
Lösung: $\mathrm{-OH > -NH_2 > -CH_3 > -H}$ — Die unmittelbar gebundenen Atome sind O, N, C und H. Nach abnehmender Ordnungszahl gilt O vor N vor C vor H.
Frage 3 von 3SchwerEin Molekül besitzt mehrere Stereozentren, ist aber wegen innerer Symmetrie mit seinem Spiegelbild deckungsgleich. Welche Aussage ist richtig?
Lösung: Es ist eine achirale meso-Verbindung. — Eine innere Symmetrie kann die Chiralität des Gesamtmoleküls aufheben. Solche achiralen Strukturen mit mehreren Stereozentren heißen meso-Verbindungen.

Du kannst Chiralität nun in drei Schritten untersuchen: Prüfe zuerst die räumliche Spiegelbildbeziehung, suche dann nach möglichen Stereozentren und bestimme bei Bedarf jedes Zentrum mit den CIP-Regeln als R oder S.

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