Mathematik

Vollständige Induktion einfach erklärt

Vollständige Induktion einfach erklärt
Vollständige Induktion einfach erklärt
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Mit der vollständigen Induktion beweist du eine Aussage $A(n)$ für alle natürlichen Zahlen ab einem Startwert $n_0$. Du zeigst zuerst, dass die Aussage am Start gilt. Danach beweist du: Gilt sie für ein beliebiges $n$, dann gilt sie auch für $n+1$.

Deine Lernziele

Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!

Warum zwei Schritte unendlich viele Fälle abdecken

Stell dir eine Reihe von Dominosteinen vor. Damit alle Steine ab dem ersten fallen, brauchst du zwei Sicherheiten:

  1. Der erste Stein fällt.
  2. Jeder fallende Stein stößt den nächsten um.

Beim Induktionsbeweis übernimmt der Induktionsanfang die erste Aufgabe. Der Induktionsschritt sorgt für die Weitergabe von einem Fall zum nächsten.

Definition

Vollständige Induktion

Für eine Aussage $A(n)$ und einen Startwert $n_0$ zeigst du:

  1. $A(n_0)$ ist wahr.
  2. Für jedes $n\ge n_0$ gilt $A(n)\Rightarrow A(n+1)$.

Dann gilt $A(n)$ für alle natürlichen Zahlen $n\ge n_0$.

Der Schritt allein liefert noch keinen wahren Fall, von dem aus die Weitergabe starten kann. Der Anfang allein prüft nur einen einzigen Fall. Erst beide Teile zusammen bilden die lückenlose Kette

$$A(n_0)\Rightarrow A(n_0+1)\Rightarrow A(n_0+2)\Rightarrow\dots$$

Das Prüfen vieler Werte ist dagegen kein Beweis. Auch wenn eine Formel für die ersten 5000 Zahlen stimmt, könnte sie beim nächsten Wert scheitern.

Teste dich
Frage 1 von 2LeichtWas beweist der Induktionsschritt?
Lösung: Aus $A(n)$ folgt $A(n+1)$ für ein beliebiges $n$ im Geltungsbereich. — Der Schritt ist eine Implikation: Unter der Annahme $A(n)$ wird der Nachfolgerfall $A(n+1)$ hergeleitet.
Frage 2 von 2MittelEine Aussage soll für alle $n\ge4$ gelten. Welcher Anfang passt?
Lösung: Du prüfst $A(4)$. — Der Induktionsanfang muss genau dort ansetzen, von wo der Schritt alle behaupteten Fälle erreichen kann.
So schreibst du einen Induktionsbeweis

Bevor du rechnest, notierst du die Aussage $A(n)$ und ihren Geltungsbereich. Danach gehst du in einer festen Reihenfolge vor.

1. Induktionsanfang

Setze den kleinsten behaupteten Wert $n_0$ ein und prüfe beide Seiten der Aussage. Ein Satz wie „für $n=1$ stimmt es“ reicht nicht, wenn die Rechnung nicht sichtbar ist.

2. Induktionsvoraussetzung

Wähle ein beliebiges, aber festes $n\ge n_0$ und nimm $A(n)$ an. Du behauptest damit nicht, $A(n)$ schon für alle Zahlen bewiesen zu haben. Du untersuchst: Was folgt, wenn dieser eine beliebige Fall gilt?

3. Induktionsbehauptung

Schreibe $A(n+1)$ vollständig hin. Ersetze dazu in der ursprünglichen Aussage jedes passende $n$ durch $n+1$. So steht dein Rechenziel fest.

4. Induktionsschluss

Beginne mit der Seite von $A(n+1)$, in der der bekannte Fall $A(n)$ steckt. Bei einer Summe trennst du meist den neuen Summanden ab:

$$S_{n+1}=S_n+a_{n+1}$$

Ersetze dann $S_n$ mit der Induktionsvoraussetzung und forme bis zur Zielseite von $A(n+1)$ um.

5. Schlusssatz

Halte fest, dass Anfang und Schritt erbracht sind. Nenne dabei den Geltungsbereich, zum Beispiel: „Damit gilt die Aussage nach dem Prinzip der vollständigen Induktion für alle $n\ge1$."

Merke

Die Induktionsvoraussetzung ist ein Werkzeug im Schritt. Du musst sie sichtbar verwenden; bloßes Einsetzen von $n+1$ ist noch kein Induktionsschluss.

Teste dich
Frage 1 von 1MittelDu willst eine Summenformel beweisen. Was ist meist der beste erste Schritt im Induktionsschluss?
Lösung: Schreibe die Summe bis $n+1$ als Summe bis $n$ plus den neuen Summanden. — Durch das Abtrennen des neuen Summanden wird genau der Teil sichtbar, den du mit der Induktionsvoraussetzung ersetzen darfst.
Beispiel: Die Gaußsche Summenformel beweisen

Wir beweisen für alle $n\ge1$:

$$1+2+\dots+n=\frac{n(n+1)}{2}$$

Beispiel

Induktionsanfang für $n=1$:

$$1=\frac{1\cdot(1+1)}{2}=1$$

Die Aussage gilt am Start.

Induktionsvoraussetzung: Für ein beliebiges, aber festes $n\ge1$ gelte

$$1+2+\dots+n=\frac{n(n+1)}{2}.$$

Induktionsbehauptung: Zu zeigen ist

$$1+2+\dots+n+(n+1)=\frac{(n+1)(n+2)}{2}.$$

Induktionsschluss: Wir trennen den neuen Summanden $n+1$ ab und verwenden dann die Voraussetzung:

$$1+2+\dots+n+(n+1)$$

$$=\frac{n(n+1)}{2}+(n+1)$$

$$=(n+1)\left(\frac n2+1\right)$$

$$=\frac{(n+1)(n+2)}{2}.$$

Das ist genau die Zielseite für $n+1$. Damit gilt die Summenformel nach vollständiger Induktion für alle $n\ge1$.

Der entscheidende Gedanke steckt in der ersten Umformung: In der längeren Summe wird die bekannte Summe bis $n$ sichtbar. Erst dann darfst du die Induktionsvoraussetzung einsetzen.

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Frage 1 von 2MittelWelche Formel ist im Gauß-Beweis die richtige Induktionsbehauptung?
Lösung: $1+2+\dots+n+(n+1)=\frac{(n+1)(n+2)}2$ — Ersetzt du in $\frac{n(n+1)}2$ jedes $n$ durch $n+1$, erhältst du $\frac{(n+1)(n+2)}2$.
Frage 2 von 2SchwerWarum ist die Zeile $\frac{n(n+1)}2+(n+1)$ im Beweis zulässig?
Lösung: Weil die Induktionsvoraussetzung die Summe $1+\dots+n$ durch $\frac{n(n+1)}2$ ersetzt. — Der bekannte Teil ist die Summe bis $n$. Genau auf diesen Teil wird die Induktionsvoraussetzung angewendet.
Übung: Die Summe ungerader Zahlen

Nun beweist du für alle $n\ge1$:

$$1+3+5+\dots+(2n-1)=n^2$$

Der $n$-te ungerade Summand ist $2n-1$. Für den Nachfolger lautet der neue Summand deshalb

$$2(n+1)-1=2n+1.$$

Deine Aufgabe

Führe Anfang, Voraussetzung, Behauptung und Schluss aus. Achte besonders darauf, den neuen Summanden korrekt zu bestimmen.

Lückentext

Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.

Im Induktionsanfang setzt du $n=$. Im Schritt ergänzt du den neuen Summanden $$. Mit der Voraussetzung ersetzt du die alte Summe durch $$. Danach ergibt sich $n^2+2n+1=$.

Lösungen: Lücke 1: 1; Lücke 2: 2(n+1)-1; Lücke 3: n^2; Lücke 4: (n+1)^2. Der Nachfolgerfall enthält die ersten $n+1$ ungeraden Zahlen. Deshalb kommt nach $2n-1$ der Term $2(n+1)-1=2n+1$ hinzu.

Lösung

Anfang: Für $n=1$ gilt $1=1^2$.

Voraussetzung: Für ein beliebiges, aber festes $n\ge1$ gelte

$$1+3+\dots+(2n-1)=n^2.$$

Behauptung:

$$1+3+\dots+(2n-1)+\bigl(2(n+1)-1\bigr)=(n+1)^2.$$

Schluss:

$$1+3+\dots+(2n-1)+\bigl(2(n+1)-1\bigr)$$

$$=n^2+2n+1$$

$$=(n+1)^2.$$

Damit gilt die Aussage für alle $n\ge1$.

Gut zu wissen

Das Muster lässt sich geometrisch deuten: Ein Quadrat aus $n^2$ Punkten wird durch einen L-förmigen Rand aus $2n+1$ Punkten zum Quadrat mit $(n+1)^2$ Punkten. Der algebraische Schritt beschreibt genau denselben Zuwachs.

Fehler erkennen und Varianten richtig wählen

Ein formal aussehender Beweis kann trotzdem eine Lücke enthalten. Prüfe deshalb nicht nur die Rechnungen, sondern auch Startwert, Geltungsbereich und logischen Anschluss.

Typische Fehler

  • Falscher Startwert: Soll eine Aussage erst ab $n=4$ gelten, musst du bei $4$ beginnen. Ein Anfang bei $1$ hilft nicht, wenn die Aussage dort falsch ist.
  • Nicht verwendete Voraussetzung: Aus dem bloßen Hinschreiben von $A(n+1)$ folgt nichts. Im Schluss muss $A(n)$ tatsächlich eingesetzt oder genutzt werden.
  • Ziel schon vorausgesetzt: Du darfst nicht mit „Nach Voraussetzung gilt $A(n+1)$“ beginnen. Genau das sollst du erst beweisen.
  • Lücke direkt nach dem Anfang: Der allgemeine Schritt muss schon für den Übergang von $n_0$ zu $n_0+1$ funktionieren.
  • Verlorene Bedingung: Bei Ungleichungen musst du etwa prüfen, ob ein Faktor nicht negativ ist, bevor du mit ihm multiplizierst.
Beispiel

Bei der Behauptung „Alle Pferde einer Herde haben dieselbe Farbe“ scheint man zwei Herden mit je $n$ Pferden vergleichen zu können. Der Übergang von einer Herde mit einem Pferd zu einer Herde mit zwei Pferden scheitert aber: Die beiden betrachteten Ein-Pferd-Herden haben kein gemeinsames Pferd. Es gibt daher keine Verbindung, über die die Farbinformation weitergegeben werden könnte.

Das Beispiel zeigt: Eine versteckte Voraussetzung im Schritt muss auch unmittelbar nach dem Anfang erfüllt sein.

Vertiefung: Starke Induktion

Manchmal hängt ein neuer Fall von mehreren früheren Fällen ab. Dann darfst du bei der starken Induktion für den Schritt annehmen, dass alle Aussagen von $A(n_0)$ bis $A(n)$ gelten, und daraus $A(n+1)$ beweisen.

Ein Beispiel sind rekursive Folgen mit zwei Vorgängern. Wenn der neue Wert aus den beiden vorherigen Werten entsteht, brauchst du meist zwei Anfangsfälle. Die stärkere Voraussetzung ersetzt diese Anfangsfälle nicht; sie erweitert nur das Wissen, das du im Schritt benutzen darfst.

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Frage 1 von 3LeichtWelcher Fehler liegt vor, wenn im Schritt einfach $A(n+1)$ als wahr angenommen wird?
Lösung: Das Beweisziel wird vorausgesetzt; dadurch entsteht ein Zirkelschluss. — Im Induktionsschritt darfst du $A(n)$ voraussetzen. $A(n+1)$ ist das Ziel und muss daraus folgen.
Frage 2 von 3MittelEine rekursive Folge benutzt zur Berechnung eines Werts die beiden vorherigen Werte. Was brauchst du typischerweise?
Lösung: Zwei passende Anfangsfälle und einen Schritt, der beide Vorgänger verwenden darf. — Die Rekursion kann erst fortgesetzt werden, wenn beide benötigten Vorgänger abgesichert sind.
Frage 3 von 3SchwerEine Aussage gilt für $n=4$, und aus jedem Fall $n\ge5$ folgt der nächste. Warum reicht das nicht?
Lösung: Der Übergang von $4$ zu $5$ ist nicht abgedeckt. — Anfang und Schritt müssen eine lückenlose Kette bilden. Hier bleibt $A(5)$ ohne Begründung.
Karteikasten
Karteikasten

Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.

Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Vollständige Induktion
    • Induktionsanfang: $A(n_0)$ prüfen
    • Induktionsschritt: $A(n)\Rightarrow A(n+1)$ zeigen
      • Voraussetzung: $A(n)$ annehmen
      • Behauptung: $A(n+1)$ notieren
      • Schluss: bekannten Fall verwenden
    • Geltungsbereich
      • passenden Startwert wählen
      • lückenlosen Anschluss prüfen
    • Anwendungen
      • Summen und Produkte
      • Teilbarkeit und Ungleichungen
      • rekursive Folgen
    • Fehlerkontrolle
      • Ziel nicht voraussetzen
      • Bedingungen im Schritt prüfen
Abschluss-Check
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Frage 1 von 5LeichtWelche zwei Bestandteile machen einen vollständigen Induktionsbeweis aus?
Lösung: Ein wahrer Startfall und ein allgemeiner Schritt vom Fall $n$ zum Fall $n+1$. — Der Anfang verankert die Aussage; der Schritt trägt sie von jedem erreichten Fall zum nächsten.
Frage 2 von 5MittelFür $n\ge1$ soll $1+2+\dots+n=\frac{n(n+1)}2$ bewiesen werden. Welcher Ausdruck macht im Schritt die Voraussetzung nutzbar?
Lösung: $\bigl(1+2+\dots+n\bigr)+(n+1)$ — Die Summe bis $n+1$ wird in den bekannten Teil bis $n$ und den neuen Summanden zerlegt.
Frage 3 von 5MittelEine Behauptung lautet $2^n\ge n^2$ für alle $n\ge4$. Was gehört in den Anfang?
Lösung: $2^4=16=4^2$ — Der Startfall ist der kleinste Wert des behaupteten Geltungsbereichs.
Frage 4 von 5SchwerEine Mitschülerin schreibt: „Angenommen, $A(n+1)$ gilt. Damit ist der Schritt fertig.“ Wie korrigierst du das?
Lösung: Sie muss $A(n)$ annehmen und daraus $A(n+1)$ herleiten. — Der Schritt beweist die Implikation $A(n)\Rightarrow A(n+1)$. Das Ziel selbst darf nicht als Voraussetzung dienen.
Frage 5 von 5SchwerEin Schritt verwendet zwei Vorgängerfälle. Welche Prüfung ist zusätzlich besonders wichtig?
Lösung: Es müssen genügend aufeinanderfolgende Anfangsfälle vorhanden sein, damit der Schritt erstmals angewendet werden kann. — Benötigt der Übergang zwei Vorgänger, muss die Induktionskette mit mindestens zwei passenden Fällen beginnen.

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