Polysemie einfach erklärt: Bedeutung im Kontext
Bei Polysemie hat dieselbe Wortform mehrere Bedeutungen, die miteinander verbunden sind. Welche Bedeutung gemeint ist, erkennst du meistens am Kontext. Auf dieser Seite lernst du, polyseme Wörter zu untersuchen und von Homonymen zu unterscheiden.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Wenn ein Wort mehrere Bedeutungen hat
Das Wort Pferd kann ein Tier, eine Schachfigur oder ein Turngerät bezeichnen. Die Form des Wortes bleibt gleich, seine Bedeutung wechselt.
Polysemie
Polysemie ist die Mehrdeutigkeit eines sprachlichen Ausdrucks, besonders eines Wortes. Bei einem Polysem sind die verschiedenen Bedeutungen erkennbar miteinander verbunden oder aus einer gemeinsamen Grundidee hervorgegangen.
Auch andere Wortarten können polysem sein. Das Adjektiv grün bezeichnet zum Beispiel eine Farbe, eine unreife Frucht oder eine unerfahrene Person.
Das Wort Wurzel erscheint in verschiedenen Zusammenhängen:
- Die Pflanzenwurzel verankert eine Pflanze im Boden.
- Die Zahnwurzel sitzt tief im Kiefer.
- Die Haarwurzel liegt in der Haut.
- In der Mathematik bezeichnet eine Wurzel eine bestimmte Beziehung zwischen Zahlen.
Die Bedeutungen sind nicht identisch. Sie teilen jedoch die Vorstellung eines grundlegenden oder tief verankerten Ausgangspunkts.
Eine Wortform plus mehrere verbundene Bedeutungen ergibt Polysemie.
Der Kontext wählt die passende Lesart
Eine einzelne Bedeutung eines mehrdeutigen Wortes heißt Lesart. Der Kontext liefert Hinweise darauf, welche Lesart gemeint ist.
Vergleiche diese Sätze:
- „Der Zug fährt um 8 Uhr am Bahnhof ab.“
- „Schließe das Fenster, hier ist ein kalter Zug.“
- „Mit diesem Zug setzt sie den König schachmatt.“
Bahnhof und fährt weisen im ersten Satz auf ein Fahrzeug hin. Fenster und kalt sprechen im zweiten Satz für einen Luftzug. Im dritten Satz zeigt schachmatt, dass ein Spielzug gemeint ist.
Monosemierung
Monosemierung bedeutet, dass der Kontext aus mehreren möglichen Lesarten die gerade passende auswählbar macht.
So gehst du beim Erschließen vor:
- Markiere das mehrdeutige Wort.
- Suche nach Hinweisen im Satz und in seiner Umgebung.
- Formuliere die passende Bedeutung mit eigenen Worten.
- Prüfe, ob diese Bedeutung zum gesamten Satz passt.
Satz: „Nach dem Sturm lag ein dicker Ast auf der Leitung.“
Leitung könnte unter anderem eine technische Verbindung oder eine führende Personengruppe bezeichnen. Die Wörter Sturm und Ast passen hier zu einer technischen Leitung, etwa einer Strom- oder Telefonleitung. Eine Personengruppe kann nicht in diesem Sinn unter einem Ast liegen.
Polysemie und Homonymie unterscheiden
Bei Polysemie gehören die Bedeutungen zu einer erkennbaren Bedeutungsfamilie. Bei Homonymie haben verschiedene Wörter zufällig dieselbe Form, ohne dass ihre heutigen Bedeutungen erkennbar zusammengehören.
Homonymie
Homonyme sind verschiedene Wörter mit gleicher Ausdrucksform, aber nicht erkennbar verbundenen Bedeutungen.
Ein klares Beispiel ist Kiefer:
- der Kiefer: ein Knochen des Mundbereichs
- die Kiefer: ein Nadelbaum
Die beiden Bedeutungen bilden keine erkennbare Bedeutungsfamilie. Auch das unterschiedliche grammatische Geschlecht hilft hier bei der Unterscheidung.
Bei Pferd ist die Verbindung dagegen nachvollziehbar: Das Turngerät und die Schachfigur wurden nach Merkmalen benannt, die an ein Pferd erinnern.
| Prüffrage | Polysemie | Homonymie |
|---|---|---|
| Bleibt die Wortform gleich? | ja | ja |
| Sind die Bedeutungen erkennbar verbunden? | ja | normalerweise nein |
| Beispiel | Pferd: Tier, Turngerät, Schachfigur | Kiefer: Knochen, Baum |
Die Grenze ist nicht immer eindeutig. Fachleute und Wörterbücher können ein Wort verschieden einordnen, weil sie heutige Bedeutungsähnlichkeit und Wortgeschichte unterschiedlich gewichten. Wenn die Verbindung unsicher ist, begründe deine Entscheidung und kennzeichne sie als Grenzfall.
Wie neue Bedeutungen entstehen
Eine häufige Ursache für Polysemie ist die bildliche Übertragung. Dabei wird eine Bezeichnung auf etwas übertragen, das in Form, Funktion oder Lage ähnlich ist.
Ein Kamm ordnet Haare mit einer Reihe von Zinken. Ein Bergkamm bezeichnet die längliche obere Linie eines Gebirges. Die gezackte Form verbindet beide Lesarten.
Auch Fachsprachen können ein bekanntes Wort spezialisieren. So bezeichnet Wurzel in der Mathematik etwas anderes als in der Biologie, ohne dass die gemeinsame Grundvorstellung völlig verloren geht.
Manche Bedeutungswechsel treten regelmäßig auf. Ein Institutionsname kann je nach Kontext die Organisation, die Menschen oder das Gebäude meinen:
- „Die Schule führt eine Projektwoche ein.“ – die Institution
- „Die Schule jubelt über den Sieg.“ – die Schulgemeinschaft
- „Die Schule steht unter Denkmalschutz.“ – das Gebäude
Nicht jede spontane Übertragung ist schon eine feste Wortbedeutung. In einem ungewöhnlichen Vergleich kann ein Wort nur für diesen einen Moment bildlich gebraucht werden. Erst wenn sich eine Lesart im allgemeinen Sprachgebrauch verfestigt, kann sie als eigene Bedeutung im Wörterbuch erscheinen.
Mehrdeutige Wörter sicher anwenden
Polysemie spielt beim Lesen, Schreiben und Übersetzen eine Rolle. Ein Wort lässt sich nicht zuverlässig isoliert deuten. Du musst seine Umgebung, das Fachgebiet und die beschriebene Situation beachten.
Untersuche den Satz „Die Maus liegt neben der Tastatur.“
- Maus kann ein Tier oder ein Eingabegerät bezeichnen.
- Tastatur gehört zum Bereich Computer.
- Deshalb ist wahrscheinlich das Eingabegerät gemeint.
- Das Wort wahrscheinlich bleibt sinnvoll: Auch ein Tier könnte tatsächlich neben einer Tastatur liegen. Ein größerer Textzusammenhang würde die Entscheidung absichern.
Diese Einschränkung ist wichtig: Kontext liefert oft starke Hinweise, aber nicht jeder einzelne Satz ist völlig eindeutig. Beabsichtigte Mehrdeutigkeit kann sogar für Wortspiele genutzt werden.
Deine Anwendung
Ordne die Mehrdeutigkeit ein und begründe mit Kontexthinweisen:
- „Der Läufer zieht diagonal über das Schachbrett.“
- „Der Läufer liegt im schmalen Flur.“
- „Die Kiefer wirft lange Nadeln ab.“
- „Die Ärztin untersucht den Kiefer.“
Lösung:
- Schachbrett und diagonal wählen die Lesart Schachfigur von Läufer.
- liegt und schmaler Flur wählen die Lesart Teppich. Die verbundenen Lesarten von Läufer gehören zur Polysemie.
- Nadeln weist bei Kiefer auf den Baum hin.
- Ärztin und untersucht weisen auf den Körperteil hin. Die beiden Bedeutungen von Kiefer gelten als Homonyme, weil keine Bedeutungsverbindung erkennbar ist.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Polysemie
- gleiche Ausdrucksform
- mehrere verbundene Lesarten
- Kontext wählt passende Lesart
- entsteht oft durch Übertragung oder Spezialisierung
- Abgrenzung
- Homonymie ohne erkennbare Bedeutungsverbindung
- Grenzfälle begründet und vorsichtig beurteilen
- Anwendung
- Kontexthinweise markieren
- Bedeutung formulieren
- am gesamten Satz prüfen
Abschluss-Check
Du kannst Polysemie nun nicht nur benennen: Du erschließt eine Lesart aus dem Kontext, erklärst die Bedeutungsverbindung und gehst bei unsicheren Grenzfällen begründet vor.
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