Physik

Messunsicherheit berechnen und richtig angeben

Messunsicherheit berechnen und richtig angeben
Messunsicherheit berechnen und richtig angeben
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Keine Messung liefert einen vollkommen exakten Wert. Ein vollständiges Messergebnis besteht deshalb aus einem Bestwert, einer Messunsicherheit und einer Einheit, zum Beispiel $L=(20{,}0\pm0{,}1)\,\mathrm{cm}$. Die Unsicherheit beschreibt, welche Werte der Messgröße aufgrund des Messverfahrens vernünftigerweise infrage kommen.

Deine Lernziele

Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!

Warum braucht jede Messung eine Unsicherheit?

Stell dir vor, du misst die Länge eines Tisches dreimal. Selbst bei sorgfältigem Arbeiten können leicht verschiedene Werte entstehen. Gründe sind etwa die begrenzte Skalenteilung des Lineals, ein etwas anderer Startpunkt oder die Blickrichtung beim Ablesen.

Definition

Messunsicherheit

Die Messunsicherheit quantifiziert die Variabilität der Werte, die einem Messergebnis zugeordnet werden können. Sie ist kein Eingeständnis schlechten Arbeitens, sondern eine notwendige Angabe zur Qualität einer Messung.

Der Bestwert ist die beste aus den Daten gewonnene Schätzung. Bei einer Messreihe ist das häufig der Mittelwert. Er ist aber nicht automatisch ein exakt bekannter wahrer Wert.

Merke

Ein Messwert ohne Unsicherheit sagt nicht, wie präzise und belastbar das Ergebnis ist.

Teste dich
Frage 1 von 1LeichtWarum wird eine sorgfältige Messung mit einer Unsicherheit angegeben?
Lösung: Weil auch sorgfältige Messungen nur begrenzt genau sind. — Die Unsicherheit macht die begrenzte Aussagekraft der Messung sichtbar. Sie gehört auch zu sorgfältig gewonnenen Ergebnissen.
Welche Arten von Abweichungen gibt es?

Nicht jede auffällige Abweichung wird gleich behandelt. Entscheidend ist ihre Ursache.

Grobe Abweichungen

Ein Zahlendreher, ein falsch gesetzter Nullpunkt oder eine ungeeignete Versuchsanordnung sind grobe Abweichungen. Sie sollen durch Kontrolle erkannt und vermieden werden. Einen verdächtigen Wert darfst du nicht allein deshalb streichen, weil er nicht zu deiner Erwartung passt. Du brauchst dafür ein begründetes Kriterium und solltest die mögliche Ursache dokumentieren.

Systematische Abweichungen

Eine systematische Abweichung verschiebt Messwerte unter gleichen Bedingungen in dieselbe Richtung. Ein nicht auf null gestellter Kraftmesser kann beispielsweise alle Werte zu groß anzeigen. Viele Wiederholungen beseitigen diese Verschiebung nicht. Du musst die Ursache prüfen, das Gerät kalibrieren, das Verfahren ändern oder einen passenden Unsicherheitsbeitrag berücksichtigen.

Zufällige Abweichungen

Zufällige Abweichungen wechseln unvorhersehbar in Betrag und Richtung. Beispiele sind Schwankungen der Reaktionszeit, der Temperatur oder der letzten Anzeigestelle. Wiederholungen machen diese Streuung sichtbar und statistisch auswertbar.

Gut zu wissen

Die statistische Auswertung wiederholter Messungen heißt Typ-A-Bewertung. Eine Typ-B-Bewertung nutzt andere Informationen, etwa Skalenteilung, Herstellerangaben, Kalibrierung, Erfahrung oder Umgebungsbedingungen. Typ A und Typ B bezeichnen Bewertungswege, nicht gute und schlechte Unsicherheiten.

Teste dich
Frage 1 von 1MittelEin Thermometer zeigt wegen einer falschen Kalibrierung stets $0{,}8\,^\circ\mathrm C$ zu viel an. Welche Art liegt vor?
Lösung: Eine systematische Abweichung — Die gleichgerichtete Verschiebung bleibt auch nach vielen Wiederholungen bestehen. Das kennzeichnet eine systematische Abweichung.
Wie gibst du eine direkte Messung an?

Bei einer direkten Messung liest du die gesuchte Größe unmittelbar an einem Gerät ab. Eine schulische Faustregel lautet:

  • Bei einem Analoggerät setzt du häufig mindestens die Hälfte der kleinsten Skalenteilung an.
  • Bei einem Digitalgerät kann eine Einheit der letzten angezeigten Stelle angesetzt werden, wenn keine genauere Geräteangabe vorliegt.

Diese Faustregeln ersetzen keine vorhandenen Hersteller- oder Kalibrierangaben.

Beispiel

Ein analoger Federkraftmesser besitzt Teilstriche im Abstand von $0{,}1\,\mathrm N$. Du liest $0{,}25\,\mathrm N$ ab.

Die halbe Skalenteilung beträgt:

$$u_F=\frac{0{,}1\,\mathrm N}{2}=0{,}05\,\mathrm N$$

Das vollständige Ergebnis lautet:

$$F=(0{,}25\pm0{,}05)\,\mathrm N$$

Das zugehörige Intervall reicht hier von $0{,}20\,\mathrm N$ bis $0{,}30\,\mathrm N$.

Richtig runden

Runde die Unsicherheit auf höchstens zwei von null verschiedene Ziffern. Runde anschließend den Bestwert auf dieselbe Dezimalstelle.

Aus $I=0{,}227459\,\mathrm A$ und $u_I=0{,}0050\,\mathrm A$ wird daher:

$$I=(0{,}2275\pm0{,}0050)\,\mathrm A$$

Absolute und relative Unsicherheit

Die absolute Unsicherheit $u$ besitzt dieselbe Einheit wie die Messgröße. Die relative Unsicherheit vergleicht sie mit dem Bestwert:

$$u_\mathrm{rel}=\frac{u}{|x|}$$

In Prozent gilt:

$$u_\%=\frac{u}{|x|}\cdot100\,\%$$

Für $F=(0{,}25\pm0{,}05)\,\mathrm N$ beträgt die relative Unsicherheit $0{,}05/0{,}25=0{,}20$, also $20\,\%$.

Lückentext

Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.

Ein vollständiges Messergebnis enthält den , die und die . Die absolute Unsicherheit besitzt .

Lösungen: Lücke 1: Bestwert; Lücke 2: Messunsicherheit; Lücke 3: Einheit; Lücke 4: dieselbe Einheit wie die Messgröße. Die Unsicherheit wird zusammen mit Bestwert und Einheit angegeben. Erst die relative Unsicherheit ist ein einheitenloses Verhältnis und kann als Prozentwert erscheinen.
Was bringen wiederholte Messungen?

Wiederholungen zeigen die zufällige Streuung. Für $n$ Messwerte berechnest du zunächst den arithmetischen Mittelwert:

$$\bar x=\frac{1}{n}\sum_{i=1}^{n}x_i$$

Die korrigierte Stichprobenstandardabweichung beschreibt die Streuung der Einzelwerte:

$$s=\sqrt{\frac{\sum_{i=1}^{n}(x_i-\bar x)^2}{n-1}}$$

Die Standardunsicherheit des Mittelwerts beschreibt dagegen, wie genau das Zentrum der Verteilung bestimmt wurde:

$$s_{\bar x}=\frac{s}{\sqrt n}$$

Beispiel

Drei Zeitmessungen ergeben $10{,}0\,\mathrm s$, $10{,}2\,\mathrm s$ und $9{,}8\,\mathrm s$.

Der Mittelwert ist:

$$\bar t=\frac{10{,}0+10{,}2+9{,}8}{3}\,\mathrm s=10{,}0\,\mathrm s$$

Für die Streuung erhältst du:

$$s=\sqrt{\frac{0^2+0{,}2^2+(-0{,}2)^2}{2}}\,\mathrm s=0{,}20\,\mathrm s$$

Die Standardunsicherheit des Mittelwerts beträgt:

$$s_{\bar t}=\frac{0{,}20}{\sqrt3}\,\mathrm s\approx0{,}12\,\mathrm s$$

$s$ beschreibt hier die Streuung einzelner Zeitmessungen. $s_{\bar t}$ beschreibt die Unsicherheit des geschätzten Mittelwerts. Die beiden Größen beantworten unterschiedliche Fragen.

Mehr Wiederholungen verkleinern $s_{\bar x}$ im Modell ungefähr mit $1/\sqrt n$. Die Streuung $s$ der Einzelmessungen wird dadurch nicht automatisch kleiner. Auch eine systematische Verschiebung verschwindet nicht durch Wiederholen.

Soll ein Vertrauensbereich angegeben werden, muss zusätzlich ein zur Messzahl und zum gewählten Vertrauensniveau passender Faktor verwendet und das Vertrauensniveau genannt werden.

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Frage 1 von 1MittelEine Messreihe wird unter unveränderten Bedingungen viermal so oft wiederholt. Was geschieht idealisiert mit $s_{\bar x}$?
Lösung: Es wird ungefähr halb so groß. — Wegen $s_{\bar x}=s/\sqrt n$ führt die vierfache Messzahl zum Faktor $1/\sqrt4=1/2$, sofern die Bedingungen vergleichbar bleiben.
Vertiefung: Wie pflanzt sich Unsicherheit fort?

Oft wird die gesuchte Größe nicht direkt gemessen. Für die Geschwindigkeit $v=s/t$ misst du beispielsweise Weg und Zeit. Deren Unsicherheiten beeinflussen das Ergebnis.

Bei unabhängigen, probabilistisch beschriebenen Eingangsgrößen werden die relativen Beiträge für ein Produkt oder einen Quotienten quadratisch kombiniert:

$$u_v=|v|\sqrt{\left(\frac{u_s}{s}\right)^2+\left(\frac{u_t}{t}\right)^2}$$

Beispiel

Gegeben sind:

$$s=(50{,}00\pm0{,}50)\,\mathrm m$$

$$t=(20{,}0\pm1{,}0)\,\mathrm s$$

Der Bestwert der Geschwindigkeit ist:

$$v=\frac{50{,}00\,\mathrm m}{20{,}0\,\mathrm s}=2{,}50\,\mathrm{m/s}$$

Die relativen Eingangsunsicherheiten betragen $1\,\%$ für den Weg und $5\,\%$ für die Zeit. Damit folgt:

$$u_v=2{,}50\sqrt{0{,}01^2+0{,}05^2}\,\mathrm{m/s}\approx0{,}13\,\mathrm{m/s}$$

Das Ergebnis lautet:

$$v=(2{,}50\pm0{,}13)\,\mathrm{m/s}$$

Die Zeitmessung dominiert die Unsicherheitsbilanz. Eine Verbesserung der Zeitmessung wäre deshalb wirksamer als eine weitere Verbesserung der bereits genaueren Wegmessung.

Sind die Eingangsunsicherheiten dagegen als sichere Größtwerte gedacht, ist eine konservative lineare Kombination passend:

$$u_v\approx|v|\left(\frac{u_s}{|s|}+\frac{u_t}{|t|}\right)=0{,}15\,\mathrm{m/s}$$

Merke

Quadratische und lineare Kombination sind keine frei austauschbaren Rezepte. Die Wahl hängt davon ab, wie die Eingangsunsicherheiten bestimmt und interpretiert wurden.

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Frage 1 von 1SchwerDu kannst nur eine der beiden Messungen aus dem Beispiel deutlich verbessern. Welche Wahl senkt $u_v$ am stärksten?
Lösung: Die Zeitmessung, weil ihre relative Unsicherheit größer ist. — Die Zeit trägt mit $5\,\%$ deutlich mehr bei als der Weg mit $1\,\%$. Deshalb lohnt sich dort die Verbesserung zuerst.
Wie vergleichst du Messergebnisse?

Vergleiche nicht nur die Bestwerte. Bilde zuerst die Unsicherheitsintervalle und beachte, wie die Unsicherheit festgelegt wurde.

Ein Ergebnis $x\pm u$ liefert rechnerisch das Intervall:

$$[x-u,\ x+u]$$

Beispiel mit dem Referenzwert $g_\mathrm{ref}=9{,}81\,\mathrm{m/s^2}$:

  • $g_A=(9{,}83\pm0{,}01)\,\mathrm{m/s^2}$ ergibt $[9{,}82;9{,}84]\,\mathrm{m/s^2}$. Der Referenzwert liegt nicht darin.
  • $g_B=(9{,}78\pm0{,}05)\,\mathrm{m/s^2}$ ergibt $[9{,}73;9{,}83]\,\mathrm{m/s^2}$. Der Referenzwert liegt darin.

Obwohl der Bestwert von A näher am Referenzwert liegt, ist nur B nach dieser einfachen Intervallregel mit ihm verträglich.

Definition

Präzision und Richtigkeit

Präzision beschreibt eine geringe Streuung beziehungsweise kleine Unsicherheit. Richtigkeit beschreibt die Nähe zu einem geeigneten Referenzwert. Ein Ergebnis kann präzise, aber durch einen systematischen Einfluss verschoben sein.

Überlappende Unsicherheitsintervalle sind ein Hinweis auf Verträglichkeit, aber kein Beweis für Gleichheit. Bei anspruchsvollen Vergleichen müssen Verteilung, Vertrauensniveau, Messzahl und mögliche Abhängigkeiten berücksichtigt werden.

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Frage 1 von 1SchwerZwei Unsicherheitsintervalle überlappen. Welche Folgerung ist angemessen?
Lösung: Die Ergebnisse können verträglich sein; Gleichheit ist damit nicht bewiesen. — Der Intervallvergleich ist eine anschauliche Faustregel. Eine weitergehende Aussage benötigt ein zur Datengrundlage passendes statistisches Verfahren.
Karteikasten
Karteikasten

Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.

Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Messunsicherheit
    • Ergebnis: Bestwert, Unsicherheit und Einheit
    • Ursachen: zufällige, systematische und grobe Abweichungen
    • Bestimmung: Typ A aus Wiederholungen, Typ B aus weiteren Informationen
    • Darstellung: absolute und relative Unsicherheit
    • Fortpflanzung: Eingangsbeiträge passend zum Unsicherheitsmodell kombinieren
    • Vergleich: Intervalle und Präzision gemeinsam beurteilen
Abschluss-Check
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Frage 1 von 3LeichtWelche Angabe ist ein vollständiges Messergebnis?
Lösung: $L=(20{,}0\pm0{,}1)\,\mathrm{cm}$ — Ein vollständiges Ergebnis nennt Bestwert, Unsicherheit und Einheit.
Frage 2 von 3MittelEin Digitalthermometer mit einer Auflösung von $1\,^\circ\mathrm C$ zeigt bei Wiederholungen stets $19\,^\circ\mathrm C$. Welche Aussage ist richtig?
Lösung: Die Unsicherheit ist nicht null; ohne genauere Angabe kann ein Typ-B-Beitrag von $1\,^\circ\mathrm C$ angesetzt werden. — Begrenzte Auflösung bleibt auch dann eine Unsicherheitsquelle, wenn die Anzeige nicht sichtbar schwankt.
Frage 3 von 3SchwerEine Messreihe streut wenig, liegt aber aufgrund eines falschen Nullpunkts deutlich neben dem Referenzwert. Wie beurteilst du sie?
Lösung: Sie ist präzise, aber systematisch verschoben und daher nicht unbedingt richtig. — Kleine Streuung bedeutet hohe Präzision. Für Richtigkeit musst du zusätzlich systematische Einflüsse und einen geeigneten Referenzwert prüfen.

Du hast das Lernziel erreicht, wenn du zu einem neuen Messergebnis die Unsicherheitsquellen benennen, die passende Unsicherheit bestimmen, korrekt runden und die Aussage des Intervalls begründet erklären kannst.

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