Bilanzkennzahlen berechnen und analysieren
Bilanzkennzahlen verdichten Zahlen aus Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung (GuV). Du berechnest sie nach einer festgelegten Formel, vergleichst passende Werte und deutest sie als Signale. Eine einzelne Kennzahl beweist weder wirtschaftliche Stärke noch eine Krise.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was eine Bilanzkennzahl zeigt
Stell dir vor, ein Unternehmen besitzt 400.000 € Eigenkapital. Ist das viel? Ohne Bezugsgröße kannst du das kaum beurteilen. Bei 1.000.000 € Gesamtkapital beträgt der Eigenkapitalanteil 40 %. Eine relative Kennzahl setzt Größen ins Verhältnis und macht dadurch Vergleiche möglich.
Bilanzkennzahl
Eine Bilanzkennzahl ist eine verdichtete Rechengröße aus Positionen des Jahresabschlusses. Sie beschreibt einen Ausschnitt, etwa Kapitalstruktur, Finanzierung, Zahlungsfähigkeit oder Rentabilität.
Für eine belastbare Analyse gehst du in fünf Schritten vor:
- Frage festlegen: Geht es um Finanzierung, Liquidität oder Rentabilität?
- Definition festlegen: Notiere Formel, Bezugsgröße, Zeitraum und Einheit.
- Rechnen: Setze Zahlen mit derselben Einheit ein.
- Vergleichen: Nutze mehrere Jahre, einen Planwert oder passend definierte Vergleichswerte.
- Begrenzt urteilen: Nenne Signal, mögliche Ursachen und zusätzlich benötigte Informationen.
Rechnen liefert einen Wert. Analysieren verbindet den Wert mit Vergleich, Ursachen, Datenqualität und Grenzen.
Die richtigen Zahlen auswählen
Die Bilanz zeigt Vermögen und Kapital zu einem Stichtag. Die GuV zeigt Aufwendungen, Erträge und den Erfolg eines Zeitraums. Deshalb stammen Liquiditäts- und Finanzierungsgrößen meist aus der Bilanz, während Rentabilitätskennzahlen häufig Bilanz- und GuV-Größen verbinden.
Für den Leitfall gelten alle Beträge in Tausend Euro:
| Größe | Jahr 1 | Jahr 2 |
|---|---|---|
| Anlagevermögen | 600 | 780 |
| Umlaufvermögen | 400 | 420 |
| davon liquide Mittel | 80 | 50 |
| davon kurzfristige Forderungen | 140 | 130 |
| Eigenkapital | 400 | 420 |
| langfristiges Fremdkapital | 300 | 380 |
| kurzfristiges Fremdkapital | 300 | 400 |
| Nettoumsatz | 1.800 | 1.920 |
| Betriebsergebnis | 108 | 96 |
Kontrolliere zuerst die Bilanzgleichung: In Jahr 1 sind Anlage- plus Umlaufvermögen ebenso 1.000 wie Eigen-, langfristiges und kurzfristiges Fremdkapital. In Jahr 2 ergeben beide Seiten 1.200.
Für die Liquidität 2. Grades brauchst du liquide Mittel, kurzfristige Forderungen und kurzfristiges Fremdkapital. Das Anlagevermögen gehört nicht in diese Formel. Für die Umsatzrentabilität brauchst du dagegen Betriebsergebnis und Nettoumsatz aus der GuV.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Die Bilanz beschreibt einen , die GuV einen . Für die Eigenkapitalquote steht das Eigenkapital im . Bei einem Jahresvergleich müssen Formel und Bezugsgrößen sein.
Finanzierung und Fristenkongruenz berechnen
Die Eigenkapitalquote zeigt, welcher Anteil des Gesamtkapitals aus Eigenkapital besteht:
$$\text{Eigenkapitalquote}=\frac{\text{Eigenkapital}}{\text{Gesamtkapital}}\cdot100$$
Für Jahr 1 gilt:
$$\frac{400}{1.000}\cdot100=40\,\%$$
Für Jahr 2 gilt:
$$\frac{420}{1.200}\cdot100=35\,\%$$
Das Eigenkapital ist zwar um 20 gestiegen, sein Anteil am stärker gewachsenen Gesamtkapital ist aber gesunken. Genau deshalb reichen Absolutwerte nicht aus.
Der Anlagendeckungsgrad II prüft die Fristenkongruenz: Langfristig gebundenes Anlagevermögen soll durch langfristig verfügbares Kapital gedeckt sein.
$$\text{Anlagendeckungsgrad II}=\frac{\text{Eigenkapital}+\text{langfristiges Fremdkapital}}{\text{Anlagevermögen}}\cdot100$$
Im Leitfall ergibt sich:
- Jahr 1: $\frac{400+300}{600}\cdot100=116{,}7\,\%$
- Jahr 2: $\frac{420+380}{780}\cdot100=102{,}6\,\%$
100 % bedeuten in dieser Definition: Das Anlagevermögen ist vollständig langfristig finanziert. Der Puffer oberhalb von 100 % wird im Leitfall kleiner. Ein branchenübergreifend gültiger Idealwert lässt sich daraus nicht ableiten.
Liquidität am Stichtag untersuchen
Die Liquidität 2. Grades fragt, wie weit kurzfristige Verpflichtungen durch liquide Mittel und kurzfristige Forderungen gedeckt sind:
$$L2=\frac{\text{liquide Mittel}+\text{kurzfristige Forderungen}}{\text{kurzfristiges Fremdkapital}}\cdot100$$
- Jahr 1: $\frac{80+140}{300}\cdot100=73{,}3\,\%$
- Jahr 2: $\frac{50+130}{400}\cdot100=45{,}0\,\%$
Die Kennzahl sinkt deutlich. Das ist ein Warnsignal: Zum Stichtag decken die schnell verfügbaren Mittel einen kleineren Anteil der kurzfristigen Schulden.
Das Working Capital vergleicht das gesamte Umlaufvermögen mit kurzfristigem Fremdkapital:
$$\text{Working Capital}=\text{Umlaufvermögen}-\text{kurzfristiges Fremdkapital}$$
- Jahr 1: $400-300=100$ T€
- Jahr 2: $420-400=20$ T€
Das Working Capital bleibt positiv, der Puffer schrumpft jedoch um 80 T€. Das widerspricht der sinkenden Liquidität 2. Grades nicht: Zum Umlaufvermögen gehören auch weniger schnell verwertbare Positionen wie Vorräte.
Liquiditätsgrade sind statische Stichtagskennzahlen. Ein Zahlungseingang kurz nach dem Stichtag, saisonale Bestände oder erst später fällige Verbindlichkeiten können das Bild verändern. Für ein Urteil brauchst du deshalb unter anderem Fälligkeiten, Zahlungsströme und Stichtagseffekte.
Rentabilität und ROI verbinden
Die Umsatzrentabilität zeigt in der hier festgelegten Definition, welcher Anteil des Nettoumsatzes als Betriebsergebnis verbleibt:
$$\text{Umsatzrentabilität}=\frac{\text{Betriebsergebnis}}{\text{Nettoumsatz}}\cdot100$$
- Jahr 1: $\frac{108}{1.800}\cdot100=6{,}0\,\%$
- Jahr 2: $\frac{96}{1.920}\cdot100=5{,}0\,\%$
Der Kapitalumschlag zeigt, wie oft das eingesetzte Gesamtkapital rechnerisch durch Umsatz umgesetzt wird:
$$\text{Kapitalumschlag}=\frac{\text{Nettoumsatz}}{\text{Gesamtkapital}}$$
Er sinkt von $1{,}8$ auf $1{,}6$. Umsatzrentabilität und Kapitalumschlag ergeben zusammen den ROI:
$$\text{ROI}=\text{Umsatzrentabilität}\cdot\text{Kapitalumschlag}$$
- Jahr 1: $6{,}0\,\%\cdot1{,}8=10{,}8\,\%$
- Jahr 2: $5{,}0\,\%\cdot1{,}6=8{,}0\,\%$
Die direkte Kontrolle führt zum selben Ergebnis: $108/1.000\cdot100=10{,}8\,\%$ und $96/1.200\cdot100=8{,}0\,\%$.
Ein fallender ROI kann aus einer niedrigeren Marge, einem langsameren Kapitalumschlag oder aus beidem entstehen. Im Leitfall verschlechtern sich beide Einflussgrößen.
Veränderungen erklären und begrenzt urteilen
Im Leitfall zeigen mehrere Kennzahlen in dieselbe Richtung: Eigenkapitalquote, Anlagendeckung II, Liquidität 2. Grades, Working Capital, Umsatzrentabilität und ROI verschlechtern sich. Ein angemessenes Urteil lautet daher:
Begrenztes Urteil: Die Finanzierungs-, Liquiditäts- und Rentabilitätssituation hat sich von Jahr 1 zu Jahr 2 nach den berechneten Kennzahlen verschlechtert. Das Anlagevermögen ist nach der verwendeten Definition noch vollständig langfristig gedeckt und das Working Capital bleibt positiv. Eine Krise oder künftige Zahlungsunfähigkeit lässt sich aus den Stichtags- und Vergangenheitsdaten allein nicht beweisen.
Formuliere Ursachen zunächst als Hypothesen, nicht als Tatsachen:
- Der Ausbau des Anlagevermögens könnte teilweise durch zusätzliches kurz- und langfristiges Fremdkapital finanziert worden sein.
- Der Rückgang von Betriebsergebnis und Marge könnte auf höhere Kosten, niedrigere Preise oder eine ungünstigere Auslastung zurückgehen.
- Die geringeren liquiden Mittel könnten durch Investitionszahlungen, Schuldentilgung oder einen Stichtagseffekt entstanden sein.
Prüfe diese Hypothesen mit zusätzlichen Informationen: Kapitalflussrechnung beziehungsweise Cashflow, Fälligkeiten der Verbindlichkeiten, Entwicklung von Vorräten und Forderungen, Investitionszweck und Auslastung, Einmaleffekte, Bewertungsmethoden sowie Daten aus weiteren Jahren. Bei einem Unternehmensvergleich müssen außerdem Branche, Größe und Kennzahlendefinitionen zusammenpassen.
Transferaufgabe: eine Veränderung selbst analysieren
Bearbeite die Aufgabe zuerst ohne die Musterlösung. Alle Beträge sind in Tausend Euro angegeben.
| Größe | Jahr A | Jahr B |
|---|---|---|
| Umlaufvermögen | 450 | 430 |
| davon liquide Mittel | 90 | 60 |
| davon kurzfristige Forderungen | 150 | 120 |
| kurzfristiges Fremdkapital | 300 | 360 |
- Berechne für beide Jahre die Liquidität 2. Grades und das Working Capital.
- Beschreibe die Veränderungen zunächst, ohne eine Ursache als sicher darzustellen.
- Formuliere mindestens zwei unterschiedliche Ursachen als Hypothesen. Beziehe dich dabei auf Veränderungen im Zähler oder Nenner.
- Nenne mindestens zwei passende Kontextinformationen und formuliere ein begrenztes Urteil mit konkretem zusätzlichem Informationsbedarf.
Musterlösung und diagnostischer Prüfcheck
Rechnung: Die Liquidität 2. Grades beträgt in Jahr A $(90+150)/300\cdot100=80\,\%$ und in Jahr B $(60+120)/360\cdot100=50\,\%$. Das Working Capital sinkt von $450-300=150$ T€ auf $430-360=70$ T€.
Eigene Analyse als Muster: Beide Kennzahlen zeigen einen deutlich kleineren kurzfristigen Puffer. Die liquiden Mittel könnten durch Investitionszahlungen gesunken sein. Zugleich könnte das höhere kurzfristige Fremdkapital aus einer stärkeren kurzfristigen Finanzierung von Einkäufen stammen. Das sind Hypothesen, keine aus den Kennzahlen bewiesenen Ursachen. Zu prüfen sind mindestens die Fälligkeiten der Verbindlichkeiten, die Zahlungsströme und mögliche Stichtagseffekte. Begrenzt lässt sich urteilen: Die kurzfristige Liquiditätssituation hat sich nach diesen Kennzahlen verschlechtert; eine Zahlungsunfähigkeit ist damit nicht bewiesen. Für ein belastbareres Urteil werden insbesondere ein Liquiditätsplan und die Fälligkeitsstruktur benötigt.
Prüfe deine Antwort:
- Beobachtung: Hast du beide Kennzahlen für beide Jahre richtig berechnet und die Richtung der Veränderung genannt?
- Erklärung: Enthält dein Text mindestens zwei mögliche Ursachen, erkennbar als „könnte“ oder „möglicherweise“?
- Kontext: Nennst du mindestens zwei Daten, mit denen sich die Hypothesen prüfen lassen?
- Urteil: Begrenzst du die Aussage und benennst du konkret, welche Information noch fehlt?
Fehlt ein Punkt, ergänze genau diesen Baustein. Eine sicher behauptete Ursache ist noch kein begründetes Analyseergebnis, weil dieselbe Kennzahlenänderung verschiedene Ursachen haben kann.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Bilanzkennzahlen analysieren
- Datenbasis prüfen
- Bilanz: Stichtag
- GuV: Zeitraum
- Finanzierung untersuchen
- Eigenkapitalquote
- Anlagendeckungsgrad II
- Liquidität untersuchen
- Liquidität 2. Grades
- Working Capital
- Rentabilität untersuchen
- Umsatzrentabilität
- Kapitalumschlag und ROI
- Urteil begrenzen
- mehrere Kennzahlen und Jahre
- Ursachen als Hypothesen
- Zusatzinformationen prüfen
- Datenbasis prüfen
Abschluss-Check
Eigene Abschlussanalyse
Bearbeite diese Aufgabe schriftlich, bevor du die Musterlösung liest:
| Kennzahl oder Zusatzinformation | Jahr A | Jahr B |
|---|---|---|
| Liquidität 2. Grades | 85 % | 60 % |
| Working Capital | 110 T€ | 35 T€ |
| ROI | 9 % | 12 % |
| Einmaliger Gewinn aus Anlagenverkauf im Betriebsergebnis | 0 T€ | 30 T€ |
Schreibe eine Analyse in fünf bis sieben Sätzen. Sie muss
- die Veränderung der Liquidität und des ROI beschreiben,
- mindestens zwei mögliche Ursachen der gesunkenen Liquidität als Hypothesen nennen,
- mindestens zwei passende Kontextinformationen zur Prüfung benennen und
- ein begrenztes Gesamturteil mit konkretem zusätzlichem Informationsbedarf formulieren.
Musterlösung zur Abschlussanalyse
Liquidität 2. Grades und Working Capital sinken deutlich, während der ROI von 9 % auf 12 % steigt. Die schwächere Liquidität könnte durch geringere liquide Mittel beziehungsweise Forderungen oder durch höheres kurzfristiges Fremdkapital verursacht sein. Welche Erklärung trägt, lässt sich erst mit den Einzelpositionen der Kennzahl, den Fälligkeiten und den Zahlungsströmen prüfen. Der höhere ROI ist nur eingeschränkt positiv zu deuten, weil das Betriebsergebnis in Jahr B einen einmaligen Gewinn aus dem Anlagenverkauf enthält. Insgesamt zeigt sich daher ein gemischtes Bild: Der kurzfristige Liquiditätspuffer ist kleiner, und die Nachhaltigkeit der höheren Rentabilität ist offen. Für ein belastbareres Urteil werden ein Liquiditätsplan, ein um den Einmaleffekt bereinigtes Betriebsergebnis und Daten weiterer Jahre benötigt.
Nutze diese Rückmeldung für deinen Text:
- Fehlen zwei Hypothesen, unterscheide mögliche Änderungen im Zähler von Änderungen im Nenner der Liquidität 2. Grades.
- Klingt eine Ursache sicher, kennzeichne sie als Hypothese und nenne Daten, die sie bestätigen oder widerlegen könnten.
- Fehlt die Begrenzung, trenne die sinkende Liquidität vom gestiegenen, aber durch einen Einmaleffekt beeinflussten ROI.
- Fehlt der Informationsbedarf, benenne konkrete Daten statt nur „weitere Informationen“.
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