Bürgertum: Bedeutung, Gruppen und Geschichte
Das Bürgertum ist keine einheitliche Gruppe. Der Begriff bezeichnet je nach Zeit und Ort entweder Menschen mit städtischem Bürgerrecht oder unterschiedliche soziale Gruppen, die besonders durch Besitz, Bildung, selbstständige Berufe und gemeinsame Wertvorstellungen verbunden waren.
Auf dieser Seite unterscheidest du diese Bedeutungen und erklärst, wie sich das Bürgertum vom Mittelalter bis zur Industriegesellschaft wandelte.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Ein Begriff mit mehreren Bedeutungen
Das Wort „Bürger“ bezeichnet nicht immer dasselbe. Im Mittelalter war ein Bürger vor allem eine Person mit einem besonderen Rechtsstatus in einer Stadt. Im 19. Jahrhundert bezeichnete „Bürgertum“ zunehmend verschiedene besser gestellte soziale Gruppen.
Bürgertum
Das Bürgertum ist eine historisch wandelbare soziale Formation. Zu ihr wurden unter anderem Menschen mit Besitz, Bildung, wirtschaftlicher Selbstständigkeit oder gehobenen Berufen gerechnet. Gemeinsame Werte und Lebensformen verbanden diese unterschiedlichen Gruppen teilweise miteinander.
Eine allgemeine Mittelschicht ist deshalb nicht automatisch ein Bürgertum. Zusätzlich müssen gemeinsame Vorstellungen darüber erkennbar sein, wie Menschen arbeiten, leben und die Gesellschaft ordnen sollten.
Auch „Bürger“ und „Staatsbürger“ sind nicht gleichbedeutend: Jeder Staatsbürger besitzt eine rechtliche Zugehörigkeit zu einem Staat. Die Zugehörigkeit zum Bürgertum beschreibt dagegen eine historische soziale und kulturelle Einordnung.
Frage bei dem Wort „Bürger“ immer: Geht es um ein städtisches Recht, die Zugehörigkeit zu einem Staat oder eine soziale Gruppe?
Vom Stadtbewohner zum Stadtbürger
Mittelalterliche Städte besaßen gegenüber ländlichen Siedlungen besondere Rechte. Innerhalb der Stadt war das Bürgerrecht ein privilegierter Status, den nicht jeder Einwohner hatte.
Für die Aufnahme konnten beispielsweise ein Mindestvermögen, Hausbesitz oder eine längere Aufenthaltsdauer verlangt werden. Das Bürgerrecht konnte gekauft, ererbt, verliehen oder in einzelnen Fällen durch besondere Leistungen erworben werden. Die genauen Bedingungen unterschieden sich von Stadt zu Stadt.
Bürgerrecht
Das Bürgerrecht war die rechtlich anerkannte Zugehörigkeit zur städtischen Bürgerschaft. Es verband bestimmte Rechte mit Pflichten gegenüber der Stadt.
Zu den möglichen Rechten gehörten städtischer Schutz, eine günstigere erbrechtliche Stellung und Freizügigkeit. Politische Mitwirkung in der städtischen Selbstverwaltung war in der beschriebenen Ordnung Männern vorbehalten.
Bürger mussten unter anderem Steuern zahlen, die Stadtmauern bewachen und Kriegsdienst leisten. Frauen konnten ebenfalls ein gekauftes oder ererbtes Bürgerrecht besitzen, waren aber politisch und bei der Erfüllung bestimmter Pflichten anders gestellt.
Nicht alle Stadtbewohner waren gleichberechtigt. Neben Bürgern lebten beispielsweise minderberechtigte Einwohner in den Städten. Ausbürger oder Pfahlbürger besaßen dagegen ein Bürgerrecht, obwohl sie außerhalb der Stadt wohnten.
Eine Person lebt seit Kurzem in einer mittelalterlichen Stadt. Daraus folgt noch nicht, dass sie Bürger ist. Erst wenn sie die örtlichen Aufnahmebedingungen erfüllt und das Bürgerrecht erhält, gehören die damit verbundenen Rechte und Pflichten zu ihrer Rechtsstellung.
In vielen Städten stritten Gruppen um politische Beteiligung. Wohlhabende Kaufleute kämpften zunächst gegen den Ausschluss von der Herrschaft. Später organisierten sich Handwerker in Zünften und verlangten Sitze in den städtischen Räten. Dennoch konnten wenige reiche Familien die politische Macht erneut auf sich konzentrieren.
Wie das moderne Bürgertum gegliedert war
Mit Aufklärung, Revolutionen und Industrialisierung veränderte sich der Begriff. Im 19. Jahrhundert meinte „Bürgertum“ nicht mehr nur eine städtische Rechtsgruppe, sondern zunehmend mittlere und obere soziale Gruppen.
Drei Bezeichnungen helfen bei der Orientierung:
- Besitz- oder Wirtschaftsbürgertum: größere Unternehmer, Fabrikanten und andere wirtschaftlich Selbstständige mit bedeutendem Besitz oder Kapital.
- Bildungsbürgertum: Menschen, deren Stellung besonders auf höherer Bildung und qualifizierten Berufen beruhte, etwa Professoren, Pastoren oder höhere Beamte.
- Kleinbürgertum: kleinere Kaufleute, selbstständige Handwerker sowie einfache bis gehobene Beamte und Lehrer.
Diese Gruppen waren keine scharf getrennten Kästen. Eine Person konnte Merkmale mehrerer Gruppen besitzen, und die Einordnung änderte sich mit Gesellschaft, Beruf und Epoche.
Ein Fabrikbesitzer wird vor allem wegen seines Unternehmens und Vermögens dem Wirtschaftsbürgertum zugerechnet. Bei einem Universitätsprofessor steht dagegen die akademische Bildung im Vordergrund. Ein selbstständiger Handwerksmeister mit kleinem Betrieb kann zum Kleinbürgertum gehören.
Der entscheidende Gedanke lautet: Nicht jede Person wird nach demselben Merkmal eingeordnet.
Im Französischen unterscheidet man außerdem citoyen und bourgeois. „Citoyen“ betont den Staatsbürger und seine Beziehung zum Gemeinwesen. „Bourgeois“ bezeichnet in diesem historischen Zusammenhang eher einen vermögenden oder wirtschaftlich selbstständigen Angehörigen der sozialen Bürgerschicht. Die genaue Verwendung hängt jedoch vom jeweiligen Text ab.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Ein größerer Unternehmer wird meist dem zugeordnet. Bei einem Professor steht häufig die im Mittelpunkt. Ein selbstständiger Handwerker mit kleinem Betrieb kann zum gehören.
Bürgerlichkeit verband unterschiedliche Gruppen
Besitz oder Bildung allein schufen noch keine gemeinsame soziale Formation. Verschiedene bürgerliche Gruppen verband eine wandelbare Bürgerlichkeit.
Bürgerlichkeit
Bürgerlichkeit bezeichnet gemeinsame Werte, Verhaltensweisen und Vorstellungen von einer guten Lebensführung, durch die sich unterschiedliche bürgerliche Gruppen miteinander verbunden und von anderen Gruppen abgegrenzt sahen.
Häufig genannte Werte waren:
- Leistung, Fleiß und beruflicher Erfolg;
- Pflicht und Selbstverantwortung;
- Bildung und selbstständiges Urteil;
- Familie und geordnete Lebensführung;
- Interesse an Wissenschaft, Literatur, Kunst und Musik.
Diese Werte waren nicht einfach neutrale Eigenschaften. Sie dienten auch der sozialen Abgrenzung. Bürgerliche Gruppen stellten ihre Lebensweise oft als überlegen dar und werteten andere Gruppen ab. Solche Urteile zeigen die Sichtweise des Bürgertums, nicht objektive Eigenschaften etwa der Arbeiterschaft.
Zur bürgerlichen Lebensordnung gehörte außerdem eine ausgeprägte Trennung der Geschlechterrollen. In wohlhabenden Familien galt die nicht erwerbstätige Ehefrau zeitweise als Zeichen des Wohlstands. Dieses Ideal begrenzte die wirtschaftlichen und politischen Handlungsmöglichkeiten von Frauen und entsprach nicht dem Alltag aller Familien.
Historische Werte müssen in ihrem Zusammenhang untersucht werden. Ein Wert wie „Selbstverantwortung“ kann Orientierung geben, zugleich aber zur Abwertung von Menschen genutzt werden, deren Lebensbedingungen nicht berücksichtigt werden.
Industrialisierung und politischer Wandel
Die Industrialisierung veränderte die Zusammensetzung des Bürgertums. Fabrikanten und Industrielle gewannen durch Unternehmen und Vermögen an Bedeutung. Zugleich wurden Bildung und berufliche Qualifikation für Beamte, freie Berufe und leitende Angestellte wichtiger.
Bürgerliche Gruppen unterstützten häufig Forderungen nach wirtschaftlicher Freiheit, Bürgerrechten und politischer Mitwirkung. Im deutschen Raum gewann das seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wachsende Bürgertum an Wohlstand und Einfluss. Es war jedoch politisch nicht einheitlich. Die Revolution von 1848 wurde zwar wesentlich von bürgerlichen Kräften getragen, scheiterte aber unter anderem an deren Uneinigkeit.
Nach 1848 zogen sich viele Bürger zunächst aus der Politik zurück. Seit den 1860er Jahren beteiligten sie sich wieder stärker am öffentlichen Leben.
Teile des deutschen Bürgertums näherten sich im Kaiserreich dem Adel und dem autoritären Staat an. Historiker bezeichnen diesen Vorgang als Feudalisierung.
Feudalisierung
Feudalisierung bezeichnet hier die Übernahme adeliger Lebensformen und autoritärer politischer Leitbilder durch Teile des Bürgertums.
Dazu gehörten etwa das Streben nach Adelstiteln, Heiraten mit Adligen, der Kauf von Landgütern und die Verehrung militärischer Lebensformen. Die Erklärung und Bedeutung dieses Vorgangs sind Gegenstand historischer Deutungen. Er darf deshalb nicht unterschiedslos auf das gesamte Bürgertum übertragen werden.
Die Aussage „Das deutsche Bürgertum wurde feudalisiert“ ist zu pauschal. Genauer ist: „Teile des deutschen Großbürgertums näherten sich im späten 19. Jahrhundert adeligen Lebensformen und autoritären Leitbildern an.“
Die zweite Formulierung nennt Gruppe, Zeit und Art des Wandels. Dadurch wird die historische Aussage überprüfbarer.
Wandel, Verbürgerlichung und Grenzen
Im 20. Jahrhundert übernahmen auch Teile der Arbeiterschaft und der bäuerlichen Bevölkerung bürgerliche Lebensformen. Dieser Prozess heißt Verbürgerlichung. In den 1950er und 1960er Jahren förderten steigende Reallöhne, Massenkonsum und Massenmedien ähnliche Lebensstile über frühere Klassengrenzen hinweg.
Kulturelle Annäherung bedeutete jedoch nicht automatisch wirtschaftliche Gleichheit. Unterschiede bei Einkommen und Vermögen blieben bestehen. Lebensstil und wirtschaftliche Lage müssen daher getrennt untersucht werden.
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts vertreten einige Historiker und Sozialwissenschaftler die Deutung, das Bürgertum habe seine Rolle als prägendes Milieu verloren. Andere Beobachtungen zeigen, dass bürgerliche Werte und Familienstile weiterbestehen. Solche Aussagen beschreiben unterschiedliche Deutungen und dürfen nicht als unumstrittene Tatsachen behandelt werden.
Beim Bürgertum brauchst du immer vier Angaben: Zeit, Ort, untersuchte Gruppe und verwendete Merkmale.
So prüfst du eine historische Aussage:
- Kläre, welche Bedeutung von „Bürger“ oder „Bürgertum“ gemeint ist.
- Bestimme Zeit und Ort.
- Suche nach den verwendeten Merkmalen, etwa Recht, Besitz, Bildung, Beruf oder Werte.
- Achte darauf, ob eine Beobachtung oder eine Deutung formuliert wird.
- Prüfe, ob Unterschiede innerhalb des Bürgertums berücksichtigt werden.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Bürgertum
- Mittelalter: Bürgerrecht, Schutz, Pflichten und begrenzte politische Teilhabe
- Moderne Gesellschaft: Besitz-, Bildungs- und Kleinbürgertum
- Gemeinsame Orientierung: Leistung, Bildung, Familie und Selbstverantwortung
- Soziale Abgrenzung: Privilegien, Werturteile und Geschlechterrollen
- Politischer Wandel: Bürgerrechte, Liberalismus, Uneinigkeit und Feudalisierung
- 20. Jahrhundert: Verbürgerlichung bei fortbestehender wirtschaftlicher Ungleichheit
- Historische Prüfung: Zeit, Ort, Gruppe, Merkmale und Deutungscharakter klären
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