Nominales und reales Wirtschaftswachstum erklärt
Nominales Wirtschaftswachstum enthält Veränderungen der Produktionsmenge und der Preise. Reales Wirtschaftswachstum rechnet Preisänderungen heraus. Deshalb zeigt erst das reale Wachstum, ob tatsächlich mehr Waren und Dienstleistungen produziert wurden.
Wie unterscheidest du einen Produktionszuwachs von einem reinen Preisanstieg? Dazu vergleichst du nominales und reales Bruttoinlandsprodukt.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Warum gibt es zwei Wachstumszahlen?
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst die wirtschaftliche Leistung im Inland in einer bestimmten Periode. Dabei werden Vorleistungen – Güter, die bei der Herstellung anderer Güter verbraucht werden – nicht doppelt gezählt. Es geht nicht nur um Konsumgüter: Auch Investitionsgüter wie neue Maschinen zählen zur Produktion.
Dieser Wert hängt von zwei Größen ab:
- von den produzierten Mengen,
- von den angesetzten Preisen.
Steigt das BIP, ist deshalb zunächst unklar, ob mehr produziert wurde oder nur die Preise gestiegen sind.
Nominales BIP
Das nominale BIP bewertet die produzierten Mengen mit den aktuellen Marktpreisen. Es enthält Mengen- und Preisänderungen.
Reales BIP
Das reale BIP ist preisbereinigt. Im einfachen Basisjahrmodell bewertest du dazu die aktuellen Mengen mit konstanten Preisen eines Basisjahres. So wird der Preiseffekt ausgeblendet.
Nominal bedeutet: zu aktuellen Preisen. Real bedeutet: preisbereinigt.
So berechnest du nominales und reales BIP
Im einfachen Basisjahrmodell werden für jedes Endprodukt Menge und Preis miteinander multipliziert. Bei mehreren Produkten werden die Ergebnisse addiert. Das Zeichen $\sum$ bedeutet „Summe“.
Nominales BIP:
$$\text{nominales BIP}=\sum(\text{aktuelle Menge}\times\text{aktueller Preis})$$
Reales BIP im Basisjahrmodell:
$$\text{reales BIP}=\sum(\text{aktuelle Menge}\times\text{Preis des Basisjahres})$$
In diesem fiktiven Modell produziert eine vereinfachte Volkswirtschaft nur Döner. Jahr 1 ist das Basisjahr.
| Jahr | Menge | aktueller Preis | nominales BIP | reales BIP |
|---|---|---|---|---|
| 1 | 1 Döner | 5 € | 5 € | 5 € |
| 2 | 1 Döner | 7 € | 7 € | 5 € |
Im zweiten Jahr gilt nominal:
$$1\times 7\,€=7\,€$$
Für das reale BIP wird dieselbe Menge mit dem Basisjahrpreis bewertet:
$$1\times 5\,€=5\,€$$
Das nominale BIP steigt von 5 € auf 7 €. Trotzdem wird weiterhin nur ein Döner produziert. Der gesamte nominale Anstieg ist hier eine Preissteigerung; das reale BIP bleibt unverändert.
In der deutschen amtlichen Statistik verwendet man für die Preisbereinigung die Preise des jeweiligen Vorjahres und verknüpft die jährlichen Ergebnisse zu einer Zeitreihe. Das heißt Verkettung. Unser festes Basisjahr macht das Grundprinzip leichter nachvollziehbar.
Was zeigt der BIP-Deflator?
Der BIP-Deflator ist ein Preisindex für die im Inland erbrachte Produktion. Er setzt nominales und reales BIP desselben Zeitraums ins Verhältnis; beide BIP-Werte müssen in derselben Geldeinheit angegeben sein:
$$\text{BIP-Deflator}=\frac{\text{nominales BIP}}{\text{reales BIP}}\times 100$$
Im Basisjahr beträgt der Index 100. Im Döner-Beispiel ergibt sich für Jahr 2:
$$\frac{7\,€}{5\,€}\times 100=140$$
Der Wert 140 bedeutet: Das Preisniveau liegt im Modell 40 % über dem Niveau des Basisjahres.
- unter 100: Preisniveau niedriger als im Basisjahr
- genau 100: Preisniveau wie im Basisjahr
- über 100: Preisniveau höher als im Basisjahr
Ein Indexstand unter 100 bezeichnet ein niedrigeres Preisniveau als im Basisjahr. Ob in einer einzelnen Periode Deflation vorliegt, erkennst du erst am Vergleich mit dem unmittelbar vorherigen Indexstand: Dafür müsste das Preisniveau gegenüber dieser Vorperiode gesunken sein.
Wie berechnest du reales Wirtschaftswachstum?
Wirtschaftswachstum bezeichnet die Veränderung des BIP von einer Periode zur nächsten. Wenn von Aufschwung oder Krise gesprochen wird, ist meist die Veränderung des realen BIP gemeint.
Die reale Wachstumsrate lautet:
$$\text{reale Wachstumsrate}=\frac{\text{reales BIP neu}-\text{reales BIP alt}}{\text{reales BIP alt}}\times 100\,\%$$
Ein historisches Rechenbeispiel der Bundeszentrale für politische Bildung verwendet folgende Deutschlandwerte (Datenstand 2016, Bezug auf 2010): reales BIP 2010 rund 2.580,06 Milliarden Euro, 2011 rund 2.674,49 Milliarden Euro. Diese Werte dienen hier der Rechnung; sie sind kein aktueller Datenstand.
$$\frac{2.674{,}49-2.580{,}06}{2.580{,}06}\times 100\,\%\approx 3{,}66\,\%$$
Gerundet wuchs das reale BIP um 3,7 %. Entscheidend ist der Bezug auf den realen Ausgangswert von 2010.
Das nominale BIP stieg im selben Zeitraum gerundet um 4,8 %, der BIP-Deflator um 1,1 %. Als Näherung ergibt sich:
$$4{,}8\,\%-1{,}1\,\%=3{,}7\,\%$$
Näherungsweise gilt:
$$\text{reales Wachstum}\approx\text{nominales Wachstum}-\text{Änderungsrate des BIP-Deflators}$$
Diese Subtraktion ist bei kleinen Änderungsraten eine Näherung. Die oft in Nachrichten genannte Inflationsrate der Verbraucherpreise passt hier nicht: Sie bezieht sich auf Konsumkäufe privater Haushalte, der BIP-Deflator auf die inländische Produktion.
Genau rechnen kannst du mit den realen BIP-Werten oder mit Wachstumsfaktoren. Sind $g_n$ die nominale Wachstumsrate und $p$ die Änderungsrate des BIP-Deflators, jeweils als Dezimalzahl, gilt:
$$g_r=\frac{1+g_n}{1+p}-1$$
Dabei ist $g_r$ die reale Wachstumsrate als Dezimalzahl. Der nominale Wachstumsfaktor wird durch den Preisfaktor geteilt. Multipliziere das Ergebnis mit 100, um die Rate in Prozent anzugeben.
Wie deutest du die Zahlen richtig?
Ein nominaler Anstieg beweist noch kein Mengenwachstum. Erst die Preisbereinigung zeigt, ob die gemessene Produktion real zu- oder abgenommen hat.
Auch das reale BIP hat Grenzen. Die einzelne Gesamtzahl misst die preisbereinigte Wirtschaftsleistung, zeigt aber nicht automatisch:
- wie Einkommen verteilt sind,
- wie sich die Lebensqualität entwickelt,
- welche ökologischen Folgen die Produktion hat,
- welche Waren und Dienstleistungen den Zuwachs verursachen.
Reales BIP-Wachstum ist deshalb kein vollständiges Maß für gesellschaftlichen Wohlstand.
Weitere Bereinigungen beantworten andere Fragen. Eine Kalenderbereinigung entfernt Einflüsse unterschiedlich vieler nutzbarer Arbeitstage. Trendwachstum betrachtet die mittel- oder langfristige Entwicklung, ohne vorübergehende saisonale und konjunkturelle Schwankungen in den Mittelpunkt zu stellen. Beides ist von der Preisbereinigung zu unterscheiden.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Nominales und reales Wirtschaftswachstum
- Nominales BIP: aktuelle Mengen und aktuelle Preise
- Reales BIP: preisbereinigt; im Modell mit Basisjahrpreisen
- BIP-Deflator: Verhältnis von nominalem zu realem BIP
- Reale Wachstumsrate: Veränderung des realen BIP
- Preisbereinigung: trennt Preiseffekt von Mengenentwicklung
- Aussagegrenze: Wirtschaftsleistung ist nicht Gesamtwohlstand
Abschluss-Check
Du kannst eine Wachstumsmeldung nun in drei Schritten prüfen: Ist die Zahl nominal oder real? Auf welchen Ausgangswert bezieht sie sich? Welche Aussagen über Wohlstand lässt sie nicht zu?
Mit Google fortfahren