Kirche im Nationalsozialismus: Anpassung und Widerstand
Die Kirchen verhielten sich im Nationalsozialismus nicht einheitlich. Es gab Zustimmung und Anpassung, den Schutz eigener kirchlicher Rechte, Konflikte mit dem Staat sowie mutigen Widerstand einzelner Menschen. Die Kirchen als Institutionen widersetzten sich den Verbrechen des Regimes jedoch nicht entschieden genug.
Auf dieser Seite lernst du, evangelische und katholische Reaktionen zu unterscheiden und kirchliche Verantwortung begründet zu beurteilen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Warum reicht das Wort Kirchenkampf nicht aus?
Der Ausdruck Kirchenkampf kann den falschen Eindruck erwecken, beide großen Kirchen hätten von 1933 bis 1945 geschlossen gegen den NS-Staat gekämpft. Tatsächlich änderte sich ihr Verhalten im Laufe der Zeit und unterschied sich nach Konfession, Gruppe und Person.
Viele Christen und Kirchenvertreter begrüßten 1933 den politischen Umbruch oder akzeptierten ihn. Gemeinsamkeiten mit dem Nationalsozialismus bestanden unter anderem im Antikommunismus, Antiliberalismus und Wunsch nach einem autoritären Staat. Besonders in Teilen des Protestantismus fand Hitler starken Zuspruch.
Beurteilungskategorien
Anpassung bedeutet, sich Forderungen oder Vorstellungen des Regimes anzunähern. Selbstbehauptung bedeutet, die eigene Lehre, Organisation oder Rechte gegen Eingriffe zu verteidigen. Politischer Widerstand richtet sich darüber hinaus gegen Herrschaft, Politik oder Verbrechen des Regimes. Diese Kategorien können sich in einzelnen Handlungen überschneiden.
Widerstand gegen einen staatlichen Eingriff in die Kirche war nicht automatisch Widerstand gegen die gesamte NS-Diktatur.
Wie wurde die evangelische Kirche zum Konfliktfeld?
Die evangelische Kirche bestand 1933 aus 28 Landeskirchen. Die nationalsozialistisch geprägten Deutschen Christen, kurz DC, wollten sie in einer zentral geleiteten Reichskirche zusammenführen. Sie verbanden christliche Sprache mit völkischem Denken und dem Führerprinzip.
Die DC verlangten eine nach angeblicher „Rasse“ geordnete Volkskirche. Christen jüdischer Herkunft sollten ausgeschlossen, jüdische Bestandteile des Christentums verdrängt und „Volk“, „Rasse“ sowie „Blut und Boden“ religiös überhöht werden. Bei den Kirchenwahlen im Juli 1933 gewannen sie mit Unterstützung des Regimes große Mehrheiten. Ludwig Müller wurde im September Reichsbischof.
Gegen den Ausschluss von Geistlichen jüdischer Herkunft und die Veränderung der christlichen Lehre entstand im September 1933 der Pfarrernotbund. Aus Bekenntnissynoden entwickelte sich 1934 die Bekennende Kirche, kurz BK.
Barmer Theologische Erklärung
Die Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen aus dem Mai 1934 stellte Jesus Christus als maßgebliche Offenbarung Gottes heraus. Damit widersprach sie der Vorstellung, politische Mächte oder Ereignisse könnten neben Christus göttliche Autorität besitzen.
Die BK verhinderte eine vollständige Gleichschaltung der evangelischen Kirche. Sie war aber zunächst vor allem eine kirchlich-theologische Abwehrbewegung. Die meisten ihrer Mitglieder forderten die Freiheit der Kirche, nicht Demokratie und Menschenrechte für alle. Einzelne gingen deutlich weiter und widersetzten sich auch der Politik oder den Verbrechen des Regimes.
So unterscheidest du die Ziele:
- Die DC übernehmen den Ausschluss von Menschen nach rassistischen Kriterien: Anpassung und Mitwirkung.
- Der Pfarrernotbund verteidigt verdrängte Pfarrer und das kirchliche Bekenntnis: kirchliche Selbstbehauptung.
- Eine Person hilft Verfolgten trotz staatlicher Verbote: konkreter Widerstand gegen Unrecht.
Wie handelte die katholische Kirche?
Die katholische Kirche hatte den Nationalsozialismus vor 1933 vielfach kritisiert. Ende März 1933 nahmen die Bischöfe frühere Warnungen und Unvereinbarkeitserklärungen zurück, nachdem Hitler den Schutz kirchlicher Rechte zugesagt hatte.
Am 20. Juli 1933 schlossen Vatikan und Reichsregierung das Reichskonkordat. Dieser Vertrag garantierte unter anderem die öffentliche Religionsausübung, kirchliche Selbstverwaltung sowie den Schutz katholischer Schulen, Vereine und Verbände. Zugleich sollten katholische Geistliche keine parteipolitischen Ämter mehr übernehmen.
Das Regime verletzte die Vereinbarungen bald. Jugendverbände verloren Mitglieder oder wurden aufgelöst, Vereine verboten, Bekenntnisschulen umgewandelt und der Religionsunterricht eingeschränkt. Die katholische Kirche verteidigte nun vor allem ihre vertraglich zugesicherten Rechte und ihren gesellschaftlichen Einfluss.
Ein wichtiger Protest war die Enzyklika Mit brennender Sorge. Sie wurde im März 1937 von den meisten katholischen Kanzeln verlesen. Der Text verwarf die Vergötzung von Rasse, Volk und Staat, kritisierte den Personenkult um Hitler und beklagte die Verletzung des Konkordats.
Das Reichskonkordat lässt sich aus zwei Perspektiven betrachten:
- Für die katholische Kirche sollte es wichtige Freiheiten in einer Diktatur sichern.
- Für Hitler bedeutete es internationale Anerkennung und den Rückzug katholischer Geistlicher aus der Parteipolitik.
Ein begründetes Urteil berücksichtigt beide Interessen und die späteren Vertragsverletzungen.
Wer widersetzte sich dem Unrecht?
Widerstand war gefährlich und blieb eine seltene Ausnahme. Menschen riskierten Berufsverbote, Haft, Konzentrationslager oder den Tod. Ihre Handlungen und Ziele unterschieden sich.
Zu den protestantischen Beispielen gehören Dietrich Bonhoeffer, Helmut Hesse und Elisabeth Schmitz. Auf katholischer Seite werden unter anderem Clemens August Graf von Galen, Bernhard Lichtenberg und Gertrud Luckner genannt.
Katharina Staritz forderte 1941 evangelische Gemeinden auf, Christen mit „Judenstern“ nicht auszugrenzen. Gemeindeglieder sollten neben ihnen sitzen, ihnen Plätze sichern und sie bei Bedarf zum Gottesdienst begleiten. Diese Hilfe war mutig, blieb aber auf getaufte beziehungsweise evangelische Betroffene bezogen.
Kirchenvertreter protestierten auch gegen die Ermordung von Menschen mit Behinderungen und unheilbar Kranken. Nach öffentlichen Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen im Sommer 1941 wurden die zentral gesteuerten Mordaktionen offiziell gestoppt, jedoch heimlich fortgesetzt.
Einzelne mutige Handlungen dürfen weder verschwiegen noch als Beweis für einen umfassenden Widerstand der Kirchen verwendet werden. Beurteile immer die konkrete Handlung und ihre Grenzen.
Warum wiegt das Schweigen zur Judenverfolgung schwer?
Die Amtskirchen protestierten nicht mit vergleichbarer Entschiedenheit gegen die Judenverfolgung und die Deportationen. Viele Kirchenvertreter konzentrierten sich auf die eigene institutionelle Sicherheit. Christliche antijüdische Traditionen erleichterten zusätzlich Abgrenzung und Gleichgültigkeit.
Während des Krieges ordneten sich beide Großkirchen überwiegend loyal in die Kriegsgesellschaft ein. Sie boten Militärseelsorge an und legitimierten den Krieg teilweise in Predigt und Seelsorge. Widerstand gegen Krieg, Deportationen und Holocaust blieb auf wenige Menschen beschränkt.
Die Verfolgung durch den NS-Staat macht eine Kirche nicht automatisch zur Widerstandsorganisation. Eine Institution kann zugleich bedrängt werden, eigene Rechte verteidigen und gegenüber anderen Verfolgten versagen.
Ein Urteil mit drei Prüfsteinen
Beurteile eine Handlung anhand dieser Fragen:
- Ziel: Ging es um die eigene Kirche oder um bedrohte Menschen unabhängig von ihrer Zugehörigkeit?
- Handlungsmöglichkeit: Welche Alternative war damals bekannt und tatsächlich möglich?
- Folge und Risiko: Wem half die Handlung, was bewirkte sie und welches Risiko ging die handelnde Person ein?
Behauptung: „Weil Kirchenvertreter selbst verfolgt wurden, konnten die Kirchen nichts tun.“
Prüfung: Verfolgung und Gefahr begrenzten die Handlungsmöglichkeiten. Die Proteste gegen die Krankenmorde sowie einzelne Hilfsaktionen zeigen jedoch, dass Widerspruch möglich war. Ein angemessenes Urteil berücksichtigt deshalb die Gefahr, entschuldigt aber nicht pauschal jedes Schweigen.
Wie gingen die Kirchen nach 1945 mit ihrer Schuld um?
Nach Kriegsende begannen beide Kirchen, eigenes Versagen anzuerkennen. Dieser Prozess verlief schrittweise und war umstritten.
Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland bekannte in der Stuttgarter Schulderklärung vom Oktober 1945, die Kirche habe nicht mutiger bekannt, treuer gebetet, fröhlicher geglaubt und brennender geliebt. Die Erklärung sollte einen christlichen Neuanfang ermöglichen, benannte die Schuld gegenüber den jüdischen Opfern aber noch nicht ausdrücklich.
Auch katholische Bischöfe erkannten 1945 Mitschuld an. Spätere kirchliche Erklärungen wurden genauer. Die katholische Synode von 1975 bekannte, die Kirche habe sich zu stark auf den Schutz eigener Einrichtungen konzentriert und zu den Verbrechen an Juden geschwiegen. Die Evangelische Kirche im Rheinland benannte 1980 christliche Mitverantwortung am Holocaust und kritisierte antijüdische theologische Traditionen.
Aufarbeitung
Aufarbeitung bedeutet mehr als ein allgemeines Schuldbekenntnis. Sie untersucht konkretes Handeln und Unterlassen, hört auf die Perspektive der Betroffenen und zieht Folgerungen für gegenwärtiges Handeln.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Kirchen im Nationalsozialismus
- Zustimmung und Anpassung im Jahr 1933
- Deutsche Christen und völkische Umformung
- Bekennende Kirche und theologische Selbstbehauptung
- Reichskonkordat und katholischer Institutionenschutz
- Begrenzte Proteste und mutige Einzelpersonen
- Schweigen gegenüber Judenverfolgung und Holocaust
- Schuldbekenntnisse und spätere Aufarbeitung
Für ein begründetes Gesamturteil darfst du weder alle Kirchenmitglieder zu Widerstandskämpfern erklären noch jedes unterschiedliche Verhalten gleichsetzen. Untersuche Akteur, Zeitpunkt, Ziel, Handlungsmöglichkeit, Risiko und Wirkung.
Abschluss-Check
Selbstkontrolle: Kannst du zu deinem Urteil mindestens einen Beleg für Anpassung, einen für Selbstbehauptung, einen für persönlichen Widerstand und einen für institutionelles Versagen nennen? Dann kannst du die Rolle der Kirchen differenziert statt pauschal beurteilen.
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