Islam: Entstehung, Ausbreitung und Vielfalt
Der Islam ist eine monotheistische Religion, die im frühen 7. Jahrhundert in Arabien entstand. Seine Geschichte umfasst jedoch mehr als eine religiöse Botschaft: Politische Herrschaft, militärische Expansion, Handel, Migration und Glaubenswechsel trugen auf unterschiedliche Weise zu seiner Verbreitung bei.
Auf dieser Seite lernst du, diese Vorgänge auseinanderzuhalten. Außerdem erfährst du, warum der Islam keine einheitliche und unveränderliche Gemeinschaft bildet.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Wie begann die Geschichte des Islam?
Historische Überblicksdarstellungen ordnen die Entstehung des Islam dem frühen 7. Jahrhundert zu. Die zentralen Orte waren Mekka und Medina auf der Arabischen Halbinsel.
Nach islamischer Überlieferung empfing Mohammed im Jahr 610 am Berg Hira seine erste Offenbarung durch den Engel Gabriel. Seine Frau Khadidscha und Menschen aus seinem nahen Umfeld unterstützten ihn. Mohammed verkündete den Glauben an den einen Gott und gewann nach und nach Anhängerinnen und Anhänger.
Monotheismus
Monotheismus ist der Glaube an nur einen Gott. Im Islam wird Gott Allah genannt. Die Ablehnung weiterer Gottheiten gehört zu den wichtigsten Glaubensgrundsätzen.
In Mekka stieß Mohammeds Verkündigung auch auf Widerstand. Im Jahr 622 wanderte er mit seinen Anhängern nach Medina aus. Diese Hidschra wurde später zum Ausgangspunkt der islamischen Zeitrechnung. Mohammed übernahm in Medina neben seiner religiösen auch eine politische und militärische Führungsrolle. 630 nahm er Mekka ein; 632 starb er.
Die islamische Überlieferung beschreibt Mohammed als Propheten und Empfänger göttlicher Offenbarungen. Die Aussage, dass eine Botschaft von Gott stammt, ist eine Glaubensaussage. Historisch untersuchen lassen sich dagegen beispielsweise überlieferte Texte, Herrschaftswechsel, Münzen und Inschriften.
Was glauben und praktizieren Musliminnen und Muslime?
Das Wort Islam bedeutet sinngemäß Hingabe oder Ergebung in Gottes Willen. Ein Angehöriger des Islam heißt Muslim, eine Angehörige Muslimin.
Musliminnen und Muslime verstehen den Koran als Mohammed offenbarte Botschaft Gottes. Nach der Überlieferung wurden die Offenbarungen zunächst auswendig gelernt und teilweise notiert. Nach Mohammeds Tod wurden überlieferte Texte gesammelt und verglichen. Berichte über Mohammeds Handlungsweise heißen Hadithe; seine überlieferte Lebensweise wird Sunna genannt.
Mohammed gilt im Islam als Gesandter Gottes und letzter Prophet. Auch Abraham, Mose und Jesus besitzen im islamischen Glauben eine wichtige Stellung. Jesus gilt als Prophet, aber anders als im Christentum nicht als Sohn Gottes.
Die fünf Säulen
Die fünf Säulen bündeln grundlegende religiöse Pflichten:
- Schahada: das Bekenntnis zum einen Gott und zu Mohammed als seinem Gesandten;
- Salat: das Pflichtgebet zu fünf Tageszeiten;
- Zakat: die Abgabe für Bedürftige;
- Saum: das Fasten im Monat Ramadan von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang;
- Haddsch: die Pilgerfahrt nach Mekka, sofern Gesundheit und finanzielle Möglichkeiten sie erlauben.
Eine Person kann wegen einer schweren Erkrankung die Pilgerfahrt nicht unternehmen. Die Bedingung „sofern sie möglich ist“ gehört zur Erklärung des Haddsch. Die fünf Säulen sind deshalb keine Liste, die ohne Rücksicht auf Lebensumstände mechanisch abgearbeitet wird.
Muslimisches Leben ist vielfältig. Religiöse Regeln werden in verschiedenen Gemeinschaften und Rechtsschulen unterschiedlich ausgelegt. Deshalb lässt sich aus einer einzelnen Kleidung, Landesregel oder Familienpraxis nicht ableiten, wie alle Musliminnen und Muslime leben.
Warum waren Religion und Herrschaft eng verbunden?
Nach Mohammeds Tod übernahmen Kalifen die Führung der Gemeinschaft. Ein Kalif war ein politischer Herrscher, dessen Amt zugleich religiös begründet wurde. Es entstanden verschiedene islamisch geprägte Reiche mit wechselnden Zentren, unter anderem in Syrien und später in Bagdad.
Du solltest dabei drei Vorgänge unterscheiden:
- religiöse Verkündigung: Menschen hören eine Glaubensbotschaft und nehmen sie möglicherweise an;
- politische Herrschaft: ein muslimischer Herrscher kontrolliert ein Gebiet;
- militärische Expansion: ein Heer erobert ein Gebiet.
Diese Vorgänge konnten zusammenhängen, waren aber nicht dasselbe.
Muslimische Heere eroberten im 7. Jahrhundert unter anderem Syrien, Palästina, Ägypten und große Teile des Sassanidenreichs. Die dortige Bevölkerung wurde dadurch nicht sofort vollständig muslimisch. Christliche, jüdische und zoroastrische Gemeinschaften blieben bestehen, waren aber rechtlich nicht gleichgestellt und mussten teilweise eine besondere Steuer, die Dschizya, zahlen.
Die Eroberung änderte also zunächst die Herrschaft. Die religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung wandelte sich vielerorts erst über Jahrhunderte.
Ein muslimisch beherrschtes Gebiet war nicht automatisch ein Gebiet mit ausschließlich muslimischer Bevölkerung. Eroberung, Herrschaft und Islamisierung bezeichnen verschiedene Veränderungen.
Auf welchen Wegen verbreitete sich der Islam?
Die Ausbreitung des Islam hatte nicht nur eine Ursache. Je nach Ort und Zeit wirkten unterschiedliche Wege zusammen.
Eroberung und langfristiger Glaubenswechsel
Frühe muslimische Reiche dehnten ihre Herrschaft militärisch aus. Nichtmuslimische Bevölkerungen konnten ihre Religion teilweise weiter ausüben, standen jedoch unter besonderen rechtlichen und steuerlichen Bedingungen. Sozialer und politischer Druck konnte spätere Glaubenswechsel fördern.
Handel und persönliche Beziehungen
Händler transportierten nicht nur Waren, sondern auch Sprachen, Ideen und religiöse Praktiken. An den Küsten des Indischen Ozeans ließen sich muslimische Händler nieder, heirateten in örtliche Familien ein und gründeten Gemeinschaften. Auch in Westafrika und Südostasien verbreitete sich der Islam über Handelsnetze und die Annahme des Glaubens durch einzelne Herrscher.
Migration und neue Gemeinden
Menschen nahmen ihre Religion bei Wanderungen mit. So entstanden muslimische Gemeinden weit außerhalb früher islamischer Herrschaftsgebiete, etwa durch Seeleute in europäischen Hafenstädten oder durch Arbeitsmigration.
Von „der Ausbreitung“ zu sprechen, kann täuschen: Ein militärischer Feldzug, eine Händlergemeinschaft und die Entscheidung eines Herrschers sind unterschiedliche Prozesse. Eine gute historische Erklärung nennt deshalb immer Ort, Zeitraum, beteiligte Menschen und Ausbreitungsweg.
Warum gibt es nicht nur einen Islam?
Schon in der frühen Geschichte entstanden Streitfragen: Wer sollte die Gemeinschaft führen? Welche Überlieferungen waren maßgeblich? Wie sollten religiöse Regeln ausgelegt werden?
Die beiden größten Richtungen sind Sunnitentum und Schia. Sunniten erkennen die ersten vier Nachfolger Mohammeds als rechtgeleitete Kalifen an. Schiitische Traditionen gehen davon aus, dass Ali, Mohammeds Cousin und Schwiegersohn, die Führung hätte übernehmen sollen. Innerhalb beider Richtungen gibt es weitere Gruppen und unterschiedliche Rechtsschulen.
Der Sufismus bezeichnet mystische Traditionen, die unter anderem Gottesgedenken, innere Läuterung und einen spirituellen Weg betonen. Andere Gruppen lehnen bestimmte sufische Praktiken ab. Auch das zeigt, dass muslimische Frömmigkeit verschieden gestaltet wird.
Islam und Islamismus bedeuten nicht dasselbe. Islam bezeichnet die Religion. Islamismus bezeichnet politische Vorstellungen, die aus einer bestimmten Auslegung des Islam umfassende Regeln für Staat und Gesellschaft ableiten. Solche Vorstellungen werden von vielen Musliminnen und Muslimen nicht geteilt.
Wie prüfst du Darstellungen zur Frühgeschichte?
Historikerinnen und Historiker arbeiten nicht nur mit der Frage „Was geschah?“, sondern auch mit der Frage „Woher wissen wir das?“ Dabei unterscheiden sie verschiedene Arten von Aussagen.
- Eine religiöse Überlieferung gibt wieder, was eine Glaubensgemeinschaft über ihren Ursprung erzählt.
- Eine historische Rekonstruktion verbindet und deutet erhaltene Quellen.
- Eine Hypothese ist eine begründete, aber noch prüfbare Annahme.
Zur islamischen Frühgeschichte werden unter anderem spätere Lebensbeschreibungen, christliche Texte, Münzen, Inschriften und Koranhandschriften untersucht. Diese Quellen entstanden zu unterschiedlichen Zeiten und beantworten nicht dieselben Fragen.
Vertiefung: eine umstrittene Gegenposition
Karl-Heinz Ohlig vertrat ein revisionistisches Modell. Er deutete frühe Münzen, Inschriften und sprachliche Besonderheiten so, dass sich der Islam erst später als eigenständige Religion herausgebildet habe. Unter anderem vermutete er einen christlich geprägten koranischen Grundbestand und deutete „muhammad“ zunächst als Titel Jesu.
Diese Rekonstruktion ist kein gesicherter Konsens. Mehrere ihrer entscheidenden Übergänge beruhen auf Deutungen: Aus dem Schweigen bestimmter Texte folgt nicht automatisch, dass ein Ereignis nicht stattfand. Christliche Symbole auf Münzen beweisen allein noch nicht die gesamte religiöse Identität eines Herrschers. Auch die Bedeutung einer Inschrift muss im Zusammenhang geprüft werden.
Behauptung: „Eine zeitgenössische christliche Chronik erwähnt keine neue Religion. Also gab es sie noch nicht.“
Prüfung: Das fehlende Stichwort ist eine wichtige Beobachtung. Der Schluss ist aber nicht zwingend. Die Chronik könnte ein anderes Thema verfolgen, nur wenig über die arabischen Herrscher wissen oder religiöse Veränderungen mit älteren Begriffen beschreiben. Für eine tragfähige Rekonstruktion müssen weitere Quellen hinzukommen.
Trenne immer Quelle, Beobachtung und Schlussfolgerung. Eine Quelle kann echt sein, während ihre historische Deutung trotzdem umstritten bleibt.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Islam in der Geschichte
- Entstehung: Offenbarungsüberlieferung ab 610, Hidschra 622, Mekka und Medina
- Glaubenspraxis: Koran, Sunna und fünf Säulen
- Herrschaft: Kalifen, Reiche und militärische Expansion
- Islamisierung: langfristiger Wandel statt sofortiger Glaubenswechsel
- Ausbreitung: Eroberung, Handel, Beziehungen, Migration und Glaubenswechsel
- Vielfalt: Sunnitentum, Schia, Rechtsschulen und Sufismus
- Historisches Arbeiten: Überlieferungen einordnen, Quellen prüfen, Deutungen kennzeichnen
Abschluss-Check
Wenn du die drei Unterscheidungen sicher beherrschst – Glaube und historische Feststellung, Eroberung und Islamisierung sowie Quelle und Deutung –, kannst du vereinfachte Erzählungen über die Geschichte des Islam genauer prüfen.
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