Religion

Neues Testament: Aufbau, Entstehung und Deutung

Neues Testament: Aufbau, Entstehung und Deutung
Neues Testament: Aufbau, Entstehung und Deutung
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Das Neue Testament, kurz NT, ist eine Sammlung von 27 frühchristlichen Schriften. Zusammen mit dem Alten Testament bildet es die christliche Bibel. Die Texte erzählen und deuten Jesus Christus, das Leben der ersten christlichen Gemeinden und ihre Glaubensfragen.

Auf dieser Seite lernst du, die Schriften zu ordnen, ihre schrittweise Entstehung zu erklären und verschiedene Arten des Lesens auseinanderzuhalten.

Deine Lernziele

Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!

Was gehört zum Neuen Testament?

Wenn du ein Neues Testament aufschlägst, findest du keine einzige durchgehende Erzählung. Es ist eher eine Bibliothek aus unterschiedlichen Textsorten.

Die 27 Schriften lassen sich in vier Hauptgruppen ordnen:

  1. Vier Evangelien: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes erzählen und deuten das Wirken, den Tod und die Auferstehung Jesu.
  2. Apostelgeschichte: Sie berichtet von den Anfängen der christlichen Gemeinden und besonders von der Mission des Paulus.
  3. 21 Briefe: Sie behandeln Glaubensfragen, das Zusammenleben in Gemeinden und Konflikte früher Christen.
  4. Offenbarung des Johannes: Sie spricht in Visionen und eindrucksvollen Bildern von Bedrohung, Gericht und Hoffnung.
Definition

Evangelium

Das griechische Wort euangelion bedeutet „gute Nachricht“. Ein Evangelium erzählt von Jesus und deutet seine Bedeutung für den christlichen Glauben.

Beispiel

Ein Text berichtet in Briefform von Streit in einer Gemeinde und gibt Ratschläge für das Zusammenleben. Er gehört nicht zu den Evangelien, sondern zur Gruppe der Briefe. Entscheidend ist seine Form und sein Adressatenkreis.

Merke

Vier Evangelien, eine Apostelgeschichte, 21 Briefe und eine Offenbarung ergeben zusammen 27 Schriften.

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Frage 1 von 2LeichtWelche Gruppe umfasst genau vier Schriften?
Lösung: Die Evangelien — Die vier Evangelien werden Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zugeordnet.
Frage 2 von 2MittelEin Text richtet sich an eine Gemeinde und behandelt deren Konflikte. Zu welcher Gruppe passt er am besten?
Lösung: Zu den Briefen — Adressat und Textform sprechen hier für einen Brief.
Wie entstanden die Schriften und der Kanon?

Die Texte lagen nicht von Anfang an als fertiges Buch vor. Nach dem mehrheitlich vertretenen Prozessmodell entwickelte sich das Neue Testament schrittweise.

Zuerst wurden Erinnerungen und Glaubenszeugnisse über Jesus mündlich weitergegeben. Ungefähr zwischen 50 und 100 n. Chr. entstanden einzelne Schriften. Gemeinden lasen, sammelten und kopierten sie. Dabei wurden einige Texte besonders häufig im Gottesdienst verwendet.

Definition

Kanon

Ein Kanon ist eine als maßgeblich anerkannte Sammlung von Schriften. Das Wort bedeutet „Richtschnur“. Welche Texte dazugehören sollten, wurde über längere Zeit diskutiert.

Zeitstrahl
  1. Zeit nach JesusMündliche Weitergabe von Erinnerungen und Glaubenszeugnissen
  2. ca. 50–100 n. Chr.Entstehung einzelner neutestamentlicher Schriften
  3. Ende des 1. JahrhundertsFrühe Sammlungen von Paulusbriefen
  4. 2.–4. JahrhundertUnterschiedliche Sammlungen und Kanonlisten
  5. 367 n. Chr.Athanasius nennt in seinem 39. Osterfestbrief genau die heutigen 27 Schriften
  6. 4. JahrhundertDie Zusammenstellung wird kirchlich gefestigt

Die Schriften wurden in Koine-Griechisch verfasst, der damals weit verbreiteten Form des Griechischen. Alle erhaltenen neutestamentlichen Handschriften, auch die ältesten, sind griechisch.

Nicht alle Forschenden erklären die Kanonbildung gleich. Neben dem Prozessmodell gibt es das Publikationsmodell: Danach sei das Neue Testament gezielt als zusammenhängende Sammlung veröffentlicht worden, unter anderem um Unterschiede zwischen frühen christlichen Gruppen auszugleichen. Beide Modelle sind wissenschaftliche Erklärungsversuche.

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Frage 1 von 2LeichtWas bezeichnet der Begriff Kanon?
Lösung: Eine als maßgeblich anerkannte Sammlung von Schriften — Beim Neuen Testament bezeichnet Kanon die kirchlich anerkannte Sammlung seiner 27 Schriften.
Frage 2 von 2MittelWelche Reihenfolge entspricht dem Prozessmodell?
Lösung: Mündliche Überlieferung – einzelne Schriften – Sammlungen – Kanon — Nach dem Prozessmodell wurden Überlieferungen zuerst verschriftlicht, dann gesammelt und schließlich als Kanon anerkannt.
Wer schrieb die Texte?

Die Namen über den Schriften beantworten die Frage nach der Autorenschaft nicht immer sicher. Die Evangelien und die Apostelgeschichte waren zunächst anonym. Ihre heute bekannten Verfassernamen wurden ihnen später zugeordnet.

Bei sieben Briefen besteht in der Forschung weitgehend Einigkeit, dass Paulus sie schrieb: Römer, 1. und 2. Korinther, Galater, Philipper, 1. Thessalonicher und Philemon. Bei anderen Paulus zugeschriebenen Briefen ist seine Verfasserschaft umstritten oder gilt als unwahrscheinlich.

Der Hebräerbrief nennt keinen Verfasser. Früher wurde er Paulus zugeschrieben; die moderne Bibelwissenschaft hat diese Auffassung weitgehend aufgegeben.

Gut zu wissen

Eine unsichere Autorenschaft macht einen Text nicht automatisch bedeutungslos. Die historische Frage „Wer schrieb den Text?“ und die religiöse Frage „Warum gilt er als verbindlich?“ sind zwei verschiedene Fragen.

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Frage 1 von 1MittelAuf einem Evangelium steht ein bekannter Name. Was folgt daraus historisch?
Lösung: Der Name ist eine überlieferte Zuordnung, die wissenschaftlich geprüft werden muss. — Titel, Überlieferung und historisch untersuchte Autorenschaft müssen unterschieden werden.
Wie kannst du das Neue Testament lesen?

Stell dir vor, zwei Personen lesen dieselbe Auferstehungserzählung. Eine fragt nach ihrer Entstehung, die andere nach ihrer Bedeutung für den Glauben. Beide lesen denselben Text, aber aus unterschiedlichen Perspektiven.

Definition

Historisch-kritische Perspektive

Sie untersucht die Texte als historische Dokumente: Wann entstanden sie? Welche Vorlagen wurden verwendet? Welche Veränderungen und Interessen lassen sich erkennen? Religiöse Geltungsansprüche werden dabei methodisch ausgeklammert.

Definition

Christlich-theologische Perspektive

Sie liest das Neue Testament als Teil der Heiligen Schrift und fragt, was der Text über Gott, Jesus Christus und den Glauben aussagt. Sie beschreibt eine christliche Binnenperspektive, ohne Lernende zu diesem Glauben zu verpflichten.

Definition

Rezeptionsorientierte Perspektive

Sie fragt, wie Menschen einen Text aufnehmen, verstehen und auf ihre eigene Situation beziehen. Dabei kann derselbe Text in verschiedenen Zeiten und Gemeinschaften unterschiedlich gedeutet werden.

Beispiel

Bei einer Wundergeschichte entstehen je nach Perspektive verschiedene Fragen:

  • historisch-kritisch: Wie entstand die Erzählung, und wie wurde sie überliefert?
  • christlich-theologisch: Welche Aussage über Gott und Jesus drückt sie aus?
  • rezeptionsorientiert: Welche Hoffnung oder Irritation löst sie bei heutigen Lesenden aus?

Die Fragen widersprechen sich nicht automatisch. Sie untersuchen unterschiedliche Seiten des Textes.

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Frage 1 von 2LeichtWelche Frage gehört zur historisch-kritischen Perspektive?
Lösung: Wann entstand der Text, und welche Vorlagen nutzte sein Verfasser? — Die historisch-kritische Perspektive untersucht Entstehung, Überlieferung und historischen Zusammenhang.
Frage 2 von 2SchwerEine Schülerin sagt: „Weil ein Text historisch untersucht wird, darf er für Gläubige keine religiöse Bedeutung haben.“ Wie ist das zu beurteilen?
Lösung: Die Aussage vermischt zwei Perspektiven, die unterschieden und aufeinander bezogen werden können. — Historische Analyse, theologische Deutung und persönliche Rezeption stellen verschiedene Fragen an denselben Text.
Warum gehören Erstes und Zweites Testament zusammen?

„Testament“ bedeutet hier nicht nur letzter Wille, sondern auch Bund. Die Bezeichnungen Erstes Testament und Zweites Testament können verdeutlichen, dass der zweite Teil der christlichen Bibel den ersten nicht einfach abschafft.

Das Erste Testament enthält Schriften, die aus jüdischer Tradition stammen. Die jüdische Heilige Schrift heißt Tanach. Christinnen und Christen lesen viele dieser Schriften als ersten Teil ihrer Bibel, ordnen und deuten sie aber teilweise anders.

Der in Jeremia angekündigte neue Bund gilt Israel und Juda. In jüdischer Deutung bedeutet er eine Erneuerung des Bundes, nicht die Abschaffung der Tora. Christliche Texte beziehen den neuen Bund auf Jesus. Diese Perspektiven müssen unterscheidbar bleiben.

Merke

„Neu“ bedeutet nicht automatisch „besser“, und „alt“ bedeutet nicht „wertlos“. Das Neue Testament lässt sich ohne seine jüdischen Wurzeln nicht angemessen verstehen.

Ein Kontrastmodell stellt das Alte Testament etwa als Buch von Gesetz und Rache dem Neuen Testament als Buch von Gnade und Liebe gegenüber. Ein Überbietungsmodell behauptet, das Neue Testament habe das Alte Testament ersetzt oder verbessert. Beide Modelle sind fachlich überholt und können jüdische Traditionen abwerten.

Neutestamentliche Texte enthalten auch Polemik gegen damalige jüdische Gruppen. Später wurden solche Stellen benutzt, um Juden auszugrenzen und zu verfolgen. Diese Wirkungsgeschichte muss beim Lesen beachtet werden. Kritik an antijüdischen Deutungen bedeutet dabei nicht, die Texte zu verschweigen, sondern sie historisch und verantwortungsvoll einzuordnen.

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Frage 1 von 2MittelWarum ist die Aussage „Im Alten Testament geht es um Rache, im Neuen nur um Liebe“ problematisch?
Lösung: Sie vereinfacht beide Textsammlungen und wertet das Alte Testament ab. — Das Kontrastmodell erzeugt einen falschen Gegensatz und kann antijüdische Vorstellungen fördern.
Frage 2 von 2SchwerJemand behauptet: „Der neue Bund zeigt, dass Gottes Bund mit Israel abgeschafft wurde.“ Welche Antwort ist angemessen?
Lösung: Diese Ablösungsdeutung ist nicht zwingend und missachtet besonders die jüdische Deutung als Erneuerung des Bundes. — Christliche und jüdische Deutungen müssen unterschieden werden. „Neu“ darf nicht unbesehen als Ersetzung Israels verstanden werden.
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Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Neues Testament
    • Aufbau
      • Vier Evangelien, Apostelgeschichte, 21 Briefe, Offenbarung
    • Entstehung
      • Überlieferung, Verschriftlichung, Sammlung, Kanon
    • Autorenschaft
      • Sieben sichere Paulusbriefe, viele umstrittene Zuordnungen
    • Leseperspektiven
      • historisch-kritisch, christlich-theologisch, rezeptionsorientiert
    • Jüdische Wurzeln
      • Tanach, Bund und verantwortliche Auslegung

Das Neue Testament ist zugleich eine historische Textsammlung, ein kanonischer Teil der christlichen Bibel und ein Gegenstand vielfältiger Deutungen. Gutes Lesen erkennt diese Ebenen, statt sie miteinander zu verwechseln.

Abschluss-Check
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Frage 1 von 4LeichtWelche Aussage beschreibt den Aufbau des Neuen Testaments richtig?
Lösung: Es umfasst 27 Schriften in vier Hauptgruppen. — Zum Neuen Testament gehören vier Evangelien, die Apostelgeschichte, 21 Briefe und die Offenbarung.
Frage 2 von 4MittelWarum ist das Jahr 367 für die Kanongeschichte wichtig?
Lösung: Athanasius nennt in seinem 39. Osterfestbrief genau die heutigen 27 Schriften. — Der Osterfestbrief von 367 ist der erste erhaltene Beleg für genau diese Zusammenstellung der 27 Schriften.
Frage 3 von 4SchwerEin Text wird als historische Quelle untersucht und zugleich von Christen als Heilige Schrift gelesen. Welche Beurteilung passt?
Lösung: Die beiden Zugänge stellen unterschiedliche Fragen und können bewusst unterschieden werden. — Eine historische Erkenntnis entscheidet nicht unmittelbar über Glauben oder Verbindlichkeit; beide Perspektiven müssen klar benannt werden.
Frage 4 von 4SchwerWelche Auslegung geht verantwortungsvoll mit dem Verhältnis der Testamente um?
Lösung: Sie erkennt die jüdischen Wurzeln an und vermeidet die Behauptung, das Judentum sei ersetzt worden. — Das Neue Testament knüpft vielfach an jüdische Schriften und Bundestraditionen an. Eine angemessene Auslegung macht diese Verbindung sichtbar.

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