Neue Ostpolitik: Ziele, Verträge und Folgen
Die Neue Ostpolitik war der außenpolitische Kurswechsel der sozialliberalen Bundesregierung unter Willy Brandt ab 1969. Die Bundesrepublik erkannte bestehende Grenzen und die Existenz zweier deutscher Staaten als politische Realität an, um Spannungen abzubauen, Kontakte zu erleichtern und eine friedliche Veränderung weiterhin möglich zu halten.
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Warum war ein neuer Kurs nötig?
Nach der Gründung von Bundesrepublik und DDR im Jahr 1949 gehörten beide Staaten gegnerischen Machtblöcken an. Die Bundesrepublik war an den Westen gebunden, die DDR stand unter sowjetischem Einfluss. Der Mauerbau 1961 machte sichtbar, wie tief die deutsche Teilung geworden war.
Die Bundesregierung beanspruchte lange, allein für das deutsche Volk sprechen zu dürfen. Mit der Hallstein-Doktrin versuchte sie, die DDR außenpolitisch zu isolieren. Staaten, die diplomatische Beziehungen zur DDR aufnahmen, mussten mit einem Abbruch der Beziehungen zur Bundesrepublik rechnen.
Diese Politik brachte die Wiedervereinigung jedoch nicht näher. Gleichzeitig bedrohte der Ost-West-Konflikt Europa mit einem Atomkrieg. Willy Brandt und Egon Bahr suchten deshalb schon vor 1969 nach einem Weg, die Westbindung der Bundesrepublik durch Gespräche mit dem Osten zu ergänzen.
Status quo
Der Status quo ist der bestehende Zustand. In der Ostpolitik meinte das vor allem die damaligen europäischen Grenzen und die tatsächliche Existenz von Bundesrepublik und DDR.
Die Neue Ostpolitik ersetzte die Westbindung nicht. Entspannung, NATO-Mitgliedschaft und militärische Absicherung bestanden nebeneinander.
Was bedeutete „Wandel durch Annäherung“?
Egon Bahr prägte 1963 die Formel „Wandel durch Annäherung“. Dahinter stand die Annahme, dass sich die Verhältnisse im Osten nicht durch Drohungen oder einen von außen erzwungenen Umsturz verändern ließen. Gespräche, Verträge und menschliche Kontakte sollten zunächst die Folgen der Teilung mildern und langfristige Veränderungen begünstigen.
Der Wandel sollte langsam und aus den Gesellschaften des Ostens selbst kommen. Entspannung war daher keine Strategie, kommunistische Regierungen unmittelbar zu stürzen.
Das Passierscheinabkommen von 1963 zeigt den Ansatz im Kleinen. Der West-Berliner Senat verhandelte mit Ost-Berlin, obwohl der politische Status beider Seiten umstritten war. Danach konnten mehr als eine Million Menschen aus West-Berlin Freunde und Verwandte im Ostteil besuchen.
Der entscheidende Gedanke: Eine begrenzte Vereinbarung löste den Grundkonflikt nicht, verbesserte aber sofort den Alltag vieler Menschen.
Die Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969 übertrug diesen Ansatz auf die Bundespolitik. Brandt sprach von zwei Staaten in Deutschland, die füreinander dennoch kein Ausland sein könnten. Im November 1969 trat die Bundesrepublik außerdem dem Atomwaffensperrvertrag bei und schuf damit Vertrauen für weitere Verhandlungen.
Welche Verträge veränderten die Beziehungen?
Die Neue Ostpolitik bestand nicht aus einem einzigen Vertrag. Mehrere Abkommen regelten nacheinander Grenzen, Gewaltverzicht, Berlin und das Verhältnis zwischen Bundesrepublik und DDR.
| Abkommen | Zeitpunkt | Zentrale Regelung |
|---|---|---|
| Moskauer Vertrag | 12. August 1970 | Gewaltverzicht und Achtung der bestehenden europäischen Grenzen |
| Warschauer Vertrag | 7. Dezember 1970 | Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze und Gewaltverzicht |
| Viermächteabkommen über Berlin | 3. September 1971 | Sicherung der Verbindungen nach West-Berlin und Erleichterung von Besuchen |
| Transitabkommen | 17. Dezember 1971 | Regelung und Erleichterung des Verkehrs zwischen Bundesrepublik und West-Berlin |
| Grundlagenvertrag | 21. Dezember 1972 | Gutnachbarliche Beziehungen zwischen Bundesrepublik und DDR |
| Prager Vertrag | 11. Dezember 1973 | Gewaltverzicht, Grenzunverletzlichkeit und Normalisierung mit der Tschechoslowakei |
Beim Moskauer Vertrag war ein einzelnes Wort politisch wichtig: Die Grenzen wurden als unverletzlich, nicht als unveränderbar bezeichnet. Sie durften also nicht mit Gewalt verschoben werden. Eine einvernehmliche Änderung blieb jedoch möglich. Damit schlossen die Verträge eine spätere deutsche Einheit nicht rechtlich aus.
Gewaltverzicht
Gewaltverzicht bedeutet, dass Staaten Konflikte nicht durch die Androhung oder Anwendung militärischer Gewalt lösen, sondern friedliche Verfahren nutzen.
Der Warschauer Vertrag bestätigte die Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze. Willy Brandts Kniefall am Mahnmal des Warschauer Ghettos wurde darüber hinaus zu einem Symbol des Gedenkens an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen.
Wie änderten sich Berlin und die deutsch-deutschen Beziehungen?
Berlin hatte einen besonderen rechtlichen Status, weil die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs dort weiterhin Rechte besaßen. Das Viermächteabkommen erklärte West-Berlin nicht zu einem Bestandteil der Bundesrepublik. Seine Bindungen zur Bundesrepublik durften aber aufrechterhalten und entwickelt werden. Zugleich sollten die Verkehrswege zuverlässiger funktionieren und Besuche erleichtert werden.
Der Grundlagenvertrag regelte anschließend das Verhältnis zwischen Bundesrepublik und DDR. Beide Seiten behandelten einander als Staaten. Die Bundesrepublik vermied jedoch eine volle völkerrechtliche Anerkennung der DDR als Ausland. Deshalb entstanden Ständige Vertretungen und keine gewöhnlichen Botschaften.
Eine Botschaft vertritt einen Staat in einem anderen, völkerrechtlich anerkannten Staat. Die Bezeichnung „Ständige Vertretung“ zeigte dagegen den besonderen deutsch-deutschen Zusammenhang: Es gab zwei Staaten, aber aus westdeutscher Sicht noch immer eine gemeinsame Nation.
Die neuen Regelungen verbesserten schrittweise Reise-, Post- und Telefonverbindungen. 1973 wurden Bundesrepublik und DDR Mitglieder der Vereinten Nationen. Das bedeutete keine Wiedervereinigung, aber eine neue Form geregelter Beziehungen.
Was bewirkte die Ostpolitik – und was nicht?
Die Ostpolitik war in der Bundesrepublik heftig umstritten. Kritiker befürchteten, die Regierung gebe deutsche Interessen und das Ziel der Einheit auf. 1972 verlor die Koalition zeitweise ihre sichere parlamentarische Mehrheit. Ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Brandt scheiterte, die Ostverträge wurden ratifiziert und die anschließende Bundestagswahl stärkte SPD und FDP.
Zu den unmittelbar erkennbaren Wirkungen gehörten:
- bestehende Grenzen wurden anerkannt und durch Gewaltverzicht abgesichert;
- Gespräche zwischen Ost und West wurden erleichtert;
- Reisen und menschliche Kontakte nahmen zu;
- Bundesrepublik und DDR regelten ihr Verhältnis vertraglich;
- der Weg zur Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und zur Schlussakte von Helsinki 1975 wurde erleichtert.
Langfristige Folgen müssen vorsichtiger beurteilt werden. Die Ostpolitik hielt die deutsche Einheit rechtlich offen, verringerte Misstrauen und förderte Kontakte. Damit schuf sie günstige Bedingungen für die Entwicklung von 1989 und 1990.
Sie verursachte aber weder die Reformpolitik Michail Gorbatschows noch die friedliche Revolution in der DDR allein. Auch Opposition und Proteste in Osteuropa, wirtschaftliche Probleme des Ostblocks und weitere internationale Entwicklungen waren entscheidend.
Eine historische Wirkung ist selten monokausal. Monokausal bedeutet: Ein Ergebnis wird auf nur eine Ursache zurückgeführt. Bei der deutschen Einheit musst du mehrere Bedingungen unterscheiden und ihr Zusammenspiel erklären.
Auch „Wandel durch Annäherung“ darf nicht mit einem sicher planbaren Erfolg verwechselt werden. Die Ostpolitik konnte einen äußeren Rahmen für Veränderungen schaffen. Ob und wie sich eine Diktatur im Inneren wandelte, hing jedoch von zusätzlichen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kräften ab.
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Alles auf einen Blick
- Neue Ostpolitik
- Ausgangslage: deutsche Teilung, Blockkonflikt und gescheiterte Isolierungspolitik
- Leitidee: Wandel durch Annäherung und kleine praktische Schritte
- Absicherung: Westbindung, NATO und Gewaltverzicht
- Verträge: Moskau, Warschau, Berlin, Grundlagenvertrag und Prag
- Unmittelbare Folgen: stabilere Beziehungen, Reisen, Kontakte und UNO-Mitgliedschaft
- Langfristiger Beitrag: Vertrauen und rechtliche Offenheit für die Einheit
- Grenze der Wirkung: keine alleinige Ursache für Revolution und Wiedervereinigung
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