Vollkosten- und Teilkostenrechnung im Vergleich
Die Vollkostenrechnung verteilt alle Kosten auf Produkte oder Dienstleistungen. Die Teilkostenrechnung berücksichtigt für kurzfristige Entscheidungen meist nur die variablen Kosten. Welche Rechnung passt, hängt deshalb vor allem von der Entscheidung und ihrem Zeithorizont ab.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Kosten aus zwei Blickwinkeln einordnen
Bevor du rechnest, musst du zwei verschiedene Fragen auseinanderhalten:
- Verändert sich der Betrag mit der Produktionsmenge?
- Lässt sich der Betrag einem bestimmten Produkt direkt zurechnen?
Fixe und variable Kosten
Fixkosten bleiben innerhalb des betrachteten Zeitraums trotz einer veränderten Produktionsmenge bestehen. Dazu kann eine Monatsmiete gehören.
Variable Kosten verändern sich mit der Produktionsmenge. Werden mehr Pizzen hergestellt, werden beispielsweise mehr Zutaten benötigt.
Einzel- und Gemeinkosten
Einzelkosten lassen sich einem Kostenträger direkt zurechnen. Ein Kostenträger ist zum Beispiel ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein Auftrag.
Gemeinkosten lassen sich einem einzelnen Kostenträger nicht unmittelbar zurechnen. Sie werden in der Vollkostenrechnung mithilfe von Schlüsseln oder Zuschlagssätzen verteilt.
Die beiden Einteilungen sind nicht deckungsgleich. Eine Kostenart kann beispielsweise variabel und trotzdem eine Gemeinkostenart sein. Umgekehrt können direkt zurechenbare Kosten im betrachteten Zeitraum fix sein.
Fix oder variabel beschreibt das Verhalten bei einer Mengenänderung. Einzel- oder Gemeinkosten beschreibt die Zurechenbarkeit zu einem Kostenträger.
Was die Vollkostenrechnung zeigt
Die Vollkostenrechnung bezieht sämtliche fixen und variablen Kosten ein. Ihr Ziel ist eine langfristige Beurteilung: Auf Dauer müssen die Erlöse alle Kosten des Unternehmens decken.
Typischerweise führt der Rechenweg über drei Stufen:
- Die Kostenartenrechnung erfasst, welche Kosten in welcher Höhe angefallen sind.
- Die Kostenstellenrechnung untersucht, wo die Gemeinkosten entstanden sind, und verteilt sie auf betriebliche Bereiche.
- Die Kostenträgerrechnung ordnet die Kosten den Produkten, Dienstleistungen oder Aufträgen zu.
Vereinfacht gilt:
$$\text{Vollkosten} = \text{Einzelkosten} + \text{zugerechnete Gemeinkosten}$$
Die Selbstkosten umfassen alle einem Kostenträger zugerechneten Kosten. Ein Preis in Höhe der Selbstkosten deckt bei der angenommenen Absatzmenge alle Kosten, enthält aber noch keinen Gewinn.
Ein berechneter Vollkostenpreis ist nicht automatisch am Markt durchsetzbar. Gibt es bereits einen Marktpreis, dient die Vollkostenrechnung vor allem als Kontrollrechnung: Sie zeigt, ob das Geschäft bei diesem Preis langfristig tragfähig sein kann.
Mengenänderungen können das Bild verzerren
Werden Fixkosten auf Stücke verteilt, hängen die rechnerischen Stückkosten von der angenommenen Menge ab. Nimmt das Beispiel 80 Euro Gemeinkosten für den Tag als unverändert an, entstehen bei nur einer Pizza zusammen mit 2 Euro Zutaten Vollkosten von 82 Euro. Bei 50 Pizzen verteilen sich dieselben 80 Euro dagegen auf viele Stücke.
Die einzelne Pizza verursacht die gesamten Gemeinkosten nicht plötzlich allein. Die Verteilung macht lediglich sichtbar, welchen Anteil sie bei der gewählten Menge tragen soll.
Was die Teilkostenrechnung zeigt
Bei einer verbreiteten Form der Teilkostenrechnung werden den Kostenträgern nur die variablen Kosten zugerechnet. Die Fixkosten bleiben zunächst als gemeinsamer Block bestehen.
Der Deckungsbeitrag zeigt, welcher Betrag nach Abzug der variablen Kosten zur Deckung der Fixkosten verbleibt:
$$\text{Deckungsbeitrag je Stück} = \text{Nettoverkaufspreis je Stück} - \text{variable Kosten je Stück}$$
Für mehrere Stücke gilt:
$$\text{Gesamtdeckungsbeitrag} = \text{Deckungsbeitrag je Stück} \cdot \text{Absatzmenge}$$
Ein positiver Deckungsbeitrag ist noch kein Gewinn. Erst wenn die gesamten Deckungsbeiträge auch die Fixkosten übersteigen, entsteht ein positives Betriebsergebnis.
Die Gewinnschwelle oder der Break-even-Point lässt sich bei konstanten Werten so bestimmen:
$$\text{Break-even-Menge} = \frac{\text{Fixkosten}}{\text{Deckungsbeitrag je Stück}}$$
An der Gewinnschwelle sind Gesamterlös und Gesamtkosten gleich hoch.
Die Teilkostenrechnung beantwortet vor allem kurzfristige Fragen, wenn vorhandene Fixkosten durch die Entscheidung unverändert bleiben. Sie ersetzt keine langfristige Prüfung der vollständigen Kostendeckung.
Ein Pizzafall zeigt beide Rechnungen
Eine Pizzeria produziert täglich 50 Pizzen. Gegeben sind:
- Miete: 60 Euro pro Tag
- Heizkosten des Pizzaofens: 20 Euro pro Tag
- Zutaten: 2 Euro je Pizza
Schritt 1: Gemeinkosten zusammenfassen
$$60\,€ + 20\,€ = 80\,€$$
Schritt 2: Gemeinkosten je Pizza berechnen
$$80\,€ : 50 = 1{,}60\,€$$
Schritt 3: Vollkosten je Pizza bestimmen
$$2\,€ + 1{,}60\,€ = 3{,}60\,€$$
Bei 50 Pizzen betragen die Vollkosten somit 3,60 Euro je Pizza. Ein dauerhaft angesetzter Preis muss langfristig alle Kosten berücksichtigen.
Nun fragt ein Kunde fünf zusätzliche Pizzen zu je 2,50 Euro an. Es wird angenommen, dass freie Kapazität vorhanden ist und keine zusätzlichen Fixkosten entstehen.
Deckungsbeitrag je zusätzlicher Pizza
$$2{,}50\,€ - 2{,}00\,€ = 0{,}50\,€$$
Gesamtdeckungsbeitrag des Zusatzauftrags
$$5 \cdot 0{,}50\,€ = 2{,}50\,€$$
Der Preis liegt unter den Vollkosten von 3,60 Euro, aber über den variablen Kosten von 2 Euro. Der Auftrag bringt deshalb kurzfristig einen zusätzlichen Deckungsbeitrag von 2,50 Euro.
Die kurzfristige Preisuntergrenze liegt in diesem vereinfachten Fall bei den variablen Kosten von 2 Euro je Pizza. Die langfristige Preisuntergrenze orientiert sich an den Vollkosten von 3,60 Euro je Pizza bei der angenommenen Menge.
Welches Verfahren passt zur Entscheidung?
Beide Verfahren beantworten unterschiedliche Fragen:
| Entscheidung | Passender Ausgangspunkt | Begründung |
|---|---|---|
| Langfristig tragfähiger Preis | Vollkostenrechnung | Auf Dauer müssen variable und fixe Kosten gedeckt werden. |
| Kurzfristiger Zusatzauftrag bei freier Kapazität | Teilkostenrechnung | Unveränderte Fixkosten sind nicht entscheidungsrelevant; der zusätzliche Deckungsbeitrag steht im Mittelpunkt. |
| Vollständige Selbstkosten eines Produkts | Vollkostenrechnung | Alle zugerechneten Kosten werden einbezogen. |
| Beitrag eines Produkts zur Fixkostendeckung | Teilkostenrechnung | Der Deckungsbeitrag wird sichtbar. |
Typische Fehlentscheidungen vermeiden
Ein Produkt kann in der Vollkostenrechnung nach zugerechneten Gemeinkosten einen Verlust ausweisen und trotzdem einen positiven Deckungsbeitrag leisten. Wird es aus dem Sortiment entfernt, verschwinden seine Erlöse und variablen Kosten sofort. Die bisher zugerechneten Fixkosten bleiben möglicherweise bestehen und müssen dann von anderen Produkten getragen werden.
Umgekehrt darf ein Unternehmen dauerhaft nicht nur auf positive Deckungsbeiträge schauen. Reicht deren Summe nicht zur Deckung der Fixkosten, entsteht trotz positiver Stückdeckungsbeiträge ein Verlust.
Frage vor jeder Rechnung: Welche Kosten verändern sich durch genau diese Entscheidung? Prüfe danach zusätzlich, ob du kurzfristige Folgen oder die langfristige Tragfähigkeit beurteilen willst.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Vollkosten- und Teilkostenrechnung
- Vollkostenrechnung: alle Kosten, langfristige Tragfähigkeit
- Teilkostenrechnung: meist variable Kosten, kurzfristige Entscheidung
- Deckungsbeitrag: Erlös minus variable Kosten
- Preisuntergrenzen: kurzfristig variabel, langfristig vollständig
- Verfahrenswahl: Zeithorizont und veränderte Kosten prüfen
- Entscheidungsgrenzen: Markt, Kapazität und Folgewirkungen beachten
Abschluss-Check
Du beherrschst den Kernvergleich, wenn du zuerst den Zeithorizont bestimmst, dann die entscheidungsrelevanten Kosten auswählst und das Rechenergebnis anschließend im betrieblichen Zusammenhang prüfst.
Mit Google fortfahren