Physik

Bindungsenergie und Massendefekt einfach erklärt

Bindungsenergie und Massendefekt einfach erklärt
Bindungsenergie und Massendefekt einfach erklärt
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Ein gebundener Atomkern hat weniger Masse als seine getrennten Protonen und Neutronen. Diese Differenz heißt Massendefekt. Über Einsteins Masse-Energie-Beziehung entspricht sie der Bindungsenergie des Kerns.

Hier lernst du, beide Größen zu erklären und zu berechnen. Außerdem deutest du die Bindungsenergie pro Nukleon und erkennst, wann Fusion oder Spaltung Energie freisetzen kann.

Deine Lernziele

Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!

Warum ist ein gebundener Kern leichter?

Ein Kern mit der Protonenzahl $Z$ und der Neutronenzahl $N$ enthält insgesamt

$$A=Z+N$$

Nukleonen. Nukleonen ist der Sammelbegriff für Protonen und Neutronen.

Definition

Massendefekt

Der Massendefekt $\Delta m$ ist die Differenz zwischen der Masse der freien Nukleonen und der tatsächlichen Kernmasse $m_K$:

$$\Delta m=Z\,m_p+N\,m_n-m_K$$

Dabei sind $m_p$ die Protonenmasse und $m_n$ die Neutronenmasse.

Zwischen ausreichend nahen Nukleonen wirkt die anziehende Kernkraft. Beim Aufbau eines gebundenen Kerns wird Energie abgegeben. Wegen der Äquivalenz von Masse und Energie besitzt der entstandene Kern anschließend weniger Masse als die zuvor getrennten Teilchen.

Definition

Bindungsenergie

Die Bindungsenergie $E_B$ ist der Energiebetrag, der zur vollständigen Zerlegung eines Kerns in freie Protonen und Neutronen zugeführt werden muss. Beim umgekehrten Aufbau wird derselbe Betrag frei.

Merke

Der Kern enthält die Bindungsenergie nicht als frei verfügbaren Vorrat. Sie wurde bei seiner Bildung bereits abgegeben. Zum vollständigen Zerlegen muss sie wieder zugeführt werden.

Die verkürzte Aussage „Massendefekt ist Bindungsenergie“ kann täuschen: Masse und Energie haben verschiedene Einheiten. Richtig ist, dass beide Größen einander über $E=mc^2$ entsprechen.

Teste dich
Frage 1 von 2LeichtWelche Masse wird bei der Berechnung des Massendefekts abgezogen?
Lösung: Die tatsächliche Masse des gebundenen Kerns — Vom größeren Wert $Z m_p+N m_n$ wird die tatsächliche Kernmasse $m_K$ abgezogen.
Frage 2 von 2MittelEin Kern soll vollständig in freie Nukleonen zerlegt werden. Was ist dafür nötig?
Lösung: Mindestens die Bindungsenergie muss zugeführt werden. — Aufbau und vollständige Zerlegung sind Umkehrvorgänge: Beim Aufbau wird Energie frei, bei der Zerlegung muss derselbe Energiebetrag zugeführt werden.
Wie berechnest du Massendefekt und Bindungsenergie?

Gehe immer in dieser Reihenfolge vor:

  1. Bestimme $Z$, $N$ und $A=Z+N$.
  2. Addiere die Massen der freien Nukleonen.
  3. Ziehe die gemessene Kernmasse ab.
  4. Wandle den Massendefekt mit $E_B=\Delta m\,c^2$ in Energie um.
  5. Prüfe Vorzeichen, Einheit und Größenordnung.

Wenn die Massen in der atomaren Masseneinheit $\mathrm u$ gegeben sind, ist diese Umrechnung besonders praktisch:

$$1\,\mathrm u\,c^2=931{,}49\,\mathrm{MeV}$$

Daher gilt bei einem Massendefekt in $\mathrm u$:

$$E_B=\Delta m\cdot931{,}49\,\mathrm{MeV}$$

Beispiel

Ein Deuteriumkern besteht aus einem Proton und einem Neutron. Gegeben sind

$$m_p=1{,}007276467\,\mathrm u$$

$$m_n=1{,}008664916\,\mathrm u$$

$$m_K=2{,}013553213\,\mathrm u$$

Zuerst addierst du die freien Nukleonenmassen:

$$m_p+m_n=2{,}015941383\,\mathrm u$$

Dann ziehst du die Kernmasse ab:

$$\Delta m=2{,}015941383\,\mathrm u-2{,}013553213\,\mathrm u$$

$$\Delta m=0{,}002388170\,\mathrm u$$

Nun wandelst du den Massendefekt in Energie um:

$$E_B=0{,}002388170\cdot931{,}49\,\mathrm{MeV}$$

$$E_B\approx2{,}225\,\mathrm{MeV}$$

Das Ergebnis ist positiv. Zur vollständigen Zerlegung des Deuteriumkerns müssen also mindestens etwa $2{,}225\,\mathrm{MeV}$ zugeführt werden.

Merke

Verwende in einer Rechnung entweder durchgehend Kernmassen oder eine dafür geeignete Rechnung mit Atommassen. Vermische Kern- und Atommassen nicht unkontrolliert, denn neutrale Atome enthalten zusätzlich Elektronen.

Teste dich
Frage 1 von 2MittelFür einen Kern ergibt die Summe der freien Nukleonenmassen $10{,}010\,\mathrm u$ und die Kernmasse $10{,}002\,\mathrm u$. Wie groß ist der Massendefekt?
Lösung: $0{,}008\,\mathrm u$ — Es gilt $\Delta m=10{,}010\,\mathrm u-10{,}002\,\mathrm u=0{,}008\,\mathrm u$.
Frage 2 von 2MittelWelche Rechnung liefert anschließend die Bindungsenergie in $\mathrm{MeV}$?
Lösung: $0{,}008\cdot931{,}49\,\mathrm{MeV}$ — Weil $1\,\mathrm u\,c^2=931{,}49\,\mathrm{MeV}$ gilt, wird der Zahlenwert in $\mathrm u$ mit $931{,}49$ multipliziert.
Wie vergleichst du unterschiedlich große Kerne?

Eine große gesamte Bindungsenergie bedeutet nicht automatisch, dass jedes Nukleon besonders stark gebunden ist. Ein schwerer Kern enthält schließlich viel mehr Nukleonen als ein leichter Kern.

Für einen faireren Vergleich teilst du deshalb durch die Massenzahl:

$$\text{mittlere Bindungsenergie pro Nukleon}=\frac{E_B}{A}$$

Dieser Wert ist ein ungefähres Maß dafür, wie stark ein einzelnes Nukleon im Kern gebunden ist. Ein größerer Wert bedeutet, dass im Mittel mehr Energie pro Nukleon zur vollständigen Zerlegung nötig ist. Er ist jedoch nicht das einzige Merkmal der Stabilität eines bestimmten Nuklids.

Beispiel

Für einen Helium-4-Kern gelten

$$m_p=1{,}007276467\,\mathrm u,\quad m_n=1{,}008664916\,\mathrm u$$

und

$$m_K=4{,}001506179\,\mathrm u$$

Helium-4 besitzt zwei Protonen und zwei Neutronen. Daher ist

$$\Delta m=2m_p+2m_n-m_K=0{,}030376587\,\mathrm u$$

Daraus folgt

$$E_B=0{,}030376587\cdot931{,}49\,\mathrm{MeV}\approx28{,}30\,\mathrm{MeV}$$

Mit $A=4$ ergibt sich

$$\frac{E_B}{A}=\frac{28{,}30\,\mathrm{MeV}}{4}\approx7{,}07\,\mathrm{MeV}$$

Die mittlere Bindungsenergie beträgt also etwa $7{,}07\,\mathrm{MeV}$ pro Nukleon.

Teste dich
Frage 1 von 1MittelEin Kern besitzt $E_B=60\,\mathrm{MeV}$ und $A=10$. Wie groß ist seine mittlere Bindungsenergie pro Nukleon?
Lösung: $6\,\mathrm{MeV}$ pro Nukleon — Die Rechnung lautet $E_B/A=60\,\mathrm{MeV}/10=6\,\mathrm{MeV}$ pro Nukleon.
Wann können Fusion und Spaltung Energie freisetzen?

Trägt man $E_B/A$ gegen die Massenzahl $A$ auf, steigt die Kurve bei leichten Kernen zunächst stark an. Im Bereich mittelschwerer Kerne um Eisen und Nickel liegt ein breites Maximum. Bei noch schwereren Kernen fällt die mittlere Bindungsenergie langsam wieder ab.

Für eine Kernreaktion vergleichst du Ausgangskerne und Produkte:

Merke

Liegen die Produkte auf der Bindungskurve höher als die Ausgangskerne, sind ihre Nukleonen im Mittel stärker gebunden. Die Energiedifferenz kann bei der Reaktion frei werden.

Daraus folgen zwei wichtige Möglichkeiten:

  • Bei der Fusion verbinden sich leichte Kerne zu einem schwereren Kern. Bewegt sich das Ergebnis in Richtung höherer Werte von $E_B/A$, kann Energie frei werden.
  • Bei der Spaltung zerfällt ein sehr schwerer Kern in mittelschwere Kerne. Liegen diese höher auf der Bindungskurve, kann ebenfalls Energie frei werden.

Die Kurve allein ersetzt keine vollständige Reaktionsbilanz. Bei einer konkreten Kernreaktion müssen zusätzlich unter anderem Nukleonenzahl und elektrische Ladung erhalten bleiben.

Teste dich
Frage 1 von 2SchwerDie Produkte einer Kernreaktion besitzen eine höhere mittlere Bindungsenergie pro Nukleon als die Ausgangskerne. Welche Folgerung passt?
Lösung: Die Reaktion kann Energie freisetzen. — Höheres $E_B/A$ bedeutet stärkere mittlere Bindung. Die Differenz der Gesamtenergien kann als freigesetzte Energie auftreten.
Frage 2 von 2SchwerZwei sehr leichte Kerne verschmelzen, aber das Produkt liegt auf der Bindungskurve nicht höher. Was darfst du nicht allein aus dem Wort „Fusion“ schließen?
Lösung: Dass die Reaktion auf jeden Fall Energie freisetzt — Nicht jede beliebig gedachte Fusion ist automatisch exotherm. Entscheidend ist die Energiebilanz, die sich unter anderem im Vergleich der Bindungsenergien zeigt.
Karteikasten
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Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.

Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Bindungsenergie und Massendefekt
    • Kernaufbau
      • Kernkraft bindet Nukleonen
      • Energie wird abgegeben
    • Massendefekt
      • freie Nukleonenmasse minus Kernmasse
      • $\Delta m=Z m_p+N m_n-m_K$
    • Bindungsenergie
      • $E_B=\Delta m c^2$
      • Zerlegung benötigt Energie
    • Vergleich von Kernen
      • mittlere Bindungsenergie $E_B/A$
      • höherer Wert bedeutet stärkere mittlere Bindung
    • Kernreaktionen
      • Fusion leichter Kerne
      • Spaltung schwerer Kerne
Abschluss-Check
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Frage 1 von 4LeichtWelche Gleichung verknüpft Massendefekt und Bindungsenergie?
Lösung: $E_B=\Delta m\,c^2$ — Die Masse-Energie-Äquivalenz lautet $E=mc^2$. Für den Massendefekt folgt daraus $E_B=\Delta m c^2$.
Frage 2 von 4MittelEin Kern besitzt $Z=3$ Protonen und $N=4$ Neutronen. Welche Massenzahl hat er?
Lösung: $A=7$ — Die Massenzahl ist die Zahl aller Nukleonen: $A=Z+N=3+4=7$.
Frage 3 von 4MittelEin Kern hat $\Delta m=0{,}020\,\mathrm u$. Welche Bindungsenergie ergibt sich näherungsweise?
Lösung: $18{,}63\,\mathrm{MeV}$ — $E_B=0{,}020\cdot931{,}49\,\mathrm{MeV}=18{,}6298\,\mathrm{MeV}$, gerundet also $18{,}63\,\mathrm{MeV}$.
Frage 4 von 4SchwerKern X besitzt insgesamt $40\,\mathrm{MeV}$ Bindungsenergie bei $A=5$. Kern Y besitzt $70\,\mathrm{MeV}$ bei $A=10$. Welcher Kern ist im Mittel stärker gebunden?
Lösung: Kern X, weil $40/5=8\,\mathrm{MeV}$ pro Nukleon größer als $70/10=7\,\mathrm{MeV}$ pro Nukleon ist. — Die Gesamtwerte sind wegen der unterschiedlichen Nukleonenzahlen nicht direkt vergleichbar. Entscheidend sind hier $8\,\mathrm{MeV}$ und $7\,\mathrm{MeV}$ pro Nukleon.

Wenn du jede Rechnung mit der Zusammensetzung des Kerns beginnst, die Massen sauber unterscheidest und erst danach $E_B/A$ deutest, kannst du Massendefekt und Kernreaktionen zuverlässig analysieren.

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