Archäologie: Funde lesen und deuten
Archäologie erforscht vergangene menschliche Kulturen vor allem anhand materieller Hinterlassenschaften: etwa Gebäuden, Werkzeugen, Keramik oder Abfällen. Dabei ist Ausgraben nur ein Arbeitsschritt. Entscheidend sind der Fundzusammenhang, die Dokumentation, die Datierung und eine begründete, vorsichtige Deutung.
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Was untersucht die Archäologie?
Das Wort Archäologie bedeutet wörtlich „Lehre von den Altertümern“. Das Fach untersucht nicht nur besonders wertvolle oder sehr alte Gegenstände. Auch Gebäude, Werkzeuge, Tierknochen, Pflanzenreste, Abfallgruben und materielle Zeugnisse der jüngeren Geschichte können Erkenntnisse liefern.
Materielle Hinterlassenschaft
Eine materielle Hinterlassenschaft ist ein gegenständlicher Überrest menschlichen Lebens. Als Sachquelle kann sie Hinweise auf Herstellung, Nutzung und Lebensbedingungen geben.
Geschichtsforschung und Archäologie beschäftigen sich beide mit der Vergangenheit. Geschichtsforschung arbeitet häufig stärker mit Schriftquellen. Archäologie beginnt bei materiellen Überresten. In Epochen mit Schrift werden beide Quellenarten miteinander verglichen: Ein Text kann einen Fund verständlicher machen, ein Fund aber auch eine bisherige Textdeutung verändern.
Ein Fund erzählt seine Geschichte nicht von selbst. Erst sein Zusammenhang mit Fundort, Lage, anderen Gegenständen, Texten oder Bildern macht eine begründete Deutung möglich.
Wie werden Fundstellen gesucht?
Bevor Forschende graben, erkunden sie eine Landschaft möglichst zerstörungsfrei. Diese Suche heißt Prospektion. Dazu gehören Geländebegehungen, Luftbilder und geophysikalische Messungen.
Luftbilder können zum Beispiel Unterschiede im Pflanzenwuchs zeigen. Unterirdische Mauern verändern mitunter die Bedingungen für die Pflanzen. Solche Merkmale sind jedoch nur Hinweise: Erst weitere Untersuchungen können klären, ob wirklich eine archäologische Struktur vorliegt.
Voruntersuchungen sollen Ausdehnung und Art einer möglichen Fundstelle abschätzen. Danach kann entschieden werden, ob eine Grabung nötig ist oder ob die Reste geschützt im Boden bleiben sollen.
Auf einem Luftbild erscheint ein regelmäßiges Muster im Feld. Eine sorgfältige Folgerung lautet zunächst: „Unter der Oberfläche könnte eine Struktur liegen.“ Die Behauptung „Hier stand sicher ein römisches Gebäude“ wäre ohne weitere Befunde zu weitgehend.
Warum ist eine Grabung unwiederholbar?
Bei einer Grabung wird Erde Schicht für Schicht entfernt. Dadurch verändert oder zerstört die Untersuchung den ursprünglichen Befund. Deshalb müssen Lage, Tiefe, Form und Beziehung aller Funde und Strukturen genau vermessen, gezeichnet, beschrieben und fotografisch dokumentiert werden.
Fund und Befund
Ein Fund ist ein einzelner geborgener Gegenstand, zum Beispiel eine Keramikscherbe. Ein Befund ist der beobachtete Zusammenhang am Fundort, etwa eine Mauer, eine Grube, eine Bodenschicht oder die Lage mehrerer Funde zueinander.
Ein Gegenstand ohne dokumentierten Befund verliert einen großen Teil seines wissenschaftlichen Werts. Eine Scherbe kann etwa aus einem Wohnbereich, einem Grab oder einer später verfüllten Grube stammen. Diese unterschiedlichen Zusammenhänge führen zu unterschiedlichen Fragen und Deutungen.
Viele Grabungen sind Rettungsgrabungen vor Baumaßnahmen. Forschungsgrabungen werden dagegen wegen einer wissenschaftlichen Frage geplant und sind seltener. Manchmal ist Nichtgraben die bessere Entscheidung, weil der Boden Funde vor Luft, Licht und Witterung schützen kann.
Wie werden Funde untersucht und datiert?
Nach der Grabung beginnt ein großer Teil der Arbeit erst. Funde werden gereinigt, konserviert, beschrieben, verglichen und archiviert. Im Labor helfen unter anderem chemische Analysen und Laserscans bei der Materialbestimmung.
Die Typologie ordnet Gegenstände nach Merkmalen wie Form und Material. Der Vergleich mit anderen Funden kann zeigen, welche Stücke ähnlich sind und wie sie zeitlich oder funktional zusammenhängen könnten.
Bei der Datierung gibt es zwei Grundrichtungen:
- Die relative Chronologie bestimmt, ob etwas älter, jünger oder ungefähr gleichzeitig mit etwas anderem ist.
- Die absolute Chronologie ordnet einen Fund oder Befund einem Jahr, Jahrhundert oder messbaren Zeitraum zu.
Naturwissenschaftliche Verfahren passen jeweils zu bestimmten Materialien. Radiokarbondatierung wird für organische Stoffe verwendet, Thermolumineszenzdatierung für Keramik und Dendrochronologie für Holz.
Eine Messung ersetzt den Fundkontext nicht. Sie muss zum untersuchten Material passen und anschließend zusammen mit Lage, Vergleichsfunden und weiteren Quellen interpretiert werden.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Die Einordnung als älter oder jünger gehört zur . Eine Zuordnung zu einem messbaren Zeitraum gehört zur . Holz kann durch untersucht werden. Für Keramik ist ein genanntes Verfahren.
Wie entsteht aus einem Befund eine Deutung?
Archäologische Interpretation verbindet Beobachtungen methodisch miteinander. Dabei solltest du drei Ebenen unterscheiden:
- Beobachtung: Was ist tatsächlich zu sehen oder zu messen?
- Schlussfolgerung: Welche Erklärung passt zu den Beobachtungen?
- Unsicherheit: Welche andere Erklärung ist ebenfalls möglich, oder welche Information fehlt?
Hypothetischer Befund: In einer Grube liegen Tierknochen, Keramikscherben und verkohlte Pflanzenreste.
Beobachtung: Die drei Materialgruppen wurden in derselben Grube dokumentiert.
Plausible Schlussfolgerung: Die Grube könnte mit der Verarbeitung, Lagerung oder Entsorgung von Nahrung zusammenhängen.
Unsicherheit: Ohne genauere Untersuchung ist nicht geklärt, ob alle Reste gleichzeitig in die Grube gelangten und wozu die Grube ursprünglich diente.
Der entscheidende Denkweg lautet: erst beschreiben, dann mehrere Hinweise verbinden und die Reichweite der Aussage begrenzen.
Schriftliche und materielle Quellen können sich gegenseitig erschließen. Eine Inschrift kann Hinweise auf Funktion oder Datierung eines Gegenstands geben. Umgekehrt kann eine ausgegrabene Siedlung zeigen, dass ein bekannter Text ergänzt oder neu gedeutet werden muss. Keine Quellenart besitzt automatisch immer Vorrang.
Übung: Sichere und unsichere Aussagen erkennen
Bei einer Grabung wird ein langes Metallstück mit einer Inschrift gefunden. Formuliere je eine Beobachtung, eine mögliche Deutung und eine offene Frage.
Lösung
- Beobachtung: Das Metallstück trägt eine Inschrift.
- Mögliche Deutung: Form, Material, Gebrauchsspuren und Inschrift könnten gemeinsam auf seine Funktion hinweisen.
- Offene Frage: War es Werkzeug, Waffe, Schmuck oder etwas anderes, und stammt die Inschrift aus derselben Nutzungsphase?
Andere Lösungen sind möglich, wenn du Beobachtung und Deutung sauber trennst und deine Unsicherheit konkret benennst.
Was können Experimente und Rekonstruktionen zeigen?
In der experimentellen Archäologie stellen Forschende Gegenstände mit früher verfügbaren Mitteln nach oder erproben mögliche Arbeitsweisen. So lässt sich prüfen, ob eine vermutete Herstellung oder Nutzung praktisch möglich ist.
Ein gelungenes Experiment beweist jedoch nicht, dass Menschen früher genau auf diese Weise gearbeitet haben. Es zeigt zunächst eine Möglichkeit. Auch Rekonstruktionen bleiben hypothetisch und spiegeln den jeweiligen Wissensstand.
Fehlinterpretationen können durch Wunschdenken, Sensationsinteresse oder einseitige Vorannahmen entstehen. Heinrich Schliemann fand am Hisarlık die gesuchte Stätte, ordnete seine berühmten Funde aber einer falschen Bauperiode zu und beschädigte beim Graben Befunde. Das Beispiel zeigt, warum sorgfältige Dokumentation und die Bereitschaft zur Korrektur unverzichtbar sind.
Auch Raubgrabungen zerstören Zusammenhänge: Werden Gegenstände heimlich entnommen und verkauft, fehlen ihre genaue Lage und die Beziehungen zu anderen Befunden.
Archäologische Erkenntnisse sind begründete, überprüfbare Deutungen – keine endgültigen Geschichten, die ein Fund von allein erzählt.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Archäologie
- untersucht materielle Hinterlassenschaften
- sucht Fundstellen durch Prospektion
- dokumentiert Fund und Befund
- bestimmt Material und Alter
- verbindet Beobachtungen und Quellen
- formuliert begründete Deutungen
- kennzeichnet Unsicherheiten
- prüft Möglichkeiten durch Experimente
Der typische Arbeitsweg lautet: suchen, untersuchen, dokumentieren, auswerten, datieren und vorsichtig interpretieren. Jeder Schritt beeinflusst, wie zuverlässig die spätere Aussage über die Vergangenheit ist.
Abschluss-Check
Wenn du bei einem neuen Fund Beobachtung, Deutung und Unsicherheit trennen kannst, hast du den wichtigsten archäologischen Denkweg verstanden.
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