NS-Ghettos: Funktion, Alltag und Widerstand
Nationalsozialistische Ghettos waren erzwungene Wohn- und Haftbezirke. Deutsche Besatzungsstellen isolierten dort vor allem Jüdinnen und Juden, überwachten und beraubten sie, beuteten ihre Arbeitskraft aus und bereiteten vielfach ihre Ermordung vor.
Du lernst, NS-Ghettos von früheren jüdischen Wohnvierteln und von Konzentrationslagern zu unterscheiden. Außerdem untersuchst du Lebensbedingungen, Herrschaft, Handlungsspielräume und Formen jüdischer Selbstbehauptung.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Woran erkennst du ein NS-Ghetto?
Das Wort Ghetto bezeichnete schon lange vor dem Nationalsozialismus abgesonderte jüdische Wohnviertel. Das 1516 eingerichtete Ghetto in Venedig ist ein bekanntes Beispiel. Auch osteuropäische Orte mit einem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil waren nicht automatisch Zwangsorte.
NS-Ghetto
Ein NS-Ghetto war ein von deutschen Besatzern erzwungener Bezirk, in dem vor allem Jüdinnen und Juden unter Gewaltandrohung leben mussten. Sie konnten ihren Wohnort nicht frei wählen und den Bezirk nicht frei verlassen.
Der entscheidende Unterschied zu einem gewöhnlichen Stadtviertel liegt also im Zwang. Die Ghettos dienten der nationalsozialistischen Verfolgung und waren keine geschützten jüdischen Lebensräume.
Vorstufen im Deutschen Reich waren die sogenannten Judenhäuser. Im besetzten östlichen Europa entstanden während des Zweiten Weltkriegs etwa 1.100 bis 1.200 Ghettos. In einigen wurden neben jüdischen Menschen auch Sinti und Roma festgehalten. Die unterschiedlichen Verfolgungsgeschichten dürfen dabei nicht gleichgesetzt werden.
Welche Funktionen hatten die Ghettos?
Die Ghettos bildeten kein überall gleich organisiertes System. Regionale Stellen von SS, Polizei und Besatzungsverwaltung entschieden über Einrichtung, Grenzen und Alltag. Ein allgemeiner anfänglicher Ghettoisierungsbefehl der NS-Führung ist nicht nachgewiesen. Das ändert nichts an der Verantwortung der deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik.
Ghettos erfüllten mehrere miteinander verbundene Funktionen:
- Isolation: Jüdische Menschen wurden von der übrigen Bevölkerung getrennt.
- Kontrolle: Kennzeichnung, Ausgangsverbote und Bewachung erleichterten die Überwachung.
- Enteignung: Wohnungen, Geld und anderer Besitz wurden geraubt.
- Ausbeutung: Viele Gefangene mussten Zwangsarbeit leisten.
- Konzentration: Menschen wurden an wenigen Orten zusammengepfercht.
- Vernichtung: Hunger, Krankheiten, Mordaktionen und spätere Deportationen führten zum Tod der meisten Bewohnerinnen und Bewohner.
Die Ghettos waren meist als vorläufige Einrichtungen gedacht. Im Verlauf des Holocaust wurden sie häufig zu Durchgangsstationen vor Massenerschießungen oder Deportationen in Vernichtungs- und Zwangsarbeitslager.
Die Ghettos waren nicht bloß Wohnorte unter schlechten Bedingungen. Sie waren Werkzeuge der nationalsozialistischen Ausgrenzungs-, Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik.
Offen oder geschlossen – wo lag der Unterschied?
Nicht jedes Ghetto war von einer Mauer umgeben. Es gab unterschiedliche Formen.
| Form | Kennzeichen |
|---|---|
| Geschlossenes Ghetto | Mauern oder Zäune, bewachte Tore und eine deutlich sichtbare Abriegelung |
| Offenes Ghetto | Grenzen etwa durch Schilder markiert; Verlassen und Betreten trotzdem stark beschränkt oder verboten |
| Sammellager | häufig kurzfristiger Ort zur Konzentration von Menschen vor einer Deportation |
Warschau und Łódź, von den Nationalsozialisten in Litzmannstadt umbenannt, waren bekannte geschlossene Ghettos. Solche Großstadtghettos prägten das spätere Bild, waren aber nicht die einzige Form.
Ein Bezirk besitzt keine Mauer. Jüdische Bewohner dürfen seine ausgeschilderten Grenzen trotzdem nicht verlassen, und Nichtjuden dürfen ihn grundsätzlich nicht betreten. Es handelt sich um ein offenes Ghetto: Eine fehlende Mauer bedeutet nicht Bewegungsfreiheit.
Wie prägten Hunger, Arbeit und Terror den Alltag?
Überfüllung, Lebensmittelmangel und katastrophale Hygiene bestimmten das Leben in vielen Ghettos. Krankheiten breiteten sich schnell aus. Menschen verloren ihre Privatsphäre, wurden von Angehörigen getrennt und lebten in ständiger Angst vor Razzien, Erschießungen und Deportationen.
Die Unterversorgung war Teil der Gewalt. Zusammen mit Zwangsarbeit und beengtem Wohnen schwächte sie die Gefangenen. Schätzungsweise 600.000 bis eine Million Menschen starben allein an den miserablen Lebensbedingungen in den Ghettos. Weitere wurden bei Mordaktionen erschossen oder nach der Auflösung der Ghettos ermordet.
Zwangsarbeit hatte eine widersprüchliche Bedeutung: Deutsche Stellen wollten Arbeitskraft für Betriebe und Kriegswirtschaft nutzen. Zugleich blieb die Ermordung der jüdischen Bevölkerung das übergeordnete Ziel. Deshalb bot auch als wichtig eingestufte Arbeit keinen verlässlichen Schutz.
Im Ghetto Litzmannstadt mussten Gefangene in zahlreichen Betrieben arbeiten. Das Ghetto bestand bis August 1944 und damit länger als viele andere. Trotzdem wurde es schließlich aufgelöst und die Bevölkerung deportiert. Wirtschaftliche Nutzung verhinderte die Vernichtung nicht.
Wer übte Macht aus?
SS, Polizei und andere deutsche Besatzungsstellen bestimmten die grundlegenden Bedingungen. Sie entschieden unter anderem über Lebensmittel, Arbeit, Deportationen sowie den Fortbestand oder die Auflösung eines Ghettos.
Die Besatzer setzten sogenannte Judenräte und häufig jüdische Ordnungsdienste ein. Der Ausdruck Judenrat ist eine historische Bezeichnung für ein von den Tätern geschaffenes Zwangsorgan. Seine Mitglieder mussten deutsche Befehle weitergeben oder ausführen. Ungehorsam konnte mit dem Tod bestraft werden.
Erzwungene Selbstverwaltung
Die Besatzer übertrugen einzelne Verwaltungsaufgaben an Menschen im Ghetto, behielten aber die entscheidende Macht. Deshalb war diese „Selbstverwaltung“ weder frei noch unabhängig.
Die Mitglieder der Judenräte standen vor extremen Zwangslagen. Manche hofften, durch Arbeit oder Verhandlungen wenigstens einen Teil der Bevölkerung zu retten. Zugleich zwangen deutsche Stellen sie zur Mitwirkung an Maßnahmen gegen andere Gefangene.
Eine vorschnelle Bewertung als freiwillige Zusammenarbeit verschleiert diese Machtverhältnisse und kann die Verantwortung der Täter auf ihre Opfer verlagern.
Adam Czerniaków, Vorsitzender des Warschauer Judenrats, nahm sich im Juli 1942 das Leben. Zuvor hatte die SS verlangt, dass er täglich Tausende Menschen für die Deportation nach Treblinka auswählen sollte. Der Fall zeigt eine von den Tätern geschaffene, nahezu ausweglose Zwangslage.
Wie behaupteten und wehrten sich Verfolgte?
Widerstand bestand nicht nur aus bewaffnetem Kampf. Unter nahezu aussichtslosen Bedingungen versuchten Menschen auf unterschiedliche Weise, Leben, Gemeinschaft und Würde zu bewahren.
Dazu gehörten:
- Lebensmittel, Medikamente und Informationen schmuggeln,
- geheime Schulen und Jugendgruppen organisieren,
- Gottesdienste und Kulturveranstaltungen abhalten,
- Erlebnisse in Tagebüchern und Chroniken festhalten,
- Fluchten vorbereiten,
- Waffen beschaffen und Aufstände organisieren.
Diese Handlungen hatten unterschiedliche Ziele. Schmuggel konnte unmittelbar das Überleben sichern. Unterricht gab Kindern Struktur und Hoffnung. Aufzeichnungen bewahrten Erfahrungen. Bewaffnete Gruppen kämpften gegen Deportation und Ermordung.
Der größte bewaffnete Ghettoaufstand begann im Frühjahr 1943 in Warschau. Auch in Białystok, Vilnius und anderen Orten gab es bewaffnete Gegenwehr. Die militärisch überlegenen deutschen Einheiten schlugen die Aufstände gewaltsam nieder.
Selbstbehauptung bedeutet, unter Verfolgung menschliche Beziehungen, Wissen, Kultur oder Würde zu bewahren. Bewaffneter Widerstand ist eine besondere, aber nicht die einzige Form von Gegenwehr.
Was zeigen Warschau und Theresienstadt?
Warschau: Gefangenschaft und Aufstand
Das Warschauer Ghetto wurde im Oktober 1940 endgültig eingerichtet. Zeitweise lebten dort mehr als 400.000 Menschen auf engstem Raum. Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und Deportationen prägten den Alltag.
Im Frühjahr 1943 leisteten jüdische Kämpferinnen und Kämpfer bewaffneten Widerstand gegen die weitere Deportation und Ermordung. Deutsche Einheiten zerstörten das Ghetto; im Mai 1943 galt es als liquidiert.
Theresienstadt: Verfolgung hinter einer Fassade
Theresienstadt wurde 1941 in einer Festung im besetzten Böhmen und Mähren eingerichtet. Das Regime stellte die Deportation dorthin manchen älteren oder prominenten jüdischen Menschen als angebliches Privileg dar. Tatsächlich litten die Gefangenen unter Hunger, schlechter Hygiene und Entwürdigung. Viele wurden später weiterdeportiert.
Für den Besuch einer Rotkreuzkommission im Juni 1944 ließ das Regime Fassaden herrichten, Geschäfte und ein Café einrichten und einen normalen Stadtalltag vortäuschen. Anschließend entstand ein Propagandafilm.
Propaganda
Propaganda ist der gezielte Versuch, Wahrnehmungen und Urteile zu beeinflussen. In Theresienstadt sollte eine inszenierte Fassade die Verfolgung und weitere Deportationen verschleiern.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Ghettos im Nationalsozialismus
- Zwang und Abgrenzung
- offene, geschlossene und kurzfristige Formen
- keine freiwilligen Wohnviertel
- Funktionen
- Isolation, Kontrolle und Enteignung
- Zwangsarbeit und Vorbereitung der Vernichtung
- Lebensbedingungen
- Hunger, Enge und Krankheiten
- Terror, Deportation und Mord
- Herrschaft
- deutsche Besatzungsstellen mit Entscheidungsmacht
- Judenräte unter tödlichem Zwang
- Selbstbehauptung und Widerstand
- Schmuggel, Bildung, Kultur und Dokumentation
- Flucht, Organisation und bewaffnete Aufstände
- Beispiele
- Warschau: Gefangenschaft, Deportation und Aufstand
- Theresienstadt: Verfolgung und propagandistische Täuschung
- Zwang und Abgrenzung
Abschluss-Check
Du kannst ein NS-Ghetto nun als Teil eines Verfolgungsprozesses einordnen: Erzwungene Konzentration erleichterte Isolation, Raub, Ausbeutung und schließlich die Ermordung von Menschen. Zugleich zeigen geheime Bildung, gegenseitige Hilfe, Dokumentation und Aufstände, dass Verfolgte auf unterschiedliche Weise handelten und Widerstand leisteten.
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