Geschichte

Nürnberger Gesetze: Inhalt und Folgen erklärt

Nürnberger Gesetze: Inhalt und Folgen erklärt
Nürnberger Gesetze: Inhalt und Folgen erklärt
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Die Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935 machten die rassistische Ideologie des Nationalsozialismus zu staatlichem Recht. Sie entzogen jüdischen Menschen politische Rechte, griffen in ihr Privatleben ein und schufen einen ausbaufähigen Rahmen für weitere Verfolgung. Damit waren sie eine wichtige Stufe auf dem Weg zum Holocaust, der systematischen Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden.

Auf dieser Seite untersuchst du, was die Gesetze regelten, wie die nationalsozialistische Verwaltung Menschen einteilte und warum die Gesetze kein einzelnes Ereignis, sondern Teil einer Eskalation waren.

Deine Lernziele

Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!

Warum waren die Gesetze ein Wendepunkt?

Antisemitismus gehörte zur nationalsozialistischen Weltanschauung. Schon nach der Machtübernahme 1933 wurden jüdische Menschen angegriffen, aus Berufen gedrängt und öffentlich ausgegrenzt. Beim reichsweit organisierten Boykott am 1. April 1933 richtete sich die Hetze beispielsweise gegen jüdische Geschäfte.

Am 15. September 1935 beschloss der Reichstag während des NSDAP-Parteitags in Nürnberg drei Gesetze. Der Reichstag war zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Scheinparlament: Er kontrollierte die Regierung nicht mehr, sondern bestätigte Entscheidungen der nationalsozialistischen Führung.

Der entscheidende Schritt bestand darin, dass die Verfolgung nun ausdrücklich in Gesetze gefasst wurde. Behörden konnten die rassistische Ideologie dadurch systematisch in Verwaltungshandeln übersetzen. Unrecht wurde nicht gerecht, nur weil es in Gesetzesform erschien.

Merke

Die Nürnberger Gesetze schufen die Verfolgung nicht erst. Sie überführten bereits vorhandene Ausgrenzung und Gewalt in staatliches Recht und ermöglichten weitere Entrechtung.

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Frage 1 von 1LeichtWas veränderte sich durch die Nürnberger Gesetze besonders?
Lösung: Rassistische Ausgrenzung wurde ausdrücklich in staatliches Recht gefasst. — Die Gesetze waren ein Wendepunkt innerhalb einer bereits begonnenen Verfolgung: Das Regime machte seine rassistische Ideologie zur Grundlage staatlicher Entscheidungen.
Welche drei Gesetze wurden beschlossen?

Das Reichsbürgergesetz

Das Reichsbürgergesetz unterschied zwischen bloßen „Staatsangehörigen“ und „Reichsbürgern“ mit vollen politischen Rechten. Nach der rassistischen Vorstellung des Regimes sollten nur Menschen „deutschen oder artverwandten Blutes“ Reichsbürger sein können.

Jüdinnen und Juden blieben zunächst Staatsangehörige, verloren aber politische Rechte. Sie konnten unter anderem nicht mehr wählen und keine öffentlichen Ämter ausüben. Jüdische Beamte, die 1933 zunächst noch durch eine Ausnahmeregel geschützt gewesen waren, mussten zum 31. Dezember 1935 ausscheiden.

Das Blutschutzgesetz

Das sogenannte Blutschutzgesetz hieß vollständig „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Schon dieser Name beruhte auf der menschenfeindlichen Behauptung, es gebe ein „reines deutsches Blut“, das geschützt werden müsse.

Das Gesetz verbot:

  • Ehen zwischen jüdischen Menschen und Menschen, die das Regime als „deutschen oder artverwandten Blutes“ einstufte;
  • außereheliche sexuelle Beziehungen zwischen diesen Gruppen;
  • die Beschäftigung weiblicher, als „deutschblütig“ eingestufter Hausangestellter unter 45 Jahren in jüdischen Haushalten.

Trotz des Verbots neu geschlossene Ehen galten als nichtig. Bereits bestehende Ehen wurden dagegen nicht allgemein aufgehoben. Später erwogene Zwangsscheidungen setzte das Regime nicht um.

Die Nationalsozialisten bezeichneten verbotene Beziehungen mit dem abwertenden Propagandawort „Rassenschande“. Bis Ende 1940 wurden 1.911 Männer deshalb verurteilt. Frauen konnten trotz der besonderen Strafregelung ebenfalls verfolgt werden, etwa durch sogenannte „Schutzhaft“, Ausbürgerung oder Deportation.

Das Blutschutzgesetz untersagte jüdischen Menschen außerdem, die Reichsflagge zu hissen oder die Reichsfarben zu zeigen.

Das Reichsflaggengesetz

Das Reichsflaggengesetz machte die Hakenkreuzflagge zur Reichs- und Nationalflagge. Zusammen mit dem Verbot für jüdische Menschen, diese Flagge zu verwenden, markierte die nationalsozialistische Gesetzgebung sichtbar, wer nach der Ideologie des Regimes zur staatlichen Gemeinschaft gehören sollte und wer ausgeschlossen wurde.

Beispiel

Eine jüdische Person konnte weiterhin als Staatsangehörige gelten und dennoch das Wahlrecht sowie den Zugang zu öffentlichen Ämtern verlieren. Daran erkennst du den Kern des Reichsbürgergesetzes: Staatsangehörigkeit und volle politische Rechte wurden voneinander getrennt.

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Frage 1 von 2LeichtWelches Gesetz entzog jüdischen Menschen politische Rechte?
Lösung: Das Reichsbürgergesetz — Das Reichsbürgergesetz schuf die Unterscheidung zwischen Staatsangehörigen und politisch vollberechtigten Reichsbürgern.
Frage 2 von 2MittelEine neu geschlossene Ehe verstieß gegen das Eheverbot. Zu welchem Gesetz gehörte dieses Verbot?
Lösung: Zum Blutschutzgesetz — Das Blutschutzgesetz griff unmittelbar in persönliche Beziehungen und die private Lebensgestaltung ein.
Wie teilte das Regime Menschen ein?

Die Gesetze verwendeten rassistische Begriffe, ohne zunächst genau festzulegen, wer darunter fallen sollte. Die Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 schuf anschließend amtliche Kategorien.

Die Behörden richteten sich besonders nach der Zahl der Großeltern, die sie als jüdisch einstuften:

  • Mindestens drei jüdische Großeltern führten zur Einstufung als „Jude“.
  • Zwei jüdische Großeltern führten grundsätzlich zur Kategorie „Mischling ersten Grades“.
  • Ein jüdischer Großelternteil führte zur Kategorie „Mischling zweiten Grades“.

Bei zwei jüdischen Großeltern konnten weitere Merkmale zur Einstufung als Jude führen, etwa die Zugehörigkeit zu einer jüdischen Kultusgemeinde oder eine Ehe mit einer als jüdisch eingestuften Person. Später wurde für solche Menschen auch die NS-Bezeichnung „Geltungsjude“ verwendet.

Diese Ausdrücke sind keine neutralen Beschreibungen. Es sind historische Begriffe aus der rassistischen Verwaltungssprache des NS-Regimes. Sie werden hier in Anführungszeichen verwendet, damit du damalige Dokumente verstehen kannst, ohne die Kategorien zu übernehmen.

Definition

Amtliche Klassifikation

Eine amtliche Klassifikation ist die Einordnung von Menschen durch eine Behörde. Im Nationalsozialismus beruhten solche Einteilungen auf rassistischen Annahmen und entschieden über Rechte, Verbote und Verfolgungsrisiken.

Das persönliche Selbstverständnis eines Menschen bot keinen zuverlässigen Schutz. Auch Menschen, die sich selbst nicht als jüdisch verstanden oder keiner jüdischen Gemeinde angehörten, konnten aufgrund ihrer Familie eingeordnet werden. Zudem ermöglichten unbestimmte Begriffe, Zusatzregeln und persönliche Ausnahmeentscheidungen eine willkürliche Anwendung.

Merke

Das Regime verwandelte erfundene rassistische Vorstellungen in amtliche Kategorien. Diese Kategorien beschrieben Menschen nicht objektiv, sondern dienten ihrer Ungleichbehandlung.

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Frage 1 von 2MittelEine Person verstand sich selbst nicht als jüdisch. Warum konnte sie trotzdem verfolgt werden?
Lösung: Die Behörden richteten ihre Einstufung besonders nach der zugeschriebenen Abstammung. — Entscheidend war nicht allein das Selbstverständnis. Die Verwaltung nutzte vor allem die Zahl der als jüdisch eingestuften Großeltern und teilweise weitere Merkmale.
Frage 2 von 2SchwerWas zeigt die Möglichkeit persönlicher Ausnahmen durch Hitler?
Lösung: Die rassistische Einteilung blieb von Macht und Willkür abhängig. — Ausnahmen beseitigten das rassistische System nicht. Sie zeigten vielmehr, dass die Führung über Einzelschicksale willkürlich entscheiden konnte.
Wie wurde aus Entrechtung weitere Verfolgung?

Die Nürnberger Gesetze waren kein Endpunkt. Eine Folge von Verordnungen erweiterte das System bis 1943. Immer mehr Lebensbereiche wurden eingeschränkt.

Zeitstrahl
  1. 1. April 1933Der organisierte Boykott richtet sich gegen jüdische Geschäfte.
  2. 15. September 1935Reichsbürgergesetz, Blutschutzgesetz und Reichsflaggengesetz werden beschlossen.
  3. 14. November 1935Verordnungen legen rassistische Kategorien genauer fest.
  4. 1938Jüdische Ärzte und Rechtsanwälte verlieren ihre Zulassungen.
  5. 25. November 1941Eine Verordnung verbindet den Verlust der Staatsangehörigkeit bei Grenzübertritt oder Deportation mit dem staatlichen Zugriff auf das Vermögen.
  6. 20. Januar 1942Die NS-Führung koordiniert auf der Berliner Konferenz Deportation und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden.
  7. 20. September 1945Das alliierte Kontrollratsgesetz hebt die Nürnberger Gesetze und ihre Verordnungen auf.

Der Zusammenhang lässt sich als Eskalationskette darstellen:

rassistische Ideologie → amtliche Einteilung → Verlust von Rechten → weitere Ausgrenzung und Enteignung → Deportation und Ermordung

Diese Kette bedeutet nicht, dass jeder spätere Schritt 1935 bereits vollständig festgelegt war. Sie zeigt aber, wie die Gesetze einen rechtlichen und verwaltungstechnischen Rahmen schufen, den das Regime immer weiter verschärfte.

Auch Sinti und Roma wurden durch die rassistische NS-Gesetzgebung entrechtet und verfolgt. Ihre Verfolgung muss in ihrer eigenen Geschichte untersucht werden; sie darf nicht einfach mit der Geschichte jüdischer Opfer gleichgesetzt werden.

Gut zu wissen

Gesetze können Unrecht organisieren, wenn ein diktatorisches Regime Menschenrechte, politische Kontrolle und Gleichheit vor dem Gesetz beseitigt. Deshalb reicht es bei einer historischen Beurteilung nicht, nur zu fragen, ob eine Maßnahme „gesetzlich“ war.

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Frage 1 von 1SchwerWelche Aussage beschreibt die Rolle der Nürnberger Gesetze am genauesten?
Lösung: Sie bildeten eine wichtige Stufe in einem länger dauernden und weiter verschärften Verfolgungsprozess. — Die Gesetze verbanden Ideologie und Verwaltung. Gewalt und Willkür endeten dadurch nicht, sondern konnten neben der gesetzlichen Entrechtung fortbestehen.
Was zeigt der Fall Wolff und Neemann?

Im Juli 1935, also noch vor dem Beschluss der Nürnberger Gesetze, trieb die SA den jüdischen Julius Wolff und seine nichtjüdische Verlobte Christine Neemann öffentlich durch die ostfriesische Stadt Norden. Beide mussten diffamierende Schilder tragen.

Christine Neemann wurde in ein Konzentrationslager gebracht und nach einem Monat freigelassen. Julius Wolff kam in das Konzentrationslager Esterwegen. Nach seiner Freilassung floh er in die USA.

Der Fall belegt drei wichtige Zusammenhänge:

  1. Antisemitische Demütigung und Lagerhaft fanden bereits vor dem 15. September 1935 statt.
  2. Die Verfolgung wurde nicht nur von Behörden getragen. Auch die SA wirkte als Täterorganisation mit.
  3. Die späteren Gesetze gaben einer schon praktizierten Ausgrenzung einen staatlichen Rechtsrahmen.

Aus diesem einzelnen Fall kannst du jedoch nicht ableiten, dass alle verfolgten Menschen genau dasselbe erlebten. Eine Biografie macht Folgen sichtbar, ersetzt aber keine Untersuchung der unterschiedlichen Verfolgungswege.

Beispiel

Beobachtung: Wolff und Neemann wurden vor Erlass der Gesetze öffentlich gedemütigt und in Lager gebracht.

Schlussfolgerung: Die Nürnberger Gesetze waren nicht der Beginn des Antisemitismus oder der Verfolgung. Sie machten vorhandene rassistische Praktiken aber leichter systematisch durchsetzbar.

Grenze der Aussage: Der Fall zeigt einen konkreten Verfolgungsweg. Er steht nicht stellvertretend für sämtliche Erfahrungen jüdischer Menschen.

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Frage 1 von 2MittelWelche Aussage lässt sich unmittelbar aus dem Fall ableiten?
Lösung: Antisemitische Gewalt und Lagerhaft wurden schon vor Erlass der Gesetze eingesetzt. — Die Datierung des Falls auf Juli 1935 zeigt, dass Gewalt und Einschüchterung der gesetzlichen Regelung vorausgingen.
Frage 2 von 2SchwerWelche historische Deutung ist durch den Fall und die Gesetzgebung gemeinsam gestützt?
Lösung: Gewalt, gesellschaftliche Ausgrenzung und staatliches Recht konnten einander verstärken. — Der Fall zeigt Gewalt vor dem Gesetz; die Nürnberger Gesetze zeigen anschließend die staatliche Organisation der Entrechtung.
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Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Nürnberger Gesetze
    • Ausgangslage: Antisemitismus, Ausgrenzung und Gewalt vor 1935
    • Reichsbürgergesetz: Verlust politischer Rechte
    • Blutschutzgesetz: Eingriff in Ehe, Beziehungen und Beschäftigung sowie Verbot der Reichsflagge für jüdische Menschen
    • Reichsflaggengesetz: Hakenkreuzflagge als Reichs- und Nationalflagge
    • Verwaltung: rassistische Kategorien und willkürliche Einstufung
    • Folgen: weitere Entrechtung, Enteignung und Deportation
    • Historische Einordnung: wichtige Stufe auf dem Weg zum Holocaust
Abschluss-Check
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Frage 1 von 3LeichtWelche Aussage ist richtig?
Lösung: Die Nürnberger Gesetze wurden am 15. September 1935 beschlossen. — Das Datum gehört zur Grundorientierung. Wichtig ist zugleich, die Gesetze als Teil eines längeren Prozesses zu verstehen.
Frage 2 von 3MittelEine Behörde verweigert einer jüdischen Person das Wahlrecht, obwohl sie weiterhin Staatsangehörige ist. Welches Gesetz bildet dafür die Grundlage?
Lösung: Das Reichsbürgergesetz — Nur das Reichsbürgergesetz trennte die Staatsangehörigkeit von den vollen politischen Rechten eines Reichsbürgers.
Frage 3 von 3SchwerWelche Begründung ordnet die Nürnberger Gesetze fachlich am besten ein?
Lösung: Sie machten rassistische Ideologie zu staatlichem Recht und schufen einen Rahmen für weitere Entrechtung und Verfolgung. — Eine überzeugende Einordnung verbindet Vorgeschichte, Gesetzesinhalt und spätere Verschärfung, ohne den gesamten Verfolgungsprozess auf ein einziges Ereignis zu reduzieren.

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