Vollkostenrechnung: Selbstkosten sicher kalkulieren
Die Vollkostenrechnung ordnet einem Produkt oder einer Dienstleistung sämtliche zurechenbaren Kosten zu. So kannst du Herstell- und Selbstkosten berechnen und langfristig prüfen, ob die Erlöse alle Kosten decken.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Welche Kosten gehören zum Produkt?
Stell dir eine Pizzeria vor. Die Zutaten einer Pizza lassen sich direkt zuordnen. Die Tagesmiete betrifft dagegen den gesamten Betrieb. Die Vollkostenrechnung berücksichtigt beide Kostenarten.
Kostenträger
Ein Kostenträger ist das Produkt, der Auftrag oder die Dienstleistung, für die Kosten ermittelt werden. In der Pizzeria ist eine Pizza ein möglicher Kostenträger.
Einzelkosten
Einzelkosten lassen sich einem Kostenträger direkt zurechnen, zum Beispiel das Material für ein bestimmtes Produkt.
Gemeinkosten
Gemeinkosten entstehen für mehrere Kostenträger gemeinsam. Sie werden mithilfe einer geeigneten Bezugsgröße verteilt, zum Beispiel nach Materialkosten, Fertigungslöhnen, Fläche oder Arbeitsstunden.
Die Einteilung in Einzel- und Gemeinkosten beantwortet die Frage nach der Zurechenbarkeit. Die Einteilung in fixe und variable Kosten betrachtet dagegen das Verhalten bei einer Mengenänderung:
- Fixkosten bleiben innerhalb des betrachteten Zeitraums zunächst gleich, etwa eine feste Tagesmiete.
- Variable Kosten verändern sich mit der produzierten Menge, etwa Zutaten je Pizza.
Einzelkosten sind also nicht automatisch dasselbe wie variable Kosten. Die beiden Begriffspaare beantworten unterschiedliche Fragen.
Eine Pizzeria produziert täglich 50 Pizzen. Die Zutaten kosten 2,00 € je Pizza. Miete und Heizkosten betragen zusammen 80,00 € pro Tag.
Die Gemeinkosten je Pizza betragen:
$$80\,€ : 50 = 1{,}60\,€$$
Damit ergeben sich bei dieser Produktionsmenge Vollkosten von:
$$2{,}00\,€ + 1{,}60\,€ = 3{,}60\,€\text{ je Pizza}$$
Der entscheidende Gedanke: Die täglichen Gemeinkosten werden auf die 50 produzierten Pizzen verteilt.
Wie läuft die Vollkostenrechnung ab?
Die Vollkostenrechnung folgt drei aufeinander aufbauenden Stufen:
- Kostenartenrechnung – Welche Kosten sind angefallen? Sie erfasst und gliedert die Kosten, zum Beispiel in Einzel- und Gemeinkosten.
- Kostenstellenrechnung – Wo sind die Gemeinkosten entstanden? Sie ordnet Kosten betrieblichen Bereichen wie Material, Fertigung, Verwaltung oder Vertrieb zu. Ein Betriebsabrechnungsbogen, kurz BAB, kann diese Verteilung darstellen.
- Kostenträgerrechnung – Wofür sind die Kosten entstanden? Sie führt die zugerechneten Kosten je Produkt, Auftrag oder Dienstleistung zusammen.
Der Lernweg lautet: Welche Kosten? – Wo entstanden? – Wofür entstanden?
Ein Zuschlagssatz verteilt Gemeinkosten auf der Grundlage einer passenden Bezugsgröße:
$$\text{Zuschlagssatz in \%}=\frac{\text{Gemeinkosten}}{\text{Bezugsbasis}}\cdot100$$
Ein Zuschlag ist nur so aussagekräftig wie seine Bezugsbasis. Zwischen Gemeinkosten und Basis sollte ein möglichst sinnvoller Zusammenhang bestehen.
In einer Kostenstelle fallen 8.000 € Gemeinkosten an. Als Bezugsbasis dienen 40.000 € Materialeinzelkosten.
$$\frac{8.000\,€}{40.000\,€}\cdot100=20\,\%$$
Für ein Produkt mit 500 € Materialeinzelkosten werden deshalb 20 % zugeschlagen:
$$500\,€\cdot0{,}20=100\,€$$
Dem Produkt werden 100 € Materialgemeinkosten zugerechnet.
Wie berechnest du Herstell- und Selbstkosten?
Die Herstellkosten bündeln Material- und Fertigungskosten:
$$\text{Herstellkosten}=\text{Materialkosten}+\text{Fertigungskosten}$$
Zu den Materialkosten gehören Materialeinzel- und Materialgemeinkosten. Die Fertigungskosten umfassen Fertigungseinzelkosten, Fertigungsgemeinkosten und gegebenenfalls Sondereinzelkosten der Fertigung.
Die Selbstkosten ergänzen die Herstellkosten um Verwaltung, Vertrieb und gegebenenfalls Sondereinzelkosten des Vertriebs:
$$\text{Selbstkosten}=\text{Herstellkosten}+\text{Verwaltungsgemeinkosten}+\text{Vertriebsgemeinkosten}$$
Für ein Produkt wurden folgende Kosten ermittelt:
| Kostenposition | Betrag |
|---|---|
| Materialeinzelkosten | 40,00 € |
| Materialgemeinkosten | 8,00 € |
| Fertigungseinzelkosten | 30,00 € |
| Fertigungsgemeinkosten | 24,00 € |
| Verwaltungsgemeinkosten | 12,00 € |
| Vertriebsgemeinkosten | 6,00 € |
Zuerst berechnest du die Herstellkosten:
$$40{,}00\,€+8{,}00\,€+30{,}00\,€+24{,}00\,€=102{,}00\,€$$
Danach ergänzt du Verwaltung und Vertrieb:
$$102{,}00\,€+12{,}00\,€+6{,}00\,€=120{,}00\,€$$
Die Selbstkosten des Produkts betragen 120,00 €. Für einen Verkaufspreis können anschließend unter anderem Gewinn, Nachlässe und Umsatzsteuer hinzukommen. Diese weiteren Schritte gehören zur Preiskalkulation und sind nicht mit den Selbstkosten selbst zu verwechseln.
Übung: Kalkuliere selbst
Für einen Auftrag gelten folgende Werte:
- Materialeinzelkosten: 40,00 €
- Materialgemeinkostenzuschlag: 20 % der Materialeinzelkosten
- Fertigungseinzelkosten: 50,00 €
- Fertigungsgemeinkostenzuschlag: 60 % der Fertigungseinzelkosten
- Verwaltungsgemeinkosten: 10 % der Herstellkosten
- Vertriebsgemeinkosten: 5 % der Herstellkosten
Berechne Materialgemeinkosten, Fertigungsgemeinkosten, Herstellkosten und Selbstkosten.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Die Materialgemeinkosten betragen . Die Fertigungsgemeinkosten betragen . Daraus folgen Herstellkosten von . Nach Verwaltung und Vertrieb ergeben sich Selbstkosten von .
Was sagt das Ergebnis aus – und was nicht?
Die Vollkostenrechnung liefert eine umfassende Kostenbasis. Sie eignet sich besonders für:
- langfristige Kalkulationen und Kontrollen der Gesamtkostendeckung,
- Angebote bei Einzelfertigung,
- Leistungen ohne beobachtbaren Marktpreis,
- die Ermittlung von Herstell- und Selbstkosten.
Sie bestimmt aber nicht automatisch den am Markt durchsetzbaren Preis. Existiert bereits ein Marktpreis, dient die Vollkostenrechnung vor allem als Kontrollrechnung: Sie zeigt, ob das Unternehmen mit diesem Preis langfristig seine Kosten decken kann.
Fixkostenproportionalisierung
Bei der Fixkostenproportionalisierung werden Fixkosten rechnerisch auf einzelne Leistungseinheiten verteilt, obwohl sie kurzfristig nicht durch jede zusätzliche Einheit verursacht werden.
Sinkt die Produktionsmenge, werden dieselben Fixkosten auf weniger Stücke verteilt. Dadurch steigen die Vollkosten je Stück, obwohl die gesamten Fixkosten unverändert sein können.
Die Pizzeria hat 80 € tägliche Gemeinkosten.
Bei 50 Pizzen entfallen 1,60 € Gemeinkosten auf jede Pizza. Bei nur einer Pizza würden dagegen 80 € Gemeinkosten auf dieses eine Stück fallen. Zusammen mit 2 € Zutaten ergäben sich 82 € Vollkosten.
Das zeigt keine sinnvolle Marktpreisempfehlung, sondern die starke Abhängigkeit der Stückkosten von der angenommenen Menge.
Für kurzfristige Entscheidungen reicht die Vollkostenrechnung häufig nicht aus. Wird ein rechnerisch verlustreiches Produkt gestrichen, verschwinden seine Fixkosten nicht automatisch. Auch bei Zusatzaufträgen oder Make-or-Buy-Entscheidungen muss geprüft werden, welche Kosten sich durch die Entscheidung tatsächlich ändern.
Langfristig müssen die Erlöse alle Kosten decken. Kurzfristig sind vor allem die Kosten entscheidend, die sich durch die konkrete Entscheidung verändern.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Vollkostenrechnung
- erfasst Kostenarten: Einzel- und Gemeinkosten
- verteilt Gemeinkosten über Kostenstellen und Bezugsbasen
- führt Kosten auf Kostenträgern zusammen
- berechnet Material-, Fertigungs-, Herstell- und Selbstkosten
- unterstützt langfristige Kalkulation und Kontrolle
- ist für kurzfristige Entscheidungen nur eingeschränkt geeignet
Abschluss-Check
Du hast das Ziel erreicht, wenn du Kosten richtig zuordnest, den Weg bis zu den Selbstkosten vollständig rechnest und das Ergebnis passend zum Entscheidungshorizont beurteilst.
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