Glaziale Erosion: Prozesse und Formen verstehen
Glaziale Erosion ist die Abtragung des Untergrunds durch einen Gletscher und durch Schmelzwasser unter dem Eis. Dabei entstehen kleine Spuren wie Gletscherschrammen und große Landschaftsformen wie Kare, Trogtäler, Hängetäler, Fjorde und Zungenbecken.
Auf dieser Seite lernst du, die wichtigsten Abtragungsprozesse zu erklären und sichtbare Formen als Hinweise auf frühere Vergletscherung auszuwerten.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was glaziale Erosion antreibt
Stell dir einen Gletscher nicht als ruhenden Eisblock vor. Unter seinem eigenen Gewicht fließt das Eis langsam talwärts. An seiner Basis wirken Eis, Gesteinsstücke und Schmelzwasser auf den Untergrund ein.
Glaziale Erosion
Glaziale Erosion ist die Abtragung von Gestein oder Lockermaterial durch einen Gletscher und durch Wasser, das unter dem Gletscher fließt. Das abgetragene Material kann mit dem Eis oder Wasser weitertransportiert und später abgelagert werden.
Wie stark ein Gletscher erodiert, hängt unter anderem von seiner Mächtigkeit, seiner Fließgeschwindigkeit und dem Untergrund ab. Auch Gesteinsschutt an der Gletscherbasis beeinflusst die Bearbeitung des Felsens.
Erosion und Sedimentation sind nicht dasselbe:
- Bei der Erosion wird Material abgetragen.
- Beim Transport wird es verlagert.
- Bei der Sedimentation wird es abgelagert.
Ein Gletscher formt eine Landschaft nicht nur durch sein Gewicht. Entscheidend sind seine Bewegung, das mitgeführte Gestein und das Schmelzwasser unter dem Eis.
Wie Eis und Schmelzwasser Gestein abtragen
An der Gletscherbasis laufen mehrere Prozesse gleichzeitig oder nacheinander ab.
Abschleifen durch mitgeführten Schutt
Im Eis festgefrorene Steine und Blöcke werden über den Felsuntergrund bewegt. Sie schleifen und ritzen seine Oberfläche. Dieser Vorgang wird als Abrasion bezeichnet.
So können längliche Gletscherschrammen sowie kleinere Risse und Brüche entstehen.
Herausbrechen von Gestein
Der Gletscher kann auch größere Gesteinsstücke aus dem Untergrund lösen. Im Englischen heißt dieser Prozess plucking oder quarrying.
Eine mögliche Prozessfolge an einem Hindernis lautet:
- Vor dem Hindernis steigt der Druck des Eises.
- Basales Eis schmilzt verstärkt.
- Hinter dem Hindernis gefriert Wasser wieder.
- Lockere Gesteinspartien frieren an der Gletscherbasis fest.
- Das weiterfließende Eis bricht sie aus dem Gesteinsverband heraus.
Erosion durch Schmelzwasser
Unter einem Gletscher kann Schmelzwasser unter hohem Druck fließen. Es trägt Material ab und transportiert es weiter. Dieser Vorgang heißt subglazifluviale Erosion: „subglazial“ bedeutet unter dem Gletscher, „fluvial“ durch fließendes Wasser.
Aufpflügen an der Gletscherstirn
Schiebt die Gletscherstirn Gesteinsschutt vor sich her und pflügt ihn auf, spricht man von Exaration.
Du entdeckst auf einer glatt geschliffenen Felsfläche parallele Rillen.
- Die glatte Fläche spricht für Abschleifen.
- Die parallelen Rillen können entstanden sein, als festgefrorene Steine über den Fels gezogen wurden.
- Der passende Prozess ist daher Abrasion.
- Die Rillen sind eine Kleinform der glazialen Erosion und ein Hinweis auf die frühere Eisbewegung.
Die Form allein verrät jedoch nicht zuverlässig, wie schnell der Gletscher floss oder wie lange die Erosion dauerte.
Messungen unter Gletschern ergaben Abtragungsraten von knapp 1 Millimeter bis über 30 Millimeter pro Jahr. Diese große Spannweite ist kein allgemeiner Festwert: Die jeweilige Rate hängt von den Bedingungen am untersuchten Gletscher ab.
Welche Großformen Gletscher hinterlassen
Große Erosionsformen entstehen, wenn Eis über längere Zeit ganze Hänge, Täler oder Becken überprägt.
Kar
Ein Kar ist eine halboffene, amphitheaterähnliche Hohlform mit steilen Rück- und Seitenwänden.
Die Entstehung lässt sich als Folge erklären:
- In einer Quellmulde sammeln sich Firn und Eis.
- Mit wachsender Masse beginnt das Eis zu fließen.
- Es trägt Gestein ab und vertieft die Mulde.
- Zwischen Eis und Fels kann am oberen Rand ein Bergschrund entstehen.
- Nach dem Abschmelzen kann sich im übertieften Becken ein Karsee bilden.
Die Öffnung hangabwärts wird durch die Karschwelle begrenzt.
Trogtal
Ein Gletscher kann ein vorhandenes Tal verbreitern und vertiefen. Nach dem Abschmelzen besitzt das Tal ein U-förmiges oder parabelförmiges Querprofil und wird Trogtal genannt.
Trogtäler können durch Schwellen, Wannen und Becken treppenartig gegliedert sein. Veränderungen der Eismächtigkeit und damit der Erosionskraft tragen zu dieser Gliederung bei. In übertieften Abschnitten können später Seen entstehen.
Hängetal
Mündet ein kleiner Nebengletscher in einen größeren Hauptgletscher, erodiert der Hauptgletscher sein Tal meist stärker. Der Boden des Seitentals bleibt deshalb höher als der Boden des Haupttals. Das erhöhte Seitental heißt Hängetal. An seinem Ausgang treten häufig Wasserfälle auf.
Fjord
Ein Fjord ist ein glazial überformtes Tal an einer Küste, das nach der letzten Glazialzeit vom Meer überflutet wurde. Es reicht als schmaler Meeresarm weit ins Landesinnere.
Für einen Fjord sind somit zwei Schritte nötig:
- Ein seewärts fließender Talgletscher formt und vertieft das Tal.
- Nach dem Abschmelzen dringt Meerwasser in das Tal ein.
Zungenbecken
Im Bereich einer ehemaligen Gletscherzunge kann Lockermaterial abgetragen und der Untergrund wannenartig übertieft werden. So entsteht ein Zungenbecken. Endmoränenwälle können seine Beckenform zusätzlich begrenzen. Nach dem Abschmelzen kann darin ein Zungenbeckensee oder ein Moor entstehen.
Ein Seitental endet deutlich oberhalb eines breiten U-förmigen Haupttals. Vom Seitental fällt ein Wasserfall hinab.
Das U-Profil weist auf starke glaziale Überprägung des Haupttals hin. Der Höhenunterschied zeigt, dass der größere Hauptgletscher tiefer erodierte als der kleinere Nebengletscher. Die passende Form ist ein Hängetal.
Wie du eine Glaziallandschaft rekonstruierst
Eine einzelne Form ist ein Hinweis. Mehrere zusammenpassende Formen ermöglichen eine besser begründete Rekonstruktion.
Gehe in vier Schritten vor:
- Beobachten: Beschreibe nur, was sichtbar oder angegeben ist, etwa ein U-Profil, parallele Schrammen oder ein erhöhtes Seitental.
- Prozess zuordnen: Verbinde die Beobachtung mit einem erklärten Vorgang wie Abrasion oder unterschiedlich starker Talvertiefung.
- Reihenfolge bilden: Ordne die Vorgänge zeitlich, zum Beispiel Talbildung, Vergletscherung, Erosion und Abschmelzen.
- Grenzen nennen: Prüfe, welche Aussage die Befunde nicht sicher erlauben.
Eine Küstenlandschaft besitzt einen langen, schmalen Meeresarm mit steilen Talwänden. Oberhalb davon endet ein Seitental mit einem Wasserfall.
Beobachtung: Der Meeresarm liegt in einem tiefen Tal; das Seitental endet erhöht.
Deutung: Ein Talgletscher hat das Haupttal stark vertieft. Ein kleinerer Nebengletscher erodierte weniger stark und hinterließ ein Hängetal.
Prozessfolge: Zuerst wurden Haupt- und Seitental glazial überprägt. Nach dem Abschmelzen wurde das Haupttal vom Meer überflutet und zum Fjord.
Grenze: Aus diesen Formen allein lassen sich weder eine genaue Abtragungsrate noch die Dauer der Vergletscherung bestimmen.
Vertiefung: Hinweise kritisch bewerten
Auch übertiefte Becken und verformte Sedimente können Hinweise auf glaziale Prozesse liefern. Wie groß der Anteil subglazialer Sedimentdeformation an der gesamten Erosion ist, wird jedoch nicht eindeutig beurteilt. Eine sichere Rekonstruktion trennt deshalb Beobachtung und Deutung und kennzeichnet verbleibende Unsicherheit.
Eine gute Landschaftsdeutung folgt dem Muster: Form beobachten, Prozess erklären, zeitliche Folge bilden und Aussagegrenzen nennen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Glaziale Erosion
- Antrieb: fließendes Eis, basaler Schutt und Schmelzwasser
- Kleinformen: Schrammen, Risse und Brüche
- Hohlformen: Kar und Zungenbecken
- Talformen: Trogtal und Hängetal
- Küstenform: Fjord
- Rekonstruktion: Beobachtung, Prozess, Reihenfolge und Aussagegrenze
Abschluss-Check
Du kannst glaziale Formen nun nicht nur benennen, sondern aus den sichtbaren Merkmalen die beteiligten Prozesse und eine begründete Entstehungsfolge ableiten.
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