Novemberrevolution 1918: Ursachen, Verlauf, Folgen
Die Novemberrevolution 1918/19 beendete die Monarchie im Deutschen Reich und ebnete den Weg zur parlamentarischen Weimarer Republik. Sie begann mit dem Widerstand von Matrosen gegen einen aussichtslosen Flotteneinsatz, erfasste innerhalb weniger Tage das Reich und führte zu einem Streit über die künftige politische Ordnung.
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Warum begann die Revolution?
Im Herbst 1918 war der Erste Weltkrieg für Deutschland nicht mehr zu gewinnen. Nach mehr als vier Kriegsjahren waren viele Menschen erschöpft. Soldaten und Arbeiter litten unter Krieg, langen Arbeitszeiten und Versorgungsengpässen. Zugleich verloren viele das Vertrauen in Kaiser, Militärführung und die bestehende Ordnung.
Diese Belastungen waren Ursachen der Revolution. Der unmittelbare Auslöser war dagegen ein bestimmtes Ereignis: Am 24. Oktober 1918 befahl die Marineführung einen Angriff der deutschen Hochseeflotte auf die überlegene britische Flotte. Der Kriegsausgang hätte sich dadurch nicht mehr ändern lassen, doch Tausende Menschen hätten sterben können.
Ursache und Auslöser
Eine Ursache ist eine länger wirkende Bedingung, die eine Entwicklung vorbereitet. Ein Auslöser ist das Ereignis, durch das diese Entwicklung unmittelbar in Gang kommt.
Kriegsmüdigkeit, schlechte Versorgung und fehlendes Vertrauen in die Führung schufen eine explosive Lage. Der Flottenbefehl brachte diese Lage zur Eskalation. Deshalb ist Kriegsmüdigkeit eine Ursache, der Flottenbefehl aber der unmittelbare Auslöser.
Wie wurde aus Befehlsverweigerung eine Revolution?
In der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober verweigerten Besatzungen vor Wilhelmshaven Befehle. Die Marineleitung brach den Auslaufplan ab und ließ Matrosen festnehmen. Einige Gefangene wurden nach Kiel gebracht. Dort solidarisierten sich weitere Matrosen und Werftarbeiter mit ihnen.
Am 3. November demonstrierten in Kiel mehrere Tausend Menschen unter der Losung „Frieden und Brot“. Soldaten schossen auf den Zug; sieben Menschen starben und 29 wurden schwer verletzt. Am folgenden Tag kontrollierten ungefähr 40.000 revoltierende Matrosen, Soldaten und Arbeiter die Stadt.
Sie bildeten Arbeiter- und Soldatenräte. Diese gewählten Vertretungen übernahmen politische Aufsicht und örtliche Aufgaben. Die meisten Räte verlangten Frieden, Demokratisierung und die Abdankung der Monarchen. Sie waren politisch verschieden und keineswegs durchweg kommunistisch.
Matrosendelegationen trugen die Nachricht und ihre Forderungen in andere Städte. Soldaten schlossen sich teilweise an, während die bestehende Staatsmacht kaum noch zuverlässige Truppen einsetzen konnte. So wurde aus einem örtlichen Konflikt innerhalb weniger Tage eine reichsweite Bewegung.
Die Revolution breitete sich nicht allein durch Nachrichten aus. Entscheidend waren Solidarisierung, Rätebildung und der Verlust militärischer Unterstützung für die Monarchie.
Was geschah am 9. November 1918?
Für den 9. November waren in Berlin ein Generalstreik und große Demonstrationen angekündigt. Hunderttausende Menschen gingen auf die Straße. Selbst zuvor kaisertreue Truppen waren nicht mehr bereit, gegen die Bevölkerung vorzugehen.
Reichskanzler Max von Baden verkündete eigenmächtig den Thronverzicht Wilhelms II., obwohl der Kaiser noch nicht zugestimmt hatte. Anschließend übergab er die Regierungsgeschäfte an Friedrich Ebert von der Mehrheitssozialdemokratischen Partei Deutschlands, kurz MSPD. Wilhelm II. floh am 10. November in die Niederlande und unterschrieb seine Abdankungsurkunde erst am 28. November.
Am selben Tag erfolgte die doppelte Ausrufung der Republik:
- Philipp Scheidemann von der MSPD rief vom Reichstagsgebäude die Republik aus. Er wollte einer sozialistischen Proklamation zuvorkommen und den Weg zu einer parlamentarischen Ordnung sichern.
- Karl Liebknecht, führend im Spartakusbund und damals Mitglied der USPD, proklamierte wenig später die „freie sozialistische Republik Deutschland“. Er verlangte eine weitergehende politische und soziale Umgestaltung.
Friedrich Ebert lehnte Scheidemanns eigenmächtiges Vorgehen zunächst ab. Nach Eberts Auffassung sollte erst eine gewählte Nationalversammlung über die endgültige Staatsform entscheiden.
Der 9. November war mehr als ein Wechsel an der Regierungsspitze. Die Monarchie verlor ihre Macht, und zwei Proklamationen formulierten konkurrierende Vorstellungen der neuen Republik. Dadurch wurden revolutionäre Tatsachen geschaffen, bevor eine Verfassung beschlossen war.
Parlament oder Räte: Welche Ordnung sollte entstehen?
Nach dem Ende der Monarchie war die Republik noch nicht fertig ausgestaltet. Umstritten war vor allem, wer politische Entscheidungen treffen sollte.
Parlamentarische Republik
In einer parlamentarischen Republik wählt die Bevölkerung Abgeordnete. Das Parlament beschließt Gesetze und kontrolliert die Regierung. Die MSPD setzte auf freie Wahlen und eine verfassunggebende Nationalversammlung.
Rätedemokratie
In einer Rätedemokratie wählen etwa Betriebe und militärische Einheiten direkt ihre Räte. Diese sollen politische Entscheidungen von unten nach oben tragen und können nach rätedemokratischer Vorstellung eng an die Aufträge ihrer Wähler gebunden sein.
Die politischen Lager waren nicht einheitlich. Die MSPD wollte rasche Wahlen und gemäßigte Reformen. Die USPD umfasste verschiedene Strömungen: Viele ihrer Mitglieder wollten vor den Wahlen weitergehende soziale Reformen, aber nicht alle strebten dasselbe Rätemodell an. Spartakusbund und später KPD vertraten radikalere Ziele. Auch die Arbeiter- und Soldatenräte waren regional und politisch verschieden; ihre Mehrheit unterstützte schließlich freie Wahlen.
Parlament und Räte waren nicht in jeder Vorstellung vollständige Gegensätze. Manche wollten ein Parlament und zugleich dauerhafte Kontrollrechte für Räte. Die einfache Gleichung „alle Räte waren kommunistisch“ ist deshalb falsch.
Wie fiel die Entscheidung für die parlamentarische Republik?
Am 10. November bildeten MSPD und USPD gemeinsam den Rat der Volksbeauftragten als Übergangsregierung. Eine Versammlung von Arbeiter- und Soldatenräten bestätigte ihn. Noch am selben Tag vereinbarte Ebert mit General Wilhelm Groener die Unterstützung der Regierung durch das Militär. Im Gegenzug sollte die militärische Hierarchie erhalten bleiben und gegen radikale Umsturzversuche vorgegangen werden.
Am 11. November beendete der Waffenstillstand die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs. Am 12. November verkündete die Übergangsregierung unter anderem Versammlungsfreiheit, den Achtstundentag und das allgemeine Wahlrecht für Frauen und Männer ab 20 Jahren.
Der Reichsrätekongress entschied sich im Dezember 1918 mit großer Mehrheit für die Wahl einer Nationalversammlung. Diese Wahl fand am 19. Januar 1919 statt. Frauen durften dabei erstmals an einer reichsweiten deutschen Wahl teilnehmen und gewählt werden.
- 24. Oktober 1918Die Marineführung befiehlt den Angriff der Hochseeflotte.
- 3. November 1918In Kiel eskaliert der Protest zum Matrosenaufstand.
- 9. November 1918Die Monarchie fällt; Scheidemann und Liebknecht rufen unterschiedliche Republiken aus.
- 10. November 1918Der Rat der Volksbeauftragten entsteht; Ebert und Groener vereinbaren ihre Zusammenarbeit.
- 11. November 1918Der Waffenstillstand beendet die Kampfhandlungen.
- 19. Januar 1919Die Nationalversammlung wird mit Frauenwahlrecht gewählt.
- 11. August 1919Die Weimarer Verfassung wird unterzeichnet.
- 14. August 1919Die Verfassung tritt in Kraft.
Warum wurde die Revolution gewaltsam?
Die erste Ausbreitung der Revolution verlief vielerorts ohne größere Kämpfe. Später verschärften sich jedoch die Konflikte. Die Regierung fürchtete einen Bürgerkrieg und einen bolschewistischen Umsturz. Sie stützte sich deshalb auf die alte Militärführung und auf Freikorps, militärische Verbände, die überwiegend aus ehemaligen Frontsoldaten bestanden und vielfach politisch rechts standen.
Während der Weihnachtskämpfe 1918 ließ die Regierung reguläre Truppen gegen die Volksmarinedivision einsetzen. Danach verließen die USPD-Mitglieder den Rat der Volksbeauftragten. Im Januar 1919 eskalierten Proteste nach der Entlassung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn. Der sogenannte Januaraufstand besaß keine einheitliche Führung. Regierungstruppen und Freikorps schlugen ihn nieder.
Am 15. Januar ermordeten Freikorpsangehörige Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Weitere Rätebewegungen und Streiks wurden ebenfalls mit großer Gewalt bekämpft, darunter die Münchner Räterepublik. Die politische Linke blieb dadurch tief gespalten.
Die Revolution erreichte wichtige demokratische Veränderungen:
- Ende der Monarchie und parlamentarische Republik;
- allgemeines Wahlrecht einschließlich des Frauenwahlrechts;
- politische Freiheitsrechte und soziale Reformen;
- eine demokratische Reichsverfassung.
Gleichzeitig blieben Teile von Militär, Verwaltung und Justiz aus dem Kaiserreich bestehen. Das Bündnis der MSPD-Führung mit diesen Kräften stabilisierte kurzfristig die Regierung, erschwerte aber tiefgreifende Reformen. Ob ein radikalerer Umbau die Demokratie gefestigt oder einen Bürgerkrieg verschärft hätte, ist historisch umstritten.
Ein historisches Urteil berücksichtigt mehrere Seiten: Die Revolution schuf eine parlamentarische Demokratie, doch Gewalt, politische Spaltung und fortbestehende alte Machtstrukturen belasteten sie.
Wie lässt sich die Revolution beurteilen?
Die Novemberrevolution war zugleich ein demokratischer Erfolg und ein unvollendeter Umbruch. Diese beiden Aussagen widersprechen sich nicht, wenn du den jeweiligen Maßstab nennst.
Urteil: Die Revolution war politisch erfolgreich, weil sie die Monarchie beendete, freie Wahlen ermöglichte und eine demokratische Verfassung hervorbrachte.
Einschränkung: Sie veränderte Militär, Verwaltung, Justiz und Eigentumsordnung weniger grundlegend, als Teile der Bewegung gefordert hatten. Das Bündnis mit alten Eliten und die Gewalt gegen linke Bewegungen belasteten die neue Republik.
Abgewogene Schlussfolgerung: Die Revolution schuf eine parlamentarische Demokratie, löste aber nicht alle Macht- und Gesellschaftskonflikte, aus denen sie entstanden war.
Historikerinnen und Historiker beurteilen besonders den Handlungsspielraum der MSPD unterschiedlich. Eine Deutung betont, Ebert habe angesichts von Krieg, Versorgungskrise und Bürgerkriegsgefahr eine funktionsfähige Ordnung sichern müssen. Eine andere Deutung hebt hervor, dass die Räte überwiegend demokratisch waren und größere Reformchancen bestanden. Sicher belegen lässt sich die Entscheidung der MSPD-Führung zur Zusammenarbeit mit alten Machtträgern; ihre möglichen Alternativen bleiben Gegenstand begründeter historischer Urteile.
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Alles auf einen Blick
- Novemberrevolution 1918/19
- Ursachen: verlorener Krieg, Not und Vertrauensverlust
- Auslöser: Flottenbefehl und Matrosenaufstand
- Ausbreitung: Solidarisierung und Rätebildung
- 9. November: Ende der Monarchie und doppelte Ausrufung
- Ordnungsfrage: parlamentarische Republik oder weitergehende Rätedemokratie
- Entscheidung: Nationalversammlung und Weimarer Verfassung
- Erfolge: Wahlrecht, Freiheitsrechte und parlamentarische Demokratie
- Belastungen: Gewalt, politische Spaltung und fortbestehende alte Eliten
Abschluss-Check
Du hast das Thema verstanden, wenn du die Kette Kriegskrise → Flottenbefehl → Matrosenaufstand → Rätebildung → Ende der Monarchie → Streit um die Staatsordnung → Nationalversammlung und Verfassung erklären und ihre Erfolge sowie Grenzen abwägen kannst.
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