Anlagendeckungsgrad berechnen und beurteilen
Der Anlagendeckungsgrad zeigt rechnerisch, wie weit langfristig gebundenes Anlagevermögen durch langfristig verfügbares Kapital gedeckt ist. Grad I berücksichtigt nur Eigenkapital, Grad II zusätzlich langfristiges Fremdkapital.
Auf dieser Seite lernst du, beide Kennzahlen zu berechnen, Veränderungen zu erklären und Ergebnisse vorsichtig zu beurteilen.
Hake ab, was du schon kannst — und komm am Ende hierher zurück!
Was zeigt der Anlagendeckungsgrad?
Ein Unternehmen nutzt Maschinen, Gebäude oder technische Anlagen oft viele Jahre. Solche langfristig gebundenen Vermögenswerte gehören zum Anlagevermögen.
Anlagevermögen
Zum Anlagevermögen gehören Vermögensgegenstände, die dem Unternehmen langfristig dienen, zum Beispiel Maschinen, Gebäude und immaterielle Vermögensgegenstände.
Die Finanzierung sollte möglichst lange verfügbar sein wie das damit finanzierte Vermögen. Sonst können Schulden fällig werden, obwohl das Geld noch in einer Maschine oder einem Gebäude gebunden ist.
Fristenkongruenz
Fristenkongruenz bedeutet: Die Dauer der Kapitalbindung und die Dauer der Kapitalüberlassung passen zusammen. Langfristiges Vermögen soll deshalb mit langfristig verfügbarem Kapital finanziert werden.
Diese Forderung heißt auch goldene Bilanzregel. Sie soll Liquiditätsrisiken begrenzen. Muss ein kurzfristiger Kredit zurückgezahlt werden, lässt sich eine betriebsnotwendige Maschine möglicherweise nicht schnell oder nur mit nachteiligen Folgen verkaufen.
So berechnest du den Anlagendeckungsgrad I
Der Anlagendeckungsgrad I zeigt, wie viel Prozent des Anlagevermögens rechnerisch durch Eigenkapital gedeckt sind.
Anlagendeckungsgrad I
Der Anlagendeckungsgrad I setzt das Eigenkapital ins Verhältnis zum Anlagevermögen.
$$\text{Anlagendeckungsgrad I}=\frac{\text{Eigenkapital}}{\text{Anlagevermögen}}\times 100\,\%$$
Ein Unternehmen besitzt Anlagevermögen von 1.000.000 € und Eigenkapital von 600.000 €.
$$\frac{600.000\,€}{1.000.000\,€}\times 100=60\,\%$$
Das Ergebnis bedeutet: Das Eigenkapital entspricht 60 % des Anlagevermögens. Für dessen vollständige rechnerische Deckung reicht das Eigenkapital allein nicht aus.
Ein Wert von 100 % bedeutet vollständige rechnerische Eigenkapitaldeckung. Bei mehr als 100 % übersteigt das Eigenkapital das Anlagevermögen.
Bei 900.000 € Eigenkapital und 800.000 € Anlagevermögen gilt:
$$\frac{900.000\,€}{800.000\,€}\times 100=112{,}5\,\%$$
Das Anlagevermögen ist rechnerisch vollständig durch Eigenkapital gedeckt. Zusätzliches Eigenkapital steht der Finanzierung anderer Vermögensteile gegenüber.
Grad II ergänzt langfristiges Fremdkapital
Grad I betrachtet nur das Eigenkapital. Der Anlagendeckungsgrad II bezieht zusätzlich langfristiges Fremdkapital ein, etwa langfristige Bankdarlehen oder Anleihen.
Anlagendeckungsgrad II
Grad II misst die rechnerische Deckung des Anlagevermögens durch das gesamte langfristig verfügbare Kapital.
$$\text{Anlagendeckungsgrad II}=\frac{\text{Eigenkapital}+\text{langfristiges Fremdkapital}}{\text{Anlagevermögen}}\times 100\,\%$$
Zum Unternehmen aus der vorherigen Aufgabe kommen 375.000 € langfristiges Fremdkapital hinzu.
$$\frac{450.000\,€+375.000\,€}{750.000\,€}\times 100=110\,\%$$
Grad I beträgt 60 %, Grad II dagegen 110 %. Das zeigt: Das Eigenkapital allein deckt das Anlagevermögen nicht vollständig. Eigenkapital und langfristiges Fremdkapital zusammen übersteigen es jedoch rechnerisch um 10 % des Anlagevermögens.
Grad I beantwortet die Frage nach der Eigenkapitaldeckung. Grad II beantwortet die Frage nach der Deckung durch das gesamte langfristige Kapital.
Wie beurteilst du einen Wert sinnvoll?
Ein Wert von 100 % hat eine klare rechnerische Bedeutung: Die jeweils berücksichtigte Kapitalgröße entspricht genau dem Anlagevermögen. Er ist aber kein allgemeingültiges Urteil über ein Unternehmen.
Bei Grad II zeigt ein Wert unter 100 %, dass das langfristige Kapital rechnerisch nicht für das gesamte Anlagevermögen ausreicht. Ein Teil ist dann kurzfristig finanziert. Das kann problematisch werden, wenn kurzfristige Verbindlichkeiten fällig sind, das Geld aber weiterhin im Anlagevermögen gebunden ist.
Ein höherer Wert kann für eine stabilere Fristenstruktur sprechen. Dennoch lassen sich keine allgemein sinnvollen Grenzwerte für alle Unternehmen festlegen. Kapitalintensive Produktionsunternehmen haben meist mehr Anlagevermögen als Unternehmen mit wenigen Maschinen oder Gebäuden.
Prüfe vor einem Urteil deshalb:
- Werden in beiden Fällen dieselben Formeln und Bilanzpositionen verwendet?
- Gehören die Unternehmen zur gleichen oder zu einer vergleichbaren Branche?
- Sind Größe, Geschäftsmodell und Bilanzstichtag vergleichbar?
- Welche Investitionen, Verluste oder Kapitalmaßnahmen erklären den Wert?
- Was zeigen weitere Kennzahlen zur Liquidität und Finanzierung?
Kennzahlen verdichten Bilanzdaten. Sie liefern Hinweise, aber kein vollständiges Urteil über Zahlungsfähigkeit, Rentabilität oder Zukunftsaussichten.
Warum verändert sich Grad I?
Die Formel hilft dir, mögliche Ursachen systematisch zu suchen. Grad I steigt, wenn der Zähler wächst oder der Nenner sinkt. Er fällt, wenn der Zähler sinkt oder der Nenner wächst – jeweils unter sonst gleichen Bedingungen.
- Kapitalerhöhung oder einbehaltener Gewinn: Das Eigenkapital kann steigen; Grad I steigt möglicherweise.
- Jahresfehlbetrag: Das Eigenkapital kann sinken; Grad I fällt möglicherweise.
- Neue Investition: Das Anlagevermögen steigt; bei unverändertem Eigenkapital fällt Grad I.
- Verkauf von Anlagevermögen: Das Anlagevermögen sinkt; bei unverändertem Eigenkapital steigt Grad I möglicherweise.
Ein Unternehmen investiert stark in neue Maschinen. Sein Anlagevermögen steigt, während das Eigenkapital zunächst unverändert bleibt. Grad I sinkt.
Das ist noch kein Beweis für eine schlechte Entscheidung. Die Investition kann wirtschaftlich sinnvoll sein. Für eine Beurteilung musst du zusätzlich prüfen, wie sie finanziert wurde, welche Erträge erwartet werden und wie sich Grad II entwickelt.
Karteikasten
Überlege zuerst selbst und drehe die Karte anschließend zum Prüfen um.
Alles auf einen Blick
- Anlagendeckungsgrad
- Grad I: Eigenkapital im Verhältnis zum Anlagevermögen
- Grad II: langfristiges Gesamtkapital im Verhältnis zum Anlagevermögen
- Grundidee: langfristiges Vermögen langfristig finanzieren
- Berechnung: Bilanzwerte einsetzen und mit 100 % multiplizieren
- Veränderung: Zähler und Nenner getrennt untersuchen
- Beurteilung: Wert, Entwicklung und Unternehmenskontext verbinden
Abschluss-Check
Du kannst die Kennzahlen nun berechnen und ihre Bewegungen aus Zähler und Nenner erklären. Für ein belastbares Urteil verbindest du das Ergebnis immer mit Entwicklung, Vergleichbarkeit und weiteren Unternehmensdaten.
Mit Google fortfahren