Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789
Die französische Nationalversammlung erklärte am 26. August 1789, dass Menschen von Geburt an frei und gleich an Rechten sind. Staatliche Macht sollte nicht mehr auf ständischen Vorrechten beruhen, sondern Rechte schützen, Gesetzen folgen und von der Nation ausgehen.
Du lernst, welche Grundsätze in den 17 Artikeln stehen, wie sie die Herrschaft begrenzen und warum der Anspruch auf allgemeine Rechte 1789 trotzdem nicht vollständig verwirklicht wurde.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Warum entstand die Erklärung 1789?
Vor der Französischen Revolution war die Gesellschaft in Stände gegliedert. Adel und Klerus besaßen besondere Rechte. Der Dritte Stand umfasste den weitaus größten Teil der Bevölkerung, hatte aber kaum politische Mitbestimmung und trug einen großen Teil der Lasten.
Am 17. Juni 1789 erklärte sich der Dritte Stand zur Nationalversammlung. Nach dem Ballhausschwur, den revolutionären Ereignissen im Juli und dem Abbau ständischer Vorrechte im August wollte die Versammlung eine Verfassung ausarbeiten. Dieser Verfassung sollte eine Erklärung grundlegender Rechte vorangestellt werden.
Die Abgeordneten berieten verschiedene Entwürfe und nahmen die Artikel zwischen dem 20. und 26. August einzeln an. Ludwig XVI. akzeptierte die Erklärung am 5. Oktober unter starkem Druck. 1791 wurde sie der ersten Revolutionsverfassung vorangestellt.
Die Erklärung war von der Aufklärung und amerikanischen Rechteerklärungen von 1776 beeinflusst. Aufklärer wollten Herrschaft mit Vernunft prüfen. Freiheit und Rechte sollten nicht von der Gnade eines Herrschers abhängen.
Naturrecht
Naturrecht bezeichnet hier die Vorstellung, dass Menschen bestimmte Rechte von Geburt an besitzen. Der Staat verleiht diese Rechte nicht erst, sondern soll sie anerkennen und schützen.
Die Erklärung sollte nicht nur einzelne Missstände beseitigen. Sie stellte eine neue Grundfrage: Welche Rechte besitzt jeder Mensch, und wodurch ist staatliche Macht legitimiert?
Welche Grundideen tragen die 17 Artikel?
Der Text verbindet persönliche Rechte mit Regeln für eine rechtmäßige staatliche Ordnung.
Freiheit
Freiheit bedeutet nach Artikel 4, alles tun zu dürfen, was anderen nicht schadet. Ihre Grenzen sollen durch Gesetze bestimmt werden, damit alle dieselben Rechte ausüben können.
Rechtsgleichheit
Rechtsgleichheit bedeutet, dass das Gesetz für alle Bürger in Schutz und Strafe gleich gelten soll. Ämter sollen nach Fähigkeit, Tugend und Talent zugänglich sein, nicht aufgrund der Herkunft.
Volkssouveränität
Volkssouveränität bedeutet, dass rechtmäßige Staatsgewalt nicht aus einem eigenen Recht des Königs stammt. Artikel 3 formuliert genauer: Der Ursprung jeder Souveränität liegt in der Nation.
Die natürlichen und unveräußerlichen Rechte nennt Artikel 2:
- Freiheit,
- Eigentum,
- Sicherheit,
- Widerstand gegen Unterdrückung.
Dazu kommen Meinungs- und Religionsfreiheit, Schutz vor willkürlicher Verhaftung, die Unschuldsvermutung sowie politische Mitwirkung an der Gesetzgebung.
Ein Amt wird nur an Angehörige eines bestimmten Standes vergeben. Das widerspricht Artikel 6: Öffentliche Ämter sollen allen Bürgern nach ihren Fähigkeiten offenstehen. Entscheidend ist nicht die Herkunft, sondern die Eignung.
Wie begrenzen die Artikel staatliche Macht?
Die 17 Artikel lassen sich nach ihrer Funktion ordnen:
| Artikel | Schwerpunkt | Bedeutung |
|---|---|---|
| 1–2 | Freiheit, Gleichheit und natürliche Rechte | Der Staat soll vorgegebene Rechte erhalten, nicht beliebig über sie verfügen. |
| 3–6 | Souveränität, Gesetz und Freiheitsgrenzen | Macht geht von der Nation aus; Bürger wirken selbst oder durch Vertreter an Gesetzen mit. |
| 7–9 | Strafverfahren und Schutz vor Willkür | Verhaftung und Strafe benötigen eine gesetzliche Grundlage; bis zum Urteil gilt die Unschuldsvermutung. |
| 10–11 | Ansichten und Kommunikation | Religiöse Überzeugungen, Meinungsäußerung und Presse sind innerhalb gesetzlicher Grenzen geschützt. |
| 12–15 | öffentliche Gewalt, Steuern und Kontrolle | Staatsgewalt dient allen; Abgaben müssen verteilt und ihre Verwendung kontrolliert werden. Amtsträger müssen Rechenschaft ablegen. |
| 16 | Rechte und Gewaltenteilung | Ohne gesicherte Rechte und festgelegte Gewaltenteilung gibt es nach der Erklärung keine Verfassung. |
| 17 | Eigentum | Enteignung ist nur bei gesetzlich festgestellter öffentlicher Notwendigkeit und gegen vorherige gerechte Entschädigung zulässig. |
Gewaltenteilung
Gewaltenteilung bedeutet, staatliche Macht auf verschiedene Bereiche zu verteilen. Dadurch soll keine Stelle unkontrolliert Gesetze erlassen, ausführen und über Verstöße urteilen können.
Beispiel: Freiheit ist nicht Grenzenlosigkeit
Eine Person behauptet: „Freiheit bedeutet, dass mir niemand etwas verbieten darf.“ Artikel 4 widerspricht dieser Deutung.
- Zuerst wird die Handlung betrachtet.
- Schädigt sie andere oder verhindert sie deren gleiche Freiheit, kann eine Grenze nötig sein.
- Diese Grenze darf nicht willkürlich gesetzt werden, sondern muss gesetzlich bestimmt sein.
Die Erklärung verbindet deshalb Freiheit mit gleichen Rechten und der Bindung staatlicher Eingriffe an Gesetze.
Beispiel: Schutz vor willkürlicher Strafe
Eine Behörde will jemanden für eine Handlung bestrafen, die zum Zeitpunkt der Tat nicht verboten war. Das widerspricht Artikel 8. Eine Strafe setzt ein Gesetz voraus, das bereits vor der Tat erlassen und verkündet wurde. Artikel 9 ergänzt: Bis zu einer Verurteilung gilt die Person als unschuldig.
Galt der Anspruch wirklich allen?
Der Text spricht allgemein von Menschen, Freiheit und Gleichheit. Seine praktische Reichweite war 1789 jedoch begrenzt. Besonders deutlich zeigt sich das am Ausschluss von Frauen von politischen Rechten.
1791 reagierte Olympe de Gouges mit ihrer „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“. Sie forderte die rechtliche, politische und soziale Gleichheit der Geschlechter. Ihr Einspruch macht den Widerspruch sichtbar: Ein Recht kann allgemein formuliert sein, obwohl die Gesellschaft es nicht allen Menschen tatsächlich gewährt.
Auch die Gleichheit in der Erklärung war vor allem formale Rechtsgleichheit. Sie verlangte gleiche Gesetze, gleichen Zugang zu Ämtern und eine gerechte Besteuerung. Wirtschaftliche Gleichheit, gleiche Lebensbedingungen und ein eindeutig gleiches Wahlrecht für alle waren damit nicht beschlossen.
Formale Rechtsgleichheit beantwortet die Frage: Gelten dieselben rechtlichen Regeln? Reale Teilhabe fragt zusätzlich: Können verschiedene Menschen ihre Rechte tatsächlich ausüben und politisch mitentscheiden? Beides ist nicht automatisch dasselbe.
Anspruch, Geltung und Wirklichkeit unterscheiden
Bei der Beurteilung einer historischen Rechteerklärung helfen drei Fragen:
- Anspruch: Für wen soll der Wortlaut gelten?
- Rechtliche Geltung: Wer erhält die Rechte nach den damaligen Gesetzen und politischen Regeln?
- Wirklichkeit: Wer kann die Rechte tatsächlich nutzen?
Die Aussage „Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren“ erhebt einen allgemeinen Anspruch. Wenn Frauen dennoch keine gleichen politischen Rechte ausüben können, widerspricht die historische Wirklichkeit diesem Anspruch. Das macht die Grundidee nicht bedeutungslos, zeigt aber ihre unvollständige Umsetzung.
Warum wirkt die Erklärung bis heute nach?
Die Erklärung wurde 1791 Teil der ersten Revolutionsverfassung. Obwohl ihre Grundsätze während der Revolution wiederholt missachtet wurden und 1793 sowie 1795 weitere Erklärungen entstanden, blieb besonders der Text von 1789 ein wichtiges Vorbild.
Im 19. Jahrhundert beeinflusste er zahlreiche Verfassungen in Europa und Lateinamerika. In Frankreich besitzt er bis heute Verfassungsbedeutung; der französische Verfassungsrat erkannte 1971 seinen verfassungsrechtlichen Wert an.
Seine Wirkung beruht vor allem auf vier Gedanken:
- Menschen besitzen grundlegende Rechte.
- Gesetze sollen für alle gleich gelten.
- Staatliche Macht benötigt eine Legitimation durch die Nation.
- Rechte, Gewaltenteilung und öffentliche Kontrolle begrenzen Herrschaft.
Spätere Menschenrechtserklärungen erweiterten und institutionalisierten den Schutz. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 verband klassische Freiheitsrechte stärker mit sozialen Rechten wie Arbeit, sozialer Sicherheit und Bildung. Sie schloss Frauen ausdrücklich in den universalen Menschenrechtsanspruch ein.
Historische Bedeutung bedeutet nicht, dass ein Text seine Versprechen sofort verwirklichte. Die Erklärung von 1789 war zugleich ein weitreichender Maßstab und ein Dokument mit zeitgenössischen Grenzen.
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Alles auf einen Blick
- Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789
- entsteht im revolutionären Umbau Frankreichs
- beruht auf Aufklärung und Naturrechtsdenken
- schützt Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand
- fordert Rechtsgleichheit und Schutz vor Willkür
- legitimiert Staatsgewalt durch die Nation
- begrenzt Macht durch Gesetz, Kontrolle und Gewaltenteilung
- erhebt einen allgemeinen Anspruch trotz historischer Ausschlüsse
- beeinflusst spätere Verfassungen und Menschenrechtserklärungen
Prüfe beim Untersuchen einer Rechteerklärung immer vier Punkte: Rechte, Begründung der Herrschaft, Grenzen staatlicher Macht und ausgeschlossene Gruppen.
Abschluss-Check
Wenn du alle drei Abschlussfragen begründen kannst, kannst du die Erklärung nicht nur wiedergeben, sondern auch auf Situationen anwenden und in ihrem historischen Spannungsfeld beurteilen.
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