Kinetische Gastheorie: Druck und Temperatur erklären
Gasdruck entsteht im Modell durch sehr viele Stöße bewegter Teilchen gegen die Gefäßwand. Die kinetische Gastheorie verbindet diese unsichtbare Bewegung mit den messbaren Größen Druck, Volumen und Temperatur. So kannst du Gasgesetze nicht nur anwenden, sondern auch mikroskopisch erklären.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Das ideale Gas als Modell
Stell dir ein geschlossenes Gefäß mit sehr vielen Teilchen vor. Du kannst keine einzelne Bahn verfolgen. Trotzdem sind Druck und Temperatur stabil messbar, weil Mittelwerte über eine riesige Zahl von Teilchen nur wenig schwanken.
Ideales Gas
Ein ideales Gas ist ein vereinfachtes Modell: Die Teilchen werden als punktförmig betrachtet, üben zwischen den Stößen keine Kräfte aufeinander aus und bewegen sich ständig ungeordnet. Stöße untereinander und mit den Wänden sind elastisch, die gesamte kinetische Energie bleibt dabei erhalten.
Die Bewegung ist isotrop: Im Mittel ist keine Raumrichtung bevorzugt. Deshalb entfallen auf die drei Raumrichtungen gleich große Anteile von $\overline{v^2}$:
$$\overline{v_x^2}=\overline{v_y^2}=\overline{v_z^2}=\frac13\overline{v^2}$$
Das Modell beschreibt reale Gase besonders gut, wenn sie stark verdünnt sind. Bei hohem Druck liegen Teilchen dichter beieinander; dann werden Eigenvolumen und zwischenmolekulare Kräfte wichtiger.
Wie Wandstöße Druck erzeugen
Ein Teilchen der Masse $m$ fliegt mit der senkrechten Geschwindigkeitskomponente $v_x$ auf eine Wand. Beim elastischen Stoß kehrt sich diese Komponente um. Der Betrag des auf die Wand übertragenen Impulses ist deshalb
$$\Delta p_x=2mv_x.$$
In einem quaderförmigen Gefäß mit der Länge $\ell$ erreicht dasselbe Teilchen diese Wand nach der Zeit
$$\Delta t=\frac{2\ell}{v_x}$$
wieder. Impulsübertrag pro Zeit ergibt die mittlere Kraft. Mit der Wandfläche $A$ und $V=A\ell$ folgt für ein Teilchen:
$$F=\frac{\Delta p_x}{\Delta t}=\frac{mv_x^2}{\ell},\qquad p_1=\frac FA=\frac{mv_x^2}{V}.$$
Hier bezeichnet $p_x$ eine Impulskomponente; das alleinstehende $p$ bezeichnet den Druck.
Für $N$ gleiche Teilchen addieren sich die Beiträge. Wegen der gleichberechtigten Raumrichtungen gilt $\overline{v_x^2}=\frac13\overline{v^2}$. Damit erhältst du
$$pV=\frac13Nm\overline{v^2}.$$
Mit der mittleren translatorischen kinetischen Energie
$$\overline E_\mathrm{kin}=\frac12m\overline{v^2}$$
wird daraus
$$pV=\frac23N\overline E_\mathrm{kin}.$$
Gasdruck ist kein ruhender „Stoff“ im Gas. Er ist der makroskopische Mittelwert vieler Impulsüberträge an die Gefäßwand.
Ein Gas wird bei unverändertem Volumen erwärmt. Die Teilchen besitzen danach im Mittel mehr translatorische kinetische Energie. Nach $pV=\frac23N\overline E_\mathrm{kin}$ muss bei gleichem $V$ und $N$ der Druck steigen. Mikroskopisch übertragen die häufigeren und kräftigeren Wandstöße pro Zeit mehr Impuls.
Temperatur misst einen Mittelwert
Die Teilchenform des idealen Gasgesetzes lautet
$$pV=NkT.$$
Dabei ist $k$ die Boltzmann-Konstante. Zusammen mit der Druckgleichung folgt
$$\overline E_\mathrm{kin}=\frac12m\overline{v^2}=\frac32kT.$$
Die absolute Temperatur $T$ in Kelvin misst im idealen, rein translatorischen Modell die mittlere kinetische Energie der ungeordneten Teilchenbewegung. Sie sagt nicht, dass jedes Teilchen dieselbe Energie oder Geschwindigkeit besitzt.
Bei gleicher Temperatur haben verschiedene ideale Gase dieselbe mittlere translatorische Energie pro Teilchen. Leichtere Teilchen müssen dafür im quadratischen Mittel schneller sein:
$$v_\mathrm{rms}=\sqrt{\overline{v^2}}=\sqrt{\frac{3kT}{m}}.$$
Zwei ideale Gase haben dieselbe Temperatur. Ein Teilchen von Gas A hat die vierfache Masse eines Teilchens von Gas B. Aus $v_\mathrm{rms}\propto 1/\sqrt m$ folgt: Gas A besitzt nur die halbe quadratisch gemittelte Geschwindigkeit von Gas B. Die mittlere translatorische Energie ist trotzdem gleich.
Verwechsle nicht $\overline{v^2}$ mit $\overline v^{\,2}$. Für die Werte $1$, $2$, $3$ und $4$ gilt
$$\overline{v^2}=\frac{1^2+2^2+3^2+4^2}{4}=7{,}5,$$
aber
$$\overline v^{\,2}=\left(\frac{1+2+3+4}{4}\right)^2=6{,}25.$$
Mehratomige Moleküle können Energie zusätzlich in Rotationsbewegungen speichern. Deshalb gilt $U=\frac32NkT$ nur für das hier betrachtete ideale Gas mit ausschließlich translatorischer Energie; es ist keine allgemeine Formel für jedes Gas.
Das allgemeine Gasgesetz anwenden
Für $n$ Mol eines idealen Gases gilt
$$pV=nRT.$$
$p$ ist der Druck, $V$ das Volumen, $n$ die Stoffmenge, $T$ die absolute Temperatur und $R$ die universelle Gaskonstante. Mit $N=nN_A$ und $k=R/N_A$ ist diese molare Form gleichwertig zu $pV=NkT$.
Für eine abgeschlossene Gasmenge bleibt $n$ konstant. Zwei Zustände desselben Gases lassen sich dann ohne den Zahlenwert von $R$ vergleichen:
$$\frac{p_1V_1}{T_1}=\frac{p_2V_2}{T_2}.$$
Ein Gas besitzt bei konstantem Druck das Volumen $V_1=2{,}0\,\mathrm L$ und die Temperatur $T_1=300\,\mathrm K$. Es wird auf $T_2=450\,\mathrm K$ erwärmt.
Weil $p$ und $n$ konstant sind, gilt $V/T=\text{const.}$. Daher
$$V_2=V_1\frac{T_2}{T_1}=2{,}0\,\mathrm L\cdot\frac{450\,\mathrm K}{300\,\mathrm K}=3{,}0\,\mathrm L.$$
Das Ergebnis passt zum Modell: Bei konstantem Außendruck muss das erwärmte Gas mehr Raum einnehmen.
Die Spezialfälle zeigen dir auch die Form der Zustandsdiagramme:
| Konstante Größe | Beziehung | Darstellung |
|---|---|---|
| $T$ und $n$ | $pV=\text{const.}$ | Isotherme: Hyperbel im $p$-$V$-Diagramm |
| $p$ und $n$ | $V/T=\text{const.}$ | Isobare: Gerade durch den Ursprung im $V$-$T$-Diagramm mit Kelvin-Skala |
| $V$ und $n$ | $p/T=\text{const.}$ | Isochore: Gerade durch den Ursprung im $p$-$T$-Diagramm mit Kelvin-Skala |
Entscheide vor dem Rechnen, welche Größen konstant bleiben. Verwende in Gasgesetzen immer die absolute Temperatur in Kelvin.
Geschwindigkeiten sind verteilt
Auch im Gleichgewicht besitzen nicht alle Teilchen dieselbe Geschwindigkeit. Die Maxwell-Geschwindigkeitsverteilung beschreibt, welcher Anteil der Teilchen in einem Geschwindigkeitsbereich liegt:
$$n(v)=4\pi\left(\frac{m}{2\pi kT}\right)^{3/2}v^2\exp\left(-\frac{mv^2}{2kT}\right).$$
Du musst die Formel nicht integrieren, um die Kurve zu deuten:
- Bei $v=0$ beginnt die Verteilung bei null.
- Sie steigt zu einem Maximum an und fällt danach mit langem rechten Ausläufer ab.
- Bei höherer Temperatur wird die Kurve breiter und niedriger; ihr Maximum wandert zu größeren Geschwindigkeiten.
- Für dieselbe Teilchenzahl bleibt die gesamte Fläche unter der Kurve gleich.
Drei Geschwindigkeitsgrößen sind verschieden:
$$v_w\lt\overline v\lt v_\mathrm{rms}.$$
$v_w$ ist die wahrscheinlichste Geschwindigkeit am Kurvenmaximum, $\overline v$ der arithmetische Mittelwert der Beträge und $v_\mathrm{rms}=\sqrt{\overline{v^2}}$ die quadratisch gemittelte Geschwindigkeit.
Vergleichst du dasselbe Gas bei zwei Temperaturen, zeigt die breitere, weiter rechts liegende Kurve die höhere Temperatur. Du darfst daraus nicht schließen, dass jedes Teilchen schneller geworden ist. Die Aussage betrifft die Verteilung: Größere Geschwindigkeiten treten insgesamt häufiger auf.
Wo das Modell an Grenzen stößt
Das ideale Gas ist ein Modell, keine Behauptung über perfekte Punktteilchen in jedem realen Gas. Abweichungen werden wichtig, wenn Teilchen dicht beieinanderliegen und ihre gegenseitigen Kräfte oder ihr Eigenvolumen nicht mehr vernachlässigt werden können. Das tritt besonders bei hohem Druck auf; ausreichend verdünnte reale Gase nähern sich dem idealen Verhalten.
Auch die Energieaussage braucht eine Grenze: $\frac32kT$ beschreibt die mittlere translatorische kinetische Energie pro Teilchen. Mehratomige Moleküle können Energie zusätzlich in anderen Bewegungsformen speichern. Gleicher Druck, gleiches Volumen und gleiche Temperatur bedeuten daher nicht automatisch, dass verschiedene Gase in jeder mikroskopischen Eigenschaft übereinstimmen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Kinetische Gastheorie
- Modellannahmen und Grenzen
- Wandstöße erzeugen Gasdruck
- Temperatur bestimmt mittlere translatorische Energie
- Gasgesetz verbindet Druck, Volumen, Stoffmenge und Temperatur
- Maxwell-Verteilung beschreibt verschiedene Teilchengeschwindigkeiten
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