Physik

Wellenfunktion in der Quantenphysik verstehen

Wellenfunktion in der Quantenphysik verstehen
Wellenfunktion in der Quantenphysik verstehen
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Die quantenmechanische Wellenfunktion $\psi$ beschreibt den Zustand eines Quantensystems. Sie ist im Allgemeinen komplexwertig und nicht direkt messbar. Für Ortsmessungen erhältst du Wahrscheinlichkeiten aus ihrem Betragsquadrat.

Auf dieser Seite lernst du außerdem, warum $\psi$ keine gewöhnliche, im Raum schwingende Stoffwelle ist.

Deine Lernziele

Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!

Zwei verschiedene Arten von Wellenfunktionen

Das Wort Wellenfunktion wird in zwei unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet.

Eine klassische mechanische Welle kann durch eine reelle Funktion wie

$$y(x,t)=\hat y\sin\left(2\pi\left(\frac{t}{T}-\frac{x}{\lambda}\right)\right)$$

beschrieben werden. Dabei ist $y(x,t)$ die messbare Auslenkung am Ort $x$ zur Zeit $t$. $\hat y$ ist die Amplitude, $T$ die Periodendauer und $\lambda$ die Wellenlänge. Das Minuszeichen kennzeichnet hier eine Ausbreitung in positive $x$-Richtung.

Definition

Quantenmechanische Wellenfunktion

Die quantenmechanische Wellenfunktion $\psi$ ist eine mathematische Darstellung des Zustands eines Quantensystems. Sie ist meist komplexwertig und keine direkt messbare Auslenkung.

Der entscheidende Unterschied lautet:

  • Bei der klassischen Seilwelle beschreibt die Funktion eine wirkliche Auslenkung.
  • In der Quantenmechanik liefert $\psi$ Vorhersagen über mögliche Messergebnisse.

Die Bezeichnung „Welle“ ist trotzdem sinnvoll: Wellenfunktionen besitzen Phasen, können überlagert werden und ermöglichen Interferenz.

Merke

Eine klassische Wellenfunktion beschreibt eine messbare Schwingungsgröße. Die quantenmechanische Wellenfunktion beschreibt einen Zustand und darf nicht als schwingender Stoff oder als feste Teilchenbahn gelesen werden.

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Frage 1 von 1LeichtWelche Aussage beschreibt die quantenmechanische Wellenfunktion richtig?
Lösung: Sie stellt einen Quantenzustand dar und ermöglicht Vorhersagen über Messungen. — Die Wellenfunktion enthält Zustandsinformation. Sie ist weder ein messbares Höhenprofil noch eine klassische Bahnkurve.
Vom Zustand zur Messwahrscheinlichkeit

Im Ortsraum ordnet $\psi(x,t)$ jedem Ort und Zeitpunkt eine komplexe Amplitude zu. Eine komplexe Zahl enthält einen Betrag und eine Phase. Die Phase ist unter anderem für Interferenz wichtig.

Direkt als Wahrscheinlichkeitsdichte deutbar ist das Betragsquadrat

$$|\psi(x,t)|^2=\psi^*(x,t)\psi(x,t).$$

Dabei bezeichnet $\psi^*$ die komplex konjugierte Wellenfunktion. Das Produkt ist reell und nichtnegativ.

Definition

Wahrscheinlichkeitsdichte

$|\psi(x,t)|^2$ ist im eindimensionalen Ortsraum die Dichte der Wahrscheinlichkeit für eine Ortsmessung. Die Wahrscheinlichkeit für ein Intervall von $a$ bis $b$ lautet

$$P(a\le x\le b)=\int_a^b |\psi(x,t)|^2\,dx.$$

Die Dichte an einem mathematischen Punkt ist nicht dasselbe wie die Wahrscheinlichkeit für ein endliches Intervall. Erst die Integration über einen Bereich ergibt eine Wahrscheinlichkeit.

Bei vielen gleich präparierten Systemen entsteht eine Häufigkeitsverteilung der Nachweise. Sie nähert sich der von $|\psi|^2$ vorhergesagten Verteilung an. Ein einzelnes Nachweisereignis lässt dagegen nicht eindeutig erkennen, welche Wellenfunktion vorher vorlag.

Beispiel

Angenommen, $|\psi|^2$ ist in einem bestimmten Bereich groß. Dann sind dort bei vielen gleichartigen Versuchsdurchläufen besonders viele Nachweise zu erwarten.

Das bedeutet nicht, dass ein unbeobachtetes Teilchen zuvor sicher an einem bestimmten Punkt dieses Bereichs saß. Die Wellenfunktion sagt eine Verteilung möglicher Messergebnisse voraus.

Lückentext

Wähle in jeder Lücke die passende Form und prüfe anschließend deine Antworten.

Die Funktion $\psi$ beschreibt den . Im Ortsraum ist $|\psi|^2$ eine . Ein einzelner Nachweis ist ein .

Lösungen: Lücke 1: Zustand; Lücke 2: Wahrscheinlichkeitsdichte; Lücke 3: Messergebnis. Zustand, Verteilung und einzelnes Ergebnis sind drei verschiedene Ebenen: $\psi$ beschreibt den Zustand, $|\psi|^2$ die Verteilung möglicher Ortsmessungen und der Detektor registriert ein einzelnes Ergebnis.
Warum die Wellenfunktion normiert sein muss

Irgendeines der möglichen Ergebnisse muss bei einer vollständigen Messung eintreten. Deshalb muss die Summe beziehungsweise das Integral aller Wahrscheinlichkeiten gleich $1$ sein.

Für ein Teilchen in einer Raumdimension gilt:

$$\int_{-\infty}^{\infty}|\psi(x,t)|^2\,dx=1.$$

Diese Bedingung heißt Normierung.

Für zwei mögliche Messergebnisse kann ein Zustand beispielsweise die Amplituden

$$c_1=\frac{3}{5},\qquad c_2=\frac{4}{5}$$

besitzen. Die Wahrscheinlichkeiten sind die Betragsquadrate:

$$|c_1|^2=\frac{9}{25},\qquad |c_2|^2=\frac{16}{25}.$$

Damit folgt

$$\frac{9}{25}+\frac{16}{25}=1.$$

Das erste Ergebnis tritt mit Wahrscheinlichkeit $9/25=36\%$ auf, das zweite mit $16/25=64\%$.

Merke

Addiert werden die Wahrscheinlichkeiten aller einander ausschließenden Ergebnisse. Ihre Summe muss bei einem normierten Zustand $1$ ergeben.

Teste dich
Frage 1 von 1MittelEin Zustand hat für zwei mögliche Ergebnisse die Amplituden $3/5$ und $4/5$. Welche Wahrscheinlichkeiten gehören dazu?
Lösung: $9/25$ und $16/25$ — Durch Quadrieren der Beträge erhältst du $9/25$ und $16/25$. Zusammen ergeben sie $25/25=1$; der Zustand ist normiert.
Superposition erzeugt Interferenz

Die Schrödinger-Gleichung ist linear. Deshalb ist eine Linearkombination zulässiger Wellenfunktionen wieder eine mögliche Wellenfunktion. Diese Überlagerung heißt Superposition.

Am Doppelspalt kann der Gesamtzustand schematisch als

$$\psi_{\mathrm{ges}}=\psi_{\mathrm{links}}+\psi_{\mathrm{rechts}}$$

geschrieben werden.

Für die Nachweisverteilung muss zuerst addiert und danach das Betragsquadrat gebildet werden:

$$|\psi_{\mathrm{ges}}|^2=|\psi_{\mathrm{links}}+\psi_{\mathrm{rechts}}|^2.$$

Im Allgemeinen ist das nicht dasselbe wie

$$|\psi_{\mathrm{links}}|^2+|\psi_{\mathrm{rechts}}|^2.$$

Der Unterschied entsteht durch Interferenzterme. Je nach Phasenbeziehung verstärken oder schwächen sich die Amplituden.

Beispiel

Sind zwei Amplituden an einem Ort gleich groß und gleichphasig, verstärken sie sich. Sind sie gleich groß und entgegengesetzt, kann ihre Summe dort null sein. Dann ist auch das Betragsquadrat null, obwohl beide Einzelbeiträge für sich nicht null sind.

Merke

Bei Interferenz gilt die Reihenfolge: Amplituden addieren, danach das Betragsquadrat bilden. Wer zuerst Einzelwahrscheinlichkeiten addiert, verliert die Phaseninformation.

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Frage 1 von 1MittelWarum kann eine Superposition ein Interferenzminimum erzeugen?
Lösung: Komplexe Amplituden können sich wegen ihrer Phasen gegenseitig aufheben. — Interferenz entsteht bei der Addition der komplexen Amplituden. Das anschließende Betragsquadrat bestimmt die Nachweiswahrscheinlichkeit.
Entwicklung, Darstellung und Unbestimmtheit

Für ein nichtrelativistisches Teilchen der Masse $m$ in einem Potential $V$ bestimmt die Schrödinger-Gleichung die zeitliche Entwicklung:

$$\mathrm{i}\hbar\frac{\partial\psi}{\partial t}=-\frac{\hbar^2}{2m}\Delta\psi+V\psi.$$

$\hbar$ ist das reduzierte Plancksche Wirkungsquantum und $\Delta$ der Laplace-Operator. Bei festgelegtem Anfangszustand entwickelt sich $\psi$ nach dieser Gleichung bestimmt weiter. Die einzelnen Messergebnisse bleiben trotzdem probabilistisch.

Diese nichtrelativistische Schrödinger-Gleichung beschreibt massebehaftete Quantenteilchen. Photonen sind keine Lösungen dieser Gleichung und benötigen einen anderen theoretischen Rahmen.

Derselbe abstrakte Zustand kann in verschiedenen Darstellungen beschrieben werden:

  • $\psi(x,t)$ ist die Wellenfunktion im Ortsraum.
  • $\widetilde\psi(p,t)$ ist die Wellenfunktion im Impulsraum.
  • Beide Darstellungen sind durch eine Fouriertransformation miteinander verbunden.

Daraus folgt qualitativ ein wichtiger Zusammenhang: Ist ein Zustand räumlich stark eingegrenzt, verteilt sich seine Impulswellenfunktion über einen breiteren Bereich. Eine schmale Ortsverteilung führt also zu einer breiteren Impulsverteilung.

Gut zu wissen

Diese quantenphysikalische Unbestimmtheit ist weder bloß fehlendes Wissen über eine vorhandene Bahn noch lediglich die Ungenauigkeit eines Messgeräts. Sie betrifft die Verteilungen, die der präparierte Zustand selbst für Ort und Impuls zulässt.

Bei mehreren Teilchen hängt die gemeinsame Wellenfunktion von den Koordinaten aller Teilchen ab. Für $N$ Teilchen liegt die Ortsdarstellung im $3N$-dimensionalen Konfigurationsraum. Sie ist daher nicht allgemein als gewöhnliche Welle im dreidimensionalen Raum vorstellbar.

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Frage 1 von 2LeichtWelche Aussage verbindet Orts- und Impulsdarstellung richtig?
Lösung: Sie sind zwei Darstellungen desselben Quantenzustands. — Orts- und Impulswellenfunktion stellen denselben Zustand in verschiedenen Basen dar und liefern Wahrscheinlichkeitsdichten für unterschiedliche Messgrößen.
Frage 2 von 2SchwerEin Zustand wird auf einen engeren Ortsbereich präpariert. Was ist qualitativ für die Impulsverteilung zu erwarten?
Lösung: Sie wird breiter. — Orts- und Impulsdarstellung sind Fourier-bezogen: Eine stärkere räumliche Eingrenzung geht qualitativ mit einer breiteren Impulsverteilung einher.
Karteikasten
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Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.

Alles auf einen Blick
Mindmap
  • Wellenfunktion
    • klassische Bedeutung: messbare Auslenkung
    • quantenmechanische Bedeutung: Zustandsdarstellung
    • Messvorhersage: Betragsquadrat im Ortsraum
    • Normierung: Gesamtwahrscheinlichkeit gleich 1
    • Superposition: Amplituden werden addiert
    • Interferenz: Phase verändert die Nachweisverteilung
    • Dynamik: Schrödinger-Gleichung
    • Darstellungen: Ortsraum und Impulsraum
Abschluss-Check
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Frage 1 von 4LeichtWas ist im Ortsraum unmittelbar als Wahrscheinlichkeitsdichte deutbar?
Lösung: $|\psi(x,t)|^2$ — Das reelle, nichtnegative Betragsquadrat liefert die Dichte möglicher Ortsmessungen.
Frage 2 von 4MittelWelche Rechnung prüft bei zwei möglichen Ergebnissen die Normierung?
Lösung: $|c_1|^2+|c_2|^2=1$ — Bei einander ausschließenden Ergebnissen müssen sich alle Wahrscheinlichkeiten, also die Betragsquadrate der Amplituden, zu $1$ addieren.
Frage 3 von 4SchwerZwei Beiträge erreichen denselben Detektorbereich. Welcher Weg berücksichtigt mögliche Interferenz korrekt?
Lösung: Zuerst die Amplituden addieren und danach das Betragsquadrat bilden. — Für eine kohärente Superposition gilt $|\psi_1+\psi_2|^2$. Dadurch können Verstärkung und Auslöschung entstehen.
Frage 4 von 4SchwerWelche Erklärung der Ort-Impuls-Unbestimmtheit ist angemessen?
Lösung: Eine engere Ortspräparation ist mit einer breiteren Impulsverteilung verbunden. — Die Wellenfunktion legt Verteilungen möglicher Messwerte fest. Orts- und Impulsdarstellung desselben Zustands können nicht gleichzeitig beliebig eng sein.

Wenn du Zustand, Wahrscheinlichkeitsdichte und einzelnes Messergebnis klar trennst, vermeidest du die häufigsten Fehlvorstellungen zur Wellenfunktion.

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