Logistisches Wachstum verstehen und modellieren
Logistisches Wachstum beschreibt einen Bestand, der anfangs fast exponentiell zunimmt, später aber durch eine begrenzte Kapazität gebremst wird. Sein Graph ist S-förmig und nähert sich einer oberen Schranke.
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Woran du logistisches Wachstum erkennst
Stell dir eine Bakterienkultur auf einem begrenzten Nährboden vor. Zu Beginn sind nur wenige Bakterien vorhanden. Viele Nährstoffe sind frei, deshalb wächst der Bestand fast exponentiell. Mit zunehmendem Bestand werden die Ressourcen knapper. Der Zuwachs nimmt ab, bis sich der Bestand einer Sättigungsgrenze nähert.
Logistisches Wachstum
Ein Bestand wächst logistisch, wenn seine Wachstumsgeschwindigkeit sowohl vom aktuellen Bestand als auch von der noch freien Kapazität abhängt.
Die drei Größen spielen unterschiedliche Rollen:
- Der aktuelle Bestand liefert das Wachstumspotenzial: Ohne vorhandene Individuen gibt es in diesem Modell keinen Zuwachs.
- Die verbleibende Kapazität bremst: Je näher der Bestand an der Schranke liegt, desto weniger Raum bleibt für weiteres Wachstum.
- Die Wachstumskonstante fasst die Stärke des Wachstums zusammen.
Logistisch bedeutet: Bestand mal freie Kapazität. Deshalb wächst der Bestand zuerst schneller und später langsamer.
Wie die Gleichung das Wachstum beschreibt
Wir bezeichnen den Bestand zur Zeit $t$ mit $B(t)$. Die Sättigungsgrenze heißt $S$, und die positive Zahl $k$ ist die Wachstumskonstante. Dann lautet die Differentialgleichung:
$$B'(t)=k\,B(t)\bigl(S-B(t)\bigr)$$
$B'(t)$ ist die momentane Wachstumsgeschwindigkeit. Der Faktor $B(t)$ beschreibt den aktuellen Bestand. Der Faktor $S-B(t)$ ist die noch freie Kapazität.
Für einen positiven Anfangsbestand $B_0=B(0)$ unterhalb von $S$ besitzt das Modell die explizite Form
$$B(t)=\frac{S}{1+\left(\frac{S}{B_0}-1\right)e^{-Skt}}.$$
Setzt du $t=0$ ein, wird der Exponentialfaktor zu $1$. Der Nenner ist dann $S/B_0$, also ergibt sich tatsächlich $B(0)=B_0$. Für große $t$ geht $e^{-Skt}$ gegen $0$; dadurch nähert sich $B(t)$ der Schranke $S$.
Die Einheit von $k$ hängt von den Einheiten des Bestands und der Zeit ab. Wird $B$ in Individuen und $t$ in Tagen gemessen, hat $k$ in dieser Schreibweise die Einheit $1/(\text{Individuum}\cdot\text{Tag})$. So besitzt $B'(t)$ die Einheit Individuen pro Tag.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
In $B'(t)=kB(t)(S-B(t))$ steht $B(t)$ für den . Der Ausdruck $S-B(t)$ beschreibt die . Bei $B(t)=S$ ist der Zuwachs . Für große Zeiten nähert sich der Bestand der .
Was S-Kurve und Wendepunkt verraten
Der Graph beginnt flach, wird immer steiler und flacht anschließend wieder ab. Diese Form heißt S-Kurve oder Sigmoidkurve.
- Solange $B(t)$ klein gegenüber $S$ ist, gilt näherungsweise $S-B(t)\approx S$. Dann verhält sich das Modell ähnlich wie exponentielles Wachstum.
- Bei $B(t)=S/2$ ist die Steigung am größten. Dort liegt der Wendepunkt.
- Oberhalb von $S/2$ wird die freie Kapazität immer kleiner. Der Bestand wächst weiter, aber langsamer.
Warum liegt das stärkste Wachstum bei der halben Kapazität? Betrachte für einen festen Zeitpunkt das Produkt
$$B(S-B).$$
Ist $B$ sehr klein, fehlt Bestand als Wachstumsmotor. Ist $B$ fast so groß wie $S$, fehlt freie Kapazität. Das Produkt ist bei $B=S/2$ am größten. Daher gilt
$$B(t_W)=\frac S2$$
und für die maximale Wachstumsgeschwindigkeit
$$v_{\max}=k\frac S2\left(S-\frac S2\right)=\frac{kS^2}{4}.$$
Eine Kultur kann höchstens $600$ mg Hefe enthalten. Am Wendepunkt sind deshalb $600/2=300$ mg vorhanden. Diese Aussage bestimmt den Bestand am Wendepunkt. Den Zeitpunkt $t_W$ erhältst du erst, wenn du die Funktionsgleichung löst oder den Graphen auswertest.
Wie du einen Parameter aus Daten bestimmst
Ein vollständiges Beispiel zeigt den Rechenweg. In einem Behälter leben anfangs $25$ Insekten. Nach einem Tag sind es $30$ Insekten. Die Kapazitätsgrenze liegt bei $400$ Insekten.
1. Gegebene Werte einsetzen
Es gilt $B_0=25$ und $S=400$. Damit ist
$$\frac{S}{B_0}-1=\frac{400}{25}-1=15$$
und die Funktion hat zunächst die Form
$$B(t)=\frac{400}{1+15e^{-400kt}}.$$
2. Messwert verwenden
Mit $B(1)=30$ folgt
$$30=\frac{400}{1+15e^{-400k}}.$$
Schrittweise umgeformt ergibt sich
$$1+15e^{-400k}=\frac{40}{3},$$
$$e^{-400k}=\frac{37}{45},$$
$$k=-\frac{1}{400}\ln\left(\frac{37}{45}\right)\approx0{,}00049.$$
3. Modell aufschreiben und prüfen
Gerundet lautet das Modell
$$B(t)\approx\frac{400}{1+15e^{-0{,}196t}}.$$
Es liefert $B(0)=25$ und näherungsweise $B(1)=30$. Nach zehn Tagen ergibt das Modell rund $128$ Insekten. Um den Wendepunkt herum, nahe dem 14. Tag, liegt der Bestand bei ungefähr $200$ Insekten und wächst am schnellsten.
Runde $k$ möglichst erst am Ende. Sonst können sich Rundungsfehler in späteren Bestandswerten verstärken.
Wie du das Modell auswählst und kritisch prüfst
Ein Modell ist eine vereinfachte Beschreibung, keine Garantie für die Zukunft. Das logistische Modell setzt insbesondere eine feste Sättigungsgrenze und eine konstante Wachstumskonstante voraus.
| Beobachtung | Passende erste Modellidee |
|---|---|
| gleicher absoluter Zuwachs je Zeitschritt | lineares Wachstum |
| ungefähr gleicher prozentualer Zuwachs ohne erkennbare Grenze | exponentielles Wachstum |
| S-förmiger Verlauf mit oberer Schranke | logistisches Wachstum |
Frühe Messwerte allein können täuschen: Solange $B(t)$ viel kleiner als $S$ ist, sieht logistisches Wachstum fast exponentiell aus. Erst spätere Daten zeigen möglicherweise die Abflachung.
Prüfe vor einer Entscheidung:
- Gibt es eine sachlich begründete Kapazitätsgrenze?
- Zeigen die Daten zuerst zunehmende und später abnehmende Zuwächse?
- Bleiben Umweltbedingungen und Modellparameter ungefähr konstant?
- Passt das Modell auch zu Messwerten, die nicht zur Bestimmung der Parameter verwendet wurden?
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Logistisches Wachstum
- Antrieb: aktueller Bestand $B(t)$
- Bremse: freie Kapazität $S-B(t)$
- Verlauf: S-Kurve mit Wendepunkt bei $S/2$
- Grenze: Annäherung an $S$
- Anwendung: Parameter aus Messwerten bestimmen
- Prüfung: Annahmen und spätere Daten kontrollieren
Abschluss-Check
Du kannst logistisches Wachstum nun an seiner Modellidee erkennen, mathematisch beschreiben, am Wendepunkt deuten und anhand von Daten sowie Annahmen überprüfen.
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