Dissonanz: Spannung in Musik verstehen
Eine Dissonanz ist eine Tonbeziehung, die häufig Spannung oder Bewegung erzeugt. Sie kann nach einer Auflösung in einen ruhigeren Klang streben. Ob sie tatsächlich so wirkt und wie sie behandelt wird, hängt jedoch vom musikalischen Zusammenhang und vom Stil ab.
Auf dieser Seite lernst du, Dissonanzen zu erkennen, ihren Verlauf zu beschreiben und ihre Wirkung zu begründen, ohne Klänge vorschnell als schön oder hässlich zu bewerten.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Woran erkennst du eine Dissonanz?
Dissonanz
Eine Dissonanz ist eine spannungsreiche Beziehung zwischen Tönen. Sie kann gleichzeitig in einem Mehrklang oder nacheinander in einer Melodie auftreten. In vielen musikalischen Zusammenhängen erzeugt sie eine Strebewirkung: Der Klang wirkt so, als solle er sich weiterbewegen.
Das Gegenstück heißt Konsonanz. Konsonante Tonbeziehungen wirken häufig stabiler, ruhiger und stärker verschmolzen. Dissonanz bedeutet deshalb nicht automatisch „schlecht“, und Konsonanz bedeutet nicht automatisch „gut“. Beide erfüllen musikalische Aufgaben.
In einer traditionellen Intervallklassifikation gelten Sekunden, Septimen und der Tritonus als dissonant. Terzen und Sexten werden als unvollkommene Konsonanzen, Prime, Quinte und Oktave als vollkommene Konsonanzen eingeordnet. Die Quarte ist ein Grenzfall: Sie kann konsonant oder – abhängig vom musikalischen Zusammenhang – dissonant behandelt werden.
Beurteile eine Dissonanz nicht nur nach einem einzelnen Klang. Achte darauf, was vorher klingt, wie die Töne geführt werden und was danach folgt.
Wie entsteht ein Spannungsverlauf?
Musikalische Wirkung entsteht oft durch den Wechsel von Spannung und Entspannung. Ein dissonanter Klang kann Bewegung anstoßen; eine folgende Konsonanz kann diese Spannung verringern. Auch eine neue Dissonanz kann die Spannung weiterführen oder verstärken.
Achte beim Beschreiben eines Verlaufs auf drei Schritte:
- Ausgang: Wie ruhig oder gespannt wirkt der erste Klang?
- Veränderung: Welcher Ton bleibt liegen, bewegt sich schrittweise oder springt?
- Folge: Nimmt die Spannung ab, bleibt sie bestehen oder entsteht eine neue Spannung?
Ein Klang wirkt zunächst ruhig. Danach bleibt ein Ton liegen, während die übrigen Stimmen zu einer neuen Harmonie wechseln. Der gehaltene Ton passt nun spannungsreich zum neuen Klang. Bewegt er sich anschließend schrittweise in einen konsonanten Ton, entsteht der Verlauf Ruhe – Spannung – Entspannung.
Der entscheidende Gedanke lautet: Nicht der gehaltene Ton allein ist dissonant. Erst seine neue Beziehung zu den anderen Stimmen erzeugt die Spannung.
Wie werden Dissonanzen im 18. Jahrhundert geführt?
Im Stil des 18. Jahrhunderts lassen sich Dissonanzen häufig danach unterscheiden, wie sie erreicht werden, wo sie im Takt stehen und wie sie weitergeführt werden. Diese Beschreibungen sind keine zeitlosen Regeln für jede Musik.
Vorhalt
Beim Vorhalt bleibt ein zunächst konsonanter Akkordton liegen. Die anderen Stimmen wechseln zur nächsten Harmonie. Dadurch wird der gehaltene Ton dissonant. Er löst sich meistens schrittweise nach unten in eine Konsonanz auf. Der Vorhalt steht auf einem betonten Taktteil.
Durchgang und Vorausnahme
Ein Durchgang füllt in einer Stimme einen Terzsprung schrittweise aus. Ein häufiges Kadenzmodell ist der 8–7-Durchgang über der Dominante.
Bei der Vorausnahme oder Antizipation erscheint ein Ton zunächst unbetont als Dissonanz. Danach erklingt derselbe Ton auf einer Betonung als Bestandteil der folgenden Harmonie.
Nebennoten, Umspielung und Orgelpunkt
Bei einer anspringenden Nebennote führt ein Sprung in die Dissonanz. Bei einer abspringenden Nebennote führt ein Sprung aus ihr heraus.
Bei einer Umspielung folgen zwei dissonante Töne im Abstand einer kleinen Terz aufeinander. Danach führt ein Schritt in die umspielte Konsonanz.
Beim Orgelpunkt bleibt ein Ton liegen, während sich die anderen Stimmen bewegen. Durch ihre wechselnden Beziehungen kann der gehaltene Ton zeitweise dissonant werden. Liegt er in der Oberstimme, heißt er Diskantorgelpunkt.
Die Begriffe beschreiben nicht nur den Klang eines einzelnen Intervalls. Sie berücksichtigen auch Betonung, Bewegungsrichtung und Stimmführung.
Wie lösen sich Septimen auf?
Eine Septime ist ein dissonantes Intervall. In traditioneller Stimmführung hängt ihre typische Auflösungsrichtung von ihrer Größe ab.
- Die große Septime strebt nach oben zur Oktave. Der nach oben strebende obere Ton wird dabei als Leitton bezeichnet.
- Die kleine Septime wird typischerweise nach unten zur kleinen oder großen Sexte geführt. Der abwärts strebende Ton wird als Gleitton bezeichnet.
Die Töne c und h bilden eine große Septime. Bewegt sich das h einen Halbton nach oben zum c, entsteht die Oktave c–c.
- Ausgang: c–h, große Septime und damit Spannung.
- Bewegung: Der obere Ton h steigt schrittweise zum c.
- Ergebnis: c–c, Oktave und damit eine traditionelle konsonante Auflösung.
Der entscheidende Schritt ist die Richtung: Die große Septime wird hier durch die Aufwärtsbewegung des oberen Tons zur Oktave aufgelöst.
Ein Dominantseptakkord enthält eine kleine Septime. In traditioneller Stimmführung wird dieser Septimton schrittweise nach unten geführt.
Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.
Die große Septime strebt traditionell zur . Die kleine Septime wird typischerweise zu einer geführt.
Warum entscheidet der Stil mit?
Die Wirkung und Behandlung von Dissonanzen sind nicht in jeder Musik gleich. Im Stil des 18. Jahrhunderts spielen vorbereitete oder geregelte Auflösungen eine wichtige Rolle. In der Musik des 20. Jahrhunderts wurden solche traditionellen Auflösungsregeln vielfach aufgegeben. Dafür wird der Ausdruck Emanzipation der Dissonanz verwendet.
Eine Dissonanz muss deshalb nicht immer sofort in eine Konsonanz übergehen. Sie kann als selbstständiger Klang bestehen oder Teil einer längeren Spannungsentwicklung sein.
Auch bei der Intervallklassifikation ist Vorsicht nötig. Die Quarte zeigt, dass ein Intervall je nach seiner Funktion unterschiedlich bewertet werden kann. Frage daher nicht nur: „Welches Intervall ist das?“, sondern auch: „Welche Rolle spielt es in diesem Verlauf?“
Beschreibe erst hörbare oder erkennbare Merkmale und deute dann ihre Funktion: Klangbeziehung – Verlauf – Stilzusammenhang.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Dissonanz
- Wirkung: Spannung und Bewegung
- Erscheinung: gleichzeitig oder nacheinander
- Verlauf: Entstehung, Fortführung oder Auflösung
- Stimmführung: Vorhalt, Durchgang, Vorausnahme, Nebennote, Umspielung, Orgelpunkt
- Intervalle: Sekunde, Tritonus und Septime; Quarte kontextabhängig
- Stil: geregelte Behandlung oder selbstständiger Klang
Abschluss-Check
Prüfe dich zum Schluss: Kannst du bei einem unbekannten Klangverlauf zuerst die Spannung beschreiben, danach die beteiligte Tonbewegung untersuchen und erst dann die stilabhängige Funktion deuten? Dann nutzt du Dissonanz nicht nur als Etikett, sondern als Werkzeug zum musikalischen Verstehen.
Mit Google fortfahren