Bekennende Kirche: Widerstand und Grenzen
Die Bekennende Kirche (BK) entstand 1933/34 als innerkirchliche Opposition gegen die nationalsozialistisch beeinflussten Deutschen Christen, die Gleichschaltung der evangelischen Kirche und den kirchlichen Arierparagraphen. Sie verteidigte zuerst Bekenntnis, Lehre und kirchliche Freiheit. Einzelne Mitglieder und Organe gingen später politisch weiter. Als Ganze war die BK jedoch keine geschlossene Widerstandsbewegung gegen das NS-Regime.
Auf dieser Seite untersuchst du, wie aus theologischem Widerspruch eigene kirchliche Strukturen entstanden, wo Menschen handelten und wo die Grenzen der BK lagen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Warum entstand die Bekennende Kirche?
Im Sommer 1933 gewannen die von der NSDAP unterstützten Deutschen Christen die reichsweiten Kirchenwahlen und besetzten viele wichtige Kirchenämter. Sie wollten nationalsozialistische und völkisch-rassische Vorstellungen in Kirche und Lehre verankern.
Gleichschaltung
Gleichschaltung bedeutet hier, dass der NS-Staat und seine Unterstützer kirchliche Leitung, Organisation und Lehre ihrer Ideologie unterordnen wollten.
In der Altpreußischen Union führten die Deutschen Christen einen kirchlichen Arierparagraphen ein. Er sollte Menschen jüdischer Abstammung aus kirchlichen Ämtern ausschließen, auch wenn sie evangelische Christen waren. Im September 1933 entstand der Pfarrernotbund. Er rief Pfarrer dazu auf, gegen diesen Ausschluss zu protestieren und den Betroffenen zu helfen. Bis Januar 1934 traten ihm etwa 7.000 Pfarrer bei, ungefähr ein Drittel der evangelischen Geistlichen im Deutschen Reich.
Der erste gemeinsame Konflikt drehte sich vor allem um christliche Lehre, kirchliche Ämter und die Unabhängigkeit der Kirche. Das war Widerstand gegen Eingriffe in die Kirche, aber noch kein umfassendes politisches Programm gegen das NS-Regime.
Wie wurden aus Protest eigene Strukturen?
Bekenntnisgemeinschaften in den Landeskirchen und der Pfarrernotbund verbanden sich. Auf der ersten Barmer Bekenntnissynode vom 29. bis 31. Mai 1934 konstituierte sich die Bekennende Kirche.
Barmer Theologische Erklärung
Die Barmer Theologische Erklärung wurde zum theologischen Fundament der BK. Sie wies den Anspruch zurück, völkisch-rassische Ideologie und politische Mächte könnten neben dem Wort Gottes die Botschaft und Ordnung der Kirche bestimmen.
Barmen formulierte also, warum die Kirche der Vereinnahmung widersprechen sollte. Die zweite Bekenntnissynode in Berlin-Dahlem ging am 19. und 20. Oktober 1934 einen organisatorischen Schritt weiter. Ihr kirchliches Notrecht begründete die Gehorsamsverweigerung gegenüber nationalsozialistisch kontrollierten Kirchenbehörden. Ein Reichsbruderrat und eine Vorläufige Kirchenleitung übernahmen eigene Leitungsaufgaben.
- September 1933Der Pfarrernotbund entsteht als Reaktion auf den kirchlichen Arierparagraphen.
- Januar 1934Etwa 7.000 Pfarrer gehören dem Pfarrernotbund an.
- 29.–31. Mai 1934In Barmen konstituiert sich die BK und erhält ihr theologisches Fundament.
- 19./20. Oktober 1934Das Dahlemer Notrecht überführt den Widerspruch in eigene Leitung und Gehorsamsverweigerung.
- Frühjahr 1936Die BK spaltet sich an der Frage einer begrenzten Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden.
Denkweg: Eine Gemeinde erkennt die von den Deutschen Christen beherrschte Kirchenleitung nicht mehr als rechtmäßig an und folgt stattdessen den Organen der BK. Die theologische Begründung liefert Barmen: Politische Ideologie darf nicht die christliche Botschaft bestimmen. Die organisatorische Grundlage liefert Dahlem: Das Notrecht rechtfertigt eigene Leitung und die Verweigerung des Gehorsams gegenüber kontrollierten Kirchenbehörden.
Wie handelte die BK unter Druck?
Die BK baute nicht nur Leitungsorgane auf. Eigene Predigerseminare, besonders in Zingst und Finkenwalde unter Dietrich Bonhoeffer, ermöglichten eine Ausbildung außerhalb des staatlich kontrollierten Weges. Künftige Pfarrer sollten theologisch urteilsfähig und verantwortlich handeln können.
Der NS-Staat reagierte mit Behinderungen, Verwarnungen, Redeverboten, Vertreibungen aus Gemeinden, Gerichtsverfahren, Haft und Hausarrest. Gleichzeitig stritt die BK darüber, ob eine begrenzte Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden zulässig sei. An dieser Frage zerbrach ihre organisatorische Einheit im Frühjahr 1936.
Die zweite Vorläufige Kirchenleitung schickte im Mai 1936 eine geheime Denkschrift an Hitler. Sie kritisierte nicht nur die Verhaftung bekennender Geistlicher, sondern auch Konzentrationslager, den Terror der Gestapo und die nationalsozialistische Weltanschauung. Nachdem der Text im Ausland bekannt geworden war, bekannte sich die Kirchenleitung im August öffentlich dazu. Darauf folgte eine Verhaftungswelle.
An diesem Beispiel siehst du eine Entwicklung: Der Schutz kirchlicher Freiheit blieb wichtig, doch die Kritik konnte den innerkirchlichen Bereich überschreiten. Zugleich erhöhte öffentliche Kritik das persönliche Risiko.
War die Bekennende Kirche eine Widerstandsbewegung?
Die Antwort hängt davon ab, wen, wann und welche Handlung du untersuchst.
Innerkirchliche Opposition und politischer Widerstand
Innerkirchliche Opposition richtet sich gegen Eingriffe in Bekenntnis, Ämter, Ausbildung und Leitung der Kirche. Weitergehender politischer Widerstand greift Herrschaft, Gewalt oder Verbrechen des Staates an oder versucht, Verfolgte vor staatlichem Zugriff zu schützen. Die Übergänge können fließend sein; deshalb musst du konkrete Handlungen prüfen.
Für eine differenzierte Beurteilung sprechen mehrere Befunde:
- Schwerpunkt: Die BK wollte vor allem Lehre und kirchliche Freiheit bewahren. Sie verstand sich nicht grundsätzlich als politische Oppositionsbewegung.
- Weitergehende Handlungen: Die Denkschrift von 1936 kritisierte staatlichen Terror. Das 1938 gegründete Büro Pfarrer Grüber half evangelischen Christen jüdischer Herkunft bei Ausgrenzung, Verfolgung und Ausreise. Einzelne Mitglieder wie Dietrich Bonhoeffer gingen in den politischen Widerstand.
- Grenzen: Die BK war gespalten. Viele ihrer Mitglieder begrüßten zunächst den politischen „nationalen Aufbruch“, und weite Teile leisteten den Eid auf Hitler. Die BK als Ganze trat nicht umfassend für Juden ein. Selbst als eine Bekenntnissynode 1943 den Mord an den Juden verurteilte, kam es nicht zu massiven Protesten.
- Repression: Wer widersprach, musste mit beruflichen Nachteilen, Verboten, Gerichtsverfahren oder Haft rechnen. Dieses Risiko erklärt Handlungsspielräume, hebt Verantwortung aber nicht automatisch auf.
Die Sätze „Die BK war der Widerstand“ und „Die BK tat gar nichts“ sind beide zu pauschal. Ein historisches Urteil muss Organisation, einzelne Personen, Zeitpunkt, Handlung und Grenze auseinanderhalten.
Wie beurteilst du Verantwortung?
Ein historisches Urteil ist mehr als Lob oder Verurteilung. Es stützt sich auf belegte Handlungen und nennt seine Maßstäbe.
- Handlung klären: Was wurde getan oder unterlassen? Unterscheide Beschluss, Organisation und Einzelperson.
- Theologisches Ziel prüfen: Welches Verständnis von Kirche und christlicher Lehre wurde verteidigt?
- Politische Macht untersuchen: Wer konnte entscheiden? Welcher Druck und welches Risiko bestanden?
- Gesellschaftliche Folgen beachten: Wem half die Handlung, wen ließ sie ungeschützt und welche Wirkung hatte sie?
- Zeitgenössische Alternativen vergleichen: Beispiele wie Denkschrift, Hilfe zur Ausreise, öffentliche Fürbitte oder Schweigen zeigen, dass es unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten gab. Sie waren nicht für alle gleich erreichbar und nicht gleich riskant.
- Abgewogen urteilen: Verbinde Leistung, Grenze und Verantwortung in einem begründeten Satz.
Fall Büro Pfarrer Grüber: Das Büro unterstützte ab 1938 evangelische Christen jüdischer Herkunft bei Ausgrenzung und Verfolgung und half Hunderten bei der Ausreise. Nach Grübers Verhaftung 1940 musste es seine Arbeit einstellen.
Beurteilung: Die Hilfe war eine konkrete kirchliche Alternative zum bloßen Schweigen und hatte für Verfolgte praktische Folgen. Sie war mutig, weil staatliche Repression drohte und schließlich eintrat. Ihre Reichweite blieb jedoch begrenzt: Sie richtete sich an einen bestimmten Kreis, und sie ersetzte keinen umfassenden Protest der BK gegen die Judenverfolgung. Das Beispiel zeigt daher zugleich verantwortliches Handeln einzelner und die Grenzen der Gesamtorganisation.
Nach Kriegsende bekannte sich der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland am 18. und 19. Oktober 1945 im Stuttgarter Schuldbekenntnis zur Mitverantwortung der Kirche an den nationalsozialistischen Verbrechen. Erinnerung bedeutet hier deshalb nicht nur, frühere Gegenwehr zu würdigen, sondern auch unterlassene Hilfe und institutionelles Versagen zu benennen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Bekennende Kirche 1933/34–1945
- Auslöser: Gleichschaltung und kirchlicher Arierparagraph
- Theologischer Kern: Barmer Theologische Erklärung
- Organisatorische Folge: Dahlemer Notrecht und eigene Leitung
- Handlung: Ausbildung, Protest, Denkschrift und begrenzte Hilfe
- Druck: Verbote, Gerichtsverfahren, Haft und Spaltung
- Grenze: kein umfassender Protest gegen Judenverfolgung und Judenmord
- Urteil: Leistungen und Risiken anerkennen, Unterlassungen und Verantwortung benennen
Die BK verteidigte kirchliche Freiheit gegen nationalsozialistische Vereinnahmung. Ihre Geschichte zeigt zugleich, dass theologischer Widerspruch politisch wirksam werden konnte und dass Widerstand begrenzt blieb. Ein gerechtes Urteil würdigt konkrete Hilfe und mutige Kritik, ohne Anpassung, Schweigen und die Verantwortung der Institution zu übergehen.
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