Biologie

Natürliche Selektion: Evolution verständlich erklärt

Natürliche Selektion: Evolution verständlich erklärt
Natürliche Selektion: Evolution verständlich erklärt
Für Quiz, Lückentext, Lernkarten und Fortschritt ist JavaScript nötig. Alle Inhalte und Lösungen bleiben direkt lesbar.

Natürliche Selektion bedeutet: Erbliche Merkmale, die unter bestimmten Umweltbedingungen einen höheren Fortpflanzungserfolg ermöglichen, werden in einer Population über Generationen häufiger. Dabei passen sich nicht einzelne Lebewesen absichtlich an. Vielmehr verändert sich die Verteilung von Merkmalen in der Population.

Deine Lernziele

Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!

Was natürliche Selektion voraussetzt

Natürliche Selektion kann nur wirken, wenn sich die Individuen einer Population unterscheiden. Eine Population umfasst Individuen derselben Art, die zur gleichen Zeit in einem Gebiet leben und sich miteinander fortpflanzen können.

Mutation und Rekombination erzeugen beziehungsweise kombinieren genetische Varianten. Dadurch können unterschiedliche Merkmalsausprägungen entstehen, zum Beispiel eine hellere oder dunklere Färbung.

Für natürliche Selektion sind drei Punkte entscheidend:

  1. In einer Population gibt es unterschiedliche Merkmalsausprägungen.
  2. Mindestens ein Teil dieser Unterschiede ist erblich.
  3. Die Merkmale beeinflussen unter den herrschenden Bedingungen den Fortpflanzungserfolg.
Definition

Phänotyp

Der Phänotyp umfasst die beobachtbaren Merkmale eines Individuums. Die Umwelt wirkt unmittelbar auf diese Merkmalsausprägungen. Über die Fortpflanzung werden die zugrunde liegenden erblichen Varianten unterschiedlich häufig weitergegeben.

Merke

Variation entsteht nicht, weil ein Lebewesen ein bestimmtes Merkmal benötigt. Sie ist bereits vorhanden oder entsteht ungerichtet. Erst danach wirkt die Selektion.

Teste dich
Frage 1 von 1LeichtWelche Voraussetzung ist für natürliche Selektion notwendig?
Lösung: Individuen einer Population unterscheiden sich in mindestens einem teilweise erblichen Merkmal. — Selektion wählt aus vorhandener erblicher Variation aus. Sie erzeugt benötigte Merkmale nicht zielgerichtet.
Wie aus Unterschieden Evolution wird

Natürliche Selektion lässt sich als Wirkungskette erklären:

  1. Variation: Individuen besitzen unterschiedliche erbliche Merkmalsausprägungen.
  2. Selektionsfaktor: Eine Umweltbedingung wirkt auf die Individuen.
  3. Unterschiedlicher Erfolg: Manche Merkmale erhöhen unter diesen Bedingungen die Überlebens- oder Paarungschancen.
  4. Fortpflanzung: Die Träger dieser Merkmale hinterlassen im Durchschnitt mehr fortpflanzungsfähige Nachkommen.
  5. Veränderung der Population: Die zugehörigen erblichen Varianten werden über Generationen häufiger.
Definition

Biologische Fitness

Biologische Fitness bezeichnet den relativen Beitrag eines Individuums zum Genpool der nächsten Generation. Entscheidend ist also der Fortpflanzungserfolg, nicht Muskelkraft, Größe oder ein möglichst langes Leben allein.

Ein Tier kann lange überleben und trotzdem eine geringe Fitness besitzen, wenn es keine Nachkommen hat. Umgekehrt kann ein Merkmal die Überlebenschance etwas senken, aber durch höhere Paarungschancen den Fortpflanzungserfolg steigern.

Gut zu wissen

Selektion wirkt statistisch. Ein günstiges Merkmal garantiert weder Überleben noch Fortpflanzung. Seine Träger haben unter den betrachteten Bedingungen lediglich eine höhere Wahrscheinlichkeit, ihre erblichen Varianten weiterzugeben.

Teste dich
Frage 1 von 1MittelZwei Tiere überleben gleich lange. Tier A hat sechs fortpflanzungsfähige Nachkommen, Tier B einen. Welches Tier besitzt unter diesen Bedingungen die höhere biologische Fitness?
Lösung: Tier A, weil es stärker zum Genpool der nächsten Generation beiträgt. — Biologische Fitness wird am relativen Fortpflanzungserfolg gemessen. Tier A gibt seine erblichen Varianten häufiger an die nächste Generation weiter.
Welche Umweltfaktoren Selektionsdruck erzeugen

Ein Selektionsfaktor ist eine Umweltbedingung, durch die sich Überlebens- oder Fortpflanzungschancen unterscheiden. Seine Wirkung auf eine Population heißt Selektionsdruck.

Man unterscheidet zwei Gruppen:

  • Abiotische Selektionsfaktoren gehören zur unbelebten Umwelt, zum Beispiel Temperatur, Licht, Feuchtigkeit oder Wind.
  • Biotische Selektionsfaktoren entstehen durch andere Lebewesen, zum Beispiel Fressfeinde, Parasiten, Nahrungskonkurrenten oder Fortpflanzungspartner.

Ob ein Merkmal vorteilhaft ist, hängt vom Zusammenhang ab. Weißes Fell kann im Schnee tarnen, in einem dunklen Wald aber auffallen. Es gibt daher kein Merkmal, das in jeder Umwelt automatisch „am besten“ ist.

Beispiel

Auf einer sehr windigen Insel werden flugfähige Insekten häufiger fortgeweht. Stummelflügelige oder flügellose Varianten bleiben eher im geeigneten Lebensraum und können sich dort häufiger fortpflanzen.

Der Wind ist der abiotische Selektionsfaktor. Die geringere Flugfähigkeit ist in dieser besonderen Umwelt vorteilhaft. In einem anderen Lebensraum könnte Flugfähigkeit dagegen die Nahrungssuche oder Flucht erleichtern.

Teste dich
Frage 1 von 1MittelEine Pflanzenpopulation wächst in einem zunehmend schattigen Gebiet. Einige erbliche Varianten kommen mit wenig Licht besser zurecht. Welche Vorhersage passt zur natürlichen Selektion?
Lösung: Diese Varianten können über Generationen häufiger werden, wenn ihre Träger mehr Nachkommen hinterlassen. — Licht ist ein abiotischer Selektionsfaktor. Entscheidend ist, ob die Merkmalsunterschiede erblich sind und den Fortpflanzungserfolg beeinflussen.
Wie der Birkenspanner das Prinzip zeigt

Beim Birkenspanner kommen helle und dunkle Falter vor. Auf hellen Baumstämmen sind helle Falter für Fressfeinde schwerer zu erkennen. Auf verdunkelten Stämmen kann dagegen die dunkle Färbung besser tarnen.

Beispiel

Betrachte eine Population auf zunächst hellen Baumstämmen:

  1. Helle und dunkle Falter sind bereits als Varianten vorhanden.
  2. Fressfeinde entdecken auf dem hellen Untergrund häufiger dunkle Falter.
  3. Helle Falter überleben im Durchschnitt häufiger bis zur Fortpflanzung.
  4. Wenn die Färbung erblich ist, wird die helle Variante über Generationen häufiger.

Verdunkeln Ruß oder Staub die Stämme, ändert sich der Zusammenhang. Nun können dunkle Falter besser getarnt sein und im Durchschnitt mehr Nachkommen hinterlassen. Die Merkmalsverteilung kann sich in die andere Richtung verschieben.

Das Beispiel zeigt: Die Umwelt „färbt“ die einzelnen Falter nicht passend um. Sie verändert, welche bereits vorhandene Variante einen Fortpflanzungsvorteil besitzt.

Merke

Nicht das Merkmal allein ist vorteilhaft, sondern das Merkmal in einer bestimmten Umwelt.

Teste dich
Frage 1 von 1SchwerNach einer Umweltveränderung sind dunkle Birkenspanner besser getarnt als helle. Welche Entwicklung ist bei erblicher Färbung zu erwarten?
Lösung: Der Anteil der dunklen Variante kann über mehrere Generationen steigen. — Bessere Tarnung erhöht nur die Wahrscheinlichkeit von Überleben und Fortpflanzung. Deshalb ist eine allmähliche Häufigkeitsverschiebung zu erwarten, kein sofortiger vollständiger Austausch.
Welche drei Selektionstypen es gibt

Selektion kann die Verteilung eines Merkmals auf unterschiedliche Weise verändern.

Stabilisierende Selektion

Mittlere Ausprägungen werden begünstigt, während beide Extreme Nachteile haben. Dadurch konzentriert sich die Verteilung stärker um den Mittelwert.

Beispiel

Bei Vogelflügeln können sehr kleine Flügel das Fliegen erschweren, während extrem große Flügel ebenfalls hinderlich sind. Haben Vögel mit mittlerer Flügelgröße den höchsten Fortpflanzungserfolg, wirkt stabilisierende Selektion.

Gerichtete Selektion

Eine Ausprägung an einem Ende der bisherigen Verteilung wird begünstigt. Der häufigste Merkmalswert verschiebt sich in diese Richtung.

Beispiel

Werden Baumstämme dunkler und sind dunkle Birkenspanner dadurch besser getarnt, kann sich die Farbverteilung über Generationen zur dunklen Variante verschieben.

Disruptive Selektion

Beide extremen Ausprägungen sind vorteilhaft, während mittlere Ausprägungen benachteiligt werden. Dadurch kann sich die Verteilung aufspalten.

Beispiel

In einem Lebensraum gibt es nur kleine Insekten und harte Nüsse als Nahrung. Dünne Vogelschnäbel eignen sich gut zum Insektenfang, kräftige zum Nüsseknacken. Mittlere Schnäbel sind für beide Nahrungsarten weniger geeignet. Dann können beide Extreme gegenüber der mittleren Form begünstigt sein.

Teste dich
Frage 1 von 3LeichtBei welchem Selektionstyp werden mittlere Ausprägungen begünstigt?
Lösung: Bei der stabilisierenden Selektion. — Stabilisierende Selektion benachteiligt beide Extreme und begünstigt den mittleren Bereich.
Frage 2 von 3MittelIn einer Population werden sehr kleine und sehr große Schnäbel begünstigt, mittlere Schnäbel aber benachteiligt. Welcher Typ liegt vor?
Lösung: Disruptive Selektion. — Bei disruptiver oder aufspaltender Selektion besitzen die beiden Extreme einen Vorteil gegenüber dem Mittelwert.
Frage 3 von 3SchwerEin Umweltwechsel verschafft immer größeren Individuen einen Fortpflanzungsvorteil. Wie verändert sich die Verteilung voraussichtlich?
Lösung: Sie verschiebt sich in Richtung größerer Individuen. — Ein einseitiger Vorteil führt zu gerichteter Selektion. Der häufigste Merkmalswert kann sich über Generationen verschieben.
Welche Denkfehler du vermeiden solltest

„Survival of the fittest“ bedeutet: Der Stärkste gewinnt. Das ist falsch. „Fit“ bezeichnet den relativen Fortpflanzungserfolg unter bestimmten Umweltbedingungen.

Einzelne Lebewesen passen sich durch Selektion an. Natürliche Selektion verändert über Generationen die Häufigkeit erblicher Varianten in einer Population. Eine Veränderung eines einzelnen Organismus während seines Lebens ist damit nicht gleichzusetzen.

Evolution verfolgt ein Ziel. Variation entsteht nicht vorausschauend. Erst die gegenwärtige Umwelt entscheidet mit darüber, welche Varianten häufiger weitergegeben werden.

Ein vorteilhaftes Merkmal ist überall vorteilhaft. Ein Merkmal kann bei veränderten Bedingungen seinen Vorteil verlieren oder sogar nachteilig werden.

Selektion ist die gesamte Evolution. Selektion ist ein wichtiger Evolutionsfaktor, aber nicht mit Evolution gleichzusetzen. Auch Mutation und Rekombination tragen zur Veränderung und Vielfalt von Populationen bei.

Teste dich
Frage 1 von 1SchwerEine Schülerin sagt: „Die Falter wurden dunkel, weil sie sich an die verschmutzten Baumstämme gewöhnen mussten.“ Welche Korrektur ist fachlich passend?
Lösung: Dunkle Varianten waren vorhanden oder entstanden ungerichtet; auf dunklen Stämmen konnten ihre Träger häufiger Nachkommen hinterlassen. — Natürliche Selektion setzt an Variation an. Sie verändert die Häufigkeit erblicher Varianten über Generationen, nicht bedarfsgerecht einzelne Individuen.
Karteikasten
Karteikasten

Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.

Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Natürliche Selektion
    • Voraussetzung: erbliche Variation
    • Umweltwirkung: Selektionsfaktoren und Selektionsdruck
    • Ergebnis: unterschiedlicher Fortpflanzungserfolg
    • Population: Merkmals- und Allelhäufigkeiten verändern sich
    • stabilisierend: Mitte wird begünstigt
    • gerichtet: Verteilung verschiebt sich
    • disruptiv: Extreme werden begünstigt
Abschluss-Check
Teste dich
Frage 1 von 3LeichtWas verändert sich bei natürlicher Selektion unmittelbar über Generationen?
Lösung: Die Häufigkeit erblicher Varianten in einer Population. — Natürliche Selektion ist populationsbezogen: Unterschiedlicher Fortpflanzungserfolg verändert die Häufigkeit erblicher Varianten.
Frage 2 von 3MittelWelche vollständige Erklärung beschreibt natürliche Selektion?
Lösung: Erbliche Variation trifft auf Umweltbedingungen; dadurch unterscheiden sich Fortpflanzungserfolge und Merkmalsvarianten werden unterschiedlich häufig weitergegeben. — Für eine vollständige Erklärung brauchst du Variation, Selektionsfaktoren, unterschiedlichen Fortpflanzungserfolg und die Veränderung der Population über Generationen.
Frage 3 von 3SchwerIn einer Vogelpopulation gibt es dünne, mittlere und kräftige Schnäbel. Nach einer Umweltveränderung bleiben nur weiche Insekten als Nahrung. Dünne Schnäbel ermöglichen nun den höchsten Fortpflanzungserfolg. Welche Entwicklung ist am plausibelsten?
Lösung: Gerichtete Selektion verschiebt die Verteilung in Richtung dünner Schnäbel. — Da nur eine Seite der Merkmalsverteilung begünstigt wird, ist eine gerichtete Verschiebung zu dünneren Schnäbeln zu erwarten.

Du hast das Prinzip verstanden, wenn du bei einem neuen Beispiel diese vier Fragen beantworten kannst: Welche erbliche Variation gibt es? Welcher Selektionsfaktor wirkt? Wer hinterlässt im Durchschnitt mehr Nachkommen? Wie verändert sich dadurch die Population über Generationen?

Passend dazu