Informationsasymmetrie einfach erklärt
Informationsasymmetrie liegt vor, wenn zwei Beteiligte nicht über dieselben entscheidungsrelevanten Informationen verfügen. Der Wissensvorsprung einer Seite kann Entscheidungen verzerren, vorteilhafte Verträge verhindern und im Extremfall zu Marktversagen führen.
Auf dieser Seite lernst du, Informationsprobleme vor und nach einem Vertragsabschluss zu unterscheiden, ihre Folgen zu erklären und passende Gegenmaßnahmen abzuwägen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Woran erkennst du Informationsasymmetrie?
Stell dir vor, du möchtest einen Gebrauchtwagen kaufen. Der Verkäufer kennt frühere Schäden und technische Mängel. Du kannst den tatsächlichen Zustand vor dem Kauf nur eingeschränkt beurteilen. Beide Seiten verfügen also über unterschiedlich gute Informationen.
Informationsasymmetrie
Informationsasymmetrie ist eine ungleiche Verteilung wichtiger Informationen zwischen Markt- oder Vertragspartnern. Entscheidend ist nicht, dass eine Seite insgesamt mehr weiß, sondern dass ihr Wissensvorsprung die gemeinsame Entscheidung oder die Vertragserfüllung beeinflusst.
Um einen Fall zu prüfen, helfen dir drei Fragen:
- Wer weiß mehr oder kann etwas besser beurteilen?
- Welche wichtige Information fehlt der anderen Seite?
- Wie verändert diese Wissenslücke die Entscheidung oder das Verhalten?
Ein Preisunterschied allein beweist noch keine Informationsasymmetrie. Das Problem betrifft häufig schwer erkennbare Eigenschaften, unbeobachtbare Handlungen oder unbekannte Umstände.
Ein Online-Händler kennt die Zuverlässigkeit seines Produkts besser als eine Kundin. Fehlen unabhängige Prüfungen, verständliche Produktangaben und Rückgaberechte, kann die Kundin die Qualität vor dem Kauf kaum einschätzen. Der Händler besitzt einen entscheidungsrelevanten Informationsvorsprung.
Entsteht das Problem vor oder nach dem Vertrag?
Der Zeitpunkt hilft dir, verschiedene Informationsprobleme auseinanderzuhalten.
Vor dem Vertragsabschluss: Hidden Characteristics
Hidden Characteristics sind verborgene Eigenschaften eines Produkts, einer Leistung oder eines Vertragspartners. Sie bestehen bereits vor dem Vertrag, sind der schlechter informierten Seite aber nicht ausreichend bekannt.
Das kann zu Adverse Selection, also einer ungünstigen Auswahl, führen. Gute und schlechte Angebote werden nicht sicher unterschieden. Dadurch können gerade hochwertige Angebote aus dem Markt gedrängt werden.
Käufer können gute und schlechte Gebrauchtwagen vor dem Kauf nicht zuverlässig unterscheiden. Deshalb bieten sie nur einen Preis, der zur erwarteten Durchschnittsqualität passt. Verkäufer hochwertiger Autos erhalten dann keinen angemessenen Preis und ziehen ihr Angebot möglicherweise zurück. Der durchschnittliche Zustand der angebotenen Autos sinkt weiter.
Nach dem Vertragsabschluss: Hidden Action
Hidden Action bedeutet, dass eine Handlung nach Vertragsschluss für die andere Seite nicht oder nur unvollständig beobachtbar ist.
Verändert eine Absicherung die Anreize und fördert dadurch riskanteres oder weniger sorgfältiges Verhalten, spricht man von Moral Hazard. Der Ausdruck bezeichnet hier kein moralisches Urteil über eine Person, sondern ein Anreiz- und Beobachtungsproblem.
Ein vollkaskoversicherter Fahrer könnte weniger vorsichtig fahren, weil er einen Unfallschaden nicht vollständig selbst bezahlen muss. Die Versicherung kann sein alltägliches Fahrverhalten nicht lückenlos beobachten. Das ist ein möglicher Fall von Moral Hazard.
Nach dem Vertragsabschluss: Hidden Information
Bei Hidden Information fehlen Informationen, die zur Beurteilung einer beobachtbaren Leistung nötig sind. Eine Handlung oder ein Ergebnis kann sichtbar sein, seine Qualität oder Ursache aber nicht zuverlässig bewertet werden.
Ein Investor kennt die Rendite seines Vermögensverwalters, aber nicht die Entwicklung des Gesamtmarkts. Ohne diesen Vergleich kann er kaum beurteilen, ob das Ergebnis auf guter Arbeit oder günstigen Marktbedingungen beruht.
Vor dem Vertrag geht es häufig um unbekannte Eigenschaften. Nach dem Vertrag geht es häufig um unbeobachtbare Handlungen oder eine schwer beurteilbare Leistung.
Wie kann daraus Marktversagen entstehen?
Informationsasymmetrie führt nicht automatisch zum Zusammenbruch eines Marktes. Sie kann aber mehrere Probleme auslösen:
- Die schlechter informierte Seite trifft eine Entscheidung, die sie mit vollständiger Information anders getroffen hätte.
- Gute Angebote werden für schlechte gehalten und nicht angemessen bezahlt.
- Ein Vertrag kommt nicht zustande, obwohl er für beide Seiten vorteilhaft sein könnte.
- Ein Wissensvorsprung eröffnet Spielräume für opportunistisches Verhalten, also für die Verfolgung eigener Vorteile zulasten der anderen Seite.
- Prüfungen, Kontrollen und Vertragsregeln verursachen zusätzliche Kosten.
Marktversagen
Von Marktversagen spricht man, wenn ein Markt Ressourcen nicht effizient zuordnet. Informationsasymmetrie ist eine mögliche Ursache; weitere Ursachen werden auf dieser Seite nicht behandelt.
Das Gebrauchtwagenbeispiel zeigt eine mögliche Wirkungskette:
- Käufer können Qualität nicht sicher erkennen.
- Sie bieten nur einen Preis für die erwartete Durchschnittsqualität.
- Anbieter guter Fahrzeuge ziehen sich zurück.
- Die durchschnittliche Qualität sinkt.
- Misstrauen nimmt zu; im Extremfall kommen kaum noch Geschäfte zustande.
Nicht jeder Wissensunterschied ist schädlich. Fachwissen kann eine nützliche Leistung sein, etwa bei Beratung oder Prüfung. Problematisch wird die Asymmetrie, wenn die andere Seite deshalb keine hinreichend begründete Entscheidung treffen oder eine Leistung nicht angemessen beurteilen kann.
Welche Gegenmaßnahmen passen zu welchem Problem?
Gegenmaßnahmen können die Informationslücke verkleinern oder ihre Folgen begrenzen. Sie sind jedoch nicht kostenlos und beseitigen selten jede Unsicherheit.
Signaling: Die informierte Seite sendet ein Signal
Beim Signaling macht die besser informierte Seite ihre Qualität oder Zuverlässigkeit durch ein beobachtbares Zeichen glaubhaft. Beispiele sind Garantien, anerkannte Zertifikate oder eine unabhängige Fahrzeugprüfung.
Ein Signal ist nur hilfreich, wenn es tatsächlich etwas über die verborgene Eigenschaft aussagt und nicht beliebig vorgetäuscht werden kann.
Screening: Die schlechter informierte Seite prüft
Beim Screening beschafft sich die schlechter informierte Seite zusätzliche Informationen. Eine Probefahrt, ein Auswahlverfahren oder die Prüfung durch einen Gutachter sind Beispiele.
Monitoring: Verhalten wird beobachtbarer
Monitoring macht Handlungen nach Vertragsschluss besser kontrollierbar. Dazu gehören nachvollziehbare Berichte, Kontrollen oder Aufsicht. Monitoring kann Hidden Action begrenzen, verursacht aber Kontrollkosten und kann die Freiheit der überwachten Person einschränken.
Verträge, Transparenz und staatliche Regeln
Weitere Möglichkeiten sind:
- Anreize: Eine Person wird am Ergebnis beteiligt, damit sich ihre Interessen stärker mit denen des Auftraggebers decken.
- Transparenz und Offenlegung: Wichtige Produkt- oder Unternehmensinformationen werden verständlich zugänglich gemacht.
- Haftung, Gewährleistung und Mindeststandards: Regeln begrenzen mögliche Schäden oder sichern eine Mindestqualität.
- Informationspflichten: Anbieter müssen bestimmte entscheidungsrelevante Angaben machen.
Bei der Auswahl einer Maßnahme solltest du vier Gesichtspunkte vergleichen:
- Wirksamkeit: Verringert sie genau das vorliegende Informationsproblem?
- Kosten: Wer bezahlt Prüfung, Kontrolle oder Dokumentation?
- Freiheit: Wie stark greift die Maßnahme in Entscheidungen und Vertragsgestaltung ein?
- Verteilung: Wer erhält Vorteile, wer trägt Belastungen oder Risiken?
Bei verborgenen Fahrzeugmängeln kann ein Händler eine Garantie anbieten: Das ist ein Signal und begrenzt zugleich das Risiko des Käufers. Ein Käufer kann zusätzlich einen unabhängigen Gutachter beauftragen: Das ist Screening. Die Garantie ist bequem, hängt aber von ihren Bedingungen und der Zuverlässigkeit des Anbieters ab. Der Gutachter liefert eine unabhängige Prüfung, verursacht jedoch zusätzliche Kosten.
So analysierst du einen neuen Fall
Nutze diese fünf Schritte:
- Beteiligte bestimmen: Wer schließt mit wem ein Geschäft oder einen Vertrag?
- Wissensvorsprung benennen: Wer weiß was, das die andere Seite nicht weiß oder nicht beurteilen kann?
- Zeitpunkt und Art zuordnen: Liegt das Problem vor oder nach dem Vertrag? Geht es um Eigenschaften, Handlungen oder Beurteilungsinformationen?
- Folge erklären: Drohen ungünstige Auswahl, Moral Hazard, ein schlechter Vertrag oder ein Nichtabschluss?
- Maßnahmen vergleichen: Welche Lösung setzt am Problem an, und welche Kosten, Freiheitseingriffe oder Verteilungswirkungen entstehen?
Fall: Eine Versicherung kennt das alltägliche Verhalten ihrer Kundinnen und Kunden nicht. Nach Vertragsabschluss könnte eine vollständig abgesicherte Person größere Risiken eingehen.
Analyse: Die Versicherung ist schlechter informiert. Das Problem entsteht nach Vertragsschluss und betrifft eine schwer beobachtbare Handlung. Es handelt sich um Hidden Action; wegen der veränderten Anreize kann Moral Hazard entstehen. Eine Selbstbeteiligung könnte den Anreiz zu vorsichtigem Verhalten stärken. Monitoring könnte Verhalten sichtbarer machen, wäre aber mit Kontrollkosten und einem Eingriff in die Privatsphäre verbunden. Welche Maßnahme angemessen ist, hängt deshalb nicht nur von ihrer Wirksamkeit ab.
Übung: Beratung unter Unsicherheit
Ein Unternehmen beauftragt eine Beraterin. Die Unternehmensleitung kann den fertigen Bericht lesen, besitzt aber nicht das Fachwissen, um die Qualität aller Empfehlungen sicher einzuschätzen.
Bestimme das Informationsproblem und nenne eine passende Gegenmaßnahme. Begründe außerdem einen möglichen Nachteil deiner Maßnahme.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Informationsasymmetrie
- Erkennen: ungleich verteilte entscheidungsrelevante Informationen
- Vor dem Vertrag: Hidden Characteristics und Adverse Selection
- Nach dem Vertrag: Hidden Action, Moral Hazard und Hidden Information
- Folgen: Fehlentscheidungen, schlechte Verträge oder Marktversagen
- Private Lösungen: Signaling, Screening, Anreize und Monitoring
- Staatliche Lösungen: Informationspflichten, Haftung und Mindeststandards
- Bewertung: Wirksamkeit, Kosten, Freiheit und Verteilung
Abschluss-Check
Du kannst einen Fall sicher analysieren, wenn du Wissensvorsprung, Zeitpunkt, Problemart, mögliche Folge und passende Gegenmaßnahme miteinander verbindest. Eine gute Lösung verringert das konkrete Informationsproblem, ohne ihre Kosten und Nebenwirkungen auszublenden.
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