Partielle Integration: Formel, Beispiele und Übungen
Mit der partiellen Integration wandelst du ein Produkt von Funktionen in ein einfacheres Integral um. Die Methode kehrt die Produktregel des Ableitens um: Du leitest einen Faktor ab und integrierst den anderen.
Entscheidend ist die Wahl der Faktoren. Das entstehende Restintegral sollte einfacher sein als das ursprüngliche Integral.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Wann hilft die partielle Integration?
Die Methode eignet sich besonders für Produkte wie
- Polynom mal trigonometrische Funktion, zum Beispiel $x\cos(x)$,
- Polynom mal Exponentialfunktion, zum Beispiel $xe^x$,
- algebraische Funktion mal Logarithmus, zum Beispiel $x\ln(x)$.
Auch eine einzelne Funktion kann als Produkt geschrieben werden. Bei $\ln(x)$ ergänzt du den Faktor $1$:
$$\ln(x)=1\cdot\ln(x).$$
Restintegral
Das Restintegral ist das Integral, das nach Anwendung der Formel übrig bleibt. Die Faktorwahl ist günstig, wenn dieses Integral leichter zu berechnen ist als das Ausgangsintegral.
Partielle Integration ist keine automatische Lösung für jedes Produkt. Sie ist sinnvoll, wenn das Ableiten des einen Faktors und das Integrieren des anderen die Aufgabe vereinfacht.
Wie entsteht die Formel?
Die Produktregel lautet
$$(u(x)v(x))'=u'(x)v(x)+u(x)v'(x).$$
Integrierst du beide Seiten, erhältst du bis auf eine Integrationskonstante
$$u(x)v(x)=\int u'(x)v(x)\,dx+\int u(x)v'(x)\,dx.$$
Stellst du nach dem zweiten Integral um und fasst die Integrationskonstanten zusammen, folgt die Formel der partiellen Integration:
$$\int u(x)v'(x)\,dx=u(x)v(x)-\int u'(x)v(x)\,dx+C.$$
In Kurzform:
$$\int u\,v'\,dx=uv-\int u'v\,dx+C.$$
Dabei wird $u$ abgeleitet und $v'$ integriert.
Für stetig differenzierbare Funktionen auf $[a,b]$ gilt beim bestimmten Integral:
$$\int_a^b u(x)v'(x)\,dx=[u(x)v(x)]_a^b-\int_a^b u'(x)v(x)\,dx.$$
Hier steht kein $+C$, weil ein bestimmtes Integral einen Zahlenwert liefert.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Bei der partiellen Integration wird $u$ , während $v'$ wird. Vor dem Restintegral steht ein .
Wie wählst du die Faktoren?
Gehe in vier Schritten vor:
- Zerlege den Integranden in $u\cdot v'$.
- Prüfe, ob $u'$ einfacher als $u$ wird.
- Prüfe, ob du eine Stammfunktion $v$ zu $v'$ leicht bilden kannst.
- Vergleiche das erwartete Restintegral mit der Ausgangsaufgabe.
Bei einem Polynom und einer Sinus-, Kosinus- oder Exponentialfunktion ist es meist günstig, das Polynom als $u$ zu wählen. Sein Grad sinkt beim Ableiten.
Die Merkhilfe LIATE schlägt folgende Reihenfolge für den abzuleitenden Faktor vor:
- logarithmische Funktionen,
- inverse trigonometrische Funktionen,
- algebraische Funktionen wie Polynome,
- trigonometrische Funktionen,
- Exponentialfunktionen.
LIATE ist nur eine Faustregel. Entscheidend bleibt, ob das Restintegral tatsächlich einfacher wird.
Bei $\int x\cos(x)\,dx$ wählst du
$$u=x,\qquad v'=\cos(x).$$
Dann gilt
$$u'=1,\qquad v=\sin(x).$$
Das Restintegral $\int\sin(x)\,dx$ lässt sich direkt berechnen. Die Wahl ist daher günstig.
Wie rechnest du ein Integral vollständig aus?
Berechne
$$\int x\cos(x)\,dx.$$
1. Faktoren wählen
$$u=x,\qquad v'=\cos(x).$$
2. Ableitung und Stammfunktion bilden
$$u'=1,\qquad v=\sin(x).$$
3. In die Formel einsetzen
$$\int x\cos(x)\,dx=x\sin(x)-\int\sin(x)\,dx.$$
4. Restintegral berechnen
Da $-\cos(x)$ eine Stammfunktion von $\sin(x)$ ist, gilt
$$x\sin(x)-(-\cos(x))=x\sin(x)+\cos(x).$$
Damit lautet das Ergebnis
$$\int x\cos(x)\,dx=x\sin(x)+\cos(x)+C.$$
5. Durch Ableiten prüfen
$$(x\sin(x)+\cos(x))'=\sin(x)+x\cos(x)-\sin(x)=x\cos(x).$$
Die Ableitung stimmt mit dem ursprünglichen Integranden überein.
Für das bestimmte Integral von $0$ bis $\pi$ setzt du die Grenzen in die Stammfunktion ein:
$$\int_0^\pi x\cos(x)\,dx=[x\sin(x)+\cos(x)]_0^\pi=-2.$$
Wann musst du die Methode wiederholen?
Bei einem Polynom höheren Grades reicht ein Schritt oft nicht. Betrachte
$$\int x^2\cos(x)\,dx.$$
Nach der ersten partiellen Integration erhältst du
$$\int x^2\cos(x)\,dx=x^2\sin(x)-\int 2x\sin(x)\,dx.$$
Das Restintegral enthält noch das Produkt $2x\sin(x)$. Deshalb integrierst du erneut partiell:
$$\int 2x\sin(x)\,dx=-2x\cos(x)+2\sin(x).$$
Einsetzen ergibt
$$\int x^2\cos(x)\,dx=x^2\sin(x)+2x\cos(x)-2\sin(x)+C.$$
Beim Ableiten sinkt der Polynomgrad von $2$ auf $1$ und anschließend auf $0$. Danach bleibt kein Produkt mit einem Polynom mehr übrig.
Wiederhole die partielle Integration, solange das Restintegral dadurch einfacher wird. Achte beim Einsetzen besonders auf das Minuszeichen vor dem Restintegral.
Welche Sonderfälle und Fehler solltest du kennen?
Eine einzelne Funktion als Produkt
Für $x>0$ kannst du $\ln(x)$ als $1\cdot\ln(x)$ schreiben. Wähle
$$u=\ln(x),\qquad v'=1,$$
also
$$u'=\frac1x,\qquad v=x.$$
Damit folgt
$$\int\ln(x)\,dx=x\ln(x)-\int1\,dx=x\ln(x)-x+C.$$
Das Ausgangsintegral erscheint erneut
Bei manchen Aufgaben steht nach der partiellen Integration wieder das ursprüngliche Integral in der Gleichung. Dann ist die Rechnung nicht gescheitert: Behandle das Integral wie eine unbekannte Größe, bringe alle Vorkommen auf eine Seite und löse die Gleichung.
Typische Fehler
- Ungünstige Faktorwahl: Das Restintegral wird schwieriger statt einfacher.
- Vorzeichenfehler: Vor dem Restintegral steht ein Minuszeichen.
- Falsche Stammfunktion: Prüfe besonders die Vorzeichen bei Sinus und Kosinus.
- Fehlendes $+C$: Jede unbestimmte Stammfunktion benötigt eine Integrationskonstante.
- Grenzen falsch behandelt: Bei bestimmten Integralen gilt der Randterm $[uv]_a^b$; ein $+C$ ist dort nicht nötig.
Zwei verschieden aussehende Stammfunktionen können beide richtig sein. Wenn ihre Differenz konstant ist, gehören sie zur selben Familie von Stammfunktionen.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Partielle Integration
- Produktregel rückwärts: Produktterm minus Restintegral
- Faktorwahl: Ableiten soll vereinfachen
- Mehrfache Anwendung: Polynomgrad schrittweise senken
- Sonderfall: fehlenden Faktor $1$ ergänzen
- Kontrolle: Stammfunktion ableiten
- Bestimmtes Integral: Randterm an den Grenzen auswerten
Abschluss-Check
Du beherrschst die Methode, wenn du vor dem Rechnen begründen kannst, warum deine Faktorwahl das Restintegral vereinfacht, und dein Ergebnis anschließend durch Ableiten bestätigst.
Mit Google fortfahren